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Libyens Italiener in Zeiten von Matteo Salvini und Bürgerkrieg in Libyen
Italiens Libyer

Auch 50 Jahre nach seiner Vertreibung umgibt sich Giovanni Spinelli mit seiner alten Heimat. Aus Farbfotos der wichtigsten italienischen Kolonialbauten in Tripolis hat der 89-Jährige eine Collage gebastelt: Banco di Roma, Kathedrale Santa Maria degli Angeli, Gazellenbrunnen; heller Stein, römisch-imperialer Stil mit orientalischen Elementen. Die Collage zeigt die Pracht der Kolonialzeit, die für Spinelli wohl nie mehr persönlich erlebbar sein wird, denn in der libyschen Hauptstadt ist heute vieles zerstört oder verfallen, in Tripolis herrscht Bürgerkrieg.

 

Giovanni Spinelli sitzt in Rom an seinem Schreibtisch im Keller der Apotheke, mit der ihm 1970 nach der Vertreibung der Neuanfang gelang. Sie liegt im römischen Viertel Trastevere. Von oben klingen die Stimmen seines Sohnes Maurizio, der die Apotheke übernommen hat, sowie der Angestellten und Kunden, dazu das Piepen der Kassen. Vor Spinelli liegt seine Autobiographie: »Farmacista per caso« (»Zufällig Apotheker«) lautet ihr Titel. Eigentlich war Spinelli Inhaber eines gutlaufenden Fotogeschäfts in Tripolis. Fünf Angestellte, beste Kontakte zu Fachhändlern in Italien. »Ich war auf dem Weg, reich zu werden«, sagt er.

 

Spinelli spricht offen und freundlich, dazu in klaren Sätzen und in einem für Italiener ausgezeichneten Englisch. Er lernte die Sprache, als er in Libyen für die britische Armee und dann für die US-Firma Mobil Oil als Buchhalter tätig war. Nach dem Putsch der »freien Offiziere« 1969 entschied ihr Anführer Muammar Gaddafi, die nach der Kolonialzeit gebliebenen, rund 20.000 Italiener, zu enteignen und aus Libyen zu verbannen. »Ich hatte einen Freund bei meiner Bank, der gab mir einen Tipp. So konnte ich zumindest etwas Geld vor der Enteignung retten«, erzählt Spinelli.

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Katar und die Kosten für die Fußball-WM 2022
Katar und die Kosten für die Fußball-WM 2022

Muss Katar befürchten, die Gastgeberrolle für Fußballweltmeisterschaft noch zu verlieren? Aus der Vogelperspektive mag es danach aussehen. Katar wurde von einer Reihe von Krisen durchgerüttelt, die zu politischen, ökonomischen und sozialen Konflikten zwischen den Golfmonarchien geführt haben.

 

Der Verlust der WM 2022 wäre ein Desaster für das Land, das so stolz ist auf seine diplomatische »Soft Power«. Die Möglichkeit, dass das Turnier doch noch woanders hin vergeben wird, ist aber gar nicht das größte Problem des Emirats. So hat sich Doha bei der Einschätzung, wie viele Touristen vor und nach der WM ins Land kommen könnten, massiv verkalkuliert. Diese Fehlplanung ist der Grund, warum die WM für Katar zu einem Milliardengrab auswachsen könnte.

 

Dass die Fifa Katar 2010 den Zuschlag für die WM gab, ist nach allen Maßstäben die seltsamste Entscheidung in der Geschichte des organisierten Sports. Das Land hat keine nennenswerte Fußballtradition, die Nationalmannschaft hat noch nie an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Auch wenn die Fifa Skandale gewohnt ist, erscheint Katar als besonders schräge Nummer: Dem Emirat wird vorgeworfen, Menschenrechte zu missachten. Dazu kommen Temperaturen von über 40 Grad Celsius, denen eigentlichen mit innovativen Kühlungstechnologien in den Stadien begegnet werden sollte.

 

Zur Fußball-WM hatte Katar mit einem Ansturm von Fans aus Saudi-Arabien gerechnet.

 

Diese Pläne sind in der Schublade verschwunden. Stattdessen wird die WM nun im Winter ausgetragen. Erstmals wird die Saison in den europäischen Ligen durch das Weltturnier unterbrochen. Zudem sind die Bestechungsvorwürfe rund um die WM-Vergabe längst nicht aus der Welt geräumt.

 

Nicht zuletzt sind Katars Nachbarn dem Emirat in herzlicher Abneigung verbunden. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) auf der einen und Katar auf der anderen Seite liefern sich eine kostspielige PR-Schlammschlacht, die letztlich alle ziemlich mies aussehen lässt. Der Vorschlag von Fifa-Präsident Gianni Infantino, die Zahl der WM-Teilnehmer von 32 auf 48 aufzustocken, würde für Katar eine »erniedrigende Aufgabe seines Kronjuwels« bedeuten, wie die New York Times schreibt. Ganz auf sich allein gestellt, so die Argumentation, könne das Emirat die Aufgabe nicht stemmen und wäre auf Mithilfe der ungeliebten Nachbarn angewiesen.

 

Obendrein könnte sich der umstrittene Chef des Weltfußballverbandes als Friedensstifter für die Golf-Region inszenieren. Wer hat den höchsten Turm, wer den ersten Indoor-Ski-Park, die größte von Menschenhand erschaffene Insel, das schickste Hotel? Die Golfmonarchien sind festgefahren in einem scheinbar endlosen Wettkampf um Status und internationale Aufmerksamkeit.

 

Die Fußball-WM auszurichten, ist in diesem Wettkampf die ultimative Trophäe. Manche Beobachter in Katar sehen den WM-Neid der Nachbarn sogar als Hauptgrund für die Krise zwischen den Nachbarstaaten. Die in Katar erscheinende Gulf Times zitiert den stellvertretenden Polizeichef Dubais Dhahi Khalfan, der insbesondere auf Twitter immer wieder in Richtung des Nachbarn poltert, mit den Worten: »Wenn Katar die WM entzogen wird, dann gibt es keine Krise mehr.« Genüsslich beruft sich die Zeitung dann auf nicht näher genannte Experten, die den Zuschlag für die WM als »große Errungenschaft für Katar« bezeichnen, die für andere Länder schwer zu verdauen sei.

 

Selbst wenn der Tourismus anziehen sollte, wirft er nicht zwangsläufig die erhofften Gewinne ab.

 

Im Vergleich mit den Nachbarn stellt sich Katar in seiner Selbstdarstellung durchaus geschickt an. Das liegt auch an der PR-Abteilung – die inzwischen in einigen Feldern konstruktiv reagiert und bereit ist, Kritik aufzugreifen und Besserung zu geloben. Als Amnesty International Anfang 2019 mal wieder die miserablen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen für die Stadien anprangerte, bedankte sich die Regierung bei der Menschenrechtsorganisation und ließ mitteilen, dass »die Arbeitsreform eine Reise ist und kein Ziel an sich«, dass »weitere Veränderungen notwendig sind« und dass sie »weiter mit internationalen Organisationen und NGOs als Partner und Berater an den Arbeitsreformen« kooperieren werde.

 

Der Ausgang des Fußball-Weltturniers ist aber schwieriger zu bemessen als eine bloße PR-Kampagne. Wenn man weiter blickt als auf aktuelle Schlagzeilen und hohle Rhetorik, stellt sich die Frage, welche tatsächlichen Auswirkungen die Blockade auf Katar und seine wirtschaftliche Entwicklungspläne hat. Da lassen sich zum einen die Opportunitätskosten und der künftige Nutzen des Turniers abwägen. Die kurzfristigen Kosten für den Bau der Infrastruktur wiegen nicht allzu schwer. Zwar gab es vereinzelte Finanz- und Lieferengpässe, aber der Bau schreitet voran, die Stadien werden nach und nach fertiggestellt. Die langfristigen Kosten sind dagegen enorm.

 

Katar und die Kosten für die Fußball-WM 2022
Um aus einem Sportgroßereignis tatsächlich Profit zu ziehen, sollte die Infrastruktur im besten Fall schon bereitstehen, sodass für die Modernisierung der Stadien, Hotels und Verkehrswege keine Unsummen ausgegeben werden müssen.
Foto: Leo Wigger

 

Die Erfahrungen der Vorgänger legen nahe, dass das Event in Katar wohl kaum den erwünschten ökonomischen Nutzen bringen dürfte. Einigen Schätzungen zufolge dürfte die WM in Katar ungefähr 220 Milliarden US-Dollar kosten, das ist mehr als das 30-fache der Gesamtkosten, die Südafrika für das Turnier 2010 ausgegeben hat, etwa 6,7 Milliarden. Der letzte Gastgeber, Russland, gab umgerechnet 14,2 Milliarden US-Dollar aus. Moskau erhoffte sich durch die WM langfristig erhebliche Mehreinnahmen – und ging von 31 Milliarden innerhalb der folgenden zehn Jahre aus. Analysen, die nach dem Turnier angefertigt wurden, beziffern die Gewinnmargen inzwischen auf maximal 1,3 Milliarden.

 

Brasilien hat sich die Ausrichtung der WM 2014 geschätzt 11 bis 14 Milliarden US-Dollar kosten lassen – gemessen an den erhofften Einnahmen, langfristig zwischen 3 und 13 Milliarden, hat sich das Turnier für die brasilianischen Steuerzahler nicht wirklich gelohnt. Der teuerste Stadionneubau in der Hauptstadt Brasília dient inzwischen als Busparkplatz, und auch die Arenen in Cuiabá, Natal und Manaus sind weitgehend ungenutzt.

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Lobbyismus der Golfstaaten in den USA
Saudi-Arabien 1979 - Ein Essay

zenith: Laut den Angaben, die die Datenbank »Open Secrets« zusammengetragen hat, sind 2017 rund 14 Millionen US-Dollar aus Saudi-Arabien geflossen, um Einfluss auf die US-Politik zu nehmen. Welche Ziele verfolgt Riad mit der Lobby-Politik?

Anna Massoglia: Saudi-Arabien verfügt über ein großes Netzwerk von Lobbyisten, und die wiederum beauftragen PR- und Kommunikationsfirmen, die in den USA sogenanntes Reputationsmanagement betreiben. Zusätzlich ist Riad mit regierungsnahen Ablegern saudischer Unternehmen in den USA präsent. Sie alle haben zum Ziel, das Image des Königreichs aufzuwerten, und richten sich dabei sowohl an die Öffentlichkeit als auch an Abgeordnete, um die Beziehungen mit Saudi-Arabien zu vertiefen. Diplomatische und finanzielle Fragen spielen hier eine Rolle, etwa wenn es um Rüstungsdeals oder Handelsverträge geht. Wir können die saudischen Aktivitäten relativ gut nachverfolgen – und zwar bis in die 1950er-Jahre –, schließlich verpflichtet der »Foreign Agents Registration Act« (FARA), jegliche Lobbyarbeit für einen ausländischen Staat beim US-Justizministerium anzumelden.

 

Wie haben sich die saudischen Lobby-Aktivitäten in den vergangenen Jahren entwickelt?

Das schwankt von Jahr zu Jahr, aber insgesamt investiert Riad sukzessive mehr Geld. Der letzte große Schub kam nach dem 11. September 2001, seitdem liegen die Ausgaben beständig über zehn Millionen US-Dollar pro Jahr. Doch auch in den 1960er- und 1970er-Jahren wurden schon Verträge mit PR-Firmen im Wert von Hunderttausenden US-Dollar geschlossen – damals beachtliche Summen.

 

Die Debatte um Einflussnahme auf die US-Politik fokussiert sich im Umfeld der Präsidentschaftswahlen auf russische Aktivitäten. War Donald Trump aus saudischer Sicht ebenso der bevorzugte Kandidat im Rennen ums Weiße Haus? Immerhin erscheinen die Beziehungen zwischen Königshaus und US-Regierung so eng wie lange nicht.

Es gab Zuwendungen, die im Auftrag registrierter Lobbyisten für Saudi-Arabien getätigt wurden. Solche Kontakte gibt es nicht erst seit Trump, sondern etwa auch schon unter der Obama-Regierung. Lobbyisten suchen Einfluss, unabhängig davon, ob Republikaner oder Demokraten gerade an der Macht sind. Allerdings fällt uns schon auf, dass unter den Lobbyisten viele frühere Abgeordnete sind – quer durchs politische Spektrum. Sie gehen gewissermaßen durch die Drehtür: Erst in den Kongress, dann in die Beratungsindustrie, wo sie von ihren Kontakten in die Politik profitieren und so de facto oft nicht offiziell registrierte Lobbyarbeit leisten.

 

»Unter den Lobbyisten sind viele frühere Abgeordnete – quer durchs politische Spektrum«

 

An wen wandte sich Saudi-Arabien, nachdem Trump 2016 die Wahlen gewonnen hatte?

Die Analyse unserer Daten zeigt, dass die Saudis nach den Wahlen Aufträge an Personen oder Beratungsfirmen vergaben, die mit Trumps Wahlkampagne in Verbindung gestanden hatten – etwa die »Sonoran Policy Group«. Das saudische Innenministerium zahlte diesem Lobby-Verein von Trumps Wahlkampfberater Robert Stryk fünf Millionen US-Dollar für sehr weit und vage gefasste Beraterdienste, und das über einen kurzen Zeitraum von nur wenigen Wochen. Solch massive Zahlungen für Firmen auf beiden Seiten des politischen Spektrums, die eindeutig mit einem Lager verbunden sind, kommen häufig vor. Viele Regierungen, nicht nur die saudische, nutzen diese Taktik, um Beziehungen sowohl zu den Republikanern als auch zu den Demokraten aufzubauen. Je nachdem, wer gerade an der Macht ist.

 

Wie viel gibt Saudi-Arabien für Lobby- Arbeit in den USA im Vergleich zu anderen Ländern aus, etwa Israel oder den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE)?

Im Jahr 2017 sind die Saudis in den Top Ten, die VAE und Israel haben allerdings etwas mehr investiert. An Nummer eins steht übrigens Südkorea mit 74 Millionen US-Dollar – dreimal so viel wie Saudi-Arabien. Dafür gibt Riad mehr aus als China und Kanada. In den Top Ten finden sich ansonsten Länder wie Japan und Irland, aber auch die Bahamas und die Marschall-Inseln.

 

Die Bahamas und die Marschall-Inseln?

Das hat uns auch überrascht. Die Zahlungen dieser kleinen Inselstaaten haben mit ihrem Status als Steueroasen zu tun und sollen deren Ruf in Bezug auf Transparenz aufbessern. Die Marschall-Inseln liegen bei den Lobby-Geldern in den USA sogar unter den ersten drei und geben damit mehr aus als Saudi-Arabien, Kanada, China und Israel.

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Populismus und Ressentiments gegen Gastarbeiter in Kuwait
Populismus und Ressentiments gegen Gastarbeiter in Kuwait

Safa Al-Haschim ist die einzige Frau im kuwaitischen Parlament. Doch das ist nicht der Grund, warum die 55-Jährige regelmäßig die Schlagzeilen im Emirat bestimmt. Safa Al-Haschim setzt sich für die Zementierung einer Zweiklassengesellschaft ein, in der Ausländer und Staatsbürger nicht die gleichen Rechte genießen. Und sie bedient sich dabei einer Sprache, die ihr den Spitznamen »Kuwaits Trump« eingebracht hat.

 

2018 forderte die Parlamentarierin, dass in Kuwait wohnende Ausländer zur Kasse gebeten werden sollen – für »die Luft, die sie atmen«. »Die Subventionierung öffentlicher Leistungen sollte ausschließlich Kuwaitis vorbehalten sein. Ausländern sollte es nicht erlaubt sein, sie kostenlos in Anspruch zu nehmen«, erklärt die Abgeordnete auf Nachfrage gegenüber zenith und fordert, dass die Anzahl ausländischer Arbeiter 40 Prozent der Gesamtbevölkerung nicht übersteigen und nur eine Aufenthaltsdauer von maximal sieben Jahren gewährt werden sollte. Tatsächlich nimmt die Polizei regelmäßig Gastarbeiter fest, die sich entscheiden, nach Ablauf ihres Arbeitsvertrages illegal im Land zu bleiben.

 

Populismus und Ressentiments gegen Gastarbeiter in Kuwait
Um den Verkehrsproblemen des Landes Herr zu werden, schlägt Parlamentarierin Al-Haschim vor, einem Großteil der Ausländer keine Führerscheine mehr auszustellen.Foto: Sebastian Castelier

 

Für Nasser Al-Mujaibel gehen die Äußerungen von Politikern wie Safa Al-Haschim weit über Law-and-Order-Rhetorik hinaus. »In den letzten zehn Jahren haben Hasskommentare gegen Gastarbeiter innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses an Popularität gewonnen«, konstatiert der Medien- und Kommunikationsforscher von der Universität Kuwait und beobachtet, dass Politiker mir dem Thema immer häufiger auf Stimmenfang gehen.

 

Nach der Verstaatlichung der kuwaitischen Ölindustrie im Jahr 1975 strömten Millionen ausländische Arbeitskräfte in das Emirat. Heute stellen Ausländer zwei Drittel der 4,7 Millionen Einwohner, darunter 475.000 Ägypter, etwa 930.000 Inder und knapp 200.000 Arbeiter aus Bangladesch. Außerdem kommen auf jedes neugeborene kuwaitische Kind drei neue Einwanderer, wie die kuwaitische Tageszeitung Al-Qabas mit Verweis auf Regierungsquellen im März 2019 berichtete.

 

Die rassistischen Äußerungen über Migranten greifen immer wieder den Zustrom einkommensschwacher Gastarbeiter auf. Und das kuwaitische Parlament – eine unter den Golfstaaten einzigartige, oft regierungskritische Institution – bietet dafür eine Plattform. Kein Wunder, schließlich diskutieren die Abgeordneten hier das wohl sensibelste Thema der kuwaitischen Politik: die Preissteigerungen in sämtlichen Bereichen der Grundversorgung. Immer wieder müssen Kuwaits Gastarbeiter hier als Sündenböcke herhalten.

 

Populismus und Ressentiments gegen Gastarbeiter in Kuwait
»Die Kuwaitis halten sich für eine überlegene Rasse.« Der Abgeordnete Khalil Abul mahnt seine Landsleute zu mehr Selbstkritik – und warnt vor den möglichen Folgen der aufgeheizten Debatte.Foto: Sebastian Castelier

 

2017 verabschiedeten die Abgeordneten einen Preisanstieg für Elektrizität und Wasser, der aber nicht für kuwaitische Staatsbürger gilt. Um den Verkehrsproblemen des Landes Herr zu werden, schlägt Al-Haschim vor, einem Großteil der Ausländer keine Führerscheine mehr auszustellen. »Letztendlich ist es meine Pflicht, die Kuwaitis zu schützen, deswegen wurde ich gewählt«, rechtfertigt sie derlei Forderungen.

 

Dabei kann die Abgeordnete auf stetig wachsende Zustimmung unter ihren Kollegen zählen – ein Konsens, der selbst die Gräben von Sektarismus und Tribalismus im Land überwindet. Zu den Wortführern der gegen Migranten gerichteten Maßnahmen zählt etwa auch der schiitische Abgeordnete Khalil Al-Saleh, der im politischen Spektrum des Golfstaates dem liberalen Lager zugerechnet wird. Saleh leitet die parlamentarische Kommission für die sogenannte Kuwaitisierung des Arbeitsmarkts, im März 2019 wandte er sich mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit, über die nächsten fünf Jahre die Hälfte der 3,3 Millionen Ausländer auszuweisen.

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Theaterstück über Geheimdienste im Libanon
Theaterstück über Libanons Geheimdienste

Ziad Itani spielt Fawzi Fawzi. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, ist Itani doch Schauspieler. Doch heute Abend ist alles anders, denn auf der Bühne des Westbeiruter Theaters Metro Medina erzählt er seine eigene Geschichte. Und die beginnt mit drei Grobianen, die den Hauptdarsteller auf die Bühne zerren und in die Mangel nehmen. »Leute, wer seid ihr eigentlich?«, fragt Fawzi, als sie ihn zu Boden werfen. »Wir sind von der Regierung. Und wir haben eine Akte über dich«, antworten sie.

 

Das Stück heißt »Und Colette tauchte nicht auf« und feierte am 23. November 2018 in Beirut seine Premiere – ein Jahr nach Beginn der absurden Odyssee, die Itanis Stück nun nacherzählt. Fawzi Fawzi wird darin beschuldigt, sich mit israelischen Agenten verschworen zu haben, um hochrangige Beamte im libanesischen Innenministerium zu ermorden.

 

Dass Itani so in den Fokus rückte, hatte nur indirekt mit seinem Beruf zu tun. Als Schauspieler steht er gerne im Rampenlicht, auch wenn der ganz große Durchbruch bislang ausblieb. Immerhin, sein Solo-Stück »Beirut: Tariq Al-Jdeide« erntete 2015 Lob bei Kritikern und Theaterbesuchern in Libanons Hauptstadt. In der schwarzen Komödie über den gleichnamigen Stadtteil, in dem vorrangig Sunniten leben und aus dem auch Itani stammt, wird die Polit-Elite des Landes durch den Kakao gezogen. Der Erfolg des Stücks machte Itanis bekannter, vor allem im Internet fand er neue Fans und schrieb immer häufiger mit ihnen – auch über politische Themen.

 

Nach der Premiere trifft zenith den 44-jährigen Schauspieler in einem Café in der Nähe des Theaters, und Itani erzählt, wie ein paar Klicks im Internet genügten, um ihn in die Grabenkämpfe zwischen Libanons Sicherheitsbehörden zu verstricken – und ihn schließlich in einen Folterkeller brachten.

 

Seine Geschichte beginnt am 29. September 2017. Im Internet stößt Itani auf einen Tweet seines Schauspielkollegen Charbel Khalil, dem auf Twitter knapp 140.000 Menschen folgen. »[Saudische] Frauen werden erst selber fahren dürfen, wenn sie ihre Autos mit Bomben bestücken«, so die Kurznachricht des im Libanon so populären wie umstrittenen TV-Satirikers. Das war knapp drei Monate nach der Ankündigung des saudischen Kronprinzen, das Fahrverbot für Frauen aufzuheben. In den Kommentaren zu dem Tweet geht es heiß her.

 

Doch Itani fällt vor allem eine Reaktion sofort ins Auge: Majorin Suzanne Hajj Hobeiche, Leiterin der Abteilung für Cyber-Kriminalität im Innenministerium, hatte den provokanten Tweet von Charbel Khalil geliked. »Ich machte einen Screenshot davon und teilte ihn auf meinem Profil«, erinnert sich Itani. Es dauert nicht lange, und Hobeiche verliert ihren Regierungsjob: Denn schon am nächsten Tag machen im Internet Berichte die Runde, die den Social-Media-Fauxpas der Majorin aufgreifen – und ihn mit Itanis Screenshot bebildern. Hobeiche hatte ihr »Like« da zwar schon längst zurückgezogen und erklärt, den fragwürdigen Post des TV-Satirikers missverstanden zu haben, doch die Sicherheitsbehörden hatten die Majorin bereits suspendiert.

 

Hobeiche galt als eine der prominentesten Repräsentantinnen des libanesischen Sicherheitsapparats, und Itani plagt sein schlechtes Gewissen. »Ich rief bei ihr zu Hause an und sagte, dass es mir leid täte, dass ich den Screenshot aufgenommen hätte, der sie den Job gekostet hatte.« Am anderen Ende der Leitung hörte Hobeiches Ehemann zu und legte dann wortlos auf, erzählt Itani.

 

Was in den folgenden Tagen und Wochen geschieht, wird seit Frühjahr 2018 vor Gericht verhandelt. Für Itani, so viel ist klar, war die Angelegenheit nach dem Telefonat erledigt. Doch knapp zwei Monate später erwartet den Schauspieler eine böse Überraschung. Während einer Probe für ein Theaterstück tauchen zwei vermummte Männer auf, überwältigen ihn, zwängen ihn in ein Auto und verbinden ihm die Augen.

 

Als Itani sich weigerte, ein Schuldbekenntnis zu unterzeichnen, begannen die Drohungen.

 

Das erste, was Itani wieder zu Gesicht bekommt, ist ein Blatt Papier, das ihm einer der Entführer vor die Nase hält. Der Inhalt: Ein Ausdruck seiner Facebook-Nachrichten. »Sie sagten, dass ich eine Mitteilung von einer israelischen Agentin namens Nelly Jameson erhalten hätte und mit einer weiteren Spionin mit dem Decknamen Colette kollaborieren würde.« Was genau in der Nachricht stand, konnte Itani nicht nachprüfen – genauso wenig wie wer da eigentlich vor ihm stand, welche der vielen libanesischen Sicherheitsbehörden die Männer geschickt hatte und wo er sich nun befand. »Und eine Nelly Jameson oder Colette kannte ich erst recht nicht«, erinnert er sich.

 

Was er sehr wohl begreift: Die Vorwürfe sind hart. Wer für Israel spioniert, riskiert nicht nur seinen guten Ruf, sondern muss im Fall einer Verurteilung sogar mit der Todesstrafe rechnen. Und so dämmert Itani langsam, dass sein Martyrium vielleicht mit dieser Twitter-Episode von vor ein paar Wochen zusammenhängen muss.

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Kommunisten im Irak
»Man spürt eine neue Form der Mobilisierung«

zenith: Während der Sozialproteste und des Wahlkampfs im Irak marschierten säkulare Kommunisten und Vertreter der Zivilgesellschaft 2018 Hand in Hand mit der religiös fundierten Bewegung des Klerikers Muqtada Al-Sadr. Wie bringt man solch unterschiedliche Ideologien unter einen Hut?

Jassem Al-Hilfi: Wir haben uns mit den Sadristen darauf geeinigt, an gemeinsamen Themen zu arbeiten, statt nach ideologischen Überschneidungen zu suchen. Es ging nicht darum, die Gegenseite zu bekehren. Trotzdem haben wir Respekt für die islamische Ideologie der Sadr-Bewegung, und die Sadristen respektieren unsere ideologischen Ansätze. Dabei teilen wir die Ansicht, dass wir einen Staat der Bürger statt eines Staates der Quoten aufbauen müssen. Das haben wir als Grundlage unserer gemeinsamen Arbeit im Wahlprogramm festgehalten. Entsprechend setzen sich unsere Vertreter heute im Parlament für die Themen ein, die die Menschen berühren: Armut, Gesundheit, Bildung, Arbeitslosigkeit und die Notwendigkeit, den politisierten Konfessionalismus loszuwerden.

 

Welche Rolle spielte der Faktor Religion, um Vertrauen zu den Sadristen aufzubauen?

Für Millionen von Menschen im Irak ist Religion ein heiliges Anliegen. Wir respektieren die Religion. Das bedeutet, dass wir die individuellen Entscheidungen der Menschen und ihr Recht anerkennen, ihre Religion frei zu praktizieren. Wir haben Respekt für Rituale und für die Gläubigen. Was wir kritisieren, ist die tagtägliche Politisierung von Religion, die Instrumentalisierung zum Erwerb von Ämtern, Macht und Wohlstand auf Kosten der meist armen, breiten Bevölkerungsschichten.

 

Dennoch führte Sadr nach den Wahlen Verhandlungen über eine Beteiligung der Badr-Organisation an der Regierungskoalition – deren Chef Hadi Al-Ameri gehört zu den prominentesten Kommandeuren der umstrittenen sogenannten Volksmobilisierungseinheiten (Al-Haschd Al-Schabi). Dagegen regte sich in Ihrer Partei Kritik.

Innerhalb der Partei haben wir eine Oase geschaffen, um diese Unterschiede in politischen Angelegenheiten zu diskutieren. Andersdenkende haben auch das Recht, ihre Meinungen in unserem Parteiorgan zu veröffentlichen, selbst wenn diese der offiziellen Parteilinie widersprechen. Diese Diskussion wurde ja auch außerhalb der Partei geführt.

 

»Wir arbeiten mit den Sadristen an gemeinsamen Themen, anstatt nach ideologischen Überschneidungen zu suchen«

 

Trotz der relativ friedlichen Parlamentswahlen und des nominellen Sieges gegen den sogenannten Islamischen Staat steht der Irak noch vielen sicherheitspolitischen Herausforderungen gegenüber. Wie kann der Staat sein Gewaltmonopol wiedererlangen?

Wir haben ein großes Sicherheitsproblem im Irak: die Verbreitung von illegalen Waffen und bewaffneten Gruppen. Und von IS-Schläferzellen geht weiterhin Gefahr aus. Deswegen reicht für den Kampf gegen den IS der militärische Sieg nicht aus. Wir brauchen einen Erfolg auf ideologischer, politischer und wirtschaftlicher Ebene. Wir müssen Armee- und Sicherheitsapparat mit einer nationalen Identität und einer nationalen Doktrin aufbauen – weg vom Quotensystem. Diese Einrichtungen dürfen nicht einzelnen Individuen, Parteien oder den Sicherheitsorganen benachbarter Staaten dienen. Sie sollen in der Lage sein, die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten, damit das Vertrauen der Bürger in diese Institutionen wiederhergestellt wird.

 

Haben die Iraker genug vom Konfessionalismus?

Konfessionelle Konflikte, Terrorismus und willkürliche Gewalt hatten auch einen vernichtenden Effekt auf die gemeinsame Identität. Doch nun spürt man eine neue Form der Mobilisierung, es entstehen zivilgesellschaftliche Organisationen und Gewerkschaften, und für eine gewisse Schicht, die gerade zu Wohlstand kommt, bringt das eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage. Dadurch wächst allmählich eine nationale bürgerliche Klasse mit einer nationalen Identität heran, die mit der wachsenden Ablehnung von konfessionellen Spaltungen und konfessionellen Subidentitäten einhergeht.

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Indiens Muslime und der Weg an den Golf
Keralas Muslime und die Arbeitsmigration am Golf

Umgeben von Koranen und Gebetsmatten steht der 18-jährige Mohammad Hisham im Gang eines islamischen Supermarkts, den sein Vater in Mampuram betreibt. Von hier, im Norden des indischen Bundesstaats Kerala, sind unzählige Menschen an den Persischen Golf gezogen. »Ich möchte das Geschäft ausbauen, warum sollte ich denn da wegziehen?«, fragt Mohammad. Seine Zukunft sieht er in der Heimat, nicht mehr in der Ferne.

 

Mit dem sinkenden Ölpreis veränderte sich entlang der indischen Küste des Arabischen Meers auch die Migration. Die Zahl der im Ausland arbeitenden Inder aus Kerala sank in den Jahren seit 2013 um zwölf Prozent, 300.000 Menschen kehrten im Zuge der Wirtschaftsflaute am Golf zurück. Ein Trend, der durch die Verschärfung des Arbeitsrechts in einigen der Zielländer noch verstärkt wird.

 

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass zwischen Anfang 2017 und dem dritten Quartal 2018 mehr als 1,1 Millionen Ausländer Saudi-Arabien verlassen haben, immerhin das Land mit der höchsten Zahl von Gastarbeitern aus Kerala. In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), wo heute 830.000 Inder aus dem Bundesstaat im Südwesten leben, haben private Unternehmen, die nicht im Ölgeschäft arbeiten, zuletzt so viele Jobs gestrichen wie seit zehn Jahren nicht, meldete das Wirtschaftsportal Bloomberg im Frühjahr 2019.

 

Keralas Muslime und die Arbeitsmigration am Golf
»Wie viele kostbare Jahre deines Lebens wirst du am Golf verbringen, weit weg von deiner Familie? Was ist das für ein Leben?« Hashim Karadan hat stattdessen 2004 sein eigenes Tonstudio in seiner Heimatstadt Mampuram hochgezogen. Foto: Sebastian Castelier

 

»Der Traum vom Golf verblasst«, glaubt Irudaya Rajan, Experte in Migrationsfragen, der in Trivandrum, Kerala, am Centre for Development Studies (CDS) forscht. Shibinu Shahul, Wirtschaftsprofessor am PSMO College in Malappuram, unterstreicht diese Einschätzung. Shahul untersucht Keralas muslimische Migranten-Communities, und die Zahl seiner Studenten, die sich vorstellen könnten, am Golf zu arbeiten, ist nur noch ein Drittel so hoch wie vor zehn Jahren.

 

Hinzu kommt, dass die Bevölkerung altert und die Zahl der überhaupt für Arbeitsmigration in Frage kommenden Inder sinkt. Laut »Kerala Migration Survey 2018«, der mittlerweile achten Ausgabe der vom CDS durchgeführte Umfrage, sank der Bevölkerungsanteil der 15- bis 29-Jährigen, die besonders oft auswandern, von 53 (1981) auf 37 Prozent (2011).

 

Doch nicht nur wirtschaftliche Überlegungen spielen eine Rolle, auch der Wunsch nach persönlicher Entwicklung gewinnt zunehmend an Bedeutung. »Wie viele kostbare Jahre deines Lebens wirst du am Golf verbringen, weit weg von deiner Familie? Zu viele! Was ist das für ein Leben?«, fragt sich Hashim Karadan, Besitzer eines Tonstudios in Mampuram.

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Kampf gegen häusliche Gewalt in Jordanien
Frauenhäuser in Jordanien

Im Oberschenkel steckt der kräftigste Knochen des menschlichen Körpers. Ihn zu brechen bedarf absurd viel Gewalt. Bestialischer Gewalt, der Dania* ausgesetzt war. Zerstörte Beine, gequälte Seele. Die Haut der Jordanierin wirkt dünn, erinnert an recyceltes Papier und ist ebenso fahl. Der weite Hidschab lässt ihren Kopf groß und schwer erscheinen, wie die Erinnerungen, die in ihm Platz finden. »Ich musste erst lernen, mich für das, was passiert ist, nicht zu schämen«, sagt sie schließlich und blickt in den Raum, in dem sie genau das gelernt hat.

 

Dania ist 39 Jahre alt und wurde von ihren Brüdern misshandelt, musste um ihr Leben fürchten. Für das Gespräch ist sie in das Dar Al-Wefaq zurückgekommen, das 2007 eröffnete. Es ist das erste und älteste Frauenhaus Jordaniens – irgendwo im Osten der Hauptstadt Amman. Wo es genau steht, darüber darf nicht geschrieben werden. Auch Journalisten bekommen hier eigentlich keinen Zutritt.

 

In wochenlanger Arbeit helfen Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen und Therapeutinnen eine sichere Rückkehr zu ermöglichen.

 

Denn das Dar Al-Wefaq ist für viele Jordanierinnen der letzte Zufluchtsort vor der Gewalt einer von Männern dominierten Gesellschaft, die das Ideal der reinen, durch ihr züchtiges Verhalten die Familienehre bewahrenden Frau zwar auf Händen trägt, deren Rechte sie aber oft genug mit Füßen tritt. Viele Jordanierinnen fliehen vor Gewalt innerhalb der eigenen Familie ins Al-Wefaq – in wochenlanger Arbeit helfen ihnen Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen und Therapeutinnen dann dabei, eine sichere Rückkehr zu ermöglichen. Wenn es gar nicht anders geht, unterstützen sie sie bei einem Neuanfang außerhalb des eigenen Hauses.

 

Im vergangenen Jahr haben hier nach Angaben der Heimleitung mehr als 450 Frauen Unterschlupf gefunden, im Schnitt bleiben sie zwei bis vier Wochen in dem dreistöckigen Bau, der sich mit seinen vergitterten Fenstern und der unverputzten Fassade hinter eine stacheldrahtbewehrte Mauer duckt. Sicherheitsstufe 3 von 6. Die Frauen, die hier leben, waren häuslicher Gewalt ausgesetzt. Seit Eröffnung des Dar Al-Wefaq vor über einem Jahrzehnt haben hier rund 5.000 Jordanierinnen eine Atempause einlegen dürfen, die Zahl der Fälle pro Jahr ist dabei relativ konstant. Die Angestellten im Haus sind stolz auf das Projekt, führen den Besuch in die Krankenstation, den Computerraum, das Fitnessstudio, den Friseursalon.

 

Wie in vielen Teilen der Welt ist häusliche Gewalt auch in Jordanien ein akutes Problem. Doch wie groß genau? In den vergangenen Jahren wurde das Land diesbezüglich immer wieder an den medialen Pranger gestellt. Insbesondere die sogenannten Ehrenmorde, in mancherlei Hinsicht die maximale Eskalation häuslicher Gewalt, sind ein wiederkehrendes Thema in europäischen Medien – und auffällig oft geht es dann um Jordanien.

 

Frauenhäuser in Jordanien
Im Archiv des Dar Al-Wefaq sind über die Jahre tausende Fall-Akten zusammengekommen.Foto: Rajiv Raman

 

»Der Fokus liegt auf uns, weil wir darüber reden, wir beschönigen nichts. Es gibt das Problem und wir kümmern uns darum.« Rana Husseini schlägt mit der Handkante auf den Tisch, dass die Tassen klirren. Die Journalistin arbeitet für die englischsprachige Jordan Times und schreibt seit Jahrzehnten über Gewalt gegen Frauen. Ihre Haltung ist so resolut wie ihre Worte und ihr Handschlag. Wenn sie lacht, dann dröhnend. Wenn sie widerspricht, dann bestimmt.

 

Und doch, auch Husseini kann die Fassung verlieren. Etwa als die Nachrichtenagentur Reuters 2017 schrieb, Jordanien habe die weltweit höchste Zahl an Ehrenmorden, ohne die Behauptung mit einer Quelle zu belegen. Feststeht: Statistiken zu sogenannten Ehrenmorden sind mit Vorsicht zu genießen. 5.000 solcher Fälle gäbe es weltweit, so steht es in einem Bericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA), der vor knapp 20 Jahren erschien. Wie die Zahl zustande kommt, steht dort nicht, und doch wird sie bis heute kolportiert. Unstrittig ist zumindest, dass das Phänomen auftritt, nicht nur in Jordanien oder anderen arabischen Ländern. Lateinamerika, Afrika und Europa. Frauen, da ist sich die Forschung einig, sind nirgendwo sicher.

 

Der UN-Bericht aus dem Jahr 2000 behauptet, dass es in Jordanien pro Jahr rund 25 solcher Fälle gibt. Die NGO »Sisterhood is Global Institute« spricht von 28 Jordanierinnen, die 2016 Opfer sogenannter Ehrenmorde wurden, 2017 habe es 17 solcher Morde gegeben. Human Rights Watch bleibt vage und schätzt die Zahl auf 15 bis 20 Fälle pro Jahr. Problematisch ist außerdem, dass manche Morde ökonomische Motive haben, etwa wenn es um das Erbe zwischen Geschwistern geht, sie auf den ersten Blick aber doch wie ein sogenannter Ehrenmord wirken.

 

Ein regionaler Vergleich der Fallzahlen ist schwierig, gibt es doch kaum belastbare Statistiken für die Länder in Jordaniens Nachbarschaft – Schätzungen und kursorische Untersuchungen durch NGOs deuten darauf hin, dass Jordanien bezogen auf die Bevölkerungszahl kein statistischer Ausreißer bei der Zahl der sogenannten Ehrenmorde ist. Dass nirgendwo mehr Frauen Opfer solcher Verbrechen werden als in Jordanien, gibt keine der Quellen her. Woher kommt er also, der schlechte Ruf des Haschemitischen Königreichs?

 

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Libyer in tunesischen Krankenhäusern
Stadtpanorama Tunis, Tunesien

Seine Arme sind bandagiert, die Beine von einem frischen Laken bedeckt: Nabil Gamal Naji Muftah ist Libyer und lässt sich in der Klinik »Hannibal International« in Berges du Lac, einem gehobenen Vorort von Tunis, behandeln. Wie Nabil reisen viele Libyer ins benachbarte Tunesien, um sich dort medizinisch versorgen zu lassen. Fünf Jahre ist es her, seit Nabil und sein älterer Bruder zusammen im Auto saßen. Sie waren auf dem Weg nach Hause, als ein Lastwagen auf sie zuraste. Zwar bremste der Fahrer und verhinderte so ein größeres Unglück, aber es war zu spät, um den Zusammenstoß zu verhindern.

 

Auf seinem Smartphone zeigt Nabil Fotos des zertrümmerten Autos. Eigentlich, sagten ihm die Ärzte, hätte er den Unfall nicht überleben können. Sein Bruder war nur leicht verletzt, doch bei Muftah diagnostizierten die Ärzte einen teilweise gebrochenen Halswirbel und die Beine und Arme seines Bruder vorübergehend gelähmt waren – und so folgten Operationen und Wochen im Krankenhaus.

 

Die Ärzte empfahlen ihm eine Klinik in Tschechien, in der man sich auf seine Verletzungen spezialisiert hatte. Der junge Libyer reiste in seinem Rollstuhl nach Prag und blieb für 15 Monate. Es folgte ein siebenmonatiger Aufenthalt in einer Spezialklinik in Polen, ehe er im Juli 2016 nach Hause zurückkehren musste. Nicht weil er geheilt war, sondern weil er kein Geld mehr hatte.

 

»Die Gesundheitsversorgung in Libyen ist kostenlos, aber schlecht. Also müssen wir nach Tunesien ausweichen.«

 

Zurück in Libyen weigerte sich Muftah, sich vor Ort in Behandlung zu begeben. »Wer hier ins Krankenhaus geht, fängt sich direkt am zweiten Tag eine bakterielle Infektion ein.« Muftah weiß, wovon er spricht. Er studierte zum Zeitpunkt des Unfalls bereits im sechsten Semester Medizin. »Das Personal ist oft unzureichend ausgebildet. Nur mit Glück erwischt man einen Arzt, der sein Handwerk versteht.« Und so blieb Muftah daheim, verzichtete auf Behandlung und Physiotherapie, und schluckte stattdessen Medikamente.

 

Obwohl sein Bruder Nabil sich Tag und Nacht um ihn kümmert, geht es Muftah immer schlechter. Die Schmerzen werden stärker und anderthalb Jahre nach dem Unfall gibt die abgestorbene Haut an den Beinen einen fauligen Geruch ab. Seine Familie greift ein – und lässt ihn eilig nach Tunis verlegen. »Die Gesundheitsversorgung in Libyen ist kostenlos, aber schlecht. Also müssen wir nach Tunesien ausweichen, um uns richtig behandeln zu lassen«, sagt Muftah.

 

Im Juli 2019 wird seine Hautinfektion fachgerecht behandelt. Es folgen Operationen am Rückenmark und den gelähmten Gliedmaßen. Armen, Händen und Rücken geht es inzwischen wieder besser, doch unterhalb der Hüfte fühlt er nur Krämpfe in Beinen und Füßen. » Tunesische Krankenhäuser verfügen über eine gute medizinische Ausstattung. Ärzte und Pflegekräfte sorgen dafür, dass man sich gut aufgehoben fühlt«, sagt Muftah. »Als ich ankam, um mir die Klinik anzuschauen und das Personal kennenzulernen, entschied ich mich sofort, mich hier behandeln zu lassen.«

 

Chefarzt Ghazi Jerbi vermutet, dass zwischen 2011 und 2014 rund 50 Prozent der medizinischen Einrichtungen in Tunesien sich ausschließlich um libysche Patienten gekümmert haben.

 

Ghazi Jerbi ist Onkologe und Chefarzt der »Hannibal International«, er weiß um die Bedeutung des tunesischen Gesundheitssystems für die Region: »Tunesien war schon immer beliebt bei libyschen Patienten. Viele ausländische Patienten kommen gezielt in unsere Klinik.« Libyer, berichtet Ghazi, hätten oftmals keine Wahl. Der schlechte Zustand des eigenen Gesundheitssystems zwinge sie dazu.

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Assads langer Arm in Osteuropa
Kolshi tamam fi Dimashq

Ich bin ein Verräter. Das begriff ich zum ersten Mal, als die bulgarische Botschaft im Libanon mich warnte, nicht nach Beirut zu reisen. Mein Name stünde auf einer Liste, welche die Hizbullah im Auftrag des syrischen Regimes führt: gesucht wegen staatsfeindlicher Aktivitäten. In Syrien würde mich ein Prozess vor einem Militärgericht erwarten.

 

Aus ideologischer Sicht ist alles, was ich heute tue, Verrat. Dass ich in den Augen des Regimes ein Verräter bin, ist einerseits ein Symbol für die Lügen, an die ich früher selbst glaubte. Andererseits treibt mich der Vorwurf heute an. Denn in Wirklichkeit habe ich ein System verraten, das von innen heraus tief verrottet ist.

 

Ich wurde in Sofia geboren. Mein Vater arbeitete viele Jahre in der Konsularabteilung der syrischen Botschaft. In meiner Jugend habe ich viel Zeit im Botschaftsgebäude und der Residenz des Botschafters verbracht. Später wurde ich aktiver Teil des syrischen Studentenwerks in Bulgarien. Die Machthaber in Damaskus sahen in jemandem wie mir zweifellos eine nützliche Ressource. Mit dem Studentenwerk stellten wir Treffen, Ausstellungen und andere Kulturveranstaltungen auf die Beine. Ich war stolz auf diese Aktivitäten und blind gegenüber jeder Kritik am System in Syrien.

 

Im November 2010 begegnete ich Baschar Al-Assad in Sofia. Assad besuchte Bulgarien zu der Zeit auf Einladung des damaligen Präsidenten Georgi Parvanov. Seine Familie, inklusive seiner Kinder, waren ebenfalls mitgereist. Ich unterhielt mich mit seinen Leibwächtern und vereinbarte für die bulgarische Zeitschrift TEMA ein Interview mit seiner Frau Asma. Assad war in voller Mannschaftsstärke angereist, seine Entourage umfasste unter anderem Außenminister Walid Al-Muallem, Chef-Beraterin Buthaina Schaaban, Wirtschafts- und Handelsminister Lamia Assi sowie den stellvertretenden Außenminister Abdul-Fatah Ammura. Einige der Personen, die Assad in Sofia traf, sitzen heute am Kabinettstisch, in den Ministerien oder in der Präsidialverwaltung.

 

Die Machthaber in Damaskus sahen in jemandem wie mir zweifellos eine nützliche Ressource.

 

Lange Zeit konnte ich mir nicht vorstellen, dass dieser Mann, dem ich in Sofia gegenüberstand, höchstpersönlich Befehle zur Bombardierung von Wohngebieten unterzeichnet haben könnte. Ich hätte nicht gedacht, dass das, was die Welt in Libyen und Ägypten verurteilte, in Syrien in einem viel größeren und blutigeren Ausmaß geschehen könnte.

 

Heute, im Jahr 2019, über Syrien zu sprechen, ist schwierig. Für viele Menschen ist das, was in Syrien geschieht, ein Mysterium, eine Verschwörung, ein Kampf um Einflusssphären. Heute beinhaltet jedes Gespräch über Syrien die Worte »Terrorismus«, »Islamischer Staat«, »Geopolitik«. Nichts davon war jedoch Teil des Diskurses, als 2011 die Proteste in Syrien ausbrachen. Deswegen müssen wir einen Blick zurückwerfen, um zu verstehen, wie sich die Debatte über Syrien so sehr gewandelt hat, dass es jemandem wie Assad und seinen Untergebenen gelungen ist, sich vor der internationalen Gemeinschaft zu rehabilitieren.

 

Warum ausgerechnet nach Sofia blicken? Die bulgarische Hauptstadt ist aus geopolitischen Gründen wichtig. Als Land mit EU-Außengrenze in unmittelbarer Nachbarschaft zur Türkei spielt Bulgarien in den strategischen Überlegungen der Regionalmächte eine zentrale Rolle. Bulgarien ist auch für Syrien wichtig. Die Beziehungen zwischen Sofia und Damaskus waren über mehrere Jahrzehnte eng, die Länder standen lange auf derselben Seite des Eisernen Vorhangs. Ob Landwirtschaftserzeugnisse, Maschinenexporte oder Waffenhandel: Ihren Höhepunkt fanden die Beziehungen in den 1980er Jahren.

 

Das bulgarische Kulturinstitut in Damaskus war damals einer der wenigen kulturellen Hotspots der Stadt. Und viele Syrer studierten in Bulgarien, einige blieben in ihrer neuen Heimat, andere gingen zurück und stiegen in Führungspositionen auf. Das jeweils schwierige Verhältnis zum gemeinsamen Nachbarn Türkei machte beide Länder zu strategischen Partnern.

 

Noch nie war die syrische Botschaft in Sofia so umtriebig wie heute. Sie sammelt Daten und koordiniert eine ganze Reihe geheimdienstlicher Aktivitäten. Ich würde sogar so weit gehen, dass die Botschaft in der bulgarischen Hauptstadt seit 2011 weltweit einer der Schlüsselstandorte für das Regime ist. Die wichtigsten Botschaftsmitteilungen und Befehle der syrischen Behörden laufen über Sofia. Die Botschaft, insbesondere der örtliche Abgesandte der Baath-Partei, überwacht von hier aus auch die syrische Exil-Opposition, und dafür gibt es einen guten Grund.

 

Eines der ersten Treffen der syrischen Opposition fand 2012 in Bulgarien statt. An der Tagung im Kurort Pravets, etwa 45 Minuten von Sofia entfernt, nahmen eine ganze Reihe prominenter Persönlichkeiten teil, darunter etwa Burhan Ghalioun, der erste Vorsitzende des Syrischen Nationalrats. Der damalige Außenminister und spätere UN-Sonderbeauftragte für Irak, Nikolaj Mladenov, war federführend an der Organisation beteiligt.

 

Ab 2012 begannen syrische Geschäftsleute in Varna und Plovdiv, die Trommel für das Assad-Regime zu rühren.

 

Um der sich daraufhin abzeichnenden öffentlichen Unterstützung für die syrische Revolution entgegenzuwirken, gab das Regime der Botschaft in Sofia die Aufgabe, lokale Verbündete zu finden. Die beiden wichtigsten Kriterien: eine antiamerikanische Einstellung und ein guter Draht zu Moskau. Der Plan: eine umfassende Kampagne, die die öffentliche Debatte schließlich in die entgegengesetzte Richtung lenkt. Was damals in Bulgarien geschah, ist ein Experiment, das sich in vielen anderen Ländern, auch in Westeuropa, wiederholt hat. Überall tauchen mittlerweile prominente Schergen des Regimes in der Öffentlichkeit auf, um dessen Ansichten zu verbreiten.

 

Aber um die volle Bedeutung dieser Image-Kampagne zu verstehen, müssen wir nach Syrien zurückkehren. Ausländer, darunter vor allem Arabisch-Studenten, bekommen bei ihrem ersten Besuch in Syrien oft zu hören, dass sie im Gespräch mit Taxifahrern Vorsicht walten lassen sollten, denn häufig arbeiteten diese als Informanten für den syrischen Geheimdienst – ein willkommenes Zubrot in einem Job, der sonst nicht viel abwirft.

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Jugend im Bürgerkrieg in Libyen
Libyens Jugend und der Bürgerkrieg

Die 23-jährige Jeje Elromhe beschreibt ihre Begegnung mit dem Scharfschützen von Benghazi so: »Zweimal wurde ich fast erschossen. Das erste Mal war ich auf dem Weg zu einer Prüfung. Ich hatte so viel gelernt und wollte den Test nicht ausfallen lassen«, berichtet sie. Jeje wusste, dass sie sich in Gefahr begeben würde, als sie im Morgengrauen ihr Haus verließ. Die Schüsse ließen nicht lange auf sich warten. »Also bin ich gerannt, während der Scharfschütze auf mich schoss. Ich hörte das Zischen der Kugeln über meinem Kopf.« Das nächste Mal war sie gerade mit ihrem Bruder im Auto unterwegs, als zwischen den Geschwistern eine Kugel einschlug.

 

Wer war der Scharfschütze? Niemand wusste es. Drei lange Jahre hielt er Jejes Familie und deren Nachbarn in Benghazi in Atem. Dann verschwand der Heckenschütze, von einem Tag auf den anderen. Doch die Spuren seines blutigen Handwerks haben Spuren in dem Leben der Menschen hinterlassen.

 

Anekdoten wie diese finden sich in Libyen zuhauf. Der Bürgerkrieg erstickte den Optimismus der Generation, die sich erstmals aus dem Schatten des allmächtigen Sicherheitsapparates des Gaddafi-Regimes wagte. Mehr noch: Der Krieg zersetzte das soziale Gefüge. Der postrevolutionären Generation fehlte so der soziale Kit, den ihre Eltern noch für gegeben nehmen konnten. Die Jugend fügte sich gezwungenermaßen in die Anarchie im Land, während sich die ältere Generation nur schwer mit dem neuen Status Quo abfinden konnte. Auch deshalb reagiert Libyens Jugend oft abgeklärter auf die oft anarchischen Zustände im Land. Sie hat schnell gelernt, sich zu arrangieren.

 

»Nach der Revolution ging es immer um Politik – wir waren glücklich, es ging in die richtige Richtung. Im Radio war etwas los, man konnte ab und an englische Lieder spielen. So viele Magazine kamen auf den Markt«, erinnert sich die 28-jährigen Nadya Ramadan, die damals beim Sender Tripolis FM arbeitete. »Für rund zwei Jahre genossen wir unsere Freiheit. Nur wenige bemerkten, wie es langsam bergab ging. 2014 zogen sich Unternehmen aus dem Land zurück, dann schlossen die Botschaften. Erst da wurde mir klar, dass wir noch lange warten müssen, bis sich unsere Hoffnungen wirklich erfüllen werden.«

 

Wie viele Libyer verlor auch Jawashi Angehörige im Krieg mit dem Tschad, doch ansonsten, sagt er, habe er eine glückliche Kindheit gehabt.

 

Dass der Staat nicht mehr funktioniert, spüren die Menschen permanent – ständig fällt der Strom aus, der libysche Dinar ist im freien Fall. Inzwischen sind viele Libyer ernüchtert und bewerten die Ereignisse von 2011 nicht mehr als überwiegend positiv. 2018 kam eine Umfrage unter arabischen Jugendlichen zu dem Ergebnis, dass lediglich 42 Prozent der jungen Libyer den Arabischen Frühling positiv betrachten. Aus dem Chaos der Revolution entstand so eine Gesellschaft, mit der viele Alte wenig anfangen konnten und mit deren Gestaltung die Jungen überfordert waren.

 

Der Künstler Ahmed Barudi arbeitet heute für ein Telefonunternehmen und ist frustriert: »Mein Leben war in Ordnung vor der Revolution – 2010 war wahrscheinlich mein bestes Jahr. Ich hatte genug Geld, um zu leben, wie ich wollte. Ich konnte überall hinreisen und hatte Pläne für die Zukunft. 2015 wollte ich meinen Job an den Nagel hängen, um mich ganz meiner Kunst zu widmen. Aber all das hat sich in Luft aufgelöst.«

 

Der heute 38-jährige Taha Jawashi lebt in Tripoli und hatte bis 2011 nie ein Feuergefecht erlebt. »Ich bin ganz anders aufgewachsen als die junge Generation. Wir hatten damals keine vergleichbare Technik, das Aufregendste, was wir hatten, waren Satellitenschüsseln. Es gab kein Internet, keine Smartphones, nichts. Es war wie im Kommunismus, wir hatten Fahrräder, und zwar alle die gleichen.«

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Ramzan Kadyrow zwischen Russland, Tschetschenien und dem Nahen Osten
Tschetschenies Präsident Ramzan Kadyrow und der Nahe Osten

In Homs ragt die renovierte Khalid-Ibn-al-Walid-Moschee aus den Ruinen der halb zerstörten syrischen Stadt. Als die Regimekräfte Homs belagerten, war das Gotteshaus, das das Grab des namengebenden Prophetengefährten beherbergt, zu einem Symbol des Widerstands gegen Baschar Al-Assad. Die Geschosse der syrischen Armee fügten der Moschee erheblichen Schaden zu. Im Februar 2019 wurde sie wiedereröffnet. Ein Ehrengast aus dem russischen Nordkaukasus schnitt das rote Band durch: Salakh Meschiyew, seines Zeichens Mufti von Tschetschenien. »Wir in Tschetschenien gingen durch brutale Kriege und verstehen euch wie kein anderer«, so das religiöse Oberhaupt der tschetschenischen Muslime während der Zeremonie. Die Renovierungsarbeiten finanzierte die Akhmad-Kadyrow-Stiftung, benannt nach dem Vater des heutigen tschetschenischen Präsidenten Ramzan Kadyrow.

 

Es sind Fernsehbilder, deren symbolische Kraft in Moskau sehr geschätzt wird. Russland mischte sich in den syrischen Krieg zusammen mit dem schiitischen Iran auf der Seite des Alawiten Baschar Al-Assad ein und hat die sunnitischen Oppositionskräfte massiv bombardiert. Nun kommen aber Sunniten aus Tschetschenien und bauen Moscheen in Syrien wieder auf – in Homs und in Aleppo. Russland ist gerade dabei, seinen Einfluss im Nahen Osten aufzubauen und sich als pragmatischen Vermittler zu positionieren, der allen zuhört und mit allen redet, sei es Israel, Iran oder Saudi- Arabien. Der tschetschenische Präsident spielt dabei eine besondere Rolle und bahnt Kontakte zu muslimischen Ländern an. Kein anderer Regionalpolitiker in Russland ist außenpolitisch so aktiv wie Ramzan Kadyrow.

 

Er ist häufig in den Golfstaaten zu Gast und empfängt Mitglieder der royalen Familien in Tschetschenien. So traf er sich bereits mehrmals mit dem saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman (MBS). Ende 2018 stattete der saudische Thronfolger der tschetschenischen Hauptstadt Grosny einen Besuch ab und besichtigte sichtlich vergnügt das neue Zentrum zur Ausbildung von Spezialkräften. Auf den Höhepunkt der weltweiten Empörung um den Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi konnte sich MBS sicher sein, dass er in Grosny keiner Kritik ausgesetzt sein würde, denn der tschetschenische Präsident ist ebenso bekannt dafür, dass seine Feinde überall auf der Welt auf mysteriöse Weise ums Leben kommen.

 

Kadyrow hat enge persönliche Kontakte nach Jordanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain aufgebaut. Über seine Besuche wird ausführlich im tschetschenischen Fernsehen und in den sozialen Netzwerken wie Instagram und Vkontakte berichtet – dabei werden die »brüderlichen« Beziehungen zwischen den Sunniten am Golf und im Nordkaukasus betont.

 

Viele Kontakte in der muslimischen Welt hat Kadyrow von seinem Vater, dem ehemaligen tschetschenischen Mufti und Präsidenten Akhmad Kadyrow, übernommen, der 2004 von Islamisten ermordet worden war. Kadyrow Senior hatte als tschetschenischer Präsident die Nahost-Diplomatie der kaukasischen Teilrepublik begründet. Schon damals an seiner Seite: Ziyad Sabsabi. Der gebürtige Syrer ist heute Ramzan Kadyrows Sonderbeauftragter für den Nahen Osten und Nordafrika.

 

Viele Kontakte in der muslimischen Welt hat Kadyrow von seinem Vater übernommen. Der wurde 2004 von Islamisten ermordet.

 

Der in Aleppo geborene Sabsabi studierte in den 1980er-Jahren in Sankt Petersburg, heiratete später eine Tschetschenin und erhielt die russische Staatsbürgerschaft. Anfang der 1990er arbeitete er in Grosny für die Regierung des Separatisten Dschokhar Dudayew. Jetzt bahnt er Kontakte in der arabischen Welt für Kadyrow an und übersetzt für ihn persönlich, wenn der tschetschenische Präsident in Abu Dhabi oder Riad zu Besuch ist. »Tschetschenien könnte zu einer Brücke werden, die Russland mit den muslimischen Staaten verbindet«, sagte Sabsabi schon vor fünf Jahren. Der russische Kurs auf engere Beziehungen zu vielen arabischen Staaten sei auf lange Zeit ausgelegt.

 

Und die russische Regierung sei gut beraten, die muslimischen Regionen Russlands hier einzubeziehen. In Russland sind mehr als zehn Prozent der Bürger Muslime. Doch unter allen muslimischen Regionen hat Tschetschenien eine Sonderstellung. Weder Tatarstan noch Dagestan oder Inguschetien verfügen über einen Nahost-Sonderbeauftragten wie Sabsabi. Und Kadyrow persönlich hat viel darin investiert, mit seiner charismatischen und brutalen Art die Beziehungen weiter auszubauen.

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