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Arabische Klassik im Libanon
Grammophon

Ein gut besuchter, schlicht gehaltener Klub im Industriegelände Beiruts. Im Inneren hievt ein träger Lastenaufzug nach und nach größere Gruppen junger Menschen in die von Stahlträgern gestützte Halle der »Grand Factory« mit Blick auf Beiruts nächtlichen Hafen. In einer Ecke führt ein unauffälliger Gang in einen weiteren, kleineren Raum. Auf der Bühne stehen drei junge Musiker Anfang 20, mehrere Dutzend Zuhörer tanzen davor. Die Luft steht, der Schweiß rinnt: eine Szene, die sich genauso in Berlin abspielen könnte, würden sich draußen nicht die chaotischen Straßen der libanesischen Hauptstadt winden und drinnen eine Vielzahl klassischer arabischer Musikinstrumente ertönen.

 

Mithilfe der Rohrflöte Nay, der Kurzhalslaute Oud und der Kastenzither Kanun, ergänzt durch ein modernes Mischpult und mehrere Verstärker, erzeugen die jungen Männer von Tarabeat einen Klangmix, der die Zuhörer nachhaltig zu beeindrucken scheint. Immer freier bewegen sie sich zu der Musik, lachen, tuscheln, tanzen. Was keiner im Publikum ahnt: Hinter der ungewöhnlichen Mischung aus elektronischen und klassischen arabischen Elementen steht mehr als ein musikalisches Experiment.

 

Arabische Klassik im Libanon
Die Musiker brauchen keine Noten, sie einigen sich auf eins der verschiedenen Makamat der arabischen MusikFoto: Jad Bechara Jad Bechara

 

Mit dem neuartigen Einsatz der traditionellen Musik betreiben die jungen Künstler kulturelle Aufklärung. Sie wollen eine Alternative zur Pop- und Volksmusik bieten, die der Großteil der Libanesen als repräsentativ für die eigene Musikkultur hält – ein Phänomen, das sich in vielen arabischen Ländern beobachten lässt. Was der arabischen Musikkultur wirklich zugrunde liegt, ist den meisten weitestgehend unbekannt: eine umfangreiche Tradition der Klassik, die in vorislamischen Zeiten entstand. Nicht viele Libanesen wissen um diese vergessenen Lieder und sind dementsprechend erstaunt, wenn sie in einem Beiruter Klub zufällig auf deren ungewohnte und doch entfernt vertraute Klangelemente stoßen.

 

Kamil Feghali hat es genau auf diesen Effekt angelegt. Er ist einer der drei jungen Männer von Tarabeat, die die klassischen Klänge so ungewohnt in ihre elektronische Musik integrieren. »Wir kreieren modernen Sound, der aber die Kultur und Theorie der klassischen arabischen Musik respektiert«, sagt er. Mit Leichtigkeit wechselt Feghali zwischen dem Mischpult und der arabischen Flöte Nay, die beim Spielen in seinem dunklen Vollbart versinkt. »Für mich spiegelt klassische arabische Musik die Großartigkeit und das Potenzial der arabischen Kultur wider«, sagt er.

 

Während die klassische Musik heute großen Raum in seinem Leben einnimmt, spielte sie noch vor einigen Jahren keine Rolle für ihn. Wie viele libanesische Christen verschuldeten sich seine Eltern, um ihren Sohn auf eine französische Privatschule zu schicken. Auf das Erlernen von Hocharabisch wurde dort wenig Wert gelegt, umso mehr dafür auf die ehemalige Mandatssprache Französisch. »Arabische Kultur hatte damals etwas Vulgäres für mich«, erinnert er sich. Erst als Feghali gegen den Willen seiner Familie Film statt Wirtschaft studierte, traf er an der Universität in Beirut Menschen, die anders dachten – und glaubten. Nach wenigen Wochen lernte er nicht nur neue Ansichten zur arabischen Kultur und Politik, sondern auch seine ersten muslimischen Freunde kennen.

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Artenschutz in der Türkei
Artenschutz in der Türkei

»Wie die jetzt da drüben absahnen«: Teppichhändler Necati hat mir das Prinzip verraten – damals, vor seinem traditionsreichen Geschäft auf der Basar-Straße von Büyükada, das er mittlerweile an einen Schnellimbiss verpachtet. »Du klapperst mit dem Auto die Vororte ab, suchst Dir die billigsten Parzellen aus und wartest ab. An dem Tag, wenn Du die Moschee vor lauter Hochhäusern nicht mehr siehst, verkaufst Du und bist reich!«

 

Mit den Gebetshäusern kommen die Spekulanten, und Necati schimpft: Auch auf Büyükada, schräg hinter seinem ehemaligen Teppichhandel, baut die Großstadtverwaltung eine Moschee. Gegenüber, in drei bis fünf Seemeilen Entfernung, schwappt die unendliche Stadt unaufhaltsam über ihre Grenzen. In Bostancı, Maltepe und Kartal – ehemals idyllische Küstendörfer – sind die Quadratmeterpreise jahrelang proportional zu den Etagen in den Himmel geschossen.

 

Nicht von ungefähr haben sich 2013 die Gezi-Unruhen am Fällen von Bäumen entzündet: Auf dem Festland greift der Goldregen aus Draht und Zement längst auf die Naturschutzgebiete über – im Westen auf den Belgrad-Wald, im Osten auf das Polonezköy – und verewigt sich an der Schwarzmeerküste in einer dritten Brücke, in einem dritten Flughafen mit drastischen Rodungen.

 

Auf den Adalar, dem beschaulichen, vom Motorverkehr verschonten Archipel vor dem asiatischen Festland, wähnte man sich vor Veränderungen bis vor kurzem sicher. Im März 2007 wurde über Gemeinde-Bürgermeister Coşkun Özden der »Adalar Koruma Amaçlı Imar Planı« vorgelegt – ein Entwurf, um die letzte grüne Lunge der Metropole zu schützen. Seine einstimmige Ablehnung am 30. November 2017 begründete das 8. Istanbuler Gericht mit dem Bevölkerungswachstum und dem Mangel an freien Flächen.

 

Henry Bulwer hinterließ orientalisierte Gebäude, ein Schlösschen im altenglischen Stil vor dem Schiffsanleger und einen Versorgungstrakt mit Küche, Brunnen, Wasserspeichern und osmanischem Hamam. Seine legendären Orgien gehörten bis 1865 zum Stadtgespräch der Société.

 

Damit wurde der bisher geltende Sonderstatus (birinci derece sit statüsü, von franz. »site: – Gelände«) um ein bis zwei Grade herabgestuft. Insbesondere dem Nizam-Viertel, Standort der bedeutendsten historischen Villen am Westufer Büyükadas, droht, bei Verfünffachung der Einwohnerzahlen, die Umwandlung in einen »Erholungs- und Vergnügungspark«, so die Architektenkammer. Die Entscheidung ruft vielen den Bauboom der 1970er Jahre ins Gedächtnis. Sie war zu erwarten, schließlich ist Recep Tayyıp Erdoğan dem Urteilsspruch mit einem prestigeträchtigen Projekt zuvorgekommen, das er auf Grund politischer Ressentiments zur Chefsache erklärt hat.

 

Zusammengefasst unter der Bezeichnung »hayırsız – nutzlos« – Zwillinge im Süden hinter der dem Bosporus am nächsten gelegenen Insel Kınalı –, schlummerten die beiden Landflecken Yassı- und Sivriada lange unberührt vor sich hin. Yassı heißt auf Türkisch »flach«, sivri »spitz«; beide Namen abgeleitet aus dem Griechischen Πλάτη/Pláti und Οξειά/Oxiá. Allenfalls Fischer quartierten sich hier während des sommerlichen Fangverbots mit aufblasbaren Lachsfarmen ein.

 

Artenschutz in der Türkei
Die Überreste des Bulwer-Schlosses auf der Insel Yassıada: Bis 2015 konnte jeder, der ein Boot besaß, dieses wilde, von Kakteen, Feigenbäumen und Mittagsblumen überwucherte Freilichtmuseum auf eigenes Risiko begehen.Foto: Stefan Pohlit

 

Bis 2015 konnte jeder, der ein Boot besaß, dieses wilde, von Kakteen, Feigenbäumen und Mittagsblumen überwucherte Freilichtmuseum auf eigenes Risiko begehen. Den Byzantinern dienten die Inseln als Verbannungsorte für prominente Gefangene. Auf dem sanften Hügel der »Flachen« stiftete im 9. Jahrhundert Patriarch Ignatios I. ein Kloster und eine »Kirche der Gottgebärerin«, deren Ruinen noch 1821 der anglikanische Priester Robert Walsh beschrieb.

 

1857 verkaufte der Sultan Yassıada an den Diplomaten Henry Bulwer – Bruder jenes Edward Bulwer-Lytton, auf dessen Roman »Rienzi« Richard Wagner die gleichnamige Oper komponiert hat. Henry, ein moderner Prospero, hinterließ mehrere orientalisierte Gebäude, ein Schlösschen im altenglischen Stil vor dem Schiffsanleger und einen Versorgungstrakt mit Küche, Brunnen, Wasserspeichern und osmanischem Hamam. Seine legendären Orgien gehörten bis 1865 zum Stadtgespräch der Société.

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Syriens Zukunft
Sewer Homs

Der Krieg in Syrien ist noch nicht vorbei, dennoch zeichnet sich langsam ab, wie das Land in Zukunft beschaffen sein wird.

 

Alte Rechnungen

 

Der »Islamische Staat« (IS) wird auch kommenden Generationen in Syrien keine Ruhe lassen. Autoritäre Regime – nicht nur das syrische – werden den schnellen Aufstieg und die brutale Herrschaft der Dschihadisten als Vorwand heranziehen, um jegliche politische Opposition zu zerschlagen. Dennoch ist der IS weit mehr als ein Schreckgespenst. Die verstreuten Kämpfer, die bis zuletzt ums Kalifat gekämpft, die Niederlage überlebt und sich für ein Leben im Untergrund entschieden haben, werden über Jahre immer wieder mit Anschlägen auf sich aufmerksam machen, versuchen, aus strategischen Fehlern zu lernen, sich neu aufstellen – und auf ihre nächste Chance warten.

 

Aber wie werden die Syrer zu ihren Mitbürgern stehen, die sich dem IS angeschlossen und die eigenen Landsleute terrorisiert haben? Insbesondere in den einstigen IS-Hochburgen im Norden werden diejenigen Kämpfer, die sich wieder in ein ziviles Leben integrieren wollen, mit den Folgen der Dschihadisten-Herrschaft auseinandersetzen müssen. Ob Mitläufer oder Zwangsrekrutierte, die Wut der Opfer und Hinterbliebenen wird sich Bahn brechen.

 


Staat-Ziel

 

Einen unabhängigen, international anerkannten Kurden-Staat in Syrien wird es nicht geben – und doch werden die syrischen Kurden einen eigenen Staat bekommen. Wie geht denn das?

 

Die Antwort: eine Art Bundesstaat, denn damit haben Russland und die USA grundsätzlich kein Problem. Und selbst Assads Außenminister Walid Al-Muallem bezeichnete den Status der Gebiete im Norden als »Verhandlungssache«. Und das nicht nur mit den Groß- und Regionalmächten sowie dem Regime: Denn die Kurden werden sich ihren Bundesstaat mit anderen Minderheit wie Arabern und Assyrern teilen müssen.

 

Für die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG) und ihre Alliierten in den Demokratischen Kräften Syriens (SDF) brächte das zwar neue Kompetenzen als reguläre Polizei- und Sicherheitskräfte, aber auch Verantwortung. Ein ähnliches Loyalitätsdilemma zwischen Partei und Bürger beschäftigt bis heute die Autonomieregion im Irak.

 


Die Nusra-Front ist Geschichte

 

Die andere Dschihadisten-Armee von Bedeutung hat sich im Nordwesten Syriens eigenistet: Die Nusra-Front hat sich unter der Zivilbevölkerung keine Freunde gemacht, und auch die anderen Milizen, die sie in den vergangenen Jahren in Allianzen gezwungen hat, werden ihr keine Träne nachweinen, wenn sie von den Kampffliegern der US-geführten Koalition und russischen Bombern in die Zange genommen wird.

 

Die Nusra-Front ist das Ass der Türkei in der Region. Aber sobald Ankara eine geeignete Abmachung mit Russland trifft, hat der Al-Qaida-Ableger in Syrien kaum eine Chance, sich in Syrien zu halten – daran werden auch weitere Namensänderungen und Verhandlungsbereitschaft nichts ändern. Das Machtvakuum im Nordwesten füllen wird die oppositionelle Milizenallianz Ahrar Al-Scham, der zweitwichtigste Handlanger der Türkei.

 


Freunde auf Zeit

 

Russland und Iran haben für den Krieg in Syrien tief in die Tasche gegriffen und machen keinen Hehl daraus, nun Pfründe einzuheimsen und ihr Revier zu markieren. Für den Moment stehen beide Länder auf derselben Seite. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich in die Quere kommen. Teheran könnte solch eine Konfrontation schon bald bereuen.

 

Wenn es um wirtschaftliche Vorteile, wie etwa Deals für staatseigene Unternehmen, geht, wird sich Moskau von Iran nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Zudem hat Russland als Großmacht einen viel weiteren Interessenhorizont und ordnet die Beziehungen zu Teheran diesem Kalkül unter. Russlands Position im Atomkonflikt kann sich daher auch von der in Syrien unterscheiden – zumal Moskau seinen Einfluss in Syrien durchaus als Faustpfand sieht, um die Beziehungen zum Westen zu verbessern.

 


Das geringste Übel

 

Niemand mag ihn sonderlich leiden, aber er geht als Gewinner aus dem Krieg in Syrien hervor. Baschar Al-Assad hat es geschafft, sich an der Macht zu halten, weil er Feinde wie Freunde vom selben Argument überzeugt hat: Ihr findet keinen anderen, der mich ersetzen kann – oder zumindest könnt ihr euch auf niemanden einigen.

 

Diese Linie konnte Assad während des Krieges fahren, eine sichere Bank für die Zukunft seiner Person und seines Clans an der Spitze des Staates ist das aber nicht. Russland lehnt aus Prinzip einen – vom Westen vorangetriebenen – Regimewechsel von außen ab, würde aber einem Palastcoup nicht im Wege stehen, sollte sich ein fähiger Sachwalter russischer Interessen finden, der weniger polarisiert als Assad.

 

Bislang haben die Großmächte in diesem Krieg keinen Nachfolger für den derzeitigen Präsidenten gefunden. Und Iran braucht Assad, um die Investitionen in Syrien zu sichern, denn momentan können sie sich dafür auf niemand anderen verlassen.

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Tourismus in Iran
Tourismus in Iran

Als deutscher Tourist, der nach Iran aufbricht, erntet man meist ungläubige Blicke, die zwischen Unverständnis und Bewunderung schwanken. Während vor der Islamischen Revolution 1979 internationale Touristen Iran scheinbar überrannten, mutet eine Reise nach Iran noch heute wie ein wagemutiges Unterfangen an. Tatsächlich erzählen die Zahlen eine andere Geschichte. Vor der Revolution kamen im Jahr 1977 etwa 700.000 internationale Touristen nach Iran. Nach einem Tiefpunkt während der Revolutions- und Kriegsjahre überschritt Iran schon 1997, mit der Wahl des Hoffnungsträgers Mohammed Khatami zum Präsidenten, wieder die Marke von 750.000 internationalen Besuchern.

 

Und dieser Trend setzte sich fort – mit einer leichten Abschwächung zu Beginn der Amtsperiode von Mahmud Ahmadinedschad. Selbst in den härtesten Sanktionsjahren 2011/12 stieg die Anzahl der ausländischen Touristen von 3,3 auf 4 Millionen. Das heißt, dass Iran heute deutlich mehr Touristen aufnimmt als unter den besten Jahren der Pahlavi-Herrschaft. Dennoch brauchte das Image Irans das Atomabkommen mit den 5+1-Maechten, um von der internationalen Staatengemeinschaft vom »Schurkenstaat« zu einer der »Top-Destinationen« im Jahr 2016 aufzusteigen. Eine Bezeichnung, die im letzten Jahr zahlreiche Reisemagazine, Zeitungen und Nachrichtenagenturen aufgriffen.

 

Aktuell trägt der Tourismussektor etwa sieben Prozent zum Bruttosozialprodukt des Landes bei, was unter Entwicklungsländern ein relativ guter Wert ist, doch im Falle Irans noch deutlich Potenzial bereithält. Und der Ausbau des Tourismussektors ist auch das offizielle Ziel Irans, um die Wirtschaft weiter zu diversifizieren und das Land zu einer modernen, islamischen und in die Welt eingebundenen Nation zu entwickeln. Die Grundlage dafür legt der 20-Jahre-Entwicklungsplan, den Revolutionsführer Ali Khamenei 2005 absegnete. Die für den Tourismus daraus abgeleiteten Ziele visieren 20 Millionen Touristen für das Jahr 2025 an – eine kaum machbare Zielmarke für die Islamische Republik Iran. Während die Regierung unter Ahmadinedschad nur wenige effektive Schritte zum Erreichen dieser Vision im Tourismusbereich einleitete und mit ihrer provokativen Außenpolitik zumindest in Europa für schockierende Schlagzeilen sorgte, griff Präsident Hassan Ruhani 2013 einige brachliegende Maßnahmen aktiv auf und ebnete mit dem Atomabkommen den Weg für neue Impulse.

 

Internationale Hotelketten schlossen Bauverträge, bekannte Autovermietungen öffneten Filialen in Iran, und der Ausbau von Zugverbindungen zwischen den großen Städten Irans beschleunigte sich. Auch einen der schwierigsten Flaschenhälse aller internationalen Aktivitäten in Iran ging die Regierung an, indem sie eine alte Initiative aus der Khatami-Ära unterstützte: Die damals gegründete »Tourismus-Bank« begann erneut, ihre speziellen Touristen-EC-Karte anzubieten. Damit können ausländische Besucher Bargeld, das sie wegen der Sanktionen gezwungenermaßen mit sich tragen, auf ein temporäres Konto in Iran einlagern und während ihres Aufenthalts wie gewohnt mit Karte zahlen. Dieses Modell hatte allerdings bis vor Kurzem noch einen Haken: Der Umtausch der Devisen war an den offiziellen Kurs des Iranischen Rials gebunden. Da dieser deutlich vom realen Wechselkurs abweicht, bedeutete die Karte einen enormen Wertverlust und war somit höchst unattraktiv. Seit Juni 2017 bietet allerdings eine andere Bank den selben Service an und wechselt laut eigenen Angaben nach dem Realwert.

Tourismus in Iran
»Si-o-se Pol«, die »33- Bogen-Brücke«, gehört zu den markantesten Wahrzeichen und beliebtesten Sehenswürdigkeiten Isfahans. Foto: Sören Faika

 

Ein weiterer Indikator für die höhere Priorität des Tourismus: Iran bringt seine Sehenswürdigkeiten in Schuss. Obwohl das Kabinett Ahmadinedschad über so viel Budget wie keine iranische Regierung zuvor verfügte, reichte es nicht für die Instandhaltung von Kulturstätten. Seit Ruhanis Amtsantritt begannen daher Baumaßnahmen und längst überfällige Restaurationsarbeiten – zumindest an den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Irans wie Persepolis bei Schiraz oder dem zentralen Platz in Isfahan. Im Umkehrschluss heißt das allerdings auch, dass Iran sehr viele Orte und Plätze noch entwickeln muss, um tatsächlich eine große Anzahl an Touristen bedienen zu können. Nicht alle geplanten 20 Millionen Touristen können sich bei Persepolis treffen.

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Assad, Putin, Deutschland und die Geheimdienste
Kolumne Daniel Gerlach

Neulich saß ich mit einem syrischen Freund zusammen, dem nichts Menschliches fremd ist. Wir sprachen über kriminelle arabische Großfamilien, was in diesem Sommer ja ein großes Thema in der Hauptstadt war. Polizisten klagen, dass die Araber respektlos seien, die wiederum fühlen sich bei dieser zartfühlenden Behandlung durch die Behörden nicht einmal als Kriminelle ernst genommen.

 

Mein syrischer Freund scherzte, dass man vielleicht mal über eine deutsch-syrische Justizkooperation nachdenken könne: kultursensible Verhörmethoden, die arabischen Gewohnheiten entsprächen. Vielleicht werde es schon reichen, wenn bei der Vernehmung zukünftig ein syrischer Verbindungsbeamter in der Ecke sitzt, um die verdächtigen Clan-Mitglieder leutselig zu machen.

 

Nun gehören sich Späße über die Folter durch die syrischen Geheimdienste eigentlich nicht. Zehntausende sind in den Gefängnissen und Verhörzentren des Regimes verschwunden. Erstickt, verhungert oder hingerichtet. Viele Syrer, auch in Deutschland, haben Verwandte verloren oder gar selbst Bekanntschaft mit der institutionellen Brutalität syrischer Geheimdienstler gemacht.

 

Der Humor schert sich allerdings nicht darum, was sich gehört und was nicht. Und ich bin mir nicht ganz sicher, ob er damit alleine ist: Ist es tatsächlich so unvorstellbar, dass europäische Staaten in naher oder ferner Zukunft wieder mit dem Sicherheitsapparat dieses Regimes kooperieren? Im Kampf gegen den Terrorismus oder die organisierte Kriminalität?

 

Wie lange kennen wir uns jetzt schon?

 

Die Bekämpfung von Al-Qaida und anderer dschihadistischer Netzwerke stand im Mittelpunkt der Beziehungen zum syrischen Regime und seinen Geheimdiensten, besonders während des Jahrzehnts zwischen 9/11 und dem Arabischen Frühling, 2001-2011. Die Syrer empfahlen sich nicht nur als nachdrückliche Verhör-Experten. Sie wussten auch so schon eine Menge, denn sie waren in der Lage, dschihadistische Netzwerke selbst zu formen und führen. Die Verhältnisse waren zwar andere, dennoch musste das Prinzip so manchem Beamten beim Verfassungsschutz vertraut vorkommen: Untergrundarmeen, die nicht von V-Leuten infiltriert waren, sondern die fast ausschließlich aus V-Leuten bestanden.

 

Der Aufstand und seine brutale Niederschlagung haben die Beziehungen zerrüttet, aber nie vollends abbrechen lassen. Und Damaskus käme, wie zu vernehmen ist, gerne wieder zügig ins Geschäft. Als Gesprächsthemen bieten sich deutsche Staatsbürger an, die man beim IS oder aber bei den Kurden aufgegriffen hat.

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Wahlen und Gremien in Iran
Wahlen in Iran

Obwohl Irans Machthaber die von ihnen geschaffene politische Ordnung klar vom offenen Wettbewerb in liberalen Demokratien abgrenzen, erleben Wahlen in der Regel eine hohe Beteiligung – 77,3 Prozent etwa bei den Präsidentschaftswahlen im Mai 2017. Es entzünden sich an ihnen aber auch immer wieder Fragen über den Einfluss von Wahlprozessen auf die politische Ausrichtung Irans. Dies ist vor allem auf die komplexe Interaktion zwischen den Wächterorganen des Systems und den vom Volk gewählten Institutionen zurückzuführen.

 

Die erste Wahl zu einem Abgeordnetenhaus in Iran erfolgte im Rahmen der konstitutionellen Revolution bereits im Jahr 1906. Seitdem sind Wahlen Teil der parlamentarischen Tradition des Landes. Im verfassungsgebenden Prozess nach der Islamischen Revolution von 1979 konnten sich einst die Islamisten unter der Führung Ayatollah Ruhollah Khomeinis gegen ihre säkularen und liberal-islamischen Ko-Revolutionäre schlussendlich durchsetzen.

 

So wurde das von Khomeini ausgearbeitete Modell der Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten (velayat-e faqih) als über den gewählten Staatsorganen stehend im neuen System verankert. Kern dieses Herrschaftsmodells ist, dass in Erwartung auf den verheißenen Erlöser der Schiiten, den im Verborgenen weilenden Imam Mahdi, die zentrale politische Gewalt von Gott ausgeht. Dem Einfluss liberalerer Stimmen zu Beginn des Prozesses ist es jedoch geschuldet, dass das Endergebnis letztendlich einen Kompromiss in Form einer Wächterrepublik darstellt. Der Revolutionsführer als Staatsoberhaupt und weitere nicht gewählte Staatsorgane unter seiner Kontrolle bestimmen die allgemeinen Richtlinien der Politik und setzen dem politischen Wettbewerb festgelegte Grenzen. Diese Organe sind von Geistlichen dominiert oder diesen exklusiv vorbehalten.

 

Obwohl die Islamische Republik beide Konzepte in Einklang bringen will, stehen sich Gottes- und Volkssouveränität gegenüber

 

Eine Anfechtung der politischen Ordnung über einen Marsch durch die Institutionen kann dadurch unterbunden werden. Das Maß an politischer Inklusion wird somit begrenzt und der Status quo des Systems als wichtigste Errungenschaft der Revolution zementiert. Damit verbunden ist aber auch die Kontinuität der politischen Elite, die ihren Aufstieg einst im Zuge der Revolution begründet hat. So stützt sich das politische Gebilde in seiner Konstruktion auf das Prinzip einer dualen Souveränität. Daraus ergibt sich aber seither ein Spannungsverhältnis, bei dem sich Gottes und Volkssouveränität trotz des Anspruchs der Vereinbarkeit beider Konzepte gegenüberstehen.

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Trump, Iran und das Militär in der arabischen Welt
Kolumne Daniel Gerlach

Mit der Nato steht Donald Trump irgendwie auf Kriegsfuß, wobei Beobachter vermuten, dass es hauptsächlich um das Eine gehe. Der US-Präsident wünsche sich Bündnispartner, die das Portemonnaie mindestens genauso locker sitzen haben wie das Messer. Und denen gegenüber die USA zwar Lieferaufträge, aber keine Bündnispflichten zu erfüllen haben. Eine arabische Militärallianz soll her, eine »Middle East Security Alliance«.

 

Das Akronym MESA ist ein wenig unfreiwillig komisch. Es steht bereits – unter anderem –für die »Middle East Studies Association«, einen in Trump-Kreisen als links und pro-palästinensisch verschrienen Berufsverband amerikanischer Nahostforscher. Und es klingt bereits ein bisschen nach Mesalliance.

 

So nannte man in adligen und großbürgerlichen Kreisen eine Heirat, der aufgrund eines hohen Statusunterschiedes zwischen den Eheleuten wenig Aussicht auf Erfolg beschieden war. Das wird nichts, die beiden passen nicht zusammen!

 

Verschiedene amerikanische Medien haben in den vergangenen Wochen berichtet, dass der – bereits vor einem Jahr noch als eher fixe Idee in Umlauf gebrachte – Plan nun bald Gestalt annehmen soll: Schon im Oktober will Washington mit potenziellen arabischen Interessenten Butter bei die Fische machen.

 

Manche Skeptiker vermuten, auch hier sei wieder nur der Mammon Vater des Gedankens. Trump wolle Saudi-Arabien und andere, die es sich leisten können, mit Kampflugzeugen, Panzern, Raketen und Sperranlagen zusch(m)eißen, bis sie die Sonne nicht mehr sehen. Wohler Meinende vermuten, die Amerikaner wollten der arabischen Welt die Illusion verkaufen, dass sie die Politik im Nahen Osten weiterhin gestalten – bei möglichst geringen Opportunitätskosten.

 

Nun sind die Prioritäten der Trump-Administration im Nahen Osten hinlänglich bekannt. Erstens: Die Organisation »Islamischer Staat« vernichten, oder besser gesagt das, was amerikanische Diplomaten mitunter als das »physisch existente Kalifat« bezeichnen. Zweitens: Iran und iranischen Einfluss zurückdrängen – wohin, wieweit und mit welchen Mitteln wird man dabei noch sehen.

 

Drittens: Israel als jüdischem Staat maximalen Handlungsspielraum geben, um seine Sicherheits- und Territorialinteressen schnell und vollumfänglich durchzusetzen. Eine MESA sollte, so zumindest wünscht es sich die Trump-Regierung, aktiv bei der Verwirklichung eines oder mehrerer dieser drei Projekte helfen. Zumindest aber soll sie keinem davon im Wege stehen.

 

Darüber hinaus fragt man sich allerdings: Wie wäre eine »arabische Nato« innerlich verfasst? Und gegen wen könnte sie sich – jetzt, aber auch in Zukunft – richten?

 

Arabische Solidarität: Man hilft sich, wo man eben kann

 

Geht man davon aus, dass sich die MESA um Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten gruppiert und eventuell Jordanien und Marokko dazukämen, kann man von einer schlagkräftigen militärischen Allianz sprechen. Diese Staaten könnten einen gemeinsamen Rat und einen Militärausschuss gründen. Sie würden gemeinsame Ausbildungsprogramme, Qualitätsstandards und Codes entwickeln. Und – für etwaige Auslandseinsätze oder den Bündnisfall – ein gemeinsames Kommando.

 

Wie im Fall der Nato müsste man davon ausgehen, dass irgendjemand früher oder später den Rat der Mitgliedsstaaten dominiert: Saudi-Arabien etwa oder die Emirate würden das versuchen und womöglich mit Ägypten, das die zahlenmäßig größte arabische Armee stellt, in Konkurrenz geraten. Ob man sicherheitspolitische Fragen dann in der großen Runde klärt oder für sich allein, hinge von einer jeweiligen Kosten- und Nutzenrechnung ab.

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Muslimisches Kulturerbe in Deutschland
»Türkenlouis’ neue Kleider«

»Wenn ihm das neue Kleid gefällt, dann bin ich Wilhelm Christian. Wenn nicht, wird aus mir wieder der Türke Abdülkadir«, murmelt der Mannheimer Schneider leise vor sich hin und wartet ungeduldig, bis sein anspruchsvoller Kunde aus dem Ankleidezimmer zurückkommt. Zugegeben, so steht die Szene nicht im Skript des Theaterstücks »Türkenlouis’ neue Kleider«, das im Mai in der Kurpfalzmetropole Premiere feierte.

 

Nach dem Getöse um Mesut Özil fügt sie Hasan Özdemir, aus dessen Feder das neue Stück stammt, ja vielleicht noch nachträglich ein. Darin verknüpft der Lyriker Fiktion und Wirklichkeit rund um Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655-1707) – schon seinerzeit Türkenlouis genannt – und einem am Hofe des Mannheimer Schlosses lebenden Schneider aus dem osmanischen Bursa.

 

In Zeiten, in denen sich viele Menschen in West- und Zentraleuropa vor der »Islamisierung des Abendlandes« fürchteten, also im Verlauf der »Türkenkriege« des 16.-18. Jahrhunderts gegen das Osmanische Reich – die »besorgten Bürger« von Elbflorenz kommen erst später in diesem Text vor –, schleppten die erfolgreichen Fürsten und Könige allerlei Rüstungen und Dolche als Kriegsbeute zurück mit an die heimischen Höfe. »Alles Trophäen und Ausdruck eines maskulinen militärischen Gehabes, das zeigen sollte, wie toll man ist«, sagt Stephan Theilig. Der Historiker forscht seit Jahren zu muslimischen Lebenswelten in Brandenburg-Preußen.

 

Noch heute zeugt das Inventar der Waffenkammern von Paris bis Hochosterwitz von jenen Tagen. In vielen Schlössern und Burgen sind, so wie in Mannheim, bei genauer Betrachtung Schnauzbärte und Krummsäbel im Stuck zu erkennen. Doch nicht nur in Stein und Stahl gehauene Prunk-und Prahlstücke fanden so ihren Weg zu uns.

 

Hunderte, vielleicht tausende Bewohner des Osmanischen Reiches, »Beutetürken« genannt, wurden in Folge der Kriege ins heutige Deutschland verschleppt. Auch viele Kinder waren darunter. Als spätere Diener oder Mätressen erinnerten sie ihre Herren so auch weiterhin an die glorreichen Schlachten in Mittel- und Osteuropa. Hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Bewunderung, fanden Fürsten wie Ludwig Wilhelm von Baden-Baden auch an der Kleidung und Musik ihrer »Kammertürken« Gefallen.

 

Osmanischer Esprit im Flecken Streusand

 

Die genaue Anzahl dieser meist muslimischen »Türken« – was den ethnischen Hintergrund anbetrifft, verallgemeinerte man schon damals gerne – ist nicht bekannt. Denn sobald aus Abdülksadir in Folge von Zwangstaufen erst einmal Wilhelm Christian geworden war, lässt sich die Spur der frühen muslimisch-deutschen Geschichte nur noch schwer verfolgen: Sie fallen nicht mehr auf. Zu gut »integriert«, würden einige Scharfmacher auf Twitter heute posten.

 

Trotzdem hat Stephan Theilig 340 Biografien osmanischer Kriegsgefangener aus jener Zeit dank akribischer Recherche zusammengetragen. Gesammelt hat er sie in seinem neuen Werk, das er im Herbst auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen wird. Die Schicksale der Beutetürken verlaufen dabei ganz unterschiedlich. Wie der fiktive Schneider in Özdemirs »Türkenlouis«-Stück, stiegen einige von ihnen als Kammertürken gesellschaftlich auf.

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Anschläge im Irak
Versuchslabor zur Aufstandsbekämpfung

Lassen Sie uns über den Krieg gegen den Terror reden. Nicht als politisches Konzept oder Schlachtruf liberaler Demokratien und ihrer meist autokratischen Verbündeten, nicht über den Sinn oder Unsinn des Konzeptes. Lassen Sie uns über die Praxis reden; über das Kämpfen gegen den Terrorismus an dem Ort, der so stark wie keine andere Metropolregion weltweit in den vergangenen Jahrzehnten unter ihm gelitten hat: Bagdad.

 

Wenn es um die Kriege der Gegenwart geht, dominiert – vermutlich zu Recht – der Diskurs über die grundsätzliche Ethik von Terror- und Aufstandsbekämpfung. Und schnell steht der Vorwurf im Raum, es sei zynisch und würde vom Leiden und Sterben ablenken wollen, wenn man sich zu sehr mit den Details des praktischen Anti-Terror-Kampfes und ihrer Verbesserung befasst. Besser kann dabei beides bedeuten: besser darin, die eigene Bevölkerung zu unterdrücken, wie auch besser darin, Menschen die Sicherheit und Stabilität zu ermöglichen, die die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft ist.

 

Dieser inhärente Konflikt sollte die Triebfeder sein, mehr über die Praxis der Aufstandsbekämpfung zu lernen. In erweiterter und modernisierter Form existiert die Aufstandsbekämpfung heute als »Friedenserzwingung« in der Charta der Vereinten Nationen. Und praktisch geht es um nichts weniger als die Frage, wie konkret Frieden geschaffen werden kann, wo heute noch Kugeln fliegen – kurzfristig durch ein Beenden der Kampfhandlungen, langfristig durch eine Stabilisierung der Gesellschaft und eine Lösung politischer und sozialer Konflikte.

 

Fünfzehn Jahre dauert der Krieg im Irak bereits – und für entfernte Betrachter verschwimmen die einzelnen Phasen des Krieges ineinander. Welche Jahre waren noch mal die schlimmsten? Welche Regionen die am härtesten umkämpften? Hat es zu irgendeinem Zeitpunkt danach ausgesehen, dass sich alles zum Guten wenden könnte?

Praktisch geht es um nichts weniger als die Frage, wie konkret Frieden geschaffen werden kann, wo heute noch Kugeln fliegen.

Für Theoretiker der Aufstandsbekämpfung, insbesondere einen kleinen Zirkel um den US-General und späteren CIA-Direktor David Petraeus, war der Irak-Krieg eine Stunde null: Sie waren als omnipotente Krieger gegen eine hilflos unterlegene irakische Armee losgezogen, um dann dem Treiben sunnitischer und schiitischer Milizen von Anfang an hilflos gegenüber zu stehen. Schiitische Kampfgruppen wie die Badr-Organisation unterwanderten die jungen irakischen Sicherheitsbehörden, und ein buntes Gemisch an ehemaligen Baath-Geheimdienstlern und Veteranen aus der internationalen Dschihadisten-Szene brachte genug ideologisches und organisatorisches Kapital auf, um zunächst die Unfähigkeit der Zentralverwaltung offenzulegen und dann am 22. F bruar 2006 mit einem Anschlag auf den Al-Askari-Schrein in Samarra das ethno-religiöse Gefüge des Irak völlig explodieren zu lassen.

 

General Petraeus suchte die Flucht nach vorne. Im Dezember 2006 veröffentlichte er ein vollständig überarbeitetes Feldhandbuch der US-Armee zur Aufstandsbekämpfung und stieg ab 2007 zum obersten Architekten der sogenannten »Surge«-Kampagne auf – eine Truppenaufstockung der US-Streitkräfte im Irak, die aber auch ein drastisches Umdenken in Bezug auf den Einsatz der stationierten Truppen und die Einbeziehung der irakischen Sicherheitskräfte beinhaltete. »Die Köpfe und Herzen gewinnen«, so die oft belächelte Kurzversion. Tatsächlich bedeutete die neue Strategie für viele Truppenteile eine deutlich höhere Belastung, mehr Gefechte und deutlich häufigere direkte Interaktion mit der Bevölkerung. Stadt für Stadt, Bezirk für Bezirk galt es, Aufrührer auf sunnitischer wie schiitischer Seite zurückzudrängen, um dann im zweiten Schritt öffentliche Dienstleistungen aller Art in die letzten Hinterhöfe zu bringen.

 

Dieses Vorgehen geht also mit einer völlig anderen Prämisse an Krieg heran – das Kämpfen ist nur der erste Schritt in einem politischen Prozess. Und militärische Gewalt wird lediglich zu einem einzelnen Werkzeug in einem viel breiteren Spektrum an Handlungsoptionen. »Nation Building« unter Extremstbedingungen. Der einfache Soldat wie auch der Dschihadist werden automatisch zu vielschichtigen politischen Akteuren und jeder Bürger zu einem Baustein in der Sicherheitsarchitektur des Landes.

 

Viele der konkreten Maßnahmen waren in dieser umfassenden strategischen Einbettung neu, die Erfahrungswerte gering und ein Wissenstransfer aus früheren Konflikten nur begrenzt möglich. Petraeus und sein Team basierten ihre politisch-militärische Strategie, die insbesondere im Militär selbst umstritten war, auf einem überschaubaren Sammelsurium an Quellen und Einflüssen, etwa David Galulas Lehren aus dem Algerienkrieg der Franzosen – oder die Verhandlungen zur Beendigung des Bosnienkrieges bis 1995.

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Mittelstand in Iran
Mittelstand in Iran

Ali Mohammad Reza, ein älterer Mann von großer Erfahrung und Lässigkeit, hört entspannt mit. Er trägt eine dicke goldene Uhr, ein grellrosa Hemd, helles Jackett und ein Lächeln, das Sicherheit ausstrahlt. Seine grauen Haare sind licht und kurz, sein Schnauzer ist dicht und schwarz. Er sitzt, lächelt, schweigt und jeder weiß, er wird am Ende die Entscheidung treffen in Halle 35 an Stand 24 auf der Messe »Irantex & Iran Mode« in Teheran.

 

Sein Sohn Mehrdad, hager, groß, unauffällige Kleidung, dieselben dicken Augenbrauen wie der Vater, verhandelt mit Abdul Mashadi von Texofin. Die beiden reden lebhaft, manchmal laut. Der Familie Mohammad Reza gehört die Firma Ziba nahe Teheran. Ziba heißt »schön«, übersetzt Mehrdad, und produziert fünf bis sechs Tonnen Stoff am Tag. Mehrdad holt ein Muster aus der Aktentasche. Weicher Stoff, weinrot, tiefblau. Muster mit Blumen und Paisleys. Da ließe sich schicke Konfektionsware draus machen.

 

Abdul Mashadi ist Besitzer von Texofin, einer Firma, die als Zwischenhändler auf dem iranischen Markt alles Mögliche verkauft: Ersatzteile, Material, Schmieröl. Texofin ist in Iran Agent von Interspare aus Reinbek bei Hamburg, einer Firma, die mit Ersatzteilen für Spannrahmen handelt und deren Monteure 400 Maschinen bei 286 Fabriken in Iran betreuen. Abdul Mashadi verkauft auch für mehrere chinesische Firmen Überdruckventile und Farbmischer. Aber eigentlich lebt er davon, Ersatzteile für diese Maschinen aus Deutschland zu organisieren. Sollte er eine große, neue Maschine verkaufen, wäre er wegen seiner Prozente reich. »Der Tag wird kommen«, sagt er. Also wartet er ab und bereitet sich vor. Tröstet sich mit dem Verkauf von Schmieröl, Textilfarben, Sicherungen, Ketten und anderen Kleinteilen.

Mittelstand in Iran
Herr Amini, der Fabrik-Manager der Firma Payabaf in Karadsch, vor einem Spannrahmen, der früher in Deutschland das »Finishing« von Ado-Gardinen, »die mit der Goldkante«, erledigte. Farhad Babaei / Laif

 

Mit Mehrdad Mohammad Reza redet er über die Kammern des Spannrahmens bei Ziba. Die Maschine ist von Krantz aus Deutschland. Sein Großvater Ghaffar Mohammad Reza habe sie 1960 gekauft, sagt Mehrdad. »Damals neu.« Das ist wichtig zu wissen, denn zehntausende deutsche Textilmaschinen wurden im Globalisierungsfieber irgendwo in der Welt abgebaut und in ein Land mit noch geringeren Löhnen geschickt. Manche sind vier oder fünfmal umgezogen auf der Suche nach den billigsten Arbeitern: Puerto Rico, Mexiko, Philippinen, Vietnam, Bangladesch. Textilmaschinen haben Lebensläufe wie Backpacker Reiseblogs.

 

In Iran stehen viele solcher Wandervögel. Sie kamen aus China, aus Indien, aus Pakistan, aus Georgien, aus Russland. Selbst während der Zeit der Sanktionen. »Aber die Krantz hat Großvater damals neu gekauft«, sagt Mehrdad. Die Mohammad Rezas könnten mit der Maschine weiterarbeiten, die deutsche Wertarbeit wird noch lange laufen. Oder die Familie kauft eine neue, die schneller produziert. Eine, die mit billigerem Gas statt teurem Benzin läuft. Die Abluft in den Trocknern nutzen kann, die breitere Stoffbahnen produziert. Weniger Ausschuss. Auf jeden Fall eine deutsche, sagt Mehrban. Sein Vater nickt.

 

Aber alles ist gerade in der Schwebe. Iran öffnet sich, vielleicht, wahrscheinlich, sicher. Irgendwas glimmt da am Horizont. Es riecht nach Zukunft im Land. Jetzt, wo die Sanktionen der USA und der EU gelockert wurden. Alles geht langsamer als gedacht voran. Noch ist nicht alles geklärt, aber es verändert sich was. Alle sitzen in den Startlöchern. Warten ab. Suchen den richtigen Zeitpunkt.

 

Familienbetriebe sind das Rückgrat der Wirtschaft. Sie haben das Know-how und sind flexibler als die großen Staatsbetriebe – es fehlt nur der Markt

 

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Ruhani, Trump und die die animalische Rhetorik des Konflikts
Kolumne Daniel Gerlach

Vor einigen Tagen warnte Irans Präsident Hassan Ruhani die USA und ihre Verbündeten im Nahen Osten, sie sollten nicht mit dem Schwanz des Löwen spielen. Frieden mit Iran sei die Mutter allen Friedens, Krieg die Mutter allen Krieges. Darauf fletschte in Washington ein Primat die Zähne und verging sich hernach an seiner Twitter-Tastatur.

 

Die Sache erinnert mich an einen Wortwechsel, den ich vor einigen Monaten als Gast einer Konferenz mit iranischen Diplomaten und Politik-Experten führte. Ich erlaubte mir dabei einige Anleihen in der Tierwelt, um Irans Verhalten im Nahen Osten zu beschreiben. So harmlos fing die Sache an.

 

Die Iraner können nichts gegen animalische Metaphern auszusetzen haben; sie sorgen, wie der jüngste Fall zeigt, damit selbst manchmal für Irritationen. Davon abgesehen habe ich eine Schwäche für Tiernamen im Persischen. Genauer gesagt sind sie das einzige, was ich mir immer merken kann. Manche gleichen den arabischen, andere sind besonders bildlich einprägsam.

 

Bei der Konferenz lobte ich also zunächst die Geschmeidigkeit und Eleganz der »Panther«, der iranischen Fußballnationalmannschaft, und beteuerte, dass viele Europäer diese Begeisterung teilen. Was ihre Politik im Nahen Osten anbelangt, so erinnere mich die Islamische Republik derzeit aber eher an einen Elefanten: Ein berechenbares Tier, das langfristig plant und ein noch längeres Gedächtnis habe. (Bis dahin folgten die Gesprächspartner mit zustimmendem Lächeln).

 

Was der Elefant dabei aber nicht beachtet hat, sind die vielen kleinen Wesen und Pflanzen, die er auf seinen Märschen durch den Busch zertrampelt. Aus Perspektive mancher Mittiere trägt er deshalb die Verantwortung für nichts weniger als ein ökologisches Desaster.

 

Wenn man dem Elefanten einmal vor dem jüngsten Gericht die guten und bösen Taten vorhält, wird er sich keiner Schuld bewusst sein. Ein vegetarischer Dickhäuter, der nur dann ungemütlich wird, wenn man ihn reizt, und ansonsten mit sich selbst beschäftigt ist.

 

Was der Elefant dabei aber nicht beachtet hat (Hier legte sich nun die ersten Stirnpartien in Falten), sind die vielen kleinen Wesen und Pflanzen, die er auf seinen Märschen durch den Busch zertrampelt. Aus Perspektive mancher Mittiere trägt er deshalb die Verantwortung für nichts weniger als ein ökologisches Desaster.

 

Es regte sich nun Widerspruch unter den iranischen Teilnehmern und ein Teheraner Politik-Professor griff die Sache auf: Iran sei keineswegs ein Elefant, sondern ein Tiger. Und der Westen wolle diesem edlen Tier die Krallen stutzen und ihn in einen Käfig sperren. Ich erwiderte, dass diese Gegenrede nicht sehr vertrauensbildend sei, schon gar nicht für Irans Nachbarn im Nahen Ostens. Denn während ein Elefant nur zuschlägt, wenn man sich ihm in den Weg stellt, reiße der Tiger hauptberuflich Beute – und greife dabei auch noch von hinten an.

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Parlamentswahlen in Pakistan, die Rolle Imran Khans und die Macht des Militärs
Wahlen in Pakistan

Kurz vor den dritten Parlaments- und Provinzwahlen seit Ende der Militärherrschaft 2008 deutet alles auf einen Zweikampf hin. Auf der einen Seite steht die regierende konservative Pakistan Muslim League (Nawaz) unter Führung von Shehbaz Sharif, auf deren anderen die aufstrebende Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI) des ehemaligen Cricketspielers und Oxfordabsolventen Imran Khan.

 

Khan, einstiger Lebemann und Liebling der feinen Londoner Gesellschaft, gibt sich bodenständig und sagt der Klüngelwirtschaft alteingesessener Eliten den Kampf an. Sein Sieg würde das einstweilige Ende der Herrschaft zweier einflussreicher Politdynastien bedeuten, die die Politik, von mehrmaliger Militärherrschaft unterbrochen, seit Anfang der 1970er Jahre bestimmt haben. Gleichzeitig schlagen Pakistans einflussreichste Intellektuelle und Medienvertreter Alarm. Sie warnen vor dem Ende der Demokratie und fürchten, das Militär könnte die Wahlen entscheidend beeinflussen.

 

Wie passen diese zwei Narrative zusammen?

 

Die erste Geschichte: Ein Familiendrama in zwei Akten

 

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