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Saudi-Arabiens Kronprinz und der Fall des Journalisten Jamal Khashoggi
Kolumne Daniel Gerlach

Haben Sie schon einmal die Rumelische Festung besichtigt? Es lohnt sich, unbedingt. Die meisten Istanbul-Reisenden sehen sie höchstens aus der Ferne, etwa wenn sie einen Bootsausflug zum Bosporus-Vorort Tarabya unternehmen. Es ist diese Burg dort, wo man gefühlt mit einem Steinwurf jedes vorbeifahrende Schiff treffen könnte. Sieht aus wie eine Filmkulisse, wurde aber tatsächlich unter Mehmed II. Fatih, dem Eroberer von Konstantinopel gebaut. 400 Janitscharen Besatzung hatte sie einst, ihre Kurtinen und Bastionen fügen sich malerisch in den Westhang ein und machen sie zu einem Meisterwerk der Festungsarchitektur.

 

Falls Sie sich demnächst einmal in der Nähe des saudischen Konsulats von Istanbul aufhalten: Bei mäßigem Verkehr sind es maximal 15 Minuten mit dem Taxi, Eintritt: zehn Lira. Ob demnächst ein paar baugeschichtlich interessierte saudische Touristen auftauchen und in einem der großen, saudisch finanzierten Nachrichtensender von der Rumeli Hisari schwärmen? Nur deshalb seien sie eigens mit einem Privatjet für einen Tag nach Istanbul gekommen – mit einer kleinen Truppe von Freunden, die dieses, in Saudi-Arabien sonst eher selten anzutreffende Hobby teilen. Man hat wenig Zeit und gönnt sich ja sonst wenig im Leben.

 

»Schafft ihn mir vom Hals«

 

Der Fall Jamal Khashoggi bringt täglich neue Indizien, Vermutungen und forensische Details hervor. Im Mittelpunkt des Medieninteresses steht dabei die Frage, ob, aber vor allem wie Khashoggi von einem mutmaßlichen saudischen, oder zumindest mutmaßlich aus Saudi-Arabien beauftragten, Kommando getötet wurde. Man fragt nach dem Tathergang, dem Motiv – war Khashoggi wirklich so ein harter Kritiker des saudischen Regimes, das man solche Risiken eingeht? – und dem, was schief gelaufen ist.

 

In diesem Zusammenhang kommen wir aber nicht umhin, nach der Mentalität und dem Weltbild derjenigen zu fragen, die andere zu solchen Taten dingen. Im Fall Khashoggi drängen sich Parallelen auf zu anderen Mordfällen – und das nicht wegen etwaiger politischer und diplomatischer Zerwürfnisse, die sie zur Folge hatten, ja nicht einmal aufgrund des Tatmotivs. Es ist vielmehr die Mentalität des Mörders und seiner Hinterleute. So wie man in der forensischen Psychiatrie versucht, die Frage zu beantworten, ob ein Täter zum Tatzeitpunkt in der Lage war, das Unrecht seines Handelns zu erkennen.

 

Wenn Khashoggi tatsächlich auf Geheiß des saudischen Staats getötet wurde, wusste die Regierungsspitze davon und hat die Operation autorisiert: Das mag nicht für König Salman zutreffen, der aus den täglichen Regierungsgeschäften weitgehend entfernt wurde, gewiss aber für den Kronprinzen Muhammad Bin Salman (MBS), der die Außen- und Sicherheitspolitik bestimmt. Grundsätzlich ist in solchen Fällen nicht auszuschließen, dass ein Herrscher einen solchen Auftrag als Kommando oder als Operationsbefehl formuliert: Letzteres kann sogar ein lapidares: »Schafft ihn mir vom Hals« bedeuten. Oder ein »Faîtes le nécessaire – tut das Nötige«, wie Frankreichs Präsident François Mitterand der Legende nach die Ausschaltung von Staatsfeinden auf anderen Kontinenten genehmigte.

 

Bei einem Charakter, wie ihn MBS gern von sich zeichnen lässt, kaum vorstellbar: Ein derart tatendurstiger Feldherr wird die Details einer solchen Operation erfahren wollen. Viele Beobachter fragen sich, ob der Tod Khashoggis, der nach Auskunft engerer Bekannter an einer chronischen Erkrankung litt, eine unbeabsichtigte – gleichwohl vorhersehbare – Folge von Gewaltanwendung und dem Einsatz von Sedativen während der Entführung war. Oder ob von Anfang an geplant war, ihn zu ermorden und seinen Leichnam in Einzelteile zu zerlegen.

 

Entführungen im Ausland mit falschen Krankentransporten haben saudische – ebenso wie türkisch, iranische, israelische, russische und viele andere Dienste – wohl bereits mehrfach erfolgreich durchgeführt. Und sie sind meisten damit davongekommen. Auch Morde an Dissidenten waren in den vergangenen Jahrzehnten keine Seltenheit: Wer allerdings im eigenen Konsulat ein solches Massaker verübt, hat entweder vollkommen den Bezug zu Realität und Risiken verloren, oder möchte ein furchtbares Exempel statuieren.

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Erdgas im Mittelmeer
Das Feld ist bestellt

Es klingt wie die Versuchsanordnung eines sozial-psychologischen Experiments: Man nehme eine Gruppe von Akteuren, die untereinander in herzlicher Abneigung verbunden sind, und füge einen externen Faktor hinzu, der allen Akteuren zugutekommen könnte, jedoch ungleich verteilt ist und nur bei gegenseitiger Kooperation seine volle Wirkung entfacht. Würde Bewegung in verhärtete Fronten kommen? Die Feinde enger zusammenzurücken? Würden sie Allianzen schmieden oder sich mit Inbrunst in alte Fehden stürzen, ohne ihrem Nächsten auch nur den kleinsten strategischen Vorteil zuzugestehen?

 

2009 läutete die Entdeckung des Gasfeldes Tamar vor der israelischen Küste den Versuchsablauf entlang dieser Koordinaten ein. Der externe Faktor: Gas. Die Akteure: die Anrainerstaaten, internationale Energieriesen, Russland und die USA.

 

Ägypten hätte eigentlich alle Trümpfe in der Hand. Dort entdeckte das italienische Energiekonglomerat ENI 2015 mit Zohr das bisher mit Abstand größte Gasfeld der Region. Zudem verfügt das Land über Erfahrung in der Gasförderung und könnte beim Export auf bestehende Infrastruktur zurückgreifen. Politische und wirtschaftliche Turbulenzen verzögerten jedoch die Entwicklung von Zohr immer wieder. 2016 wurde Ägypten gar selbst zum Gasimporteur. Seit Ende 2017 wird nun zwar Gas in Zohr gefördert, die Fördermenge bleibt aber noch hinter den Erwartungen zurück.

 

 

In unmittelbarer Nachbarschaft und schon auf zyprischen Hoheitsgebiet stieß das amerikanische Unternehmen Noble Energy bereits 2010 auf das Gasfeld Aphrodite. Der Wermutstropfen: Die ausschließliche Ausbeutung des deutlich kleineren Gasfelds würde sich wirtschaftlich kaum rechnen.

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Übergangsjustiz in Tunesien
Tunesien, Freihandel mit der EU und Osteuropa

Sechs Jahre nach der Revolution hängt das System der Übergangsjustiz in Tunesien am Tropf. »Ich will so schnell wie möglich eine neue Seite aufschlagen und die Vergangenheit hinter uns lassen. Wir müssen von nun an nach vorne schauen«, erklärte Tunesiens Präsident Mohamed Beji Caid Essebsi in Bezug auf sein umstrittenes Amnestiegesetz, das dazu dient, Staatsbeamte zu schützen, die bereits unter dem Regime von Zine El Abidine Ben Ali dienten.

 

Inzwischen sehen sogar die Verfechter einer rigorosen Übergangsjustiz die Ende 2013 eingesetzte »Kommission für Wahrheit und Würde« (IVD) kritisch. »Sie ist hochpolitisch, ineffizient und nicht besonders transparent«, meint Achref Aouadi, Präsident der Anti-Korruptions-NGO »I Watch«. »Wir brauchen eine Debatte darüber, wie wir das Konzept der Übergangsjustiz retten können – oder was davon noch übrig ist. Denn der Prozess ist weder in den Händen der Regierung noch in denen der Wahrheitskommission gut aufgehoben.«

 

2016 erreichte der Prozess der Übergangsjustiz mit den ersten öffentlichen Anhörungen einen Meilenstein. Im Fernsehen und im Internet konnten die Tunesier erstmals verfolgen, wie Bürger detailliert und oft unter Tränen Foltermethoden und andere Menschenrechtsverletzungen beschrieben.

 

»Die Menschen waren erstmals mit ihrer schmerzlichen Vergangenheit konfrontiert und hörten die Schilderungen aus erster Hand, nämlich von den Opfern«, betont Salwa El Gantri, Leiterin der tunesischen Zweigstelle des »Zentrums für Übergangsjustiz« (ICTJ), die Bedeutung der Live-Übertragungen. Sie beschreibt die Anhörungen als »eine Art Urknall« für die tu­nesische Gesellschaft.

 

Doch nicht nur die Opfer fanden Gehör, auch die Täter kamen zu Wort. Imed Trabelsi, der Neffe von Präsidentengattin Leila Trebelsi, deren Familie das Land unter Ben Alis Herrschaft systematisch geschröpft hatte, schilderte das Korruptionsgeflecht, das die Wirtschaft des Landes durchzog. »Obwohl diese Klüngelei den meisten Tunesiern bekannt war, machte es doch großen Eindruck, einen der Beteiligten selbst darüber reden zu hören«, so El Gantri.

 

Präsident, Parlament und Regierung glänzten bei den Anhörungen durch Abwesenheit. »Es wäre eine einmalige Gelegenheit gewesen, um ihrer Unterstützung für den Wahrheitsfindungsprozess in Tunesien Ausdruck zu verleihen und ein Zeichen zu setzen«, erläutert El Gantri. So versagten führende Amtsträger dem Prozess nicht nur die Rückendeckung, sondern machten sich zugleich verdächtig: Essebsi diente sowohl unter Ben Ali als auch unter dessen Vorgänger Habib Bourguiba.

 

Die öffentlichen Anhörungen fielen zeitlich mit der Konferenz »Tunesien 2020« zusammen – für die Regierung eine Bühne, um für Investitionen zu werben und die Offenheit Tunesiens für neue Unternehmen zu demonstrieren. Aus den Reihen der Politik wurde damals der Vorschlag gestreut, die Anhörungen abzusagen – aus Angst, die Zeugenaussagen könnten die Investorenkonferenz negativ beeinflussen.

 

Salwa El Gantri sieht das anders. »Der Präsident und seine Familie agierten praktisch als Mafia, die das Land ausgebeutet hat. Wenn sich Tunesien nach der Revolution entschieden hätte, diese Wirtschaftsverbrechen zu verfolgen, hätte das signalisiert, dass hier Rechtssicherheit gewährleistet wird.«

 

Dass der Blick auf die Vergangenheit die Sicht auf die Zukunft versperren würde, ist das häufigste Argument, das Kritiker gegen den Prozess der Übergangsjustiz anführen. Andere räumen ein, dass ein paar faule Äpfel tatsächlich das System zu ihrem Vorteil missbraucht hätten und es daher einer umfassenden Bürokratiereform bedürfe – aber nicht einer langwierigen Aufarbeitung.

 

Tunesische Firmen außerhalb des ­Klüngels hoffen, von einer ­größeren Offenheit bei öffentlichen ­Ausschreibungen zu profitieren

 

Doch die wohl größte Herausforderung besteht darin, die Bevölkerung noch stärker zu sensibilisieren und miteinzubinden. Viele Tunesier zeigen entweder kaum Interesse am Prozess der Übergangsjustiz oder glauben, dass er sich auf Opfer und Täter unter den Regimen Ben Ali und Bourguiba beschränkt. Ein Gefühl für die gesamtgesellschaftliche Dimension der Aufarbeitung hat sich in der Bevölkerung noch nicht durchgesetzt.

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Interview mit Anatol Lieven zu Afghanistan und den Taliban
»Afghanistans Regierung könnte sehr schnell kollabieren«

zenith: US-Verteidigungsminister Mattis war jüngst in Kabul, Russland lädt auch die Taliban zu neuen Friedensgesprächen nach Moskau ein, ebenso sollen sich US-Diplomaten in Katar mit Taliban-Emissären getroffen haben. Gleichzeitig fegt eine neue Welle der Gewalt über das Land – und die Taliban entreißen der Regierung immer mehr Gebiete. Was geht in Afghanistan vor sich und lassen die vielen, teils widersprüchlichen Meldungen vom Hindukusch in ein Erklärungsmuster erkennen?

Anatol Lieven: Die Ausgangslage hat sich eigentlich nicht wirklich verändert und alles, was in den vergangenen Wochen geschehen ist, bestätigt mich in dieser Einschätzung. Der Angriff auf Taliban auf Städte wie Ghazni ist natürlich keine gute Nachricht, aber auch keine Katastrophe. Die Taliban haben es bislang nie geschafft, nach solchen Eroberungszügen größere Städte dauerhaft zu halten.

 

Es ist also zu erwarten, dass die Gegenden, die die Taliban unter ihre Kontrolle gebracht haben, bald wieder an die Regierungstruppen zurückfallen?

Nein, zumindest nicht auf dem Land. Denn ganz egal, wieviel Unterstützung die afghanischen Streitkräfte von den Amerikanern bekommen, werden sie erstens die Taliban nie besiegen und zweitens einige Landstriche nicht mehr zurückerobern können. Das wird einfach nicht passieren. Und ohne amerikanische Waffenhilfe würde die afghanische Armee im Übrigens sofort zusammenbrechen, weil sie vollständig, bis auf den letzten Cent, von den USA finanziert wird. Entweder wird dieser Krieg ewig so weiterlaufen – und das würde bedeuten, dass die US-Truppen auf unbestimmte Zeit im Land stationiert bleiben müssten. Oder die Kriegsparteien lassen sich auf einen Kompromiss ein.

 

Wie stehen die Bedingungen dafür im Land?

Bislang beschränkten sich Gespräche auf Kleinigkeiten. Einen detaillierten Entwurf für einen Friedensplan bleiben die Taliban zum Beispiel bislang schuldig. Ebenso hat die Regierung den Taliban noch kein Angebot unterbreitet, dass wirklich Unterstützung findet.

 

Gäbe es denn genug Druck von außen, um auf einen Friedensschluss zu drängen?

Die Dynamik der Supermächte in Zentralasien ist mittlerweile sehr viel komplizierter als früher, als es noch mehr oder weniger eine bipolare Auseinandersetzung war. Heute flammt nicht nur die amerikanisch-russische Rivalität wieder auf, sondern ebenso Washingtons Spannungen mit China und Iran. Auch die Rolle Indiens und Neu-Delhis schwieriges Verhältnis zu Pakistan und China müssen hier berücksichtigt werden.

 

Ganz konkret könnten die Taliban den Russen zum Beispiel anbieten, gegen den afghanischen Ableger des sogenannten Islamischen Staates (IS) vorzugehen

 

Was verspricht sich Russland in Afghanistan?

Die Russen sehen in Afghanistan eine Realität, die sich nicht wegwünschen lässt und auf die man Antworten finden muss. Sie wissen, dass die Taliban nicht einfach verschwinden werden und dass man sich irgendwann mit ihnen arrangieren muss. Und sie sind sicher, dass die Taliban auf kurz oder lang sowieso an einer Regierung beteiligt sein werden. Allerdings möchte Moskau um jeden Preis ein Afghanistan unter Taliban-Kontrolle wie in der 1990er Jahren verhindern, das die ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien destabilisieren oder die bewaffneten Konflikte im Nordkaukasus wieder anfachen könnte.

 

Moskau will die Taliban einhegen?

Die Taliban haben den Russen in dieser Hinsicht wohl schon Zugeständnisse signalisiert. Dabei beriefen sie sich auf Aussagen von Mullah Omar …

 

… der frühere Taliban-Führer, der 2013 starb …

… demnach sich die Taliban nicht als internationalistische Dschihadisten sehen und keinen Kämpfern mehr Unterschlupf gewähren wollen, die eine Bedrohung für die Nachbarländer darstellen. Ganz konkret könnten die Taliban den Russen zum Beispiel anbieten, gegen den afghanischen Ableger des sogenannten Islamischen Staates (IS) vorzugehen, zumal Russland den IS als die größte externe terroristische Gefahr einstuft.

 

Zugleich steht auch Zentralasien im Schatten der Rivalität zu den USA.

Die Russen wollen, dass die Amerikaner und ihre Militärstützpunkte aus der Region verschwinden. Deswegen drängen sie auf eine Verhandlungslösung, die ihnen zusichert, dass die US-Basen in Afghanistan dichtgemacht werden.

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Aufarbeitung und Algerienkrieg
Kolumne Daniel Gerlach

Wenn man sich erst einmal in einer Lüge eingerichtet hat, lernt man mit ihr zu leben. Am Ende glaubt man sie sogar selbst. Je länger sie Bestand hat, desto schwerer fällt es, von ihr abzurücken. Aber der kurzfristige Vorteil, den diese Lüge womöglich mit sich brachte, verkehrt sich bald ins Negative. Die Opportunitätskosten steigen.

 

Bei Staaten verhält es sich nicht anders, zumal ihre Haltung zu Wirklichkeit und Wahrheit ja oft nichts Anderes ist als eine politische Position.

 

Nichts anderes als die Wirklichkeit anerkennen wollte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Fall des ermordeten Maurice Audin. Die Französische Republik, in deren Namen er ja spricht, hat nun eingeräumt, dass sie die Schuld an Audins Tod trage, damals, 1957 im Algerienkrieg.

 

Hollande hatte in der Causa Audin noch herumlaviert und ein eindeutiges Eingeständnis der Schuld des Staates abgelehnt, Sarkozy ließ einen Brief der Witwe unbeantwortet.

 

Der 25-jährige Familienvater und Mathematikdozent Audin engagierte sich im kommunistischen Widerstand für die algerische Unabhängigkeitsbewegung und stand dabei im Verdacht, den bewaffneten Kampf der Nationalen Befreiungsfront Algeriens (FLN) aktiv zu unterstützen. Eines nachts verschleppten Soldaten, die »Paras« des berüchtigten Ersten Fallschirmjägerregiments (RCP) Audin von zu Hause, folterten ihn mit Elektroschocks und ließen ihn offenbar verschwinden. Seine Frau Josette, bei der Präsident Macron in dieser Woche um Vergebung bat, sollte nie erfahren, wo sein Leichnam verscharrt worden war.

 

Über Jahrzehnte sammelten Journalisten, Freunde der Familie und Anhänger der Kommunistischen Partei Zeugenaussagen und Dokumente. Die Behörden mauerten, es kursierten verschiedene Hypothesen: geflohen und in den Kriegswirren verschwunden, auf der Flucht erschossen, gezielt von den Paras liquidiert und fortgeschafft, während der Folter gestorben, also gewissermaßen aus Versehen umgebracht. Andere präsentierten Indizien dafür, dass Audin irrtümlicherweise an Stelle eines anderen Kommunisten umgebracht worden sei.

 

Es ist in jedem Fall ein ebenso unrühmliches wie emotionales Kapitel der französischen Zeitgeschichte, und Macron hat wieder einmal etwas richtig gemacht: Sein Vorgänger Hollande hatte in der Causa noch herumlaviert und ein eindeutiges Eingeständnis der Schuld des Staates abgelehnt, Sarkozy ließ einen Brief der Witwe unbeantwortet.

 

Die Kämpfer des FLN waren denjenigen »weißen« Franzosen, die sie wie Audin unter Einsatz ihres Lebens unterstützten, dankbar.

 

Es ist eine große symbolische Geste, die, wenn man es genau nimmt, mehr als nur symbolisch ist. Macrons politische Kritiker mögen vermuten, dass er sich damit einen taktischen Vorteil erhofft: Sympathie von der politisch noch immer bedeutenden Linken, die ihn bei seinem aktuellen »Plan gegen die Armut« unterstützen soll. Aber die Sache hat viel mehr Gewicht – und internationale Konsequenzen.

 

Denn als erster französischer Präsident hat Macron anerkannt, dass Folter und Tötung keine unglücklichen Betriebsunfälle der Kolonialgeschichte waren. Es hatten nicht einige übereifrige Militärs über die Stränge geschlagen – die Sache hatte System. Staatliche Institutionen und sogar die französische Nationalversammlung hatten die so genannten Spezialoperationen legalisiert und damit die Voraussetzungen für systematische Folter und Liquidierungen geschaffen.

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Folter unter dem IS im Irak
Die Unbezwingbaren

Jede von Hasiba Shamos seltenen Bewegungen scheint durchdacht. Als wolle sie nicht auffallen, als sei ihr die neu errungene Freiheit nicht geheuer. Als würden sich der süß duftende Tee und das frisch gebackene Brot ihrer Mutter mit einem Mal in Luft auflösen und das Tageslicht erlöschen, das sich seit ihrer Ankunft so zuverlässig den Weg durch die Kunststofffenster des Rohbaus im Flüchtlingslager Derabon im Nord­irak bahnt. Doch die 20-Jährige möchte ihre Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die im August 2014 beginnt, als die Kämpfer des IS eine Offensive zur Eroberung des Sindschar-Gebirgszuges starteten – der Heimat vieler jesidischer Familien wie den Shamos.

 

Die Unbezwingbaren
Hasiba Shamos seelische Wunden sind tief. Drei Jahre lang musste sie in Mosul im Haus eines IS-Kämpfers leben und ihm und seiner Familie dienen.Foto: Philipp Spalek

 

»Es ging so schnell. Wir hörten Schüsse und Einschläge von Geschossen. Und wir versuchten, zu entkommen. Doch sie holten uns ein und zwangen uns, auf die Ladeflächen ihrer Pick-ups zu steigen. Dann brachten sie uns nach Raqqa«, erinnert sich Hasiba. Die wichtigsten Informationen über die Gefangenen hätte der IS akribisch in Akten in seiner ehemaligen Hochburg im syrischen Norden festgehalten, sagt sie. »Es gab dort ein Büro, das nur den Zweck hatte, uns wie auch viele andere zum Kauf anzubieten.«

 

In den meisten Fällen waren es Kämpfer der Miliz, die die Frauen zu ihren Sklavinnen machten. Manchmal, wie im Fall von Hasibas Mutter Sachari und Hasibas drei jüngeren Schwestern Lina, Lucy und Lura, traten aber auch Angehörige der Verschleppten über Mittelsmänner mit dem Büro in Kontakt und kauften sie frei. Doch für Hasiba kam diese Hilfe zu spät. Schon kurz nachdem sie gefangen genommen wurde, zahlte ein IS-Kämpfer aus Mosul den Kaufpreis für die damals 17-Jährige. Er lag bei 800 US-Dollar.

 

Die Unbezwingbaren
Sakhari Mahmud Wadi hält das Bild ihres Sohnes Hasem in der Hand. Hasem Shamo, 17, war vom IS in Raqqa als Soldat eingezogen worden. Seine Mutter wollte Raqqa nicht ohne ihn verlassen.Foto: Philipp Spalek

 

Hasibas Wunden in der Seele sind frisch und gehen tief. Erst im Frühjahr 2017, als die irakische Armee und ihre Verbündeten den Belagerungsring um Mosul enger zogen, konnte sie aus der Gefangenschaft des Mannes entkommen, der sie in seinem Haus in der nordirakischen Stadt eingesperrt hatte. »Er und seine Familie behandelten mich wie Vieh«, sagt Hasiba heute. Drei Jahre hatte sie in einem kleinen, fensterlosen Raum verbracht und jeden Abend gebangt, ob ihr Peiniger wiederkehren würde, um sich an ihr zu vergehen. »Er kam immer nachts. Alle sahen weg, seine Frau, seine Kinder, sein Vater, seine fünf Schwestern.« Was ihr in dieser verzweifelten Situation den Mut zum Weiterleben gab, waren die Gedanken an ihre Familie. Und der Wille, dass der IS nicht auch noch ihre Seele bekommt.

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Jemeniten in Jordanien
Jemeniten in Jordanien

Es ist Nacht in Amman. Straßenhändler packen ihre Stände zusammen, hupende Taxis schieben sich durch überfüllte Straßen. Grellleuchtende Glühbirnen erhellen Obststände, bunte Neonreklamen rufen stumm durch die Nacht. Vor einem Restaurant unterhalten sich zwei Männer leise, ihre Worte verlieren sich in den Geräuschen der Stadt. Der eine malt mit der Zigarette in der Hand phantastische Zeichen in die Dunkelheit.

 

Schlagartig rennt er los, die Zigarette fällt zu Boden. Im Sprung streift er seine Schürze über den Kopf, und in wenigen Schritten ist er im Hinterzimmer des Restaurants verschwunden. Er scheint Übung zu haben. Männer in Uniformen laufen bestimmten Schrittes auf das Restaurant zu. Nach einigen Minuten ziehen sie weiter, und der Mann aus dem Hinterzimmer tritt, ganz vorsichtig, wieder hinaus in die Nacht.

 

Karam G. kommt aus dem Jemen. 2012 brachte ihn die Hoffnung auf ein höheres Gehalt nach Jordanien, dann kam der Krieg. Heute arbeitet er täglich vierzehn Stunden für einen Hungerlohn, um in Jordanien über die Runden zu kommen – und seine Familie im Jemen mit dem Mindesten zu versorgen.

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Arabische Klassik im Libanon
Grammophon

Ein gut besuchter, schlicht gehaltener Klub im Industriegelände Beiruts. Im Inneren hievt ein träger Lastenaufzug nach und nach größere Gruppen junger Menschen in die von Stahlträgern gestützte Halle der »Grand Factory« mit Blick auf Beiruts nächtlichen Hafen. In einer Ecke führt ein unauffälliger Gang in einen weiteren, kleineren Raum. Auf der Bühne stehen drei junge Musiker Anfang 20, mehrere Dutzend Zuhörer tanzen davor. Die Luft steht, der Schweiß rinnt: eine Szene, die sich genauso in Berlin abspielen könnte, würden sich draußen nicht die chaotischen Straßen der libanesischen Hauptstadt winden und drinnen eine Vielzahl klassischer arabischer Musikinstrumente ertönen.

 

Mithilfe der Rohrflöte Nay, der Kurzhalslaute Oud und der Kastenzither Kanun, ergänzt durch ein modernes Mischpult und mehrere Verstärker, erzeugen die jungen Männer von Tarabeat einen Klangmix, der die Zuhörer nachhaltig zu beeindrucken scheint. Immer freier bewegen sie sich zu der Musik, lachen, tuscheln, tanzen. Was keiner im Publikum ahnt: Hinter der ungewöhnlichen Mischung aus elektronischen und klassischen arabischen Elementen steht mehr als ein musikalisches Experiment.

 

Arabische Klassik im Libanon
Die Musiker brauchen keine Noten, sie einigen sich auf eins der verschiedenen Makamat der arabischen MusikFoto: Jad Bechara Jad Bechara

 

Mit dem neuartigen Einsatz der traditionellen Musik betreiben die jungen Künstler kulturelle Aufklärung. Sie wollen eine Alternative zur Pop- und Volksmusik bieten, die der Großteil der Libanesen als repräsentativ für die eigene Musikkultur hält – ein Phänomen, das sich in vielen arabischen Ländern beobachten lässt. Was der arabischen Musikkultur wirklich zugrunde liegt, ist den meisten weitestgehend unbekannt: eine umfangreiche Tradition der Klassik, die in vorislamischen Zeiten entstand. Nicht viele Libanesen wissen um diese vergessenen Lieder und sind dementsprechend erstaunt, wenn sie in einem Beiruter Klub zufällig auf deren ungewohnte und doch entfernt vertraute Klangelemente stoßen.

 

Kamil Feghali hat es genau auf diesen Effekt angelegt. Er ist einer der drei jungen Männer von Tarabeat, die die klassischen Klänge so ungewohnt in ihre elektronische Musik integrieren. »Wir kreieren modernen Sound, der aber die Kultur und Theorie der klassischen arabischen Musik respektiert«, sagt er. Mit Leichtigkeit wechselt Feghali zwischen dem Mischpult und der arabischen Flöte Nay, die beim Spielen in seinem dunklen Vollbart versinkt. »Für mich spiegelt klassische arabische Musik die Großartigkeit und das Potenzial der arabischen Kultur wider«, sagt er.

 

Während die klassische Musik heute großen Raum in seinem Leben einnimmt, spielte sie noch vor einigen Jahren keine Rolle für ihn. Wie viele libanesische Christen verschuldeten sich seine Eltern, um ihren Sohn auf eine französische Privatschule zu schicken. Auf das Erlernen von Hocharabisch wurde dort wenig Wert gelegt, umso mehr dafür auf die ehemalige Mandatssprache Französisch. »Arabische Kultur hatte damals etwas Vulgäres für mich«, erinnert er sich. Erst als Feghali gegen den Willen seiner Familie Film statt Wirtschaft studierte, traf er an der Universität in Beirut Menschen, die anders dachten – und glaubten. Nach wenigen Wochen lernte er nicht nur neue Ansichten zur arabischen Kultur und Politik, sondern auch seine ersten muslimischen Freunde kennen.

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Artenschutz in der Türkei
Artenschutz in der Türkei

»Wie die jetzt da drüben absahnen«: Teppichhändler Necati hat mir das Prinzip verraten – damals, vor seinem traditionsreichen Geschäft auf der Basar-Straße von Büyükada, das er mittlerweile an einen Schnellimbiss verpachtet. »Du klapperst mit dem Auto die Vororte ab, suchst Dir die billigsten Parzellen aus und wartest ab. An dem Tag, wenn Du die Moschee vor lauter Hochhäusern nicht mehr siehst, verkaufst Du und bist reich!«

 

Mit den Gebetshäusern kommen die Spekulanten, und Necati schimpft: Auch auf Büyükada, schräg hinter seinem ehemaligen Teppichhandel, baut die Großstadtverwaltung eine Moschee. Gegenüber, in drei bis fünf Seemeilen Entfernung, schwappt die unendliche Stadt unaufhaltsam über ihre Grenzen. In Bostancı, Maltepe und Kartal – ehemals idyllische Küstendörfer – sind die Quadratmeterpreise jahrelang proportional zu den Etagen in den Himmel geschossen.

 

Nicht von ungefähr haben sich 2013 die Gezi-Unruhen am Fällen von Bäumen entzündet: Auf dem Festland greift der Goldregen aus Draht und Zement längst auf die Naturschutzgebiete über – im Westen auf den Belgrad-Wald, im Osten auf das Polonezköy – und verewigt sich an der Schwarzmeerküste in einer dritten Brücke, in einem dritten Flughafen mit drastischen Rodungen.

 

Auf den Adalar, dem beschaulichen, vom Motorverkehr verschonten Archipel vor dem asiatischen Festland, wähnte man sich vor Veränderungen bis vor kurzem sicher. Im März 2007 wurde über Gemeinde-Bürgermeister Coşkun Özden der »Adalar Koruma Amaçlı Imar Planı« vorgelegt – ein Entwurf, um die letzte grüne Lunge der Metropole zu schützen. Seine einstimmige Ablehnung am 30. November 2017 begründete das 8. Istanbuler Gericht mit dem Bevölkerungswachstum und dem Mangel an freien Flächen.

 

Henry Bulwer hinterließ orientalisierte Gebäude, ein Schlösschen im altenglischen Stil vor dem Schiffsanleger und einen Versorgungstrakt mit Küche, Brunnen, Wasserspeichern und osmanischem Hamam. Seine legendären Orgien gehörten bis 1865 zum Stadtgespräch der Société.

 

Damit wurde der bisher geltende Sonderstatus (birinci derece sit statüsü, von franz. »site: – Gelände«) um ein bis zwei Grade herabgestuft. Insbesondere dem Nizam-Viertel, Standort der bedeutendsten historischen Villen am Westufer Büyükadas, droht, bei Verfünffachung der Einwohnerzahlen, die Umwandlung in einen »Erholungs- und Vergnügungspark«, so die Architektenkammer. Die Entscheidung ruft vielen den Bauboom der 1970er Jahre ins Gedächtnis. Sie war zu erwarten, schließlich ist Recep Tayyıp Erdoğan dem Urteilsspruch mit einem prestigeträchtigen Projekt zuvorgekommen, das er auf Grund politischer Ressentiments zur Chefsache erklärt hat.

 

Zusammengefasst unter der Bezeichnung »hayırsız – nutzlos« – Zwillinge im Süden hinter der dem Bosporus am nächsten gelegenen Insel Kınalı –, schlummerten die beiden Landflecken Yassı- und Sivriada lange unberührt vor sich hin. Yassı heißt auf Türkisch »flach«, sivri »spitz«; beide Namen abgeleitet aus dem Griechischen Πλάτη/Pláti und Οξειά/Oxiá. Allenfalls Fischer quartierten sich hier während des sommerlichen Fangverbots mit aufblasbaren Lachsfarmen ein.

 

Artenschutz in der Türkei
Die Überreste des Bulwer-Schlosses auf der Insel Yassıada: Bis 2015 konnte jeder, der ein Boot besaß, dieses wilde, von Kakteen, Feigenbäumen und Mittagsblumen überwucherte Freilichtmuseum auf eigenes Risiko begehen.Foto: Stefan Pohlit

 

Bis 2015 konnte jeder, der ein Boot besaß, dieses wilde, von Kakteen, Feigenbäumen und Mittagsblumen überwucherte Freilichtmuseum auf eigenes Risiko begehen. Den Byzantinern dienten die Inseln als Verbannungsorte für prominente Gefangene. Auf dem sanften Hügel der »Flachen« stiftete im 9. Jahrhundert Patriarch Ignatios I. ein Kloster und eine »Kirche der Gottgebärerin«, deren Ruinen noch 1821 der anglikanische Priester Robert Walsh beschrieb.

 

1857 verkaufte der Sultan Yassıada an den Diplomaten Henry Bulwer – Bruder jenes Edward Bulwer-Lytton, auf dessen Roman »Rienzi« Richard Wagner die gleichnamige Oper komponiert hat. Henry, ein moderner Prospero, hinterließ mehrere orientalisierte Gebäude, ein Schlösschen im altenglischen Stil vor dem Schiffsanleger und einen Versorgungstrakt mit Küche, Brunnen, Wasserspeichern und osmanischem Hamam. Seine legendären Orgien gehörten bis 1865 zum Stadtgespräch der Société.

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Syriens Zukunft
Sewer Homs

Der Krieg in Syrien ist noch nicht vorbei, dennoch zeichnet sich langsam ab, wie das Land in Zukunft beschaffen sein wird.

 

Alte Rechnungen

 

Der »Islamische Staat« (IS) wird auch kommenden Generationen in Syrien keine Ruhe lassen. Autoritäre Regime – nicht nur das syrische – werden den schnellen Aufstieg und die brutale Herrschaft der Dschihadisten als Vorwand heranziehen, um jegliche politische Opposition zu zerschlagen. Dennoch ist der IS weit mehr als ein Schreckgespenst. Die verstreuten Kämpfer, die bis zuletzt ums Kalifat gekämpft, die Niederlage überlebt und sich für ein Leben im Untergrund entschieden haben, werden über Jahre immer wieder mit Anschlägen auf sich aufmerksam machen, versuchen, aus strategischen Fehlern zu lernen, sich neu aufstellen – und auf ihre nächste Chance warten.

 

Aber wie werden die Syrer zu ihren Mitbürgern stehen, die sich dem IS angeschlossen und die eigenen Landsleute terrorisiert haben? Insbesondere in den einstigen IS-Hochburgen im Norden werden diejenigen Kämpfer, die sich wieder in ein ziviles Leben integrieren wollen, mit den Folgen der Dschihadisten-Herrschaft auseinandersetzen müssen. Ob Mitläufer oder Zwangsrekrutierte, die Wut der Opfer und Hinterbliebenen wird sich Bahn brechen.

 


Staat-Ziel

 

Einen unabhängigen, international anerkannten Kurden-Staat in Syrien wird es nicht geben – und doch werden die syrischen Kurden einen eigenen Staat bekommen. Wie geht denn das?

 

Die Antwort: eine Art Bundesstaat, denn damit haben Russland und die USA grundsätzlich kein Problem. Und selbst Assads Außenminister Walid Al-Muallem bezeichnete den Status der Gebiete im Norden als »Verhandlungssache«. Und das nicht nur mit den Groß- und Regionalmächten sowie dem Regime: Denn die Kurden werden sich ihren Bundesstaat mit anderen Minderheit wie Arabern und Assyrern teilen müssen.

 

Für die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG) und ihre Alliierten in den Demokratischen Kräften Syriens (SDF) brächte das zwar neue Kompetenzen als reguläre Polizei- und Sicherheitskräfte, aber auch Verantwortung. Ein ähnliches Loyalitätsdilemma zwischen Partei und Bürger beschäftigt bis heute die Autonomieregion im Irak.

 


Die Nusra-Front ist Geschichte

 

Die andere Dschihadisten-Armee von Bedeutung hat sich im Nordwesten Syriens eigenistet: Die Nusra-Front hat sich unter der Zivilbevölkerung keine Freunde gemacht, und auch die anderen Milizen, die sie in den vergangenen Jahren in Allianzen gezwungen hat, werden ihr keine Träne nachweinen, wenn sie von den Kampffliegern der US-geführten Koalition und russischen Bombern in die Zange genommen wird.

 

Die Nusra-Front ist das Ass der Türkei in der Region. Aber sobald Ankara eine geeignete Abmachung mit Russland trifft, hat der Al-Qaida-Ableger in Syrien kaum eine Chance, sich in Syrien zu halten – daran werden auch weitere Namensänderungen und Verhandlungsbereitschaft nichts ändern. Das Machtvakuum im Nordwesten füllen wird die oppositionelle Milizenallianz Ahrar Al-Scham, der zweitwichtigste Handlanger der Türkei.

 


Freunde auf Zeit

 

Russland und Iran haben für den Krieg in Syrien tief in die Tasche gegriffen und machen keinen Hehl daraus, nun Pfründe einzuheimsen und ihr Revier zu markieren. Für den Moment stehen beide Länder auf derselben Seite. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich in die Quere kommen. Teheran könnte solch eine Konfrontation schon bald bereuen.

 

Wenn es um wirtschaftliche Vorteile, wie etwa Deals für staatseigene Unternehmen, geht, wird sich Moskau von Iran nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Zudem hat Russland als Großmacht einen viel weiteren Interessenhorizont und ordnet die Beziehungen zu Teheran diesem Kalkül unter. Russlands Position im Atomkonflikt kann sich daher auch von der in Syrien unterscheiden – zumal Moskau seinen Einfluss in Syrien durchaus als Faustpfand sieht, um die Beziehungen zum Westen zu verbessern.

 


Das geringste Übel

 

Niemand mag ihn sonderlich leiden, aber er geht als Gewinner aus dem Krieg in Syrien hervor. Baschar Al-Assad hat es geschafft, sich an der Macht zu halten, weil er Feinde wie Freunde vom selben Argument überzeugt hat: Ihr findet keinen anderen, der mich ersetzen kann – oder zumindest könnt ihr euch auf niemanden einigen.

 

Diese Linie konnte Assad während des Krieges fahren, eine sichere Bank für die Zukunft seiner Person und seines Clans an der Spitze des Staates ist das aber nicht. Russland lehnt aus Prinzip einen – vom Westen vorangetriebenen – Regimewechsel von außen ab, würde aber einem Palastcoup nicht im Wege stehen, sollte sich ein fähiger Sachwalter russischer Interessen finden, der weniger polarisiert als Assad.

 

Bislang haben die Großmächte in diesem Krieg keinen Nachfolger für den derzeitigen Präsidenten gefunden. Und Iran braucht Assad, um die Investitionen in Syrien zu sichern, denn momentan können sie sich dafür auf niemand anderen verlassen.

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Tourismus in Iran
Tourismus in Iran

Als deutscher Tourist, der nach Iran aufbricht, erntet man meist ungläubige Blicke, die zwischen Unverständnis und Bewunderung schwanken. Während vor der Islamischen Revolution 1979 internationale Touristen Iran scheinbar überrannten, mutet eine Reise nach Iran noch heute wie ein wagemutiges Unterfangen an. Tatsächlich erzählen die Zahlen eine andere Geschichte. Vor der Revolution kamen im Jahr 1977 etwa 700.000 internationale Touristen nach Iran. Nach einem Tiefpunkt während der Revolutions- und Kriegsjahre überschritt Iran schon 1997, mit der Wahl des Hoffnungsträgers Mohammed Khatami zum Präsidenten, wieder die Marke von 750.000 internationalen Besuchern.

 

Und dieser Trend setzte sich fort – mit einer leichten Abschwächung zu Beginn der Amtsperiode von Mahmud Ahmadinedschad. Selbst in den härtesten Sanktionsjahren 2011/12 stieg die Anzahl der ausländischen Touristen von 3,3 auf 4 Millionen. Das heißt, dass Iran heute deutlich mehr Touristen aufnimmt als unter den besten Jahren der Pahlavi-Herrschaft. Dennoch brauchte das Image Irans das Atomabkommen mit den 5+1-Maechten, um von der internationalen Staatengemeinschaft vom »Schurkenstaat« zu einer der »Top-Destinationen« im Jahr 2016 aufzusteigen. Eine Bezeichnung, die im letzten Jahr zahlreiche Reisemagazine, Zeitungen und Nachrichtenagenturen aufgriffen.

 

Aktuell trägt der Tourismussektor etwa sieben Prozent zum Bruttosozialprodukt des Landes bei, was unter Entwicklungsländern ein relativ guter Wert ist, doch im Falle Irans noch deutlich Potenzial bereithält. Und der Ausbau des Tourismussektors ist auch das offizielle Ziel Irans, um die Wirtschaft weiter zu diversifizieren und das Land zu einer modernen, islamischen und in die Welt eingebundenen Nation zu entwickeln. Die Grundlage dafür legt der 20-Jahre-Entwicklungsplan, den Revolutionsführer Ali Khamenei 2005 absegnete. Die für den Tourismus daraus abgeleiteten Ziele visieren 20 Millionen Touristen für das Jahr 2025 an – eine kaum machbare Zielmarke für die Islamische Republik Iran. Während die Regierung unter Ahmadinedschad nur wenige effektive Schritte zum Erreichen dieser Vision im Tourismusbereich einleitete und mit ihrer provokativen Außenpolitik zumindest in Europa für schockierende Schlagzeilen sorgte, griff Präsident Hassan Ruhani 2013 einige brachliegende Maßnahmen aktiv auf und ebnete mit dem Atomabkommen den Weg für neue Impulse.

 

Internationale Hotelketten schlossen Bauverträge, bekannte Autovermietungen öffneten Filialen in Iran, und der Ausbau von Zugverbindungen zwischen den großen Städten Irans beschleunigte sich. Auch einen der schwierigsten Flaschenhälse aller internationalen Aktivitäten in Iran ging die Regierung an, indem sie eine alte Initiative aus der Khatami-Ära unterstützte: Die damals gegründete »Tourismus-Bank« begann erneut, ihre speziellen Touristen-EC-Karte anzubieten. Damit können ausländische Besucher Bargeld, das sie wegen der Sanktionen gezwungenermaßen mit sich tragen, auf ein temporäres Konto in Iran einlagern und während ihres Aufenthalts wie gewohnt mit Karte zahlen. Dieses Modell hatte allerdings bis vor Kurzem noch einen Haken: Der Umtausch der Devisen war an den offiziellen Kurs des Iranischen Rials gebunden. Da dieser deutlich vom realen Wechselkurs abweicht, bedeutete die Karte einen enormen Wertverlust und war somit höchst unattraktiv. Seit Juni 2017 bietet allerdings eine andere Bank den selben Service an und wechselt laut eigenen Angaben nach dem Realwert.

Tourismus in Iran
»Si-o-se Pol«, die »33- Bogen-Brücke«, gehört zu den markantesten Wahrzeichen und beliebtesten Sehenswürdigkeiten Isfahans. Foto: Sören Faika

 

Ein weiterer Indikator für die höhere Priorität des Tourismus: Iran bringt seine Sehenswürdigkeiten in Schuss. Obwohl das Kabinett Ahmadinedschad über so viel Budget wie keine iranische Regierung zuvor verfügte, reichte es nicht für die Instandhaltung von Kulturstätten. Seit Ruhanis Amtsantritt begannen daher Baumaßnahmen und längst überfällige Restaurationsarbeiten – zumindest an den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Irans wie Persepolis bei Schiraz oder dem zentralen Platz in Isfahan. Im Umkehrschluss heißt das allerdings auch, dass Iran sehr viele Orte und Plätze noch entwickeln muss, um tatsächlich eine große Anzahl an Touristen bedienen zu können. Nicht alle geplanten 20 Millionen Touristen können sich bei Persepolis treffen.

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Assad, Putin, Deutschland und die Geheimdienste
Kolumne Daniel Gerlach

Neulich saß ich mit einem syrischen Freund zusammen, dem nichts Menschliches fremd ist. Wir sprachen über kriminelle arabische Großfamilien, was in diesem Sommer ja ein großes Thema in der Hauptstadt war. Polizisten klagen, dass die Araber respektlos seien, die wiederum fühlen sich bei dieser zartfühlenden Behandlung durch die Behörden nicht einmal als Kriminelle ernst genommen.

 

Mein syrischer Freund scherzte, dass man vielleicht mal über eine deutsch-syrische Justizkooperation nachdenken könne: kultursensible Verhörmethoden, die arabischen Gewohnheiten entsprächen. Vielleicht werde es schon reichen, wenn bei der Vernehmung zukünftig ein syrischer Verbindungsbeamter in der Ecke sitzt, um die verdächtigen Clan-Mitglieder leutselig zu machen.

 

Nun gehören sich Späße über die Folter durch die syrischen Geheimdienste eigentlich nicht. Zehntausende sind in den Gefängnissen und Verhörzentren des Regimes verschwunden. Erstickt, verhungert oder hingerichtet. Viele Syrer, auch in Deutschland, haben Verwandte verloren oder gar selbst Bekanntschaft mit der institutionellen Brutalität syrischer Geheimdienstler gemacht.

 

Der Humor schert sich allerdings nicht darum, was sich gehört und was nicht. Und ich bin mir nicht ganz sicher, ob er damit alleine ist: Ist es tatsächlich so unvorstellbar, dass europäische Staaten in naher oder ferner Zukunft wieder mit dem Sicherheitsapparat dieses Regimes kooperieren? Im Kampf gegen den Terrorismus oder die organisierte Kriminalität?

 

Wie lange kennen wir uns jetzt schon?

 

Die Bekämpfung von Al-Qaida und anderer dschihadistischer Netzwerke stand im Mittelpunkt der Beziehungen zum syrischen Regime und seinen Geheimdiensten, besonders während des Jahrzehnts zwischen 9/11 und dem Arabischen Frühling, 2001-2011. Die Syrer empfahlen sich nicht nur als nachdrückliche Verhör-Experten. Sie wussten auch so schon eine Menge, denn sie waren in der Lage, dschihadistische Netzwerke selbst zu formen und führen. Die Verhältnisse waren zwar andere, dennoch musste das Prinzip so manchem Beamten beim Verfassungsschutz vertraut vorkommen: Untergrundarmeen, die nicht von V-Leuten infiltriert waren, sondern die fast ausschließlich aus V-Leuten bestanden.

 

Der Aufstand und seine brutale Niederschlagung haben die Beziehungen zerrüttet, aber nie vollends abbrechen lassen. Und Damaskus käme, wie zu vernehmen ist, gerne wieder zügig ins Geschäft. Als Gesprächsthemen bieten sich deutsche Staatsbürger an, die man beim IS oder aber bei den Kurden aufgegriffen hat.

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