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Parlamentswahlen in Pakistan, die Rolle Imran Khans und die Macht des Militärs
Wahlen in Pakistan

Kurz vor den dritten Parlaments- und Provinzwahlen seit Ende der Militärherrschaft 2008 deutet alles auf einen Zweikampf hin. Auf der einen Seite steht die regierende konservative Pakistan Muslim League (Nawaz) unter Führung von Shehbaz Sharif, auf deren anderen die aufstrebende Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI) des ehemaligen Cricketspielers und Oxfordabsolventen Imran Khan.

 

Khan, einstiger Lebemann und Liebling der feinen Londoner Gesellschaft, gibt sich bodenständig und sagt der Klüngelwirtschaft alteingesessener Eliten den Kampf an. Sein Sieg würde das einstweilige Ende der Herrschaft zweier einflussreicher Politdynastien bedeuten, die die Politik, von mehrmaliger Militärherrschaft unterbrochen, seit Anfang der 1970er Jahre bestimmt haben. Gleichzeitig schlagen Pakistans einflussreichste Intellektuelle und Medienvertreter Alarm. Sie warnen vor dem Ende der Demokratie und fürchten, das Militär könnte die Wahlen entscheidend beeinflussen.

 

Wie passen diese zwei Narrative zusammen?

 

Die erste Geschichte: Ein Familiendrama in zwei Akten

 

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Kunsthandwerk aus Syrien
Vom Glück, gemeinsam zu glänzen

Sie haben das Maximum herausgeholt aus dem einst langen, hohen Werkstattraum: Vorne das Ausstellungszimmer, bis unter die Decke vollgestellt mit alten und neuen Möbeln, dahinter zwei von einer neu gezogenen Zwischendecke getrennte Etagen. Darin drei Zimmer, in denen gezeichnet, gesägt, gehobelt, gehackt, gefeilt und gelackt wird. Es sind 42 Quadratmeter, die acht Syrern in Amman alles bedeuten. Trotzdem sagt Osama Al-Nimr über ihr Geschäft im südlichen Stadtteil Marj Al-Hamam: »Das hier ist nur eine Werkstatt.«

 

Der 38-Jährige ist einer der beiden Chefs einer Firma, die keine Firma sein darf. Er erklärt: »Als Syrer haben wir nicht das nötige Kapital, um in Jordanien ein eingetragenes Unternehmen zu gründen.« Aber Osama und sein Partner Muataz wollten zumindest weiter das tun, was sie lieben, als sie vor sechs Jahren von der einen in die andere Hauptstadt geflohen sind: die Herstellung kostbarer Möbel mit Perlmuttintarsien.

 

Damaskus ist berühmt für dieses Handwerk. Die Einrichtungsgegenstände und Accessoires mit den glänzenden Einlagen gehören zu den bekanntesten Kunstschätzen des Nahen Ostens. Besonders in den Gassen der Altstadt rund um die Umayyaden-Moschee wurde es feilgeboten: Funkelnd-Prächtiges, dem man sofort ansieht, wie viel Können in den kunstvoll eingearbeiteten Kalligrafien steckt.

 

Doch der Krieg könnte diese jahrhundertealte Tradition nun zerstören. Schätzungen von Fachleuten zufolge arbeiteten vor 2011 3.000 Kunsthandwerker in Damaskus. Nur ein Bruchteil von ihnen ist geblieben. Die anderen sind in den Kampf gezogen, gefallen oder geflohen. So waren bereits vor zwei Jahren laut eines Agenturberichts von einst 30 Perlmutt-Werkstätten in und um Damaskus nur noch drei oder vier übrig. Umso wichtiger, dass es Syrer gibt, die weitermachen – auch woanders.

 

Osama hatte zwar seinen Wehrdienst bei Kriegsausbruch bereits hinter sich, sah aber trotzdem keine Zukunft in seiner Heimat: »Wir wurden ständig überwacht. Außerdem kamen nun keine ausländischen Kunden mehr. Und die Syrer konnten sich unsere Ware wegen der Inflation nicht mehr leisten«, erzählt er, in der einen Hand eine Gebetskette, in der anderen eine brennende Zigarette.

 

Vom Glück, gemeinsam zu glänzen
Foto: Thore Schröder

 

Nachdem der Vater von drei Kindern – das jüngste wurde vor vier Jahren in Amman geboren – vergeblich versucht hatte, seiner Schwester in die Türkei zu folgen, entkam er mit seiner Familie über die Grenze in den Süden. »Wir Syrer haben doch damals alle gedacht, dass wir nach ein paar Monaten zurückkehren könnten. Aber ein halbes Jahr später habe ich mich dann entschieden, hierzubleiben.« In Jordanien leben schätzungsweise 1,3 Millionen Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland.

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Deutschland, Tunesien und sichere Herkunftsstaaten
Kolumne Daniel Gerlach

Im Streit um die Abschiebung von Sami K., dem sogenannten Leibwächter Osama Bin Ladens, steckt alles, worüber sich die deutsche Politik in diesem Sommer erregen könnte. Man hört viele Stimmen, die sagen, dass das mit dem Rechtsstaat schon seine Berechtigung habe. Aber dass man gefälligst dafür sorgen müsse, dass dieser Rechtsstaat sich nicht selbst vorführt. Nicht, wenn Gefahr im Verzug sein könnte. Und auch nicht, wenn es um Terroristen geht – oder sogenannte Gefährder, die Terroristen waren oder jederzeit welche werden könnten.

 

An den Tunesiern scheint die Affäre um ihren Landsmann Sami K. mehr oder weniger vorüberzugehen. In jedem Fall regen sie sich nicht so darüber auf, zumal zur gleichen Zeit ein ähnlicher Abschiebungsfall aus Italien anhängig ist. Die tunesischen Behörden haben ihren deutschen Kollegen ja einen Gefallen damit getan, dass sie ihre Zuständigkeit erklärten – mit dem Verweis darauf, dass man Sami K. nicht foltern werde, aber von ihm womöglich sachdienliche Hinweise für die Aufklärung dschihadistischer Straftaten erwarte.

 

Nun fiel der Fall Sami K. zusammen mit der seit Monaten schwelenden Diskussion um Marokko, Algerien und Tunesien, die »sichere Herkunftsstaaten« werden sollen. Einen entsprechenden Entwurf hat das Bundeskabinett gerade erst gebilligt. Viele im politischen Betrieb meinen, dass das nicht angehen könne: Man zahlt Millionen an Aufbau- und Entwicklungshilfe an Tunesien und dann kann nicht einmal dorthin abschieben? Und CDU-Mann Jens Spahn findet, dass Tunesien ohnehin ein sicheres Herkunftsland sein müsse, denn Europäer machten dort schließlich auch Urlaub.

 

Der Linken-Politiker Stefan Liebich dagegen äußerte neulich im Deutschlandfunk, dass Tunesien zwar insgesamt auf gutem Weg sei. Er berief sich aber auf Menschenrechtsorganisationen, die berichteten, »dass sich in den Gefängnissen eigentlich nichts geändert hat, dass Gewalt und Folter dort bis heute an der Tagesordnung sind«.

 

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International berichten in der Tat von dokumentierten Misshandlungen durch Polizei, Nationalgarde und Ermittlungsbehörden. Amnestys Tunesien-Experte Ilyas Saliba wies neulich in einem Interview mit dem Focus auch auf die zum Teil üblen hygienischen Zustände in Untersuchungsknästen hin.

 

Dennoch kam bei der deutschen politischen Debatte um Sami K. die Lage in Tunesien ein wenig zu kurz. Derzeit wird unter tunesischen Anwälten das Problem diskutiert, dass die Behörden Verdächtige nach ihrer Verhaftung 48 Stunden lang verhören können, ohne Beistand vorzulassen.

 

Das gilt aber auch in Tunesien im Einzelfall, und zwar dann, wenn Gefahr im Verzug ist oder ein Fall von öffentlicher Sicherheit vorliegt. Die Polizisten müssen sich dieses Verfahren von einem Ermittlungsrichter genehmigen lassen – dabei haben sie natürlich Spielraum, denn sie können die Dringlichkeit eines Falles natürlich entsprechend aufbauschen.

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Annäherung zwischen Äthiopien und Eritrea
Hier wird Frieden gemacht

Man stelle sich vor: Ein äthiopischer Ministerpräsident landet morgens in einer Maschine der Ethiopian Airlines auf dem Asmara International Airport. Dort wird er persönlich von Eritreas Präsidenten-Dino Isayas Afewerki mit einer herzlichen Umarmung begrüßt, Hunderttausende stehen anschließend der Delegation aus dem noch verfeindeten Bruderland Spalier, ehe die Staatsoberhäupter beim gemeinsamen Kaffee oder geteilten Kaktusfrüchten posieren und beim folgenden Dinner von »Begeisterung« und »Liebe« sprechen. Bevor der Äthiopier am nächsten Morgen zurück nach Addis Abeba fliegt, unterzeichnen die beiden Führer dann noch eine Friedenserklärung. 28 Jahre kalter Krieg, heiße Grenzkonflikte und eisiges Schweigen sind beendet.

 

»Zu viel Honigwein getankt?«, hätte man jemanden gefragt, der dieses Szenario noch zu Jahresbeginn dargelegt hätte. Und doch ist es am 8. Juli Realität geworden – dem 1.11.2010 im äthiopischen Kalender. Und so kommt einem der Ruf vieler Äthiopier nach dem Friedensnobelpreis für ihren Ministerpräsidenten gar nicht mehr so abwegig vor. Abiy Ahmed heißt der Mann, der seit Anfang April im Amt ist und sein Land – mit 100 Millionen immerhin das zweit bevölkerungsreichste Afrikas – gerade vom Kopf auf die Füße stellt.

 

Abiy hat seitdem politische Gefangene entlassen, der Opposition Teilhabe angeboten, den Ausnahmezustand beendet, unbeliebte Politiker, Generäle und Unternehmensführer nach Hause geschickt – und ist dabei von Nachbarland zu Nachbarland von einem Konfliktherd zum nächsten gereist und warb um Vertrauen, Geduld und Verständnis. Und jetzt Eritrea – wie in seiner Antrittsrede versprochen und durch Besuch aus Asmara am 26. Juni 2018 vorbereitet.

 

Zu viel, zu schnell, zu ambitioniert: Das meinten damals selbst einige seiner wohlwollenden Kritiker, während sich das Volk im grün-gelb-roten Fahnenmeer der Unterstützungskundgebungen Gehör verschafft. Abiys Gegner, die durch seine personellen Veränderungen bestimmt nicht weniger geworden sind, wirken derweil desorientiert und unorganisiert. Mit jedem bejubelten Reformcoup schwindet ihre Macht.

 

Das dilettantische Attentat auf Abiy auf dem von Hundertausenden bevölkerten Meskel-Platz im Juni hat Premier und Volk noch näher zusammengebracht. Der Reformprozess scheint unumkehrbar – selbst ohne den neue Premierminister. Denn das Team hinter ihm steht – und hat die Wende wahrscheinlich lange vorbereitet – und die Unterstützung der Straße wächst. Erst recht nachdem der Politiker nun auch die Herzen der Eritreer im Sturm erobert zu haben scheint.

 

Klug kalkulierter Wendepunkt

 

Dieser Schritt, selbst wenn aus dem Herzen geboren und durch die Emotionen der Massen getragen, wird möglicherweise einmal als klug kalkulierter Wendepunkt in der Geschichte Äthiopiens eingehen. Denn für den 72-jährigen Dauerrevolutionär Eritreas, Isayas Afewerki, ist die Aussöhnung die letzte Chance, als großer Führer abzutreten, als der er sich selbst gerne sieht. Das Schicksal und seine Sturheit haben dem einstigen Befreier so übel mitgespielt, dass man geneigt ist, ihn in einem Atemzug mit Nordkoreas Kim Jong-Il und Iraks Saddam Hussein zu nennen.

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Ein Jahr nach dem Anschlag auf den Schrein von Lal Shahbaz Qalandar in Pakistan
Hier darf ich’s sein

»Nara-e Haideri! Preiset den Löwen!«. Inmitten von Hunderten Pilgern ertönt plötzlich ein lauter Schrei. Die mit Spiegelmosaiken verzierte Decke der großen Halle verstärkt jeden Laut im Heiligtum des Schreins. Es sind nur ein paar Dutzend, die antworten. Doch sie reagieren auf die rituelle Aufforderung, Imam Ali beim Lobnamen zu nennen, mit einem unüberhörbaren »Ya Ali! – Oh Ali!«.

 

Fast scheint es so, als wäre nie etwas geschehen am Schrein von Lal Shahbaz Qalandar, dem Roten Sufi von Sehwan Sharif in Pakistan, der 1356 hier starb. Am 16. Februar 2017, es war gerade Freitagabend und die Pilger im rituellen Tanz vertieft, betrat ein Söldner des pakistanischen Ablegers des »Islamischen Staates« (IS) den Schrein und zündete sein tödliches Paket inmitten der Pilger. Über 90 Todesopfer und Hunderte Verletzte forderte der Anschlag.

 

Der Ort, der seit Jahrhunderten für seine Toleranz und seine friedvolle Atmosphäre bekannt war, wurde zur Todesfalle. »Ich war nur einige Minuten vom Schrein entfernt und bin nach der Explosion sofort rüber gelaufen«, erzählt mir Roshan Ali, ein Angestellter eines Gästehauses für Pilger in Sehwan Sharif. Bis zu eine Million Pilger besuchen die kleine Stadt im Süden Pakistans jedes Jahr. Der dünne Mann mit sauber getrimmtem Schnauzer wählt seine Worte sehr bewusst, schafft es aber doch nicht ganz, seinen Ärger zu verbergen. »Wir haben uns um die Verletzten gekümmert, als die Polizei kam. Wir dachten, dass die Einsatzkräfte uns helfen würden. Stattdessen nahmen sie den Toten die Brieftaschen und die Armbanduhren ab und plünderten die umliegenden Schmuckgeschäfte, die wegen der Panik leer standen.«

Hier darf ich’s sein
Das traditionelle Schlagen der Brust, eine Praxis, die bei den Schiiten meist auf den islamischen Trauermonat Muharram beschränkt ist, lässt sich am Schrein täglich beobachten.Foto: Philipp Breu

Es war eine traurige Premiere, die die Pilger unvermittelt traf: Denn im Schrein des schiitischen Sufi-Meisters war in 660 Jahren schlicht noch nie ein Anschlag verübt worden. Der Blutzoll war schlimm genug. Doch die Pilger und Einheimischen wollten dem IS nicht auch noch den psychologischen Sieg überlassen und sich dem Terror beugen.

 

Bereits am nächsten Tag setzten die rhythmischen Tänze und Gesänge wieder ein, dem sich die Anhänger des Sufismus hier auf der Suche nach der Einheit mit Gott hingeben. »Wir haben sofort weitergemacht – aus Trotz und um den Ruf von Sehwan als Ort der Freude und des Friedens aufrechtzuerhalten«, sagt Roshan Ali. Viele Pilger, denen ich bei meinem Besuch begegne, sehen es ähnlich. Ob ihnen ein Jahr nach dem Anschlag mulmig sei, diesen Ort zu besuchen, frage ich Mumtaz und Siddra. »Wieso sollten wir Angst haben? Dieser Ort war schon immer für seine Toleranz und Liebe bekannt, da lassen wir uns von einem einzelnen Vorfall nicht einschüchtern. Wir haben uns gedacht: Jetzt sollten wir erst recht kommen!«, entgegnen die beiden älteren Damen aus der Provinz Sindh, die sich eine Tagesreise lang zu ihrem ersten Besuch in Sehwan Sharif aufgemacht haben.

 

Jeden Abend ab Sonnenuntergang verfallen mehrere Hundert Menschen im Innenhof des Schreins den Trommelschlägen und werden Geiseln der Flöten. Das Klanggemälde steht der Akustik in einen Berliner Nachtclub in nichts nach: Beine werden mit voller Kraft geschwungen, Arme schlagen nach links und rechts, hoch und runter. Schnell schlägt den Männern der Schweiß auf die Stirn, auch die traditionellen pakistanischen Trachten sind allesamt durchgeschwitzt. Immer wieder rufen sie die von ihnen verehrten Imame mit lautem Geschrei an – »Ya Ali« tönt es von hinten, im zweiten Stock ertönt »Ya Hussain!« zurück.

Hier darf ich’s sein
Im konservativen Pakistan scheint eine derart sinnliche Annäherung an Gott für die meisten Muslime unvorstellbar und unvereinbar mit dem Islam.Foto: Philipp Breu

Nur ein paar Meter weiter, in Sichtweite der männlichen Tanzgruppe, stehen die Frauen und suchen auf ähnliche Weise Zugang zu Gott. Viele von ihnen werden nach der etwa zwei Stunden dauernden Zeremonie behaupten, dass die Geister von toten Verwandten oder Heiligen sie besessen hätten. Sie klopfen sich rhythmisch auf die Brust oder schwingen mit voller Kraft die langen Haare im Kreis. Die religiöse Ekstase erinnert zuweilen an ein Heavy-Metal-Konzert. Außerhalb von Sehwan Sharif scheint eine derart sinnliche Annäherung an Gott in einem konservativ geprägten Land wie Pakistan für die meisten Muslime unvorstellbar und unvereinbar mit dem Islam.

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Bauchtanz, Instagram und #DancingIsNotACrime
Kolumne Daniel Gerlach

Jeder, der schon einmal eine iranische Hochzeit erlebt hat, wird verstehen, was ich meine: Die Begeisterung auf der Tanzfläche ist groß, es geht euphorisch, aber nicht ausdauernd zur Sache. Um mitzumachen muss zwei pantomimische Gesten koordinieren können und diese unablässig wiederholen: Mit einer Hand über dem Kopf eine Glühbirne eindrehen und zugleich mit dem Hintern eine Schranktür zustoßen.

 

Maedeh Hojabri tanzt auf einem anderen Niveau. Die 17-Jährige leidenschaftliche Parcours-Läuferin aus Teheran begeisterte mit ihren geschmeidigen Tanzdarbietungen zigtausende Follower auf Instagram: Pop, Jazz, Contemporary Belly Dancing oder eine Rihanna-Adaption, die manche besser als das Original finden und von der man sicher nicht behaupten kann, dass sie vulgär daherkomme (Ich habe mir das von unabhängigen Fachleuten erklären lassen, da selbst ich zugegebenermaßen weder von ihren Performances noch von Instagram besonders viel verstehe).

 

Hojabri zeichnete diese Videos in ihrem heimischen Teheraner Wohnzimmer auf, trug keinen Hijab und war gelegentlich auch etwas bauchfrei zu sehen.

 

In der vergangenen Woche wurde sie verhaftet und wenig später in einer Sendung des ersten Programms des iranischen Staatsfernsehens IRIB vorgeführt – in einer Art Enthüllungsformat, bei der nicht klar war, ob man sie interviewte oder verhörte.

 

Ein Schauspiel mit Nachspiel

 

Das ihr zur Last gelegte vergehen bestand wohl darin, Bürgerinnen und Bürger der Islamischen Republik zu unsittlichem Verhalten anzustacheln. Hätte Hojabri für ihre Tanz-Performances und Video-Aufzeichnungen ein Unterstützerteam gehabt, was man behördlicherseits wohl mutmaßte, wäre dieses nach Lesart der iranischen Justiz sogar eine kriminelle Bande gewesen. Und ihr Handeln ein organisierter Angriff auf die sittlichen Fundamente der Islamischen Republik.

 

Hojabri musste erklären, dass all dies nicht der Fall gewesen sei. Sie sei nicht gecoacht worden und habe völlig unbedarft und ohne heimtückische Intention gehandelt. Ihr Befrager wollte peinlich genau wissen, ob und wie viel Geld sie von Instagram aus dem Erlös vorgeschalteter Werbeclips erhalten habe.

 

Neben Hojabri präsentierte der Sender auch zwei andere Fälle: Elnaz Qassemi, die ebenfalls mehrere Hunderttausend Follower auf Instagram hat und nur zu Besuch aus Kanada nach Teheran gekommen war und dort verhaftet wurde, sowie eine Tänzerin mit dem Künstlernamen Shadab. Qassemi weinte vor der Kamera und wurde dargestellt wie eine überführte ausländische Spionin. Zwischendurch präsentierte IRIB eine Psychiaterin, die sich über die krankhafte Selbstdarstellung junger Menschen in sozialen Medien ausließ.

 

Für Hojabri und Qassemi, die Anfang dieser Woche aus der Haft entlassen wurden, mag die Sache glimpflich ausgegangen sein, für das iranische Fernsehen und das Ansehen des Regimes könnte sie allerdings ein Nachspiel haben.

 

Die Angst vor der Social-Media-Reichweite junger Frauen geht wieder einmal um in der Islamischen Republik

 

Als die Verhaftung bekannt wurde, hagelte es Solidaritätsvideos – unter verschiedenen Hashtags und Slogans wie »raqsidan djorm nist – Tanzen ist kein Verbrechen«. Tausende Follower Hojrabis in Iran und im Ausland, aber auch solche, die erst durch den Polizeieinsatz von ihr erfahren hatten, luden nun ihre Tanz-Videos in den sozialen Medien hoch. Einige davon sind haarsträubend lustig, andere folgen dem bewährten Hintern-Glühbirne-Prinzip.

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Leoluca Orlando, Sigmar Gabriel, Friedrich II., Migration
Kolumne Daniel Gerlach

Wenn er hin und wieder von oben herabschaut auf sein altes Europa, und nicht, wie vom Papst seinerzeit angeordnet, als Ketzer in der Hölle schmort, wird Kaiser Friedrich II. sicher wenig überrascht sein: Die sturen Städte Norditaliens haben sich mal wieder zu einem den Kontinent in Atem haltenden Problem entwickelt. Dergestalt, dass man ihnen ein Expeditionsheer schicken und die Stadtmauern rasieren will. Die deutschen Fürsten machen noch immer Stress und fühlen sich nicht ernst genommen. Das Haus Wittelsbach aus Bayern wankt zwischen Königsmord und Kapitulation. An Euphrat haben die Mongolen kürzlich ganze Landstriche verwüstet, um Jerusalem wird gezankt. Halb Europa glaubt, dass das Ende der Welt bevorsteht, und beim Einkaufen in Palermo kommt man mit Arabisch leidlich gut zurecht.

 

Der große Staufer Friedrich aus Sizilien und Apulien (*1194 - +1250) rührte die deutsche Nationalromantik an. Und am Kyffhäuser, jenem deutschen Gebirge, das heute auch die AfD-Granden für ihre identitären Rituale nutzen, verehrte man ihn dereinst als Schlafenden Kaiser, der irgendwann als Erlöser wiederkehren wird. In Palermo aber, wo Friedrich begraben liegt, gedenkt man seiner als »Staunen der Welt« – eines lebensfrohen, neugierigen Herrschers, der die Traditionen von Abendland und Morgenland vereint. (De facto beendete Friedrich die Herrschaft der Araber auf Sizilien und ließ dabei – trotz aller Begeisterung für Multikulti – so manchen über die Klinge springen).

 

Machen wir uns also nichts vor: Für das Bestehen seiner C1-Deutschprüfung zur Einbürgerung hätte Friedrich wohl Beziehungen spielen lassen müssen. Sonst wäre er krachend durchgefallen. Von Leoluca Orlando kann man das nicht behaupten. Am vergangenen Montag, bei seiner Dankesrede zur Verleihung des »Kaiser Friedrich von Hohenstaufen Preises für gelebte Freundschaft der Völker und Integration der Nationen« sprach Orlando jedenfalls Deutsch.

 

Die Tatsache, dass die Deutsch-Arabische Gesellschaft diesen recht pompös klingenden Preis zum ersten Mal seit 1986 wieder vergibt (der letzte Preisträger hieß Bruno Kreisky) mag darauf hindeuten, dass man den schlafenden Kaiser entweder vergessen hatte, oder aber bei der Auswahl seiner Laureaten an sehr langfristig wirkende, die Epochen prägende Figuren denkt.

 

Orlando jedenfalls ist eine Stimme, die die windschiefe Debatte um pragmatische Lösungen in der Migrations- und Flüchtlingspolitik wieder ein wenig geradeziehen könnte – indem sie neu verortet, was wirklich radikale Positionen sind und wo sich folglich die Mitte wiederfinden muss.

 

Wie Kaiser Friedrich, aber ziemlich aufgeweckt

 

Wussten Sie, dass es in Palermo keine Migranten gibt? Zero. Das zumindest sagt Orlando, der es ja wissen muss. Denn für ihn ist jeder, der in Palermo lebt, Palermitaner. Orlando antwortet so allen, die ihn fragen und damit insinuieren wollen, es seien in jedem Fall zu viele.

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Binnenexil in der Türkei
Der neue Reiz der Provinz

Ihr Atelier in Istanbul hat Necla Köse aufgegeben. Jetzt arbeitet die Konzeptkünstlerin von Urla aus, einer Kleinstadt in der Nähe von Izmir. Ihre beruflichen Kontakte könne sie auch von hier aus pflegen, erzählt Necla – dafür brauche sie Istanbul nicht. Die Künstlerin ist bei Weitem nicht die einzige, die aus der Metropole am Bosporus ausgezogen ist, um in der Provinz Izmir ein neues Zuhause zu finden. Insbesondere in Urla wächst ganz im Verborgenen eine Oase für verstoßene »Dichter und Denker« heran.

 

Seit dem Putsch im Juli 2016 befördern die politischen Entwicklungen eine innertürkische Fluchtbewegung, wie sie das Land seit der Zypernkrise in den Siebzigern nicht mehr erlebt hat. Es ist der Auszug all jener, die Erdoğans Reformen im eigenen Land entfremdet haben. Die meisten von ihnen kommen aus Istanbul und verfügen über einen Hochschulabschluss.

 

Sie einseitig in der Tradition des Kemalismus oder gar im Milieu der Protestbewegungen zu verorten, würde der Buntheit dieses stillen Exodus nicht gerecht: Was sie verbindet, sind die Angst vor dem autoritären Präsidialstaat und die Resignation über die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens. Insbesondere Familien fürchten die zunehmende Gewalt auf den Straßen oder suchen einen Ausweg, um eine Einschulung ihrer Kinder im »Imam-Hatip«-System noch abzuwenden.

Die Auswanderer verbindet die Resignation über die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens.

Andere haben schlicht genug von der Anspannung in der aus den Fugen brechenden Metropole. Wie die Istanbuler Griechen in den 1960er- und -70er-Jahren überlassen sie den einstigen Schmelztiegel der Kulturen einer immer eintönigeren Islamisierung.

 

Izmir, wo sie sich in ihren demokratischen Überzeugungen noch mehrheitlich unter sich wähnen, gilt als die letzte Hochburg des Laizismus. Es könnte schlechtere Orte geben, um dem politischen und gesellschaftlichen Klima der »neuen Türkei« zu entgehen: Umgeben von Bergkuppen und dichten Wäldern, eingebettet in ein klares Meer und die sauerstoffreiche Luft, erweckt diese träge, freundliche Stadt alle Sehnsüchte Zivilisationsmüder zum Leben.

Der neue Reiz der Provinz
Die Küste hat Yurdagül an ihre alte Heimat erinnert: die Prinzeninseln im Marmarameer. Bis zu ihrer Pensionierung arbeitete sie als Sekretärin an der TU Istanbul. Nun haben sie und ihr Mann Rahmi ein Haus in Urla gekauft und renoviert.Foto: Stefan Pohlit

Mit offenen Armen werden die Neuankömmlinge allerdings nicht empfangen: Die örtliche Schönwettergesellschaft empfindet sie als Eindringlinge, denn angeblich drohen die exzentrischen Ansprüche, die man ihnen zuschreibt, die lang bewahrte Nostalgie auf den Kopf zu stellen. Angesichts steigender Mieten und Grundpreise ist bereits von einer schleichenden »Istanbulisierung« die Rede.

 

Dabei fallen die Auswanderer vom Bosporus als Minderheit kaum auf, und anders als die Syrer kommen sie nicht mit leeren Händen. Sie stärken den Einheimischen in der Verteidigung ihrer Privilegien vielmehr den Rücken. So wurde ein Plan der Großstadtverwaltung, ein beliebtes Naherholungsgebiet zur Bebauung freizugeben, im August 2017 mit Hilfe einer Online-Petition verhindert, ohne dass es zu Gewalt kam.

Der neue Reiz der Provinz
Önder hat Mathematik studiert, danach jedoch wie viele Absolventen keine Arbeit gefunden und sich für eine Beamtenlaufbahn bei der Post entschieden. Vor zwei Jahren haben er und seine Frau sich dann nach Urla versetzen lassen.Foto: Stefan Pohlit

Izmir wächst. Auch der Zustrom ärmerer Menschen aus den anatolischen Provinzen reißt nicht ab. Der Einfluss der Neuankömmlinge aus Istanbul, ihre Intelligenz und ihr Kapital entfalten sich am sichtbarsten in der Nische. Vor allem an Orten, wo die Regierung infolge von Tradition und Landschaftsschutz auf Dauer keinen Fuß in die Tür bekommen wird, wie in Urla im Südwesten der Halbinsel, knapp über 20 Kilometer südwestlich vom Izmirer Stadtzentrum entfernt. Die Alphabetisierungsrate in dieser Kleinstadt gehört von Haus aus zu den höchsten des Landes. Sowohl die Schule des Deutschen Generalkonsulats als auch das Institut für Technologie Izmir haben hier ihren Standort.

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Junge Männer in Syrien und Irak nach dem Islamischen Staat
Kolumne Daniel Gerlach

Neulich habe ich mich gefragt, wie es dem Islamischen Staat (IS) wohl geht. Man mag das aus zwei Gründen kritikwürdig finden: Erstens erweckt es den Eindruck, diese Terrororganisation rufe nostalgische Gefühlsregungen hervor. Wie eine Verflossene, von der man lange nichts gehört hat. Und außerdem sollte jemand, der dafür bezahlt wird, sich mit dem Nahen Osten auskennen, ja immer wissen, wie es dem Islamischen Staat »geht«. Das zählt schließlich zu den drängendsten politischen Themen unserer Zeit.

 

Nun, es ist schlechterdings so, dass man sich in der Branche hin und wieder aus den Augen verliert. Und ich habe eine Entschuldigung: Ich war weit weg, im Westens Mexikos, und hatte mein Smartphone für einige Tage mutwillig deaktiviert. Aber der IS holt einen bekanntlich immer wieder ein, und das ist überhaupt nicht ironisch gemeint.

 

Anlass meiner Frage nach dem Wohlergehen des Restkalifats war das Gespräch mit einem aufgeweckten, 22-jährigen Mexikaner aus La Paz, der Hauptstadt des Bundesstaates Baja California Sur, der mich gute zwei Stunden über Land fuhr und in der Konsole seines Wagens eine auffällige kleine Heiligenstatue liegen hatte. In der Levante sieht man den Heiligen Scharbel Makhlouf, einen Patron der Maroniten, häufig, in Lateinamerika aber nicht. Gedanklich ganz im Nahen Osten angelangt war ich aber spätestens, als mein Fahrer mir ohne Umschweife erzählte, dass man ihm neulich ein Job-Angebot unterbreitet habe: Er könne Sicario werden – Auftragskiller für das in der Region vorherrschende Kartell von Sinaloa.

 

Jemand aus der Szene habe sein Facebook-Profil gesehen, das den Studenten, nennen wir ihn Juan, bei verschiedenen sportlichen Aktivitäten zeigt. Daraufhin ließ man ihm über einen bereits für das Kartell tätigen Kommilitonen eine Nachricht übermitteln: Wer so fit und ehrgeizig wie er sei, dazu noch vertrauenswürdig, könne pro »Einsatz« 5000 Pesos verdienen, umgerechnet etwa 210 Euro. Einen Ehrenkodex gebe es auch: Das Kartell lege Wert auf Regeln, getötet würden nur feindliche Kombattanten. Unschuldige würden verschont.

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Wiederaufbau in Syrien
Jugendlicher Leichtsinn

Von Osten kommend, in die Provinz Aleppo eintauchend, die Ebene durchquerend, die dem Euphrat ein so atemberaubend schönes Bett bietet, staut sich hier das Wasser zu einem See, auf dem Tausende Blässhühner auf Wellen wippen und Fischverkäufer ihren Fang anbieten. Es ist ein nahezu paradiesisches Panorama, das dazu einlädt, mit einem Segelboot zu einer der kleinen Inseln auf dem Euphrat überzusetzen, ein Feuer zu entfachen und sein Lager aufzuschlagen.

 

Ist die Brücke über den Euphrat passiert, führt eine kurvige Straße durch eine Hügelkette, gefolgt von einer Landschaft aus bestellten Feldern. Mitten in dieser friedlich anmutenden Oase liegt Manbidsch. In den quirligen Straßen der Stadt wimmelt es von Händlern, Straßenständen, Geschäften, Werkstätten und Restaurants. Es scheint, als sei die Stadt aus einem Dornröschenschlaf erwacht und wolle etwas nachholen: Zweieinhalb Jahre lang hatte Manbidsch unter der Herrschaft des »Islamischen Staates« (IS) gestanden.

 

Die etwa 300.000 Einwohner bilden eine multikulturelle und -ethnische Gemeinschaft: in der Mehrzahl sunnitische Araber, gefolgt von Kurden, Tscherkessen und Tschetschenen, die hier seit Generationen zusammenleben und seit 2012 drei Systemwechsel miterlebten: Erst hatten lokale Rebellen der »Freien Syrischen Armee« das Assad-Regime entmachtet, dann machte sich der IS breit, der schließlich vom Bündnis der »Demokratischen Kräfte Syriens« (SDF) vertrieben wurde. Und der nächste Machtwechsel steht vor der Tür.

 

Mit US-amerikanischer Unterstützung hatte das kurdisch dominierte SDF-Bündnis im August 2016 den IS in die Flucht gezwungen. Ein Deal zwischen dem damaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden und der Türkei hatte festgelegt, dass Manbidsch nach seiner Befreiung nicht von den Kurden kontrolliert werden dürfe. Somit übernahm der »Militärrat Manbidsch« (MMC), bestehend aus etwa 5.000 Kämpfern verschiedener Ethnien, die Kontrolle über die Stadt und Umgebung. Mittlerweile wirft der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan den damals involvierten kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) vor, einfach ihre Uniformen gewechselt zu haben und unter dem Banner des MMC die Macht in Manbidsch an sichgerissen zu haben.

 

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10 Jahre Unabhängigkeit des Kosovo
Frei Sein wie die Väter

Sie tanzen im Keller. In einem Raum mit gesprungenen Spiegeln und vergitterten Fenstern, durch die wenig Licht fällt. Klaviermusik erfüllt den Saal, der zu klein ist für die zwanzig Tänzerinnen und Tänzer, die sich dehnen, als wären sie aus Gummi, sich drehen wie Kreisel und dabei aufpassen müssen, nicht zusammenzustoßen. Der Spiegelsaal, in dem Kosovos Nationalballett trainiert, ist ein bisschen wie das Land, das es repräsentiert: klein und provisorisch. Ein Land, das zehn Jahre nach der Unabhängigkeit noch immer nicht von allen EU-Mitgliedsländern anerkannt und das von seinem Nachbarn Serbien als
abtrünnige Provinz angesehen wird.

 

Ein Land, dessen Hymne zwar eine Melodie, aber noch immer keinen Text hat, um möglichst neutral zu sein. Ein Land, dessen Bevölkerung als einzige in Europa nicht visafrei in den Schengenraum reisen darf und sich deswegen isoliert und eingesperrt fühlt.

 

Viele Kosovaren träumen davon, einfach so in ein Flugzeug nach Wien, Berlin oder Prag zu steigen. Doch dieses Freiheitsgefühl, das für viele junge Menschen in Europa Normalität ist, bleibt ihnen verwehrt. Wer seine Familie im Ausland besuchen, an einem Festival teilnehmen oder ein Auslandssemester belegen will, der hat einen langen bürokratischen Kampf auszufechten, muss unzählige Dokumente zusammentragen, Kontoauszüge beantragen, sich in lange Schlangen vor den Botschaften einreihen. Ständig begleitet von der Frage: Wird mein Visum rechtzeitig bewilligt? Wird es am Ende abgelehnt? Ausreisen ist im Kosovo keine persönliche Entscheidung, die man mal eben so trifft. Es ist ein Privileg, auf das man monatelang warten muss.

Frei Sein wie die Väter
Der große Saal des kosovarischen Nationaltheaters wirkt schmucklos und renovierungsbedürftig, doch seine Bühne ist die wichtigste des Landes.Foto: Martin Valentin Fuchs

Heute Abend will Teuta Krasniqi, 28 Jahre alt, eine zierliche Frau mit dunklen Haaren und rot geschminkten Lippen, dieses Gefühl der Isolation auf die Bühne bringen. Die Anspannung ist der Ballerina anzusehen. Leicht zusammengekauert sitzt sie auf einer Bank im Spiegelsaal und wirft ihrem Team ab und zu ein Lächeln zu, das ein bisschen gequält wirkt. Krasniqi hofft, dass bei der großen Premiere heute Abend alles glatt laufen wird. Sie ist die erste Frau seit Ende des Krieges, die im Kosovo ein eigenes Ballettstück choreografiert. Der Titel des Stücks gleicht einem politischen Manifest: »No Walls« – keine Mauern.

 

Das Theater, in dem Krasniqi mit ihren Tänzern trainiert, ist ein architektonisches Überbleibsel aus der jugoslawischen Vergangenheit: holzvertäfelte Räume, in denen man rauchen darf, rote Samtsessel und verwinkelte Gänge. Es liegt im Zentrum von Pristina, der jüngsten Hauptstadt Europas. Im Winter steigt in den Seitengassen der Rauch von verheizter Kohle auf – die Luftqualität in Pristina weist zuweilen Belastungswerte auf, die zu den höchsten in Europa zählen und mit jenen in chinesischen Städten vergleichbar sind.

 

Fährt man mit dem Taxi stadtauswärts und lässt das Durcheinander von alten Plattenbauten, tiefhängenden Stromkabeln, Modeboutiquen und Fast-Food-Läden hinter sich, dann sieht man, wie schnell Pristina an den Rändern wächst, weil immer mehr Menschen hierherziehen. Neue Wohnanlagen und Shoppingcenter sprießen aus dem Boden. Durch das Stadtzentrum führt ein Boulevard, flankiert von Restaurants, Buchläden, dem Luxushotel »Swiss Diamond« und – ganz am Ende – dem Theater, in dem Teuta Krasniqi trainiert.

Frei Sein wie die Väter
Teuta Krasniqi steht beim Nationalballett unter Vertrag und darf regelmäßig für Auftritte verreisen. Ihr Gehalt von 300 Euro im Monat ist allerdings so niedrig, dass sie noch immer nicht aus der Stadtwohnung ausgezogen ist.Foto: Martin Valentin Fuchs

Gleich gegenüber steht der Regierungssitz, ein spiegelverglaster Büroturm, der zu Ehren des 10. Unabhängigkeitstages am 17. Februar in eine überdimensionale Fahne in Blau und Gelb gehüllt ist. Damals, vor zehn Jahren, erklärte Kosovo einseitig seine Unabhängigkeit vom Nachbarn Serbien. Feuerwerke explodierten über Pristina, Autokorsos mit der neuen Fahne zogen hupend durch die Straßen. Während die Kosovo-Albaner in der Hauptstadt in einen Freudentaumel fielen, gingen die Kosovo-Serben im Norden des Landes auf die Straße und setzten Grenzübergänge in Flammen.

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Die Revolutionsgarden zwischen Iran, Irak und Syrien
Das Konterfei von Generalmajor Qasem Soleimani in einem Souvenirladen des Kriegsmuseums Teheran. Die Taetigkeit des Kommandanten der Qods-Einheit hatte bis zur Krise 2013 mehr mit nachrichtendienstlicher Koordination und Verhandlungsfuehrung als mit milit

Die iranische Außen- und Regionalpolitik beruht gleichermaßen auf ideologischen und realpolitischen Grundsätzen. Der persisch-schiitische Iran rechtfertigt seine Rolle als Regionalmacht in der sunnitisch-arabisch geprägten Levante mit seinem Engagement für Palästina. Gleichzeitig geht Teheran davon aus, dass die säkularen pro-westlichen Eliten, die in der Regel dem Staat Israel gegenüber pragmatisch eingestellt sind, stürzen werden und islamisch orientierte Regierungen, also Gegner Israels, überall an die Macht kommen werden. Diese werden sich dann dem von Iran und Hizbullah geführten »islamischen Widerstand« gegen Israel anschließen. Daher spielt das Bündnis mit Syrien, das als Frontstaat gegen Israel gilt, eine zentrale Rolle. Allerdings lässt sich das Konzept des »islamischen Widerstandes« in seiner »Widerstandsachse« genannten Ausformung als Bündnis zwischen Iran, Syrien, der libanesischen Hizbullah und palästinensischen Gruppen wie der Hamas auch als gegen Saudi-Arabien gerichtet deuten. Aus Sicht Riads ist der Verlust Iraks als sunnitisch-arabischer Frontstaat gegen Iran eine strategische Katastrophe, die aufgrund der irakischen Demografie nicht mehr rückgängig zu machen ist.

 

Iranische Gesprächspartner wiederum bestätigten dem irakischen Präsidenten Dschalal Talabani bereits 2008, dass sie nichts mehr als eine sunnitische Umzingelung durch die sunnitischen arabischen Staaten, Afghanistan und die Türkei fürchteten. Um dies zu verhindern, müsse das Assad-Regime unbedingt gehalten werden. Syrien musste damit zwangsläufig zum Kriegsschauplatz zwischen Iran und Saudi-Arabien werden. Dieser Antagonismus musste in weiterer Folge auch den Irak involvieren. Das Auftreten des »Islamischen Staates« (IS) 2014 im Irak und in Syrien unterbrach diesen Bogen iranischer Einflussnahme und stellte die gesamte Region vor neue Herausforderungen.

 

Iran verfolgt zwei Hauptziele im Irak: erstens, zu verhindern, dass aus diesem Land noch einmal eine militärische Gefahr für Iran hervorgehen könnte, und zweitens, dass mittelfristig die USA abziehen. Des Weiteren trachten die Iraner danach, die irakische Politik für den eigenen Standpunkt in Syrien zu gewinnen und das Assad-Regime zu stabilisieren, um eine Machtübernahme dschihadistischer Gruppen dort zu verhindern.

 

Eine der anspruchsvollsten Herausforderungen für Teheran besteht seit jeher darin, die Widersprüche der eigenen Ideologie mit den strategischen Realitäten im Irak in Einklang zu bringen. So lehnten die Iraner die Anwesenheit der USA in der Region zwar strikt ab, erlaubten ihrem Schützling, dem »Obersten Islamischen Rat im Irak« (SCIRI), jedoch seit den frühen 1990er Jahren, am vom Westen unterstützten Irakischen Nationalkongress (INC) teilzunehmen. Nach dem Sturz des Saddam-Regimes hatte Teheran an einem demokratischen Übergang im Irak großes Interesse, weil man damit rechnen konnte, dass schiitische Gruppen das Parlament dominieren würden. Dasselbe traf für den früheren militärischen Arm des SCIRI zu, die Badr-Brigaden, die mittlerweile als separate Partei und Miliz auftreten und nie offiziell gegen die amerikanischen Truppen im Irak vorgingen.

 

Damit waren zwei wichtige Elemente im politischen Prozess sowie im Sicherheitsapparat des Nachbarlandes installiert, die Zugang zur höchsten Führung in Iran hatten und mit Teheran ideologisch weitgehend übereinstimmten. Dennoch war den Iranern von Anfang an klar, dass das irakische Verständnis für Iran natürliche Grenzen hat und die Iraker letztendlich entsprechend ihren eigenen nationalen Interessen handeln würden. Irans Fähigkeit, im Windschatten der amerikanischen Invasion Iraks Vertrauensleute in allen relevanten Institutionen des Landes unterzubringen, ist für sich alleine genommen ein beeindruckender politischer Schachzug. Doch der iranische Einfluss erstreckt sich auch auf Sondergruppen, die während der US-Besatzung eine offen anti-amerikanische Agenda vertraten und auch militärisch Druck auf die USA ausübten. Mit großer Berechtigung warfen die USA daher Teheran vor, eine zweigleisige Politik zu fahren. Aus amerikanischer Sicht stand hinter allen gegen die Koalitionskräfte gerichteten Gewaltaktionen schiitischer Splittergruppen die Qods-Einheit der Revolutionsgarden unter Generalmajor Qasim Soleimani.

 

Der erste sichere Beleg über die Qods-Einheit stammt aus dem Jahr 1984, über ihre damalige Truppengliederung und ihr exaktes Einsatzgebiet ist nicht viel bekannt. Auszuschließen ist jedoch, dass die Qods-Einheit eine Rolle bei der Gründung der libanesischen Hizbullah gespielt hätten, denn deren Aufstellung war 1982 schon weitgehend abgeschlossen und wurde von einer anderen Gruppe der Revolutionsgarden betrieben.

 

Syrien musste zwangsläufig zum Kriegsschauplatz zwischen Iran und Saudi-Arabien werden. Dieser Antagonismus musste in weiterer Folge auch den Irak involvieren

 

Die Qods-Einheit erlangte rasch einen relativ hohen Bekanntheitsgrad und wurde von prominenten iranischen Generälen kommandiert wie dem momentanen Kommandanten der Revolutionsgarden, Mohammad Dschafari, ein Kermaner Landsmann Soleimanis und wie er ehemals Kommandant der 41. Panzer-Division, oder Ahmad Vahidi, Verteidigungsminister unter Mahmud Ahmadinedschad. Die Qods-Einheit ist zwar Teil der Revolutionsgarden, das betrifft aber in erster Linie die organisatorische Zugehörigkeit, auf hierarchischer Ebene berichtet sie unmittelbar dem Büro des Revolutionsführers und ist somit ein direktes Führungsinstrument. 2009 wurde die Qods-Einheit zur eigenen Teilstreitkraft der Revolutionsgarden erhoben.

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