Kategorie
Premium-Artikel

Industrie zwischen Oman und Deutschland
Maskat am Rhein

Dem Gegenüber ins Gesicht blicken und grüßen, wenn man jemanden auf der Straße trifft – oder lieber nicht? Eine Überlegung, die Ali Al-Lawati von seinen ersten Begegnungen in Deutschland kennt. Denn während zu Hause in solchen Fällen ein freundliches »Salam« ausgesprochen wird, schauen hierzulande die Menschen eher weg oder schweigen erst einmal. Das war eine neue Erfahrung für den 25-Jährigen, der an der Sultan-Qabus-Universität in Maskat, der Hauptstadt Omans, studiert hat. Rund 7.000 Kilometer liegen zwischen dem Rheinland und dem Sultanat am Golf.

 

Seit einem Jahr arbeitet der Araber als einer von acht omanischen Trainees bei dem Chemieunternehmen Oxea in Monheim am Rhein. Es gehört zu 100 Prozent zu Oman Oil, einem Staatsunternehmen des Sultanats. Lawati möchte vor allem mehr über die Themen Controlling und Auditing lernen, denn das ist jetzt schon seine Aufgabe. »Wir überprüfen Vorgänge innerhalb des Unternehmens, schauen, ob alles reibungslos läuft«, sagt Majid Al-Mashari, der zusammen mit Ali Lawati im Rahmen des Austauschprogramms zwischen Oman und Deutschland arbeitet. Die beiden schicken ihre Berichte auf die arabische Halbinsel, wo die Verantwortlichen von Oman Oil Tochtergesellschaften wie Oxea verwalten.

 

Es mag abgedroschen klingen, aber Tugenden wie Disziplin und gewissenhaftes Arbeiten bescheren Deutschland noch immer ein hohes Ansehen und haben Vorbildcharakter. Es gilt als Kompliment, wenn von einem omanischen Kollegen erzählt wird: »Er hat nach seiner Rückkehr alles zwei Mal gecheckt, bevor er dem Ergebnis getraut hat.«

 

Zunächst »nicht gerade überschwänglich« – so hat Majid Al-Mashari die Menschen auch in seinem privaten Umfeld im rheinischen Düsseldorf erlebt. »Es braucht Zeit, um ihnen nahe zu kommen. Doch wenn sie dann zu Freunden werden, nehmen sie dich mit, integrieren dich, erzählen dir private Dinge. Was für eine Überraschung für mich, dass die Distanz überwunden werden kann. Ich akzeptiere es aber natürlich auch, wenn jemand Abstand halten möchte.«

Die chemischen Verbindungen werden zur Herstellung von Kosmetika, Schmiermitteln oder Oberflächenbeschichtungen verwendet.

Kein Wunder, möchte man aus deutscher Sicht sagen – denn ähnlich erleben wir die Omanis. Im Gespräch öffnen sich die jungen Männer, laden großzügig in ihre Häuser ein und scherzen viel und gern. Doch wenn darüber geschrieben und das Ergebnis veröffentlicht werden soll, tritt vorsichtige Zurückhaltung zutage – schließlich könnte man missverstanden werden oder zu tiefe Einblicke gewährt haben.

 

2013 erwarb Oman Oil das Unternehmen Oxea – aus strategischen Gründen. Der Investor Advent International hatte die Verbindung über ein paar Jahre hinweg vorbereitet, Oman Oil gab 1,8 Milliarden Euro als Mitgift (siehe Infokasten). »Öl- und Gasvorkommen spielen in Oman immer noch eine große Rolle, und wir wollten mehr in den Downstream investieren – das bedeutet: in die Stufen, die die Rohstoffe nach der Förderung durchlaufen.

Artikel für 1,49 €

Muslime, Talkshows, Konzelmann
Kolumne Daniel Gerlach

Auf den Tag genau vor zehn Jahren, am 28. Mai 2008, starb Gerhard Konzelmann. Der weitgereiste Schwabe hatte sich auf vielfältige Weise in der Öffentlichkeit dargestellt: als TV-Reporter, Buchautor und Moderator des ARD-Weltspiegels, und sogar als Komponist von Singspielen (»Blautopf«, »Das Gauklermärchen«). Vermutlich war Konzelmann einer der ersten, denen das deutsche Fernsehen das Label »Nahost-Experte« verliehen hat.

 

Konzelmann verfasste gut zwei Dutzend Bücher. Die meisten davon Sachbücher zum Nahen Osten, deren Titel heute, Jahrzehnte nach der Blüte seines Schaffens, gar nicht mal so gestrig wirken: »Mohammed – Allahs Prophet und Feldherr« (1980), »Die islamische Herausforderung« (1980), »Der unheilige Krieg« (1985), »Allahs neues Weltreich« (1986), »Dschihad und die Wurzeln eines Weltkonflikts« (2002), um nur einige zu nennen. Sie waren und sind bis heute offenbar stilprägend für das Verlagsgeschäft. Einige von Konzelsmanns Bestsellern findet man noch auf Amazon, andere eher in verstaubten Antiquariaten. Denn nach einer Plagiatsaffäre wurden sie nicht wieder aufgelegt oder ganz vom Markt genommen.

 

Der Hamburger Orientalist Gernot Rotter hatte Konzelmann im Jahr 1991 als einen Abschreiber überführt, der sich nicht nur großzügig in Rotters eigenem wissenschaftlichen Werk bedient hatte. Der populäre Autor Konzelmann neigte auch dazu, die plagiierten Stellen mit allerlei schlüpfrigen und blutigen Fantastereien nachzuwürzen. Er zeichnete so laut Rotter ein rassistisches »Zerrbild« der muslimischen Kultur: grausam, irrational, fanatisch, dauergeil.

 

Rotter, »der Mann, der so aus dem dicken Konzelmann Tatar macht«, habe »alle Krummsäbel zur Hand«, kommentierte damals, über jeden Vorwurf orientalistischer Klischees erhaben, das Magazin Der Spiegel.

 

Nun ist Konzelmann längst kein abendfüllendes Gesprächsthema mehr. Auch nicht unter den Orientalisten. Und wir wollen den Mann, der ein erfolgreiches und erfülltes Leben lebte, nicht für eine billige Anekdote in seiner Totenruhe stören: Aber die Konzelmann-Affäre war gewiss eine Zäsur im Verhältnis zwischen der Orientalistik und den Massenmedien, die bis dahin eher wenige Berührungspunkte hatten.

 

Damals, im Jahr 1991, ließ der Golfkrieg den Bedarf nach medienkompatiblen Fachleuten sprunghaft ansteigen. »Echte« Wissenschaftler wollten sich nicht länger von angeblichen Schmalspurern und Quereinsteigern die Butter vom Brot nehmen lassen. Womöglich entstand so erst jenes Berufsbild des Nahost-Experten, der stets mit prägnanten Analysen bei der Hand ist, wenn es zwischen Marokko und Afghanistan wieder einmal knallt.

 

Die Verführung erscheint im Gewand der süffisanten Fragen von TV-Moderatoren.

 

Die Nachrichtenwelt verlangt nach Fachwissen, das allgemeinverständlich »heruntergebrochen« wird. Politische Talkshows aber gehen oft noch weiter: Sie wollen starke Meinungen, steile Thesen, oder gar Lösungen, wie man es besser machen könnte in der internationalen Politik. Und hier nimmt das Elend seinen ungebremsten Lauf.

Artikel für 1,49 €

Fußballer Mohamed Salah und der Personenkult in Ägypten
Der Mann, der Sisi alt aussehen lässt

Normalerweise teilt Mohamed »Mo« Salah auf seinem Twitter-Account Eindrücke vom Mannschaftstraining, Begegnungen mit Fans sowie Highlights seiner Auftritte für den FC Liverpool. Am 29. April 2018 sahen die knapp 5,7 Millionen Twitter-Follower des 25-jährigen Fußballers hingegen eine kurze, kryptische Nachricht auf Arabisch: »Es ist schade, dass die Art des Umgangs eine Beleidigung war. Ich hoffe, dass die Sache auf zivilisiertere Art und Weise geregelt werden kann«.

 

Auf den ersten Blick ein unverfänglicher Post, der nicht einmal verrät, worum es eigentlich geht. Für Aufklärung sorgte aber Salahs Agent und Spielerberater Ramy Abbas. Sponsor Telecom Egypt (TE) hatte den Mannschaftsflieger für die WM in Russland mit dem Konterfei ihres Superstars beklebt – ohne um Erlaubnis zu fragen. Die Bildrechte lagen aber beim TE-Konkurrenten Vodafone.

 

Alles nur ein profaner Lizenzstreit oder ein Zeichen des Widerstands des populärsten Fußballers Ägyptens? Immerhin stand bei dem Rechtsstreit mit der TE-Tochter WE auf der Gegenseite ein Konglomerat, das nicht nur den Mobilfunkmarkt in Ägypten dominiert, sondern auch eng mit Geheimdienst und Sicherheitskräften verbandelt ist. Jenem Apparat, der die Kommunikation kontrolliert und nicht zuletzt die beispiellose Verhaftungswelle zehntausender Ägypter in den vergangenen Jahren vorangetrieben hat und als Stütze des Sisi-Regimes gilt.

 

Wie hält es Ägyptens wohl bester Fußballer aller Zeiten mit dem Sisi-Regime?

 

Dieses Machtbewusstsein trat wohl auch im Umgang mit dem Fußballer zutage. Salah-Berater Abbas hatte sich vor allem über die herablassende und paternalistische Attitüde des Verbandes und seines Premiumpartners echauffiert. Die spielten zunächst die Populismus-Karte: Als Nationalspieler gehöre Salah ja eigentlich allen Ägyptern. Eigentlich ein sicherer Schachzug.

 

Doch die Reaktion fiel nicht nur anders als erwartet aus, sie nahm auch Dimensionen an, mit denen die ägyptischen Behörden offensichtlich nicht gerechnet hatten. Unter dem Hashtag #ادعم_محمد_صلاح, zu Deutsch »Ich stehe zu Mohamed Salah«, bezog die unscheinbare Auseinandersetzung ein Millionenpublikum im Netz ein, das sich überwiegend auf die Seite des Fußballers stellte. Binnen 24 Stunden schnellte der Hashtag an die Spitze der Twitter-Listen – nicht nur in Ägypten, sondern im gesamten Nahen Osten. Wenige Tage später knickte der Verband ein und teilte einsilbig mit, dass man Salahs Forderungen allumfänglich nachgekommen sei.

 

Die Episode bereitete den Raum für die Gretchenfrage, die Salahs Cinderella-Story seitdem begleitet: Wie hält es Ägyptens bester Fußballer aller Zeiten mit dem Sisi-Regime? Wie beständig ist der Erfolg auf dem Platz, um als Stimme in der Gesellschaft eine Position einzunehmen? Wie soll ein Sportler wie Salah mit den vielen, oft widersprüchlichen, Erwartungen umgehen, mit denen er überfrachtet wird?

 

Warum ein profaner Lizenzstreit die Debatte um Salahs gesellschaftspolitische Rolle befeuerte

 

Es sind Fragen, die seit dem Frühjahr an Fahrt aufgenommen haben. Anfang März hatte ein Kolumnist der halbstaatlichen Al-Ahram Salahs Haarschopf und Bartwuchs moniert, der ja Anlass zur Verwechslungsgefahr mit Terroristen geben und damit dem Ansehen Ägyptens schaden könnte. Auch damals stießen solche Äußerungen auf Ablehnung. Doch obwohl es sich um einen sehr viel persönlicheren Angriff handelte, löste der spätere eine weit größere Welle der Empörung aus.

 

Dabei mag der Zeitpunkt eine Rolle gespielt haben: Nur wenige Tage zuvor hatte Salah mit zwei Toren und zwei Vorlagen sein Team im Hinspiel des Champions-League-Halbfinales gegen den AS Rom in eine komfortable Ausgangslage für den erstmaligen Finaleinzug seit elf Jahren gebracht. Dann heimste der Ausnahmestürmer auch noch die die Auszeichnung zum Spieler des Jahres und die Torjägerkanone der Premier League ein – der bisherige Höhepunkt der Salah-Euphorie. In den Reaktionen auf den Rechtsstreit mit dem Verband scheint deutlich der Stolz auf den Fußballer durch, der es als erster Araber auf eine Stufe mit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo schaffen kann – und der Vorwurf, dass sich der Verband mit fremden Lorbeeren schmückt, die Hand aufhält, um sich zu bereichern, und den Sympathieträger Ägyptens in der Welt bevormundet wie ein kleines Kind.

 

Obwohl die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Verband um die Bildlizenz vergleichsweise schnell aus der Welt geräumt wurde, legten die Reaktionen viel tiefer liegende Ressentiments gegenüber Staat und Regime offen. Sie brachen sich in der Causa Salah wohl auch deswegen Bahn, weil der Raum für Kritik in Ägypten de facto geschlossen wurde.

Artikel für 1,49 €

Iraks Ex-Premier Nuri Al-Maliki im Interview
»Ich, Maliki, soll konfessionalistisch sein?«

zenith: Man wirft Ihnen vor, dass Sie als Schiit eine Politik der Spaltung der Sunniten durch Schiiten betrieben und deshalb für das Chaos im Irak maßgeblich verantwortlich sind.

Nuri Al-Maliki: Ich und konfessionalistisch? Ich, Maliki? Die erste Militäroperation, die ich in meiner Amtszeit anordnete, richte sich gegen die Mahdi-Armee von Muqtada Al-Sadr, die folgenden Einsätze fanden in Kerbela und Nadschaf statt – in schiitischen Städten. Wenn ich gegen schiitische Aufständische zu den Waffen greife, sagt keiner was. Aber wenn es Sunniten sind, werde ich als konfessionalistischer Politiker abgestempelt. Dieser Vorwurf ist konstruiert – und daran sind Saudi-Arabien auf der einen und Masud Barzani auf der anderen Seite nicht ganz unschuldig.

 

Was werfen Sie den Saudis und dem Kurdenpräsidenten vor?

Saudi-Arabien lebt im Glauben, dass Iran die Kontrolle im Irak übernommen hat. Schon König Abdullah ließ verlautbaren: Bagdad ist das Land der Abbasiden-Kalifen, es kann nicht von einem Schiiten regiert werden. Deswegen muss Maliki entfernt werden. Zu der Zeit schwirrten unzählige takfiristische Fatwas herum, und der König lobte sogar eine Belohnung in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar aus, um meine Regierung zu stürzen. Das hat den Konfessionalismus im Irak in Gang gesetzt. Leider haben viele Sunniten dem Glauben geschenkt und diese Slogans aus Saudi-Arabien dann aufgegriffen.

 

»Die Saudis wollen Israel für einen Angriff auf Iran gewinnen. Ich glaube aber nicht, dass Israel sich darauf einlassen wird.«

 

Der saudische Kronprinz hat angekündigt, sowohl seine Streitkräfte stärker im Antiterror-Kampf einzusetzen als auch die Terrorfinanzierung saudischer Staatsangehöriger einzuhegen. Trauen Sie der Ankündigung von Muhammad Bin Salman (MBS)?

MBS führt nur Befehle aus. Die USA und Europa wollen das schlechte Image Saudi-Arabiens aufpolieren, das mit Terrorismus und Hass auf religiöse Minderheiten in Verbindung gebracht wird, und sind natürlich auch an dem Geld interessiert, dass MBS dafür zu zahlen bereit ist. Wenn ihm dieser PR-Coup gelingt, steht Saudi-Arabien in der öffentlichen Wahrnehmung nämlich auf einer Stufe mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE).

 

Hegen Sie Zweifel an den Motiven oder der Eignung des saudischen Thronfolgers?

MBS soll die alte Führungsriege in Saudi-Arabien aus dem Weg räumen und die saudische Gesellschaft reformieren. Doch ist er dieser Aufgabe wirklich gewachsen? Ich bezweifle es. Schließlich scheint sein Hauptaugenmerk darauf zu liegen, sein Land in eine direkte militärische Konfrontation mit Iran zu steuern und der Schia entgegenzutreten. MBS stellt aus meiner Sicht ein Risiko für die Stabilität der gesamten Region dar – aber auch für Saudi-Arabien. Überdies denke ich nicht, dass Saudi-Arabien allein stark genug ist, einer Regionalmacht wie Iran die Stirn zu bieten oder gar in ihrer Stabilität zu gefährden. Aus diesem Grund versucht Riad, Israel für einen Angriff auf Iran zu gewinnen. Ich glaube aber nicht, dass Israel sich darauf einlassen wird, schließlich stünden dann die Hizbullah-Raketen an seiner Grenze zur Vergeltung bereit.

Artikel für 1,99 €

Atomdeal und Regionalpolitik
Hassan Rouhani

Schon seit Jahren sorgt Irans Engagement in Syrien für Ärger. Im Zentrum der Kritik, in der sich der Westen, viele arabische Staaten und Israel weitgehend einig sind, stehen schiitische Milizen unter Teherans Kontrolle. Diese Milizen kämpfen an der Seite der Truppen des syrischen Regimes. Problematisch sei nicht bloß die iranische Einmischung in Syrien und anderen Konfliktfeldern, sondern vor allem, so der Vorwurf, die Tatsache, dass Teheran den machtpolitischen Führungsanspruch mit der Entwicklung und Stationierung ballistischer Raketensysteme untermauert. Aus diesem Grund gefährde Iran die Stabilität der Region. Dies ist wohl das Hauptargument, welches Befürworter einer Neuverhandlung des Atomdeals mit Teheran ins Feld führen.

 

Zwar treten deutliche Differenzen in der Beurteilung des Abkommens zutage: Auf der einen Seite die EU und der Großteil ihrer Mitgliedsstaaten, auf der anderen Seite die USA, Washingtons arabische Verbündete sowie Israel. Einig sind sich die Kritiker nur über die grundlegend negativen Auswirkungen, die Irans Ausgreifen in den vergangenen Jahren gezeitigt hat.

 

Teheran wiederum drückt sich darum, die Präsenz der eigenen Hilfstruppen und Verbündeten in der Region überhaupt zu kommentieren. Sie kommen meist nur dann zur Sprache, wenn die Särge der Freiwilligen in ihre Heimatländer – darunter auch Iran – zurückgeflogen werden und man ihrer als »Märtyrer« öffentlich gedenkt. Zugleich ruft Irans Regierung immer wieder in Erinnerung, dass man die Vorgaben und Verpflichtungen des Atomabkommens einhalte, während etwa die USA die grundsätzliche Gültigkeit des völkerrechtlich verpflichtenden Dokuments in Frage stellen. Allen Beteiligten ist jedoch bewusst, dass ein Zusammenhang zwischen Atomabkommen und Regionalpolitik besteht. Die Frage ist nur, wie beide Felder zusammenwirken und welche Schlüsse man daraus ziehen kann.

 

Noch heute sehen die Saudis die Islamische Republik in der Tradition der imperialen Hegemonialpolitik des Schahs.
 

Um es klar zu sagen: ja, die Islamische Republik folgt einer strategischen Vision für den Nahen Osten – und die unterscheidet sich kaum von der des Vorgängerregimes. Integraler Bestandteil dieser Vision ist die Zurückdrängung auswärtiger – in diesem Fall westlicher –Einflüsse in der Region, eine dominante Stellung am Persischen Golf, einen Fuß in der Tür zum östlichen Mittelmeerraum und in erster Linie: der Wettstreit mit Saudi-Arabien.

 

Natürlich haben sich die ideologischen Koordinaten verschoben: Der Schah hat sich in der Golf-Politik nie mit den USA angelegt und auch im Ringen um Einfluss im Libanon suchte das Schah-Regime keinen Konflikt mit Israel. Das Kräftemessen mit dem Nachbarn auf der anderen Seite des Golfs hingegen setzt sich fast ungebrochen fort. Noch heute sehen nicht wenige saudische Entscheidungsträger die Islamische Republik als Nachfolgerin des Kaiserreichs, die in der Tradition des Schahs Hegemonialpolitik betreibt.

Artikel für 1,99 €

Artenschutz in Libyen
Artenschutz in Libyen

Shukri Dahhan suchte eine Oase der Entspannung. Nicht mal zwei Jahre nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes war Libyen zwar noch nicht in den Bürgerkrieg versunken, der das Land seit etwa vier Jahren im Würgegriff hält, doch schon damals tauchten Waffen allerorts auf. So auch in seinem Ausflugsziel, der Halbinsel Farwa. Der Lärm einer explodierenden Handgranate riss Dahhan aus seiner Ruhe. Es waren keine rivalisierenden Milizen, die sich ein Scharmützel lieferten, sondern Küstenfischer. In den Gewässern um Farwa sollen die Detonationen mehr Fische in die Netze treiben, richten aber beträchtlichen Schaden für Flora und Fauna an. Shukri Dahhan dämmerte, dass die friedliche Landzunge ohne Schutzmaßnahmen auf lange Sicht kaum zu retten sein würde. Kurz darauf schloss er sich mit ein paar gleichgesinnten Naturfreuden zusammen und gründete 2013 die NGO »Bado«.

 

»Bado« ist das Wort für Hügel auf Amazigh, der Berber-Sprache, die in der Region westlich der Hauptstadt Tripolis gesprochen wird. Farwa erstreckt kurz hinter der tunesischen Grenze über knapp fünf Kilometer vor der libyschen Küste und formt eine geschützte Bucht. Während auf den Dünen zahlreiche Wandervogelarten wie Schwalben und Möwen nisten und überwintern, bietet die Lagune unter anderem Amphibien wie der Karettschildkröte ein Refugium. Sie gehört zu den Küstenbewohnern, deren Bestände auch wegen der Fischereipraktiken in den vergangenen Jahren beständig zurückgingen.

Artenschutz in Libyen
Auf den Dünen von Farwa nisten und überwintern zahlreiche Wandervogelarten wie Schwalben und Möwen.Foto: Osama Ananah

 

Artikel für 0,99 €

Tourismus in Marokko
Grün gegen grün

Abdelkader Hamoudan hat es sich im Schatten der Morgensonne neben seinem Spalier für Weinreben gemütlich gemacht und blättert im Gästebuch. Der massive Katalog legt Zeugnis davon ab, wie viele Besucher aus aller Welt schon den Weg in sein heimeliges Ferienhaus im Rif-Gebirge – die hier als Gîte bekannt sind – gefunden haben.

 

Australien, Deutschland, Israel, Japan, Peru – besonders, wenn er auf Danksagungen von Touristen aus weit entfernten Ländern stößt, kann sich der Inhaber des familieneigenen Berghotels im Örtchen Azilane ein breites Grinsen nicht verkneifen. Und wenn die Einwohner in den angrenzenden Dörfern Azilane als »Großvater der Berge« bezeichnen, könnten sie ebenso gut Hamoudan meinen. Seit über 30 Jahren betreibt er sein Ferienhaus, das zugleich Wohnsitz für ihn und seine Familie ist. »Das erste Tourismus-Projekt im Rif-Gebirge«, wie er stolz behauptet.

 

Der nördlichste Ausläufer des Atlas-Gebirges erstreckt sich von der Hafenmetropole Tanger im Westen bis zur algerischen Grenze im Osten. Doch das malerische Bergpanorama diente bislang eher als Hintergrund für die wohl bekannteste Attraktion des Rif: Marihuana. Zwar wird Hanf hier schon Jahrhunderten kultiviert, seinen Ruf als Cannabis-Fabrik verdankt der Rif aber vor allem der Nachfrage aus Europa.

Artikel für 0,99 €

Alternative Szene in Iran
Irans Kunstszene

Am Rande der iranischen Millionenstadt Maschhad, auf den Straßen und in den Geschäftszeilen, in engen Gassen und auf Märkten döst Afghanistan vor sich hin. Kein Marktplatz, keine Moschee oder Sehenswürdigkeit bildet das Zentrum des Viertels, sondern ein einfacher, überschaubarer Kreisverkehr. Von hier aus verzweigen sich die Straßen in enge Gassen, es wimmelt von Mechanikern, fliegenden Händlern, Passanten. Für rund 40.000 Afghanen ist das Viertel Golshahr eine Heimat geworden. Die iranische Bevölkerungsmehrheit von Maschhad nennt das Viertel »Kabulshahr – Kabul-Stadt«.

 

Für den Besucher ist Golshahr exotisch, kosmopolitisch, afghanisch, iranisch. Reza, 35 Jahre alt, Afghane, ist auf dem Weg zu seinem Lieblingsafghanen und führt den Besucher durch sein Viertel Golshahr. Kurz deutet er auf eine offene Metalltür, dann auf das afghanisch-iranische Sprachenzentrum, enthusiastisch auf das Betongebäude an der nächsten Straßenecke: »Dort fand unsere letzte Fotoausstellung statt.« Reza: magere, zu hohe Schultern, Karo-Hemd, scharfsinnig, Fotograf, Kurator. Natürlich hat der Besucher kurz einen Blick hinter die Metalltür geworfen: ein leerer Raum, zwei weiße Plastikstühle, in der Mitte ein rostiger Metalltisch, ein Blumenstrauß aus Plastik. Ob dies das Büro sei, fragt er flüsternd. Reza lacht. Ja, an manchen Tagen herrsche hier Betrieb, sagt Reza absichtlich laut, und registrierten sich afghanische Freiwillige für den Kriegseinsatz in Syrien.

Irans Kunstszene
An einem religiösen Feiertag beobachten vier Afghanen das geschäftige Treiben vor einer Moschee in Golshahr. Sajjad Erfani; Everyday Golshahr Foto: Sajjad Erfani; Everyday Golshahr

Staatliche iranische Stellen haben bestätigt, dass Afghanen aus Iran im Dienste der iranischen Streitkräfte und aufseiten des Assad-Regimes im syrischen Bürgerkrieg kämpfen. Der Besucher fragt, wie alt man für den Krieg sein müsse. Zwischen 20 und 30 Jahre. Wie lange die afghanischen Freiwilligen an der Front blieben? Ein paar Wochen. Warum gingen sie nach Syrien? Na, nicht wegen ihres schiitischen Glaubens, sagt Reza. Für Geld, was dächte er denn? Er kenne jemanden, der sei zweimal in Syrien gewesen, danach habe der den Glauben verloren.

 

Froh, das Thema abgehakt zu haben, macht Reza ein Foto von einem Mann hinter einer Glasscheibe, Rauschebart, pfiffige Äuglein, Goldzahn. Der Besucher läuft Reza hinterher, schaut auf die Motorenöl und Speiseflecken, die die engen Gassen bedecken. Irgendwann zupft Reza ihn am Arm. »Wir sind da.«

Irans Kunstszene
Eine Straßenszene in Golshahr. »Straße« nennt Ali Hoseinzade sein Foto. Der 18-jährige Afghane lebt sein fünf Jahren in Golshahr und fotografiert, um »das Geschehene und das Unwiederbringliche festzuhalten«.Foto: Ali Hoseinzade

Reza Shabidaks Lieblingsafghane ist das Restaurant »Kabuler Nächte«. Der Inhaber ist ein Afghane aus der ersten Einwanderergeneration, der in den 1980er Jahren während des sowjetisch-afghanischen Krieges (1978–1989) nach Iran floh. Hungrig springt Mohammed zur Begrüßung aus einer Sitzecke auf. Er strahlt Gemütlichkeit aus. 31 Jahre alt, Afghane, Familienvater, Fotograf, ölverschmierte Hände, denn zum Broterwerb arbeitet er in einer Autowerkstatt. Der Inhaber serviert Schälchen mit afghanischen Vorspeisen auf einem großen, silbernen, iranischen Tablett; gegrilltes Fleisch und ungesäuertes Brot, das als Sättigungsbeilage und Teller dient. Er erzählt von Bertolt Brecht und dem Theater, in einem fort freut er sich über Angela Merkel – »so eine starke Frau«.

Artikel für 1,99 €