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Krieg, Krankheiten und Hungersnot im Jemen
Krieg, Krankheiten und Hungersnot im Jemen

Ibrahim Al-Abid ist 14 Jahre alt und trägt einen sandfarbenen Kaftan. Er führt uns durch die Altstadt von Sana՚a und bleibt vor den Trümmern eines Gebäudes stehen. Sein Haus steht vor dem zerbombten Gebäude. »Meine Cousins und Onkel hatten sich eingefunden, um gemeinsam im Innenhof zu Abend zu essen. Sie warteten auf Ahmeds Rückkehr vom Bäcker. Als er zurückkam, wollte der Hund ihn nicht reinlassen. Ahmed nahm einen Stein und versuchte ihn zu verscheuchen. Aber der Hund wollte ihn nur warnen. Wenige Minuten später wurde das Gebäude, in dem sich zehn unserer Verwandten aufhielten, von einer Rakete getroffen. Sie alle starben.«

 

Von seinem Zimmer aus habe er nichts gehört, sagt Ibrahim »Im Krieg lernt man schon als Kind, dass es zu spät ist, wenn man den Einschlag hört.« Er spürte, so erzählt er, wie die Mauern erzitterten. Dann eilte er hinaus, um die Toten aus dem Schutt zu bergen und nach Überlebenden zu suchen. Ibrahims Cousin hätte überleben können, wenn der Krankenwagen Sauerstoff gehabt hätte.

 

Mit einer Hand imitiert er die Schwingungen. Er schaut in den Himmel und beschreibt das Geräusch der Drohnen. »Wir sind es mittlerweile gewohnt«, sagen seine Cousins, Mohammed und Kamal, jeweils 12 und 11 Jahre alt. Sie gehen nicht zur Schule, sie wollen Kampfpiloten werden. »Um das Land zu schützen«.

 

Der prophetische Hund überlebte die Bombennacht und bewacht noch immer den Eingang der Ruinen im Erdgeschoss. Vor dem Luftangriff waren es einmal ein Bad und eine Küche. Es scheint, als würde er die Erinnerung an die Opfer beschützen.

 

Der Eingang zur Altstadt, zwischen den Checkpoints der Huthis und ihrer allgegenwärtigen Propaganda, versprüht trotz allem noch immer den Charme des altarabischen Handelszentrums. Ein geschäftiges Durcheinander zwischen den Lehmhütten, der Geruch von Weihrauch und Gewürzen liegt in der Luft. Ein Sinnbild der vielen Widersprüche, die diesen Konflikt im Süden der Arabischen Halbinsel prägen.

 

Krieg, Krankheiten und Hungersnot im Jemen
Die Altstadt von Sana՚a versprüht zwischen den Checkpoints der Huthis und ihrer allgegenwärtigen Propaganda trotz allem noch immer den Charme des altarabischen Handelszentrums.Foto: Alessio Romenzi

 

Die Stände auf den Märkten sind prall gefüllt: Obst, Gemüse – und Qat. Auch in den Ladenzeilen stehen Brot und Mehl in den Regalen. Gleiches gilt für die Auslagen in den Apotheken. Und dennoch sind die Kühlschränke in vielen Haushalten leer und die Notaufnahmen der Krankenhäuser voller unterernährter Kinder. Das sind die Folgen des Wirtschaftskrieges, der seine Opfer indirekt trifft und dessen Täter ungestraft davonkommen.

 

Der Eingang des Al-Sabeen-Krankenhaus in Sana’a ist schon seit dem frühen Morgen überfüllt. Mütter, Neugeborene und Senioren warten geduldig vor dem Empfangsschalter, von dem aus sie auf die Stationen weitergeleitet werden. Jede medizinische Einrichtung im Land, die den Betrieb noch aufrechterhält, ist mittlerweile mit Fachbereichen für Unterernährung und Cholera ausgestattet.

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Jacques Chirac, Frankreich und der Nahe Osten
Jacques Chirac, Frankreich und der Nahe Osten

 Wenn Europäer ohne Migrationshintergrund eine Leidenschaft für die arabische Welt ausprägen, legen sie sich beizeiten eine Ursprungslegende zu: ein prägendes Ereignis, einen Roman, eine glückliche oder unglückliche Liebe, mit der alles begann. Jacques Chirac, von 1995 bis 2007 französischer Staatspräsident und seit dem 26. September 2019 nicht mehr unter den Lebenden, war einer der wenigen bedeutenden Politiker Europas, die vom arabischen Orient begeistert waren und diesen nicht nur als Kopfschmerz, Krisenherd oder Absatzmarkt für Industrieprodukte wahrnahmen. Woher diese Zuneigung rührte und wie sie sich entfaltete, ist dabei alles andere als offensichtlich. Für Begeisterung braucht es vielleicht auch nicht immer einen praktischen Grund.

 

Chirac hat vielleicht reich geheiratet. Aus einer internationalen, weltläufigen Familie stammte er allerdings nicht, sondern aus dem zentralfranzösischen Département Corrèze, einer Gegend von sprichwörtlicher Provinzialität. Über Jahre seiner politischen Karriere befasste sich Chirac mit Agrarsubventionen und Arbeitsmarktpolitk sowie der Frage, wie lange die gesetzlich regulierte Mittagspause dauern soll.

 

Als Jugendlicher begeistert er sich für den Kommunismus, weshalb man ihm während seines Militärdienstes zunächst die Offizierslaufbahn verweigert. Dann, für einen ehemaligen Kommunisten eher ungewöhnlich, meldet er sich als Anhänger einer »Algérie française« 1956 freiwillig für den Einsatz im Algerienkrieg, engagiert sich später als Parteigänger des Präsidenten Charles de Gaulle und macht schnell Karriere als politischer Beamter unter dessen Nachfolger Georges Pompidou.

 

In dieser Zeit schließt Chirac eine denkwürdige Freundschaft mit einem arabischen Potentaten: Saddam Hussein, General, irakischer Vizepräsident. Beide Männer sind optimistisch und tatendurstig und sehen sich als Modernisierer.

 

Als Premierminister unter Valéry Giscard-d’Estaing entwickelt Chirac ein ausgeprägtes Interesse an Außenpolitik – ungewöhnlich, da der französische Premier für vieles zuständig ist, aber eher nicht für Außenpolitik. Die wird sonst im Außenministerium, dem Quai d’Orsay, sowie im Elysée-Palast des Präsidenten gemacht. In dieser Zeit schließt Chirac eine denkwürdige Freundschaft mit einem arabischen Potentaten: Saddam Hussein, General, irakischer Vizepräsident. Beide Männer sind optimistisch und tatendurstig und sehen sich als Modernisierer, Saddam hat bereits die Macht – Chirac strebt noch danach.

 

Saddam will sein Regime vom sowjetischen Einfluss emanzipieren – Chirac sieht die Gelegenheit für Frankreich, im Irak Fuß zu fassen und dabei noch französische Rüstungsgüter abzusetzen. Chirac treibt den Aufbau eines Leichtwasserreaktors am Tigris und den Export von Uran-Brennstoff voran. Während seines Frankreich-Besuchs 1975 lässt Chirac den Iraker im Chateau de Bity in Corrèze übernachten, das seit 1969 im Privatbesitz seiner Familie ist. Angeblich bot Chirac seinem Freund Saddam einen heimischen Wein an, was der Sunnit aus Tikrit dankend ablehnte.

 

In diese Zeit fällt auch der Beginn des französischen Engagements am Persischen Golf: Die traditionelle Schutzmacht Großbritannien hat die Golfstaaten in die Unabhängigkeit entlassen und die Fürstentümer machen jetzt ihre eigene internationale Politik. Laut Michel Duclos, ehemaliger französischer Spitzendiplomat unter Chirac, schließt dieser auch Freundschaft mit Scheich Zayed bin Sultan Al Nahyan – zum ersten Mal werden die Beduinen vom Golf von einem westlichen Regierungschef nicht mehr nur als exotische Klienten, sondern als Staatsmänner auf Augenhöhe wahrgenommen.

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Siedler, Palästinenser und das Jordantal nach den Wahlen in Israel
Siedler, Palästinenser und das Jordantal nach den Wahlen in Israel

Gerschom Gottschalk hat stahlblaue Augen, blonde Haare und spricht Deutsch mit einem hebräisch-badischen Akzent. Statt »Jungen« sagt er »Buben«, statt »erst« »erscht«. Einen religiösen jüdischen Siedler stellen sich die meisten Menschen sicherlich anders vor.

 

Gerschom Gottschalk lebt in der jüdischen Siedlung Mevoot Yericho, aber ein typischer Siedler ist er tatsächlich nicht; seine Eltern sind als christliche Wohltäter aus Süddeutschland nach Israel gekommen, er ist erst im Erwachsenenalter konvertiert, als er herausgefunden hatte, »dass die Juden das Gottesvolk sind«.

 

Nun lebt der Deutsch-Israeli bereits seit 20 Jahren im Jordantal. Gerade wurde seinem Wohnort von der israelischen Regierung der Status einer legalen Siedlung zugesprochen. Das war zwei Tage vor der Knesset-Wahl Mitte September und nur wenige Tage, nachdem Benjamin Netanyahu angekündigt hatte, die israelische Souveränität über das gesamte Jordantal und das Nordufer des Toten Meeres, bis auf einige palästinensische Enklaven, auszudehnen, sollte er wieder zum Premier gewählt werden.

 

Siedler, Palästinenser und das Jordantal nach den Wahlen in Israel
Das Jordantal ist rund 2.400 Quadratkilometer groß und umfasst damit rund ein Drittel des Westjordanlands. Nach Schätzungen der israelischen Menschenrechtsorganisation B՚Tselem leben dort rund 11.000 Israelis und etwa 65.000 Palästinenser.Foto: Thore Schröder

 

Das Gebiet ist rund 2.400 Quadratkilometer groß und umfasst damit rund ein Drittel des Westjordanlands. Nach Schätzungen der israelischen Menschenrechtsorganisation B՚Tselem leben dort rund 11.000 Israelis – zumeist in landwirtschaftlich geprägten Siedlungen – und etwa 65.000 Palästinenser.

 

Benny Gantz, dem Anführer des Oppositionsbündnisses »Blau-Weiß«, kritisierte seinen Kontrahenten für die Ankündigung, das Jordantal zu annektieren, nicht, sondern spendete ihm sogar Applaus: »Wir freuen uns, dass Netanyahu den Plan von Blau-Weiß zur Anerkennung des Jordantals übernommen hat.« Anders als auf internationaler Ebene musste der Premier nach seiner Show in Israel nicht mit großen Protesten rechnen. Der Grund dafür ist eine Mischung aus Ahnungslosigkeit und Konsens.

 

»Es gab in der Öffentlichkeit nie eine größere Debatte über das Jordantal«, sagt Oded Eran, der heute am »Institute for Strategic Studies« (INSS) in Tel Aviv forscht und vor gut 20 Jahren als israelischer Top-Diplomat und Botschafter in Jordanien an etlichen Gesprächen über das Gebiet beteiligt war. Viele Israelis wüssten gar nicht, was in der tiefsten Senke der Welt passiert oder wer dort lebt. Eran erklärt aber auch, worin sich viele Israelis einig sind: »Das Tal ist enorm wichtig für Israels Sicherheit, um zu verhindert, das die Grenze von Jordanien aus infiltriert wird.« Obwohl es in den vergangenen 25 Jahren ruhig geblieben ist an der Grenze zum Königreich, gehe es hier schließlich um den Schutz des »israelischen Kernlands von Nazareth bis Jerusalem«.

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Mohamed Ali und die Videos über Korruption in Ägypten
Mohamed Ali und die Videos über Korruption in Ägypten

Erst ging es ihm ausbleibende Zahlungen, doch dann stieß Mohamed Ali aus dem spanischen Exil heraus etwas an, das weit über Rechnungsverzug und fragwürdige Ausschreibungen hinausging. Die Webcam-Videos des ägyptischen Bauunternehmers (und Gelegenheitsschauspielers) haben Ägyptens Führung kalt erwischt. Den massiven Repressionen gegen jegliche Kritik an Präsident Abdel Fattah Al-Sisi und dem Militär zum Trotz verbreiten sich die Botschaften des 45-Jährigen binnen einer Woche im Rekordtempo. Das Thema Korruption begleitet Ägyptens Bürger tagtäglich. Der Inhalt seiner Videos konnte nur deshalb solch eine Wirkung entfalten, weil Mohamed Ali den richtigen Ton traf, um seine Landsleute zu erreichen.

 

Das wichtigste Bindeglied zu seinem Publikum ist der Humor, für den die Ägypter in der ganzen Region bekannt sind. Das ägyptische Kino spielte dabei historisch eine wichtige Rolle. Der selbstironische, lakonische Ton des Volksschauspielers Adel Imam etwa hat ganze Generationen geprägt und steht sinnbildlich für den tagtäglichen Umgang mit den Instanzen von Macht und Korruption in Ägypten. Der Humor der Ägypter mutet zuweilen defätistisch an, doch er war immer auch subversiv. Er diente nicht nur dazu, sich mit Missständen zu arrangieren, sondern sie zu entlarven und an den Pranger zu stellen. Ein Freiraum für Kritik, den die Politik nicht zulässt. Kein Wunder, dass nach der Revolution 2011 bis zu 40 Millionen Ägypter die Satire-Show »Al-Barnameg« (2011-2013) von Bassem Youssef einschalteten – es ist bis heute die erfolgreichste Unterhaltungssendung in der TV-Geschichte des Landes.

 

Mohamed Ali stellt sich in diese Tradition, um Absurdität, aber auch Unfähigkeit und Einfallslosigkeit, insbesondere in der Wirtschafts- und Entwicklungspolitik der ägyptischen Führung bloßzustellen. »Wir wachen morgens auf und hören von diesem neuen Megaprojekt: dem Suez-Kanal! Ist Lesseps wieder im Land?« und spielt in diesem Video vom 7. September auf den französischen Diplomaten an, der im 19. Jahrhundert für den Bau des Suez-Kanals verantwortlich zeichnete. »Alle Ägypter feiern das Megaprojekt, wir werden alle reich, weil die Dollars und Euros nur so fließen«, fährt er fort und macht sich so sowohl über den Ton der staatlich verordneten Erfolgsmeldungen lustig, kritisiert aber zugleich die tatsächlichen Ergebnisse der verfehlten Investitionspolitik: Denn die Einnahmen aus der Erweiterung der Schiffspassage liegen weit unter den überoptimistischen Verlautbarungen der letzten vier Jahre.

 

 

Mohamed Alis zentrale Botschaft lautet: Wir haben etwas Besseres verdient. Der Suez-Kanal ist nur ein Beispiel, den tief verwurzelten Nationalstolz seiner Landsleute gegen Regierung und Militär ins Feld zu führen.

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Interview zur Pressefreiheit im Libanon
Interview zur Pressefreiheit im Libanon

zenith: Eine Gruppe christlicher Fundamentalisten sowie Würdenträger der Maronitischen Kirche verhinderten im August den Auftritt der Band Mashrou‘ Leila beim Byblos International Festival. Die Band und ihr offen homosexueller Sänger würden religiöse Gefühle verletzen, so der Vorwurf.

Jonathan Dagher: Das Byblos International Festival galt immer als sicherer Hafen für die libanesische Künstlerszene. Mashrou‘ Leila ist dort schon öfters aufgetreten. Die Politik schwieg, so fühlten sich religiöse Instanzen in ihrem Handeln bestätigt.

 

Wie fielen Reaktionen in der Künstlerszene aus?

Aktivisten, Journalisten und Künstler stellten nur wenige Tage später in Beirut ein Solidaritätskonzert auf die Beine. 4.000 Besucher kamen. Die Menschen schwenkten Regenbogenfahnen und Schilder. All diese Menschen waren im Namen der künstlerischen Freiheit vereint. Auch das ist der Libanon: Es gibt immer noch einen robusten Teil der Bevölkerung, der gegen Zensur und Unterdrückung ankämpft.

 

Zusammen mit Tunesien führt der Libanon das Ranking der Pressefreiheit in der arabischen Welt an.

Beim Thema Pressefreiheit wird der Libanon stets mit seinen Nachbarstaaten verglichen. Zum Beispiel mit Syrien, wo Journalist sein bedeutet, eine riesige Zielscheibe auf der Brust zu tragen. Im Vergleich dazu ist der Libanon nach wie vor eine Oase der Pressefreiheit. Dennoch werden Journalisten immer öfter verhört und eingeschüchtert. Die libanesische NGO Social Media Exchange berichtete, dass 2018 38 Journalisten zu Vernehmungen vorgeladen wurden, weil sie im Internet eine unbequeme Meinung äußerten. Im Vorjahr waren es noch elf, 2016 fünf. Man weiß nie, ob ein Witz, eine Meinung, oder ein Meme das man teilt, einen ins Gefängnis bringen wird, oder ob die Behörden es ignorieren werden. Das ist reine Willkür.

 

Welche Auswirkungen hat diese Unsicherheit auf die Berichterstattung der Journalisten?

Solche Maßnahmen führen zu Selbstzensur. Im Libanon ist das durchaus an der Tagesordnung. Viele Journalisten merken das nicht einmal. Erst als ich für mein Stipendium von Reporter ohne Grenzen nach Berlin kam, wurde mir klar, was es bedeutet, ohne Beschränkungen schreiben zu können. Es muss zum Beispiel möglich sein, den libanesischen Außenminister Gebran Bassil zu kritisieren, wenn er faschistische Ansichten vertritt. Vor kurzem sprach er von der »genetischen Überlegenheit« der Libanesen. Journalisten sollten in der Lage sein, sich gegen diese Aussagen auszusprechen, ohne eingesperrt, verhört oder eingeschüchtert zu werden.

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Kurz erklärt: Muslime im Nordosten von Indien und das neue Staatsbürgerregister
Kurz erklärt: Muslime im Nordosten von Indien

Was ist passiert?

Ende August veröffentlichte die Regierung des nordindischen Bundestaates Assam ein aktualisiertes Bevölkerungsregister, dass »National Registry of Citizens« (NRC). Das NRC gibt es seit 1951 in ganz Indien, es wurde seitdem aber nie aktualisiert.

 

Nur: Fast 2 Millionen Einwohner Assams tauchten nicht in dem neuen Register auf. Die Betroffenen, viele Muslime, aber auch bengalische Hindus und Angehörige von alteingesessenen Stämmen (so genannten Scheduled Castes and Tribes), haben seitdem 120 Tage Zeit, die Entscheidung vor Ausländertribunalen anzufechten.

 

Die Betroffenen müssen ihre indische Staatsbürgerschaft zum Beispiel über eine Geburtsurkunde oder Grundeigentum nachweisen. Das Problem: Viele Assamesen besitzen keine Papiere. Ein Viertel der Bevölkerung kann nicht lesen. Der Rechtsweg ist daher für viele Betroffene ohne Hilfe praktisch versperrt. Der Registrierungsprozess diskriminierte zudem Frauen und »Hijras«, also Transgender.

 

Den Betroffenen droht nun der Verlust der indischen Bürgerrechte, oder, schlimmstenfalls, die Ausweisung. Die Registrierung ist nur für Menschen möglich, deren Vorfahren nachweislich bereits vor der Gründung des benachbarten mehrheitlich muslimischen Landes Bangladesch im Jahr 1971 in Indien gelebt haben. Die indische Regierung wirft vielen Betroffenen nämlich vor, ursprünglich aus Bangladesch zu stammen. Die Aktualisierung des NRC sei daher nötig, um illegale Einwanderer zu identifizieren. Bangladesch weist das zurück und weigert sich, Flüchtlinge aufzunehmen. Ein Ausweiseabkommen gibt es zwischen den beiden Ländern nicht.

 

Mehrere tausend angebliche Ausländer wurden bereits verhaftet. Zugleich nahm die religiös motivierte Gewalt gegen Muslime zum Beispiel in der Region Bodoland, an der Grenze zu Bhutan, zu. Dass es illegale Einwanderung aus Bangladesch nach Assam gibt, gilt dabei als weitgehend unstrittig. Kritiker bemängeln aber, dass das neue NRC neben zahlreichen Bengalen, die bereits seit Jahrzehnten in Assam leben, auch Minderheiten ausschließe, die schon vor 1971 in den Staat gekommen seien. Die Aussicht auf Arbeit in den Teeplantagen der Provinz lockte schon zu Zeiten der britischen Herrschaft Migranten aus benachbarten Regionen nach Assam, darunter auch viele bengalische Muslime.

 

Die Regierung des mit 32 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Bundestaates der so genannten Sieben Schwesterstaaten im äußersten Nordosten Indiens hatte den Bürgern die Möglichkeit gegeben, sich zu registrieren. Ein erster Entwurf wurde bereits im Sommer 2018 veröffentlicht. Damals fehlten sogar noch rund vier Millionen Bürger auf der Liste.

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Saied Kaies, Nabil Karoui und die Wahlen in Tunesien
Saied Kaies, Nabil Karoui und die Wahlen in Tunesien

In dem heruntergekommenen Treppenhaus des Jugendstilgebäudes in der Rue du Ibn Khaldoun ist es still. Eigentlich zu still für diesen Moment. Es ist 18 Uhr, gerade haben 55.000 Wahllokale geschlossen. Die Präsidentschaftswahl ist die dritte demokratische Abstimmung in Tunesien überhaupt.

 

Kais Saied empfängt uns ohne viele Worte, seine Gesichtszüge scheinen fast unbewegt. Die ersten Hochrechnungen trudeln in dem Kampagnenbüro des Professors für Verfassungsrecht ein, eine Mitarbeiterin stürmt aus dem Nebenzimmer auf ihn zu und umarmt ihn weinend. Es sind Freudentränen, Kaies liegt mit 17 Prozent auf Platz eins, 4 Prozent dahinter liegt Medienmogul Nabil Karoui. Die Ruhe, die der hochgewachsene Stoiker ausströmt, überträgt sich auf das Freiwilligenteam im Nebenraum. Dabei hat gerade ein politisches Erdbeben Tunesien erfasst.

 

»Im Auge des Sturms, der die Elite mit ihren PR-Agenturen und XXL-Plakaten an der Straße nach La Marsa hinweggefegt hat«

 

Der Freudenmoment dauert in der spartanisch eingerichteten Altbauwohnung keine fünf Minuten, dann küsst Kaies die tunesische Flagge, atmet durch und setzt sich an seinen leeren Schreibtisch. »Ich spüre eine große Verantwortung«, sagt der 62-jährige.

 

Saied Kaies, Nabil Karoui und die Wahlen in Tunesien
Das Wahlkampfteam von Kaies Saied verfolgt in dem spartanisch eingerichteten Hauptquartier am Wahlabend gebannt die Auszählung.Foto: Mirco Keilberth

 

Wahlkampfposter und Laptops sucht man hier vergebens, um den Konferenztisch starren seine Helfer vor vollen Aschenbechern auf den Bildschirm an der Wand. »Wir sitzen im Auge eines Sturms«, sagt einer, »der die Elite Tunesiens mit ihren PR-Agenturen und XXL-Plakaten an der Straße nach La Marsa hinweggefegt hat.«

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Netanyahu, Wahlen in Israel und Drohnen-Angriff auf saudische Ölförderanlagen
Netanyahu und die Wahlen zur Knesset in Israel

Es ist Wahlkampfzeit in Israel – und zwar schon das gesamte Jahr. Statt die eigene Position zu stärken und nach dem Kopf-An-Kopf-Rennen mit Ex-Armee-Chef Benny Gantz für klare politische Verhältnisse zu sorgen, droht sich der zweite Wahlgang binnen sechs Monaten zum Fiasko für den gewieften Regierungschef Benjamin Netanyahu auszuwachsen.

 

Natürlich hängt das drohende Korruptions-Verfahren – ausgerechnet von Parteifreund Avichai Mandelblit angestoßen – wie ein Damoklesschwert über »Bibis« Karriere. Allerdings spielte das Thema in den Umfragen bei den Wählern nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidender ist in diesem Zusammenhang, dass der Premier sein Amt und auch seine Partei, den Likud, angreifbar macht – etwa bei anstehenden Koalitionsverhandlungen mit Parteien aus dem rechten Spektrum, auf deren Unterstützung er angewiesen sein wird.

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Libyens Italiener in Zeiten von Matteo Salvini und Bürgerkrieg in Libyen
Italiens Libyer

Auch 50 Jahre nach seiner Vertreibung umgibt sich Giovanni Spinelli mit seiner alten Heimat. Aus Farbfotos der wichtigsten italienischen Kolonialbauten in Tripolis hat der 89-Jährige eine Collage gebastelt: Banco di Roma, Kathedrale Santa Maria degli Angeli, Gazellenbrunnen; heller Stein, römisch-imperialer Stil mit orientalischen Elementen. Die Collage zeigt die Pracht der Kolonialzeit, die für Spinelli wohl nie mehr persönlich erlebbar sein wird, denn in der libyschen Hauptstadt ist heute vieles zerstört oder verfallen, in Tripolis herrscht Bürgerkrieg.

 

Giovanni Spinelli sitzt in Rom an seinem Schreibtisch im Keller der Apotheke, mit der ihm 1970 nach der Vertreibung der Neuanfang gelang. Sie liegt im römischen Viertel Trastevere. Von oben klingen die Stimmen seines Sohnes Maurizio, der die Apotheke übernommen hat, sowie der Angestellten und Kunden, dazu das Piepen der Kassen. Vor Spinelli liegt seine Autobiographie: »Farmacista per caso« (»Zufällig Apotheker«) lautet ihr Titel. Eigentlich war Spinelli Inhaber eines gutlaufenden Fotogeschäfts in Tripolis. Fünf Angestellte, beste Kontakte zu Fachhändlern in Italien. »Ich war auf dem Weg, reich zu werden«, sagt er.

 

Spinelli spricht offen und freundlich, dazu in klaren Sätzen und in einem für Italiener ausgezeichneten Englisch. Er lernte die Sprache, als er in Libyen für die britische Armee und dann für die US-Firma Mobil Oil als Buchhalter tätig war. Nach dem Putsch der »freien Offiziere« 1969 entschied ihr Anführer Muammar Gaddafi, die nach der Kolonialzeit gebliebenen, rund 20.000 Italiener, zu enteignen und aus Libyen zu verbannen. »Ich hatte einen Freund bei meiner Bank, der gab mir einen Tipp. So konnte ich zumindest etwas Geld vor der Enteignung retten«, erzählt Spinelli.

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Katar und die Kosten für die Fußball-WM 2022
Katar und die Kosten für die Fußball-WM 2022

Muss Katar befürchten, die Gastgeberrolle für Fußballweltmeisterschaft noch zu verlieren? Aus der Vogelperspektive mag es danach aussehen. Katar wurde von einer Reihe von Krisen durchgerüttelt, die zu politischen, ökonomischen und sozialen Konflikten zwischen den Golfmonarchien geführt haben.

 

Der Verlust der WM 2022 wäre ein Desaster für das Land, das so stolz ist auf seine diplomatische »Soft Power«. Die Möglichkeit, dass das Turnier doch noch woanders hin vergeben wird, ist aber gar nicht das größte Problem des Emirats. So hat sich Doha bei der Einschätzung, wie viele Touristen vor und nach der WM ins Land kommen könnten, massiv verkalkuliert. Diese Fehlplanung ist der Grund, warum die WM für Katar zu einem Milliardengrab auswachsen könnte.

 

Dass die Fifa Katar 2010 den Zuschlag für die WM gab, ist nach allen Maßstäben die seltsamste Entscheidung in der Geschichte des organisierten Sports. Das Land hat keine nennenswerte Fußballtradition, die Nationalmannschaft hat noch nie an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Auch wenn die Fifa Skandale gewohnt ist, erscheint Katar als besonders schräge Nummer: Dem Emirat wird vorgeworfen, Menschenrechte zu missachten. Dazu kommen Temperaturen von über 40 Grad Celsius, denen eigentlichen mit innovativen Kühlungstechnologien in den Stadien begegnet werden sollte.

 

Zur Fußball-WM hatte Katar mit einem Ansturm von Fans aus Saudi-Arabien gerechnet.

 

Diese Pläne sind in der Schublade verschwunden. Stattdessen wird die WM nun im Winter ausgetragen. Erstmals wird die Saison in den europäischen Ligen durch das Weltturnier unterbrochen. Zudem sind die Bestechungsvorwürfe rund um die WM-Vergabe längst nicht aus der Welt geräumt.

 

Nicht zuletzt sind Katars Nachbarn dem Emirat in herzlicher Abneigung verbunden. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) auf der einen und Katar auf der anderen Seite liefern sich eine kostspielige PR-Schlammschlacht, die letztlich alle ziemlich mies aussehen lässt. Der Vorschlag von Fifa-Präsident Gianni Infantino, die Zahl der WM-Teilnehmer von 32 auf 48 aufzustocken, würde für Katar eine »erniedrigende Aufgabe seines Kronjuwels« bedeuten, wie die New York Times schreibt. Ganz auf sich allein gestellt, so die Argumentation, könne das Emirat die Aufgabe nicht stemmen und wäre auf Mithilfe der ungeliebten Nachbarn angewiesen.

 

Obendrein könnte sich der umstrittene Chef des Weltfußballverbandes als Friedensstifter für die Golf-Region inszenieren. Wer hat den höchsten Turm, wer den ersten Indoor-Ski-Park, die größte von Menschenhand erschaffene Insel, das schickste Hotel? Die Golfmonarchien sind festgefahren in einem scheinbar endlosen Wettkampf um Status und internationale Aufmerksamkeit.

 

Die Fußball-WM auszurichten, ist in diesem Wettkampf die ultimative Trophäe. Manche Beobachter in Katar sehen den WM-Neid der Nachbarn sogar als Hauptgrund für die Krise zwischen den Nachbarstaaten. Die in Katar erscheinende Gulf Times zitiert den stellvertretenden Polizeichef Dubais Dhahi Khalfan, der insbesondere auf Twitter immer wieder in Richtung des Nachbarn poltert, mit den Worten: »Wenn Katar die WM entzogen wird, dann gibt es keine Krise mehr.« Genüsslich beruft sich die Zeitung dann auf nicht näher genannte Experten, die den Zuschlag für die WM als »große Errungenschaft für Katar« bezeichnen, die für andere Länder schwer zu verdauen sei.

 

Selbst wenn der Tourismus anziehen sollte, wirft er nicht zwangsläufig die erhofften Gewinne ab.

 

Im Vergleich mit den Nachbarn stellt sich Katar in seiner Selbstdarstellung durchaus geschickt an. Das liegt auch an der PR-Abteilung – die inzwischen in einigen Feldern konstruktiv reagiert und bereit ist, Kritik aufzugreifen und Besserung zu geloben. Als Amnesty International Anfang 2019 mal wieder die miserablen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen für die Stadien anprangerte, bedankte sich die Regierung bei der Menschenrechtsorganisation und ließ mitteilen, dass »die Arbeitsreform eine Reise ist und kein Ziel an sich«, dass »weitere Veränderungen notwendig sind« und dass sie »weiter mit internationalen Organisationen und NGOs als Partner und Berater an den Arbeitsreformen« kooperieren werde.

 

Der Ausgang des Fußball-Weltturniers ist aber schwieriger zu bemessen als eine bloße PR-Kampagne. Wenn man weiter blickt als auf aktuelle Schlagzeilen und hohle Rhetorik, stellt sich die Frage, welche tatsächlichen Auswirkungen die Blockade auf Katar und seine wirtschaftliche Entwicklungspläne hat. Da lassen sich zum einen die Opportunitätskosten und der künftige Nutzen des Turniers abwägen. Die kurzfristigen Kosten für den Bau der Infrastruktur wiegen nicht allzu schwer. Zwar gab es vereinzelte Finanz- und Lieferengpässe, aber der Bau schreitet voran, die Stadien werden nach und nach fertiggestellt. Die langfristigen Kosten sind dagegen enorm.

 

Katar und die Kosten für die Fußball-WM 2022
Um aus einem Sportgroßereignis tatsächlich Profit zu ziehen, sollte die Infrastruktur im besten Fall schon bereitstehen, sodass für die Modernisierung der Stadien, Hotels und Verkehrswege keine Unsummen ausgegeben werden müssen.
Foto: Leo Wigger

 

Die Erfahrungen der Vorgänger legen nahe, dass das Event in Katar wohl kaum den erwünschten ökonomischen Nutzen bringen dürfte. Einigen Schätzungen zufolge dürfte die WM in Katar ungefähr 220 Milliarden US-Dollar kosten, das ist mehr als das 30-fache der Gesamtkosten, die Südafrika für das Turnier 2010 ausgegeben hat, etwa 6,7 Milliarden. Der letzte Gastgeber, Russland, gab umgerechnet 14,2 Milliarden US-Dollar aus. Moskau erhoffte sich durch die WM langfristig erhebliche Mehreinnahmen – und ging von 31 Milliarden innerhalb der folgenden zehn Jahre aus. Analysen, die nach dem Turnier angefertigt wurden, beziffern die Gewinnmargen inzwischen auf maximal 1,3 Milliarden.

 

Brasilien hat sich die Ausrichtung der WM 2014 geschätzt 11 bis 14 Milliarden US-Dollar kosten lassen – gemessen an den erhofften Einnahmen, langfristig zwischen 3 und 13 Milliarden, hat sich das Turnier für die brasilianischen Steuerzahler nicht wirklich gelohnt. Der teuerste Stadionneubau in der Hauptstadt Brasília dient inzwischen als Busparkplatz, und auch die Arenen in Cuiabá, Natal und Manaus sind weitgehend ungenutzt.

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Lobbyismus der Golfstaaten in den USA
Saudi-Arabien 1979 - Ein Essay

zenith: Laut den Angaben, die die Datenbank »Open Secrets« zusammengetragen hat, sind 2017 rund 14 Millionen US-Dollar aus Saudi-Arabien geflossen, um Einfluss auf die US-Politik zu nehmen. Welche Ziele verfolgt Riad mit der Lobby-Politik?

Anna Massoglia: Saudi-Arabien verfügt über ein großes Netzwerk von Lobbyisten, und die wiederum beauftragen PR- und Kommunikationsfirmen, die in den USA sogenanntes Reputationsmanagement betreiben. Zusätzlich ist Riad mit regierungsnahen Ablegern saudischer Unternehmen in den USA präsent. Sie alle haben zum Ziel, das Image des Königreichs aufzuwerten, und richten sich dabei sowohl an die Öffentlichkeit als auch an Abgeordnete, um die Beziehungen mit Saudi-Arabien zu vertiefen. Diplomatische und finanzielle Fragen spielen hier eine Rolle, etwa wenn es um Rüstungsdeals oder Handelsverträge geht. Wir können die saudischen Aktivitäten relativ gut nachverfolgen – und zwar bis in die 1950er-Jahre –, schließlich verpflichtet der »Foreign Agents Registration Act« (FARA), jegliche Lobbyarbeit für einen ausländischen Staat beim US-Justizministerium anzumelden.

 

Wie haben sich die saudischen Lobby-Aktivitäten in den vergangenen Jahren entwickelt?

Das schwankt von Jahr zu Jahr, aber insgesamt investiert Riad sukzessive mehr Geld. Der letzte große Schub kam nach dem 11. September 2001, seitdem liegen die Ausgaben beständig über zehn Millionen US-Dollar pro Jahr. Doch auch in den 1960er- und 1970er-Jahren wurden schon Verträge mit PR-Firmen im Wert von Hunderttausenden US-Dollar geschlossen – damals beachtliche Summen.

 

Die Debatte um Einflussnahme auf die US-Politik fokussiert sich im Umfeld der Präsidentschaftswahlen auf russische Aktivitäten. War Donald Trump aus saudischer Sicht ebenso der bevorzugte Kandidat im Rennen ums Weiße Haus? Immerhin erscheinen die Beziehungen zwischen Königshaus und US-Regierung so eng wie lange nicht.

Es gab Zuwendungen, die im Auftrag registrierter Lobbyisten für Saudi-Arabien getätigt wurden. Solche Kontakte gibt es nicht erst seit Trump, sondern etwa auch schon unter der Obama-Regierung. Lobbyisten suchen Einfluss, unabhängig davon, ob Republikaner oder Demokraten gerade an der Macht sind. Allerdings fällt uns schon auf, dass unter den Lobbyisten viele frühere Abgeordnete sind – quer durchs politische Spektrum. Sie gehen gewissermaßen durch die Drehtür: Erst in den Kongress, dann in die Beratungsindustrie, wo sie von ihren Kontakten in die Politik profitieren und so de facto oft nicht offiziell registrierte Lobbyarbeit leisten.

 

»Unter den Lobbyisten sind viele frühere Abgeordnete – quer durchs politische Spektrum«

 

An wen wandte sich Saudi-Arabien, nachdem Trump 2016 die Wahlen gewonnen hatte?

Die Analyse unserer Daten zeigt, dass die Saudis nach den Wahlen Aufträge an Personen oder Beratungsfirmen vergaben, die mit Trumps Wahlkampagne in Verbindung gestanden hatten – etwa die »Sonoran Policy Group«. Das saudische Innenministerium zahlte diesem Lobby-Verein von Trumps Wahlkampfberater Robert Stryk fünf Millionen US-Dollar für sehr weit und vage gefasste Beraterdienste, und das über einen kurzen Zeitraum von nur wenigen Wochen. Solch massive Zahlungen für Firmen auf beiden Seiten des politischen Spektrums, die eindeutig mit einem Lager verbunden sind, kommen häufig vor. Viele Regierungen, nicht nur die saudische, nutzen diese Taktik, um Beziehungen sowohl zu den Republikanern als auch zu den Demokraten aufzubauen. Je nachdem, wer gerade an der Macht ist.

 

Wie viel gibt Saudi-Arabien für Lobby- Arbeit in den USA im Vergleich zu anderen Ländern aus, etwa Israel oder den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE)?

Im Jahr 2017 sind die Saudis in den Top Ten, die VAE und Israel haben allerdings etwas mehr investiert. An Nummer eins steht übrigens Südkorea mit 74 Millionen US-Dollar – dreimal so viel wie Saudi-Arabien. Dafür gibt Riad mehr aus als China und Kanada. In den Top Ten finden sich ansonsten Länder wie Japan und Irland, aber auch die Bahamas und die Marschall-Inseln.

 

Die Bahamas und die Marschall-Inseln?

Das hat uns auch überrascht. Die Zahlungen dieser kleinen Inselstaaten haben mit ihrem Status als Steueroasen zu tun und sollen deren Ruf in Bezug auf Transparenz aufbessern. Die Marschall-Inseln liegen bei den Lobby-Geldern in den USA sogar unter den ersten drei und geben damit mehr aus als Saudi-Arabien, Kanada, China und Israel.

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Populismus und Ressentiments gegen Gastarbeiter in Kuwait
Populismus und Ressentiments gegen Gastarbeiter in Kuwait

Safa Al-Haschim ist die einzige Frau im kuwaitischen Parlament. Doch das ist nicht der Grund, warum die 55-Jährige regelmäßig die Schlagzeilen im Emirat bestimmt. Safa Al-Haschim setzt sich für die Zementierung einer Zweiklassengesellschaft ein, in der Ausländer und Staatsbürger nicht die gleichen Rechte genießen. Und sie bedient sich dabei einer Sprache, die ihr den Spitznamen »Kuwaits Trump« eingebracht hat.

 

2018 forderte die Parlamentarierin, dass in Kuwait wohnende Ausländer zur Kasse gebeten werden sollen – für »die Luft, die sie atmen«. »Die Subventionierung öffentlicher Leistungen sollte ausschließlich Kuwaitis vorbehalten sein. Ausländern sollte es nicht erlaubt sein, sie kostenlos in Anspruch zu nehmen«, erklärt die Abgeordnete auf Nachfrage gegenüber zenith und fordert, dass die Anzahl ausländischer Arbeiter 40 Prozent der Gesamtbevölkerung nicht übersteigen und nur eine Aufenthaltsdauer von maximal sieben Jahren gewährt werden sollte. Tatsächlich nimmt die Polizei regelmäßig Gastarbeiter fest, die sich entscheiden, nach Ablauf ihres Arbeitsvertrages illegal im Land zu bleiben.

 

Populismus und Ressentiments gegen Gastarbeiter in Kuwait
Um den Verkehrsproblemen des Landes Herr zu werden, schlägt Parlamentarierin Al-Haschim vor, einem Großteil der Ausländer keine Führerscheine mehr auszustellen.Foto: Sebastian Castelier

 

Für Nasser Al-Mujaibel gehen die Äußerungen von Politikern wie Safa Al-Haschim weit über Law-and-Order-Rhetorik hinaus. »In den letzten zehn Jahren haben Hasskommentare gegen Gastarbeiter innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses an Popularität gewonnen«, konstatiert der Medien- und Kommunikationsforscher von der Universität Kuwait und beobachtet, dass Politiker mir dem Thema immer häufiger auf Stimmenfang gehen.

 

Nach der Verstaatlichung der kuwaitischen Ölindustrie im Jahr 1975 strömten Millionen ausländische Arbeitskräfte in das Emirat. Heute stellen Ausländer zwei Drittel der 4,7 Millionen Einwohner, darunter 475.000 Ägypter, etwa 930.000 Inder und knapp 200.000 Arbeiter aus Bangladesch. Außerdem kommen auf jedes neugeborene kuwaitische Kind drei neue Einwanderer, wie die kuwaitische Tageszeitung Al-Qabas mit Verweis auf Regierungsquellen im März 2019 berichtete.

 

Die rassistischen Äußerungen über Migranten greifen immer wieder den Zustrom einkommensschwacher Gastarbeiter auf. Und das kuwaitische Parlament – eine unter den Golfstaaten einzigartige, oft regierungskritische Institution – bietet dafür eine Plattform. Kein Wunder, schließlich diskutieren die Abgeordneten hier das wohl sensibelste Thema der kuwaitischen Politik: die Preissteigerungen in sämtlichen Bereichen der Grundversorgung. Immer wieder müssen Kuwaits Gastarbeiter hier als Sündenböcke herhalten.

 

Populismus und Ressentiments gegen Gastarbeiter in Kuwait
»Die Kuwaitis halten sich für eine überlegene Rasse.« Der Abgeordnete Khalil Abul mahnt seine Landsleute zu mehr Selbstkritik – und warnt vor den möglichen Folgen der aufgeheizten Debatte.Foto: Sebastian Castelier

 

2017 verabschiedeten die Abgeordneten einen Preisanstieg für Elektrizität und Wasser, der aber nicht für kuwaitische Staatsbürger gilt. Um den Verkehrsproblemen des Landes Herr zu werden, schlägt Al-Haschim vor, einem Großteil der Ausländer keine Führerscheine mehr auszustellen. »Letztendlich ist es meine Pflicht, die Kuwaitis zu schützen, deswegen wurde ich gewählt«, rechtfertigt sie derlei Forderungen.

 

Dabei kann die Abgeordnete auf stetig wachsende Zustimmung unter ihren Kollegen zählen – ein Konsens, der selbst die Gräben von Sektarismus und Tribalismus im Land überwindet. Zu den Wortführern der gegen Migranten gerichteten Maßnahmen zählt etwa auch der schiitische Abgeordnete Khalil Al-Saleh, der im politischen Spektrum des Golfstaates dem liberalen Lager zugerechnet wird. Saleh leitet die parlamentarische Kommission für die sogenannte Kuwaitisierung des Arbeitsmarkts, im März 2019 wandte er sich mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit, über die nächsten fünf Jahre die Hälfte der 3,3 Millionen Ausländer auszuweisen.

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