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Finanzreformen, der Ölsektor und die Milizen in Libyen
Finanzreformen, der Ölsektor und die Milizen in Libyen

Mohammed Mizdawi steht vor einer der vielen Banken im Zentrum von Tripolis, in der Nähe des Märtyrerplatzes. »Ich warte immer noch darauf, dass ich an der Reihe bin, um etwas Geld abzuheben. Wer weiß, wie lange sich die Gelegenheit noch ergibt?«, sagt der 60-Jährige.

 

Es ist abends, Ende November 2018, und trotz der späten Stunde stehen die Menschen zu Hunderten an, Frauen auf der einen Seite und Männer auf der anderen. Vor den Eingängen sind Soldaten in den offiziellen Uniformen des libyschen Innenministeriums sowie weitere bewaffnete Wachmänner postiert, um die Reihen der wartenden Menschen zu sortieren. Diese Wachen gehören zu den »Revolutionären Garden Tripolis« (TRB), einer der mächtigsten Milizen in der libyschen Hauptstadt unter Führung des Warlords Haitham Tajouri.

 

Die Tajouri-Miliz entscheidet, wer das Gebäude betritt und verlässt. Am Straßenrand stehen ihre Boliden, darunter eine Reihe Motorräder und ein brandneuer Mercedes. Gelegentlich taucht Haitham Tajouri selbst auf und wird mit stürmischem Applaus empfangen. Denn zum ersten Mal seit Jahren können Libyens Bürger anstelle von 500 Dinar im Monat bis zu 5.000 Dinar abheben. »Das ist alles Haitham zu verdanken« und »Tajouri ist unser Held«, rufen einzelne aus der Menge. In den Augen vieler Menschen, die hier geduldig Schlange stehen, übt mit Tajouri endlich jemand Druck auf die Zentralbank aus und tut etwas gegen die Bargeldflaute.

 

Die politische Situation in Libyen ist nach wie vor von der Polarisierung zwischen den Streitkräften des renegaten Generals Khalifa Haftar im Osten des Landes und der von der UN anerkannten Regierung unter Premier Fayez-al Sarraj mit Sitz in Tripolis geprägt.

 

»Lasst euch nicht täuschen«, fährt Mohammed fort und achtet darauf, von niemandem gehört zu werden, »nur eine Handvoll Banken haben bis spät in die Nacht geöffnet haben und auch nur hier, in den von Tajouri kontrollierten Stadtteilen. In anderen Vierteln ist die Situation unverändert. In Wahrheit haben die Milizen Angst, die Macht zu verlieren. Sie verteidigen ihre Macht und ihre Profite.«

 

Dann stellt er sich wieder an, eine Einkaufstasche in der einen und eine Zeitung in der anderen Hand und sagt: »Wir sind ein reiches Land, das waren wir immer. Der Boden, auf dem wir laufen, ist voller Öl und Gas. Und doch müssen wir für Benzin und Bargeld Schlange stehen. Die Warlords schmuggeln und plündern unseren Reichtum.« Die Folge: eine handfeste Liquiditätskrise und sinkende Kaufkraft. Die Preise für Konsumgüter stiegen im Jahr 2017 um 28 Prozent.

 

Die politische Situation in Libyen ist nach wie vor von der Polarisierung zwischen den Streitkräften des renegaten Generals Khalifa Haftar im Osten des Landes und der von der UN anerkannten Regierung unter Premier Fayez-al Sarraj mit Sitz in Tripolis geprägt. Zugleich operiert eine Vielzahl von Milizen unterschiedlicher Couleur auf eigene Rechnung, Allianzen entstehen und wechseln ständig, mal mit, mal ohne Unterstützung aus der Bevölkerung.

 

So auch in der Hauptstadt. Im September 2018 eskalierte der Machtkampf zwischen rivalisierenden Milizen. Die Zusammenstöße forderten 120 Tote und vertrieben Tausende von Menschen und endeten mit einem von den Vereinten Nationen ausgehandelten Waffenstillstand. Angezettelt wurde die Offensive auf Tripolis von der Siebten Brigade, einer abtrünnigen ehemaligen Armeeinheit aus der Kleinstadt Tarhuna, die auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt und Misrata liegt.

 

Libyens Milizenwesens ist weit mehr als bewaffnete Banden, die in Pick-ups auf den Straßen patrouillieren, sondern gleicht in seinen Strukturen immer mehr einer institutionalisierten Mafia.

 

Die Siebte Brigade hatte sich im Herbst mit einem weiteren Milizenführer zusammengetan, der mit populistischen Versprechungen um Unterstützung wirbt: Salah Badi, früherer Parlamentarier und heute Anführer der Al-Samud-Brigade aus Misrata. Das neue Bündnis trat mit dem Versprechen auf den Plan, die Hauptstadt aus dem Würgegriff des Milizenkartells zu befreien und die Bürger an dem Ressourcenreichtum des Landes zu beteiligen.

 

Nicht nur für Tripolis gilt: Je schwächer die Regierung vor Ort ist, desto stärker ist die Macht der Miliz, die sie ersetzt. Doch in der Hauptstadt ist die Lage besonders vertrackt. Denn die Regierung Sarraj versuchte die Milizen in den vergangenen Jahren durch Einbindung in staatliche Institutionen einzuhegen – profitiert haben davon bislang aber nur die Milizen. Sie haben es geschafft, die politische Führung vor sich herzutreiben und für die eigenen Interessen zu instrumentalisieren. Libyens Milizenwesens ist weit mehr als bewaffnete Banden, die in Pick-ups auf den Straßen patrouillieren, sondern gleicht in seinen Strukturen immer mehr einer institutionalisierten Mafia. Die wahre Macht der Milizen besteht heute darin, die politische Macht von innen heraus zu beeinflussen.

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Evangelische Gemeinde in Istanbul
Evangelische Gemeinde in Istanbul

Jeden Sonntagmittag erfüllt das Läuten der Glocke der evangelischen Kreuzkirche die kleinen Gassen im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu. In das Läuten mischt sich das Quietschen des Metallgelenks, an dem die Glocke seit 1889 hängt. Damit sie sich überhaupt bewegt, muss heftig am Seil gezogen werden. Unzählige Gottesdienste wurden so eingeläutet.

 

Vor 175 Jahren wurde die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Istanbul gegründet. Damals wie heute gab es Phasen, die schwierig waren. »Früher hatten wir 40 Lehrerfamilien hier, die alle mit Kind und Kegel hier waren. Das ergab natürlich ein besonders gutes, lebendiges Gemeindebild. Doch die meisten Familien sind jetzt weg. Nur noch einige, die sich trauen, sind hiergeblieben«, meint Margitta Arbatli, die schon seit mehr als vierzig Jahren in der Türkei lebt.

 

Sie heiratete einen Türken und kehrte mit ihm zurück in die Türkei

 

Die Westfälin heiratete in den 1980er Jahren einen Türken in Deutschland und kehrte mit ihm zurück in die Türkei. Obwohl ihr Ehemann starb und sie weitere private Schicksalsschläge ertragen musste, blieb sie in der Türkei. Auch Militärputsche, Putschversuche und Wirtschaftskrisen änderten nichts daran. »Jetzt fühle ich mich in Deutschland fremd«, sagt sie, »die Türkei ist jetzt meine Heimat.« Aber sie ist unzufrieden mit den Entwicklungen in der Türkei. Sie sagt es nicht offen, weil sie ihre Heimat gut kennt und es ist weniger die Politik, die sie entfremdet, als die gesellschaftlichen Entwicklungen: »Ich würde mich gerne neben meinem Mann beerdigen lassen. Mal sehen, ob das in Zukunft als Christin auch noch geht.«

 

Evangelische Gemeinde in Istanbul
Kirchenrätin Margitta Arbatli lebt schon seit mehr als vierzig Jahren in der Türkei. Obwohl ihr Ehemann starb und sie weitere private Schicksalsschläge ertragen musste, blieb sie in der Türkei.Foto: Özgür Uludağ

 

Wie Margitta Arbatli sind viele Frauen aus Deutschland der Liebe wegen in die Türkei gezogen und haben inzwischen haben das Rentenalter erreicht. Sie sind endgültig in der Türkei angekommen und verwurzelt. Deutsche Mitarbeiter und Beschäftigte in Unternehmen, Universitäten oder Institutionen haben einen anderen Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre und fragen sich: Wie sicher ist die Türkei noch?

 

Die Diakonin der evangelischen Kreuzkirche in Istanbul hatte Glück im Unglück, als sie im Juni 2016, nur wenige Stunden vor einem weiteren Terroranschlag des IS am Istanbuler Flughafen Atatürk landete.

 

In den vergangenen drei Jahren wurden es zunehmend weniger Menschen, die sich für ein Leben in der Türkei entschieden – vor allem Familien mit Kindern bleiben fern. »Früher war Istanbul hip«, sagt Axel Brott, der Schulleiter der deutschen Schule in Istanbul. Ein großer Haufen Initiativbewerbungen habe jedes Jahr auf seinem Schreibtisch gelegen. »Seit drei Jahren bewerben sich nur noch Alleinstehende auf reguläre Stellenausschreibungen«, sagt er.

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Interview mit libyschem Milizenführer Salah Badi
Interview mit libyschem Milizenführer Salah Badi

Seit November 2018 steht Salah Badi, der Kommandeur der Al-Sumood-Brigade, auf der Sanktionsliste des UN-Sicherheitsrats. Denn Badi war einer der Hauptprotagonisten der Kämpfe in Tripolis, bei denen im September mindestens 120 Menschen ihr Leben verloren. Im Sommer 2018 kehrte der Milizenführer aus der Türkei nach Libyen zurück, um die Offensive in der libyschen Hauptstadt zu koordinieren.

 

Salah Badi gehört zu den Schlüsselfiguren der Umbruchszeit in Libyen. Der frühere Luftwaffenpilot war einst ein treuer Gaddafi-Anhänger, fiel aber später in Ungnade. 2007 wurde er der »Verschwörung« gegen den selbst ernannten »Bruder-Führer« bezichtigt und mit einem Ausreiseverbot belegt.

 

Nach dem Sturz des Regimes 2011 hatte er zunächst eine politische Karriere eingeschlagen und einen Sitz im neu gewählten Parlament inne. Doch drei Jahre später legte er sein Mandat nieder und gehörte zu den Rädelsführern der Revolte des islamistischen Bündnisses »Fajr – Morgenröte«. Dessen Konfrontation mit den Armeeeinheiten des Generals Khalifa Haftar warf Libyen wieder zurück in den Bürgerkrieg und war maßgeblich für die Ausbreitung des Milizenwesens in dem nordafrikanischen Land verantwortlich.

 

Für zenith traf Reporterin Francesca Mannocchi Salah Badi in seinem Hauptquartier in seiner Heimatstadt Misrata.

 

zenith: Im November 2018 hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen Sie auf die Sanktionsliste gesetzt.

Salah Badi: Natürlich versucht die UN, die Fakten und Zahlen zu verzerren. Ghassan Salamé sagt, dass 120 Zivilisten während der Schlacht gestorben seien. Ich sage, dass Ghassan Salamé lügt. Bevor ich ihm glaube, will ich die Sterbeurkunden sehen. Die 7. Tarhouna-Brigade hat den Krieg im September begonnen, weil die Menschen schon vorher auf den Straßen gegen die Regierung demonstriert hatten. Das libysche Volk hat uns unterstützt.

 

Der UN-Sondergesandte Ghassan Salamé arbeitet an einer diplomatischen Lösung für den Konflikt in Libyen.

Ich lehne jegliche Konzessionen an und jede Einmischung aus dem Ausland ab. Ich bin nicht per se gegen Zusammenarbeit, aber es geht mir darum, dass Libyens Souveränität gewahrt bleibt. Ich bin ein Patriot, der ein neues Land und die staatlichen Institutionen frei von Korruption aufbauen will. So wie bei der Gründung von »Fajr Libya« im Jahr 2014. Damals war ich Mitglied des Nationalkongresses und legte mein Mandat nieder. Ich spürte, dass Kriminelle die Ideale der Revolution bedrohten, also entschied ich mich für die militärische Option, um etwas zu verändern. Ich glaube an den Erfolg des militärischen Weges.

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Lehren aus der Katar-Krise
Lehren aus der Katar-Krise

Die Blockade des selbsternannten »Antiterror-Quartetts« (neben Saudi-Arabien zählen dazu die VAE, Bahrain und Ägypten) gegen Katar zieht sich nun bereits seit anderthalb Jahren – ohne sichtbaren Ertrag. Diese Sackgasse hat viele Beobachter zu einer vorschnellen Diagnose verleitet: Dass Katar als »Gewinner« aus der Machtprobe hervorgegangen sei. Diese Dichotomie im Urteil mag dem verbalen Schlagabtausch geschuldet sein: Sowohl Katar als auch Saudi-Arabien haben Unsummen (einige Schätzungen beziffern die Ausgaben auf jeweils 1,5 Milliarden US-Dollar) in die Krisen-PR investiert. Statt ausgewogenen Analysen stand dabei die Diffamierung des Gegenübers ganz klar im Vordergrund.

 

Und so messen einige Experten dem Faktor Reputation viel zu große Bedeutung zu: Gesicht wahren oder verlieren – die Katar-Krise als Seifenoper oder schlechtes Reality-TV. Auch Hassan Hassan tappt in seinem Meinungsbeitrag »Qatar has won the Saudi Blockade« für die renommierte Foreign Policy in die Falle. »Ein Jahr später«, so Hassan, »hat Katar mehr Einfluss im Westen als je zuvor.« Wenn dem so wäre, wären Riads Sanktionen nicht längst Schnee von gestern? Beliebt ist auch die Sichtweise auf die Krise als Mikado-Prinzip: Wer sich bewegt, verliert.

 

Golf-Analyst Kristian Ulrichsen vom Baker Institute an der Rice University in Houston etwa argumentiert nach diesem Muster: »Auf allen Seiten herrscht ein solch starkes Gefühl von Verbitterung und Vertrauensbruch. Niemand will als derjenige gesehen werden, der zuerst zuckt.« Ähnlich äußert sich im selben AFP-Artikel Christopher Davidson, der an der englischen Durham University lehrt: »Der einzige Ausweg, der Katar bleibt, besteht darin, den ursprünglichen Forderungen der Blockade-Staaten nachzugeben.« Die Begründung, so Davidson weiter: »Nur so können Riad und Abu Dhabi ausreichend ihr Gesicht wahren und damit eine weitere Auflage der Krise verhindert werden.«

 

Derlei vereinfachte Beweisführungen werden der Komplexität der Katar-Krise nicht annähernd gerecht. Denn die Blockade steht lediglich am Ende einer Kette von außenpolitischen Fehlkalkulationen und Misserfolgen auf beiden Seiten. Und keine der beiden Seiten wird aus dieser Krise als Gewinner herausgehen können.

 

Außer den Medien, die entweder angewiesen oder dafür bezahlt werden, wollte oder konnte kaum jemand die Begründung für die Blockade überzeugend verteidigen

 

Der Konflikt am Golf trübt in vielerlei Hinsicht den Blick auf die außenpolitischen Fehlschläge der GCC-Staaten in den vergangenen fünf Jahren. Eine Reihe von Erklärungsmustern für die heutigen Frontstellungen sieht dafür die Machtverschiebung in Richtung der Golfstaaten als ursächlichen Faktor – angefangen vom Kollaps des Irak bis hin zum Arabischen Frühling. Das entstehende Machtvakuum versuchten dann vor allem Saudi-Arabien und Katar zu füllen. Doha unterstützte die aus katarischer Sicht populären Bewegungen – meistens die Muslimbrüder – während Saudi-Arabien sich dem entgegenstellte.

 

Doch besonders erfolgreich waren beide Seiten nicht: In Libyen, Tunesien, Syrien und Irak resultierten die Versuche, ihren Golf-Förderern genehme Regierungen einzusetzen, eher zu einem Verlust an diplomatischem Kapital. Zuletzt zeigt sich das vor allem in Syrien, wo weder die von Doha noch die von Riad unterstützten Gruppen die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen konnten und beide Golfstaaten letztlich erheblich an Einfluss verloren.

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Syrischer Unternehmer Samer Foz auf EU-Sanktionsliste
Profil: Samer Foz

In Syrien werden die ganz dicken Geschäfte als Ozean bezeichnet, die großen Tiere sind die Wale. Vor 2011 gab es nur einen von ihnen: Rami Makhlouf, Cousin und Kindheitsfreund von Baschar Al-Assad. Makhlouf hat sich zumindest offiziell zurückgezogen, das lässt Raum für andere.

  

Einer, der die Lücke füllt, ist Samer Foz. Für viele Syrer ist der 45-Jährige bereits der neue Makhlouf. Ihm gehört das größte Stahlwerk des Landes, er ist an der Autoproduktion beteiligt, im Immobiliengeschäft und in der Zuckerfabrikation tätig. Als er die Lizenz für die größte Zuckerraffinerie Syriens erhielt, gelang es ihm, über eine tunesische Firma Maschinen von der Braunschweiger BMA geliefert zu bekommen. Alle Welt fragte sich: Warum unterliegt er keinen Sanktionen?

 

»Wenn ich sanktioniert werden sollte, müssten auch die Vereinten Nationen Sanktionen unterliegen«, sagte Foz dem Wall Street Journal, aus allen militärischen und politischen Angelegenheiten halte er sich raus. Doch Kritiker sehen in ihm alles andere als einen Gutmenschen, vielmehr zeichneten ihn zwei Eigenschaften aus: Loyalität und Brutalität.

 

Aufgewachsen ist der Sunnit in der Küstenstadt Latakia. Seinen Aufstieg im autoritären syrischen Regime verdankte er der Protektion von Dhu Al-Himma Shalish, einem Cousin von Baschar Al-Assad und Chef von dessen Leibgarde.

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Afrikanische Migranten in Tunesien
Afrikanische Migranten in Tunesien

Eine junge Frau wartet mit ihrer kleinen Tochter am Eingang des Gebäudekomplexes des Roten Halbmondes im südlichen Teil der Stadt Medenine. Sie wirkt abgehärtet, wie sie dort steht und nachdem sie ein paar Worte in schnellem Englisch gewechselt hat, erzählt sie von ihrer Flucht aus der Heimat und wie sie schließlich in Tunesien gelandet ist.

 

Efosa, 28 Jahre alt, arbeitete in Nigeria als Kosmetikerin. Nach ihrer Hochzeit im Jahr 2015 brachte sie ihren Sohn Desmond auf die Welt. Erst als ihr Schwiegervater starb, fand sie heraus, dass er Mitglied der Ogboni war, eines Art sozio-religiösen Bundes der Yoruba. Schnell wurde daraus ein Familienstreit, da Verwandte nun von ihrem Mann erwarteten, es seinem Vater gleich zu tun und selbst den Ogboni beizutreten. Schließlich verschwand ihr Ehemann, der an der Universität studiert hatte, als er sich auf den Weg in die Hauptstadt Abuja machte, um dort einen Job zu finden.

 

»Monatelang drängten mich dann seine Verwandten, meinen Ehemann ausfindig zu machen und machten mir Vorwürfe. Sie beschuldigten mich sogar, ihn zu verstecken«, erzählt Efosa. »Sie verfolgten mich zwei Jahre lang, drohten, mir meinen Sohn wegzunehmen und ihn gewaltsam zu einem Mitglied der Ogboni zu machen, sollte ich meinen Ehemann nicht aufspüren.«

 

Efosa sah nur noch einen Ausweg: Im August 2017 entschied sie sich, sich selbst und ihren inzwischen zweijährigen Sohn sowie ihre kleine Tochter in Sicherheit zu bringen. Eine Kundin, die über ihren Job im Handelsgeschäft über Kontakte in Libyen verfügte, half der verzweifelten Mutter. Sie bot Efosa an, sie nach Libyen zu bringen. In Tripoli sollte sie dann eine Wohnung beziehen.

 

Werden Migranten verkauft, bezahlt der Käufer das Gefängnis für die Freilassung des Häftlings. Oft sind sie dann gezwungen, den Kaufpreis abzuarbeiten.

 

Kurz nach ihrer Ankunft in der libyschen Hauptstadt wurde Efosa auf dem Weg zum Lebensmittelladen ihrer Fluchtbegleiterin von vier Männern aufgehalten und auf Arabisch mehrmals nach ihrem Pass gefragt. Dann wurde sie ins Gefangenenlager Tadschura gebracht. Vier Monate musste sie dort hinter Gittern verbringen.

 

»Ich war mit ungefähr tausend Anderen eingepfercht, in einer Halle mit Matratzen am Boden, einem Waschbecken und einer stinkenden Toilette, die für alle reichen musste«, erinnert sie sich. »Es gab nur ein kleines Brötchen mit Käse und trockene Spaghetti zu essen. Manchmal musste ich die Wächter um mehr Essen für meine Kinder anbetteln. Ich wurde misshandelt, geschlagen und zum Sex gezwungen. Hätte ich mich gewehrt, wäre ich jetzt tot.«

 

Efosa wollte einfach nur raus. Doch die Möglichkeiten, aus solch einem Lager zu fliehen, sind begrenzt: Entweder man entkommt auf wundersame Weise, zahlt Lösegeld oder wird als Sklave verkauft. In diesem Fall bezahlt der Käufer das Gefängnis für die Freilassung des Häftlings. Oft sind Migranten dann gezwungen, die den Kaufpreis abzuarbeiten.

 

Auch Efosa wurde verkauft, zusammen mit ihren Kindern. Für 600 Libysche Dinar, umgerechnet 375 Euro. Doch sie hatte Glück im Unglück: Die Frau, die sie als Haushaltshilfe und Nanny eingestellt hatte, ließ sie frei. Das war im Dezember 2017. Efosa arbeitete noch zwei Monate für sie, doch ihr Entschluss stand fest: Die junge Mutter wollte raus aus Libyen, koste es, was es wolle. Der Bruder ihrer Arbeitergeberin verdiente sein Geld mit Schmuggel und bot an, Efosa und ihre beiden Kinder über das Mittelmeer nach Europa zu schleusen. Erst nach einer sicheren Ankunft sollte sie bezahlen. Am 25. Januar 2018 sollte es losgehen.

 

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass etwa 9.300 Menschen in Haftanstalten im konfliktreichen Land festgehalten werden.

 

Dann das nächste Unglück: Auf der Überfahrt lief das Boot mit Wasser voll. Während Efosa wurde mit ihrer kleinen Tochter Domino in einem Hubschrauber in Sicherheit gebracht wurde, nachdem das Rettungsschiff »SOS Mediterranée« die Insassen aufgelesen hatte, verlor sie ihren Sohn aus den Augen, der auf dem Boot zurückblieb. Efosa hatte so viel Meerwasser geschluckt, dass sie ins Koma fiel. Als sie wieder zu Bewusstsein kam, lag sie in einem Krankenhaus in Sfax, im Süden Tunesiens. Ihre Tochter war bei ihr, aber von Desmond fehlt seitdem jede Spur. Vermutlich gelangte er nach Italien, bislang sucht das italienische Rote Kreuz vergeblich nach ihm.

 

»Meine Zukunft hängt vom Schicksal meines Sohnes ab. Solange ich nicht weiß, wo er ist, fühle ich mich unwohl« sagt sie, halb traurig und halb wütend, während Domino ein Bild von ihrem Bruder auf ihrem Smartphone zeigt. »Ich werde nicht ohne Desmond nach Hause gehen und ich will nicht ein zweites Mal durch Libyen«, sagt sie und ist sich ihrer ausweglosen Situation bewusst.

 

Libyen ist für viele Menschen aus ganz Afrika ein letzter Zwischenstopp auf dem langen, gefährlichen Fluchtweg nach Italien oder anderswo in Europa. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass etwa 9.300 Menschen in Haftanstalten im konfliktreichen Land festgehalten werden, von denen viele unter der Kontrolle von Milizen stehen. Und diese Schätzung umfasst nur die Migranten, die in offiziell gemeldeten Gefängnissen untergebracht sind.

 

Weitere Tausende fristen ihr Dasein in informellen Haftanstalten, die von bewaffneten Gruppen, Schleusern und Menschenhändlern betrieben werden. Migranten werden entweder während des Transits durch das nordafrikanische Land in die Haftzentren gebracht oder beim Versuch, Europa auf dem Seeweg zu erreichen, von der libyschen Küstenwache abgefangen.

 

Anfang 2018 berichtete der UN-Menschenrechtsrat, dass Migranten in Libyen auf öffentlich zugänglichen Sklavenmärkten gekauft und verkauft werden. Im Jahr 2017 sorgten Aufnahmen des US-Senders CNN von afrikanischen Migranten, die allem Anschein nach versteigert wurden, weltweit für einen Aufschrei.

 

Das 2013 eröffnete Schutzhaus des Roten Halbmonds beherbergt zweihundert Männer und Frauen, von denen die meisten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara stammen.

 

Lange bevor das CNN-Material veröffentlicht wurde, berichteten immer mehr Migranten den Mitarbeitern des Auffangzentrums in Medenine, wie sie wie Waren gehandelt und in Schuldknechtschaft verkauft wurden.

 

In Medenine betreibt der Rote Halbmond die einzige Einrichtung in Tunesien für Migranten, die illegal in das Land eingereist sind und entweder von den Behörden nahe der Grenze zu Libyen aufgegriffen, vor der Küste gerettet wurden oder Libyen durchqueren, um dann von Tunis aus nach Europa zu gelangen.

 

Das 2013 eröffnete Schutzhaus des Roten Halbmonds beherbergt zweihundert Männer und Frauen, von denen die meisten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara stammen. Das Zentrum bietet medizinische Hilfe und bei Bedarf auch psychologische Unterstützung an. Doch das dreistöckige Gebäude ist längst an die Grenzen seiner Kapazitäten gekommen. Eigentlich bräuchte es doppelt so viele Betten. Einige Menschen schlafen im Flur oder im Fernsehraum, es gibt drei Küchen und drei Baderäume.

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Finanzkrise in der Türkei
Die Finanzkrise in der Türkei

Vielleicht liegt es an dem Dekret, das die Regierung im Herbst verhängte, wonach jeder, der sich kritisch über die türkische Wirtschaft äußert, mit einer Anzeige zu rechnen habe. Vielleicht liegt es auch an der türkischen Krisenresilienz. Oder Yasar Ayaydin, mit lockigem Haar und legerem Auftreten, ist einfach gnadenloser Optimist, der nicht sehen will, was da auf sein Land zurollt.

 

Auf jeden Fall gibt er sich unbeeindruckt von der Finanzkrise, die die Türkei seit Ende Juli im Griff hat. »Das Wichtigste ist doch, dass die Leute unsere Hemden kaufen«, sagt der 43-Jährige. »Solange sie das tun, haben wir nichts zu befürchten.« Tatsächlich ist der Textilhersteller Tudors, mit 200 Filialen einer der größten des Landes, in einer guten Position: »Unsere Importe halten sich in etwa die Waage mit unseren Exporterlösen.« Auch die Kredite in Euro und Dollar könnten damit bedient werden.

 

Ayaydin gründete die Firma mit seinem Bruder vor zehn Jahren. In seinem Büro hängt ein Bild des Staatsgründers Kemal Atatürk, und vom gleichnamigen Flughafen donnern die Maschinen alle fünf Minuten über ihn hinweg. Mittlerweile hat das Unternehmen Zweigstellen in mehreren Balkanländern und erwirtschaftet laut eigenen Angaben umgerechnet 50 Millionen US-Dollar im Jahr.

 

Allerdings muss auch er einräumen, dass einige seiner Lieferanten den Betrieb vorübergehend einstellen mussten. Zu teuer seien die Importe geworden. Über Politik will Ayaydin nicht reden, die Lösung für die türkischen Probleme liegt für ihn einfach darin, mehr zu exportieren. »Wir müssen härter arbeiten, besser werden und andere Märkte erschließen.«

 

Damit hat der hemdsärmelige Unternehmer zumindest nicht unrecht, denn eine tiefere Ursache in der aktuellen türkischen Wirtschaftskrise liegt darin, dass das Land zu viel importiert und zu wenig exportiert. Doch allein das erklärt die türkische Krise noch nicht.

 

Die Inflation war im September auf 24,5 Prozent gestiegen – mehr als die meisten Analysten erwartet hatten und der höchste Wert seit 17 Jahren. »Damit hängt die Zentralbank schon wieder mit einer Zinserhöhung hinterher. Der Effekt ist verpufft, die Glaubhaftigkeit angeschlagen«, sagt Gregor Holek von Raiffeisen Capital Management in Wien. Der Fondsmanager ist unter anderem auf den türkischen Markt spezialisiert. Zudem hagele es nun schlechte Nachrichten, und obendrein verstärke ein hoher Ölpreis die Inflation. »Alles sieht nach einer harten Landung der türkischen Wirtschaft aus.«

 

Das bedeutet: faule Kredite, Firmenpleiten und Entlassungen. Nicht alles an dieser Krise ist hausgemacht. Die Türkei weist seit Jahren ein auch im Vergleich zu anderen Schwellenländern hohes Leistungsbilanzdefizit auf.

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Drusen auf dem Golan
Drusen auf dem Golan

Es sind erstaunliche Objekte, die im vulkanischen Basalt des Golan verborgen liegen, dem Blick durch eine nur dünne Geröllschicht und etwas Grasnarbe entzogen. Tausende Tretminen lauern hier geduldig. Verlegt und dann vergessen während einem der vielen Kriege, die um diesen Fleck Erde schon geführt wurden.

 

Doch wer gräbt, kann hier – am nördlichsten Zipfel Israels oder der südlichsten Ecke Syriens, das ist eine Frage der Perspektive – auch seinen Namen verewigen. Wie die Archäologin Naama Goren-Inbar, die den Ufern des Kratersees Berekhat Ram den vielleicht ältesten Kunstgegenstand der Menschheit entriss: eine bis zu 280.000 Jahre alte Venus-Figur aus Tuffstein.

 

Ein Zischen schneidet durch die laue Sommernacht. Skeptisch mustert Melhem Abu Saleh die Dose Paulaner-Bier in seiner Hand, während er mit der freien Rechten die Fleischspieße über dem Grill wendet. »Viel zu kalt«, murmelt er und stellt das vereiste Weißbier zur Seite. Um ihn herum lärmt eine Gruppe von sechs Kindern, die abwechselnd einen Fußball auf die Hauswand dreschen und sich am Tischkicker duellieren. Baschar und Dschihad Abu Saleh sowie ihre Frauen sitzen zurückgelehnt daneben und plaudern, ihr Blick ruht auf dem von Melhem mit Schwung bedienten Grill und dem in der Dämmerung liegenden Kratersee, an dessen steiler Flanke sich das Ferienhaus der Gruppe schmiegt.

 

»Wir Abu Salehs sind eine der größten Familien hier«, sagt Melhem, der Historiker ist und sein Geld mit einem kleinen Lottoladen verdient. Hier, das ist Majdal Shams. Die mit 11.000 Einwohnern größte von vier drusischen Gemeinden im israelischen Teil der Golanhöhen. Hier, das ist das ein Ort im Vierländereck, umzingelt von Syrien, Libanon, Jordanien und Israel.

 

Ein schmaler Streifen Land, der einen Kilometer über dem Meeresspiegel liegt, fantastisch saftiges Obst hervorbringt und jeder Artillerie den Beschuss des Umlands ermöglicht. Wie die anderen 24.000 Drusen des Golan sind auch die Abu Salehs zu Geiseln einer eskalierenden Regionalpolitik geworden.

 

Heute gilt der Golan als verwundbarste Flanke Israels. Die Hizbullah im Norden, Revolutionsgardisten im Osten und die Drusen mittendrin

 

»Die Hizbullah-Verbände haben hohe Verluste hinnehmen müssen, dafür haben sie Kampferfahrung gesammelt und dank iranischer Waffenlieferungen auch Manövrierfähigkeit erlangt.« So klingt es, wenn Oberstleutnant Jonathan Conricus diese strategische Bedeutung aus Sicht der israelischen Streitkräfte zusammenfasst. Der Armeesprecher ist dazu extra ins Auditorium einer Tel Aviver Privatuniversität gekommen und je mehr Gefahren er benennt, umso enger ziehen sich seine buschigen Augenbrauen zusammen.

 

Revolutionsgardisten, »Islamischer Staat«, iranisches Atomprogramm. Schlag, Gegenschlag, immer weiter. Dann, als ob er ein Ass zückt, berichtet er vom Drohnen-Programm der libanesischen Hizbullah. Conricus guckt in die Gesichter der versammelten Journalisten, als wüsste er um die Schauer leichten Grusels, die seine Ausführungen dem Publikum über den Rücken jagen.

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Saudi-Arabien 1979 - Ein Essay
Saudi-Arabien 1979 - Ein Essay

Ich repräsentiere eine Generation, die in den Jahren nach 1979 geboren wurde – dem Schicksalsjahr, das den Nahen Osten im Allgemeinen und Saudi-Arabien im Besonderen entscheidend veränderte. Vorausgegangen waren die Niederlagen der arabischen Staaten in den Kriegen gegen Israel. Der jähe Zusammenbruch des Nasserismus öffnete dem religiösen Extremismus Tür und Tor. Der Nahe Osten am Ende der 1970er Jahre war eine Region, die mit den Nerven am Ende war.

 

Unsere Generation der in den 1980er Jahren Geborenen verpasste aber auch andere Facetten der Zeit vor 1979. Denn in den Jahrzehnten zuvor waren Literatur, Musik, Film und Theater aufgeblüht. In meiner Jugend waren die Stars dann Kleriker, die bestimmten, was in den Medien erlaubt und nicht erlaubt war. Ihr Wort verlangte Respekt, schließlich sprachen sie ja im Namen der Religion.

 

»Wir gegen den Rest der Welt« und »Wer nicht wie wir denkt, liegt falsch« – diese Mentalität war mir fremd und so war ich eine Außenstehende in diesem gesellschaftlichen Klima. Ich wurde in den Vereinigten Staaten geboren und meine Eltern gehörten der Welle junger Saudis an, die es zum Studium ins Ausland gezogen hatte.

 

Natürlich nahmen sie Teile der westlichen Kultur auf, vor allem aber entwickelten sie eine viel größere Toleranz gegenüber anderen Zivilisationen und lernten, Diversität als Teil der menschlichen Natur zu verstehen.

 

Es war schwer, in ein Saudi-Arabien zurückzukehren, in dem das sogenannte islamische Wiedererwachen in vollem Gange war. Vieles war zusammengekommen: Die Revolution in Iran, vor allem aber die Besetzung der Großen Moschee in Mekka durch die Extremisten um Juhayman Al-Otaibi – danach war nichts mehr wie zuvor. Dazu kam in den 1980er Jahren der »Dschihad« in Afghanistan, der Figuren wie Osama Bin Laden und Organisationen wie Al-Qaida hervorbrachte.

 

Und vergessen wir nicht die Muslimbrüder, die zu diesem Zeitpunkt bereits das saudische Bildungssystem unterwandert hatten. Viele ihrer Mitglieder waren in den 1960er und 1970er Jahren als politische Flüchtlinge nach Saudi-Arabien umgesiedelt, wo sie sich prompt als Experten im Erziehungswesen empfahlen und etwa auf Geschlechtertrennung im Unterricht drängten.

 

Meine Generation wurde in Dauerschleife mit religiöser Predigt überzogen. Statt Musik-Tapes zirkulierten Kassetten mit religiösen Inhalten. Die ältere Generation muss gespürt haben, wie sich die Gesellschaft damals massiv veränderte. Die Jüngeren hingegen wurden in eine zusehends nach innen gewandte Gesellschaft hineingeboren, die ihr Heil in den Lehren des Islam suchte.

 

Meine Großeltern hatten noch eine Zeit erlebt, die viele dieser Zwänge nicht kannte. Damals, in den 1960er und 1970er Jahren im Hedschas an der Westküste. Die Heimatregion der Heiligen Stätten war schon damals das kosmopolitische Zentrum Saudi-Arabiens. Kein Wunder, schließlich strömten Pilger aus aller Herren Länder hierhin. Sie stiegen nicht in Hotels ab, sondern quartierten sich bei Gastfamilien in Mekka und Medina ein. Das gab den Gastgebern die Möglichkeit, Menschen aus verschiedenen Kulturen kennenzulernen.

 

Meine Großeltern hatten noch eine Zeit erlebt, die viele dieser Zwänge so nicht kannte. Damals, in den 1960er und 1970er Jahren im Hedschas an der Westküste

 

Mein Großvater arbeitete als Handelsvertreter für Textilwaren und war regelmäßig auf Reisen, etwa in Syrien, Jordanien und der Türkei. Meine Großmutter hat viele seiner Geschäftsabschlüsse eingefädelt und sich um die Zollfreigabe gekümmert. Niemand hat daran Anstoß genommen, mit ihr zu verhandeln.

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Interview mit Abdulaziz Al-Dhari
Interview mit Abdelaziz Al-Dhari

zenith: Sie haben Jahre darauf gewartet, dass sich jemand für die von Ihrem Vater gesammelten Aufnahmen interessiert. Gibt es innerhalb Saudi-Arabiens kein Interesse an dieser Thematik?

Abdulaziz Al-Dhahri: Wir haben bei uns in der Familie alles Mögliche aufbewahrt: Filmmaterial, Zeitungsschnipsel. Wir gingen davon aus, dass es ein großes öffentliches Interesse geben wird und sich viele Journalisten an uns wenden würden. Umso erstaunter waren wir, dass kein Medienvertreter in Saudi-Arabien nachgefragt hat. Das Thema wurde totgeschwiegen. Aus dem Ausland kamen zwar Anfragen von Journalisten, allerdings war mein Vater da sehr vorsichtig.

 

Warum? 

Er wollte nicht, dass der Eindruck entsteht, dass er in dieser Sache eigene Interessen vorantreibt.

 

Um was für Aufnahmen handelt es sich im Einzelnen und wer hat sie angefertigt? 

Mein Vater stand nicht selbst hinter der Kamera – verfügte aber über gute Kontakte bei den Behörden. Die Aufnahmen hat die Armee angefertigt, das Material landete dann beim Informationsministerium. Und in der Großen Moschee haben Überwachungskameras ohnehin alles aufgezeichnet.

 

1979 waren Sie gerade sechs Jahre alt und wurden in einem Land groß, das von den Folgen der Moscheebesetzung geprägt war. Wird 1979 – wie in Iran oder Afghanistan – in Ihrer Generation als Schicksalsjahr und Zeitenwende wahrgenommen?

Ich denke nicht, dass man das mit Iran vergleichen kann. Dort vollzog sich über Monate eine Revolution, die ein neues System, einen neuen Staat schuf. Bei der Besetzung der Großen Moschee in Saudi-Arabien handelte es sich um das Werk einer Gruppe Krimineller, die eine Straftat beging. Und der Wandel, der danach in Gang gesetzt wurde, ging ja von der Regierung aus.

 

Unabhängig von den Maßnahmen der saudischen Führung damals: Haben Sie persönlich einen Wandel im gesellschaftlichen Klima wahrgenommen? 

Der Wandel bestand in der Reaktion der Regierung – und dem Fehler, den sie damals begangen hat, nämlich den Konservativen entgegenzukommen. Nur so konnte diese Strömung überhaupt solch eine breite Basis in der Bevölkerung schaffen.

 

Wie hat Ihre Familie diesen Wandel aufgenommen?

Mein Vater war mit diesen Veränderungen nicht einverstanden. Er ist dann auch zwei Jahre später in den Ruhestand gegangen, um Konflikte zu vermeiden. Er sah schon damals diese Richtungsänderung als Fehler.

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Interview mit Eljakim Rubinstein zu Camp David
Interview mit Eljakim Rubinstein

zenith: Vor 40 Jahren einigten sich Israel und Ägypten auf ein Abkommen. Heute ist daraus ein bloßer kalter Frieden geworden. War der Deal trotzdem ein Erfolg?

Eljakim Rubinstein: Ja, definitiv. Aus einem einfachen Grund. Zwischen 1948 und 1977 hatte es fünf Kriege gegeben zwischen Israel, Ägypten und anderen arabischen Staaten: 1948, 1956, 1967, den Abnutzungskrieg 1968 bis 1970 und 1973. Die Ankündigung von Präsident Sadat und Premierminister Begin – »Kein weiterer Krieg« – hat sich bewahrheitet.

 

Aber daraus wurde ein Frieden zwischen den Staaten, nicht zwischen den Völkern. Haben Sie das damals vorausgesehen?

Nein, wir haben auf Normalisierung gehofft. Später war ich an den sogenannten Normalisierungsabkommen beteiligt. Es gab etwa 50 Memoranda. Wir hofften, dass sie in verschiedenen Bereichen wie Kultur, Verkehr und Handel umgesetzt werden. Aber das passierte nur sehr halbherzig.

 

Woran lag das?

Weil Ägypten die Beziehungen auf ein Minimum reduzieren wollte – aus politischen Gründen.

 

Welche Konstellationen haben Camp David überhaupt möglich gemacht?

Sadat hatte mit dem Jom-Kippur-Krieg 1973 versucht, den Sinai zurückzuerobern. Er hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite und uns Verluste beigebracht. Aber am Ende standen wir 101 Kilometer vor Kairo. Da hat er eingesehen, dass es mit einem Krieg nichts wird. Mosche Dayan hat dann bemerkt, dass Sadat die Städte am Suezkanal aufbaute und dort viel investierte. Daraus schloss er: Sadat wusste, dass er den Sinai nur durch Frieden zurückbekommt. Dann kam sein Besuch in Jerusalem im November 1977, der der arabischen Welt natürlich überhaupt nicht gefiel. Die haben ja allerorts ägyptische Botschafter rausgeworfen.

 

Und wie sah das auf der israelischen Seite aus?

Nach dem Jom-Kippur-Krieg und den vielen Verlusten war die Zeit einfach reif. Als Sie von der Einladung nach Camp David, zu so einem außergewöhnlichen Gipfel, hörten, was dachten Sie? Wir dachten, wenn wir vier Tage lang bleiben und das hinter uns bringen, ohne für ein Scheitern verantwortlich gemacht zu werden, und wenn der Prozess dann weitergeht, dann würde das genügen. Wir haben nicht geglaubt, dass es 13 Tage lang dauern und wir am Ende ein Abkommen erreichen würden.

 

Gab es einen bestimmten Moment, an dem Sie feststellten, dass es doch klappen könnte?

Ja, am allerletzten Tag. Es hatte Höhen und Tiefen gegeben. In zwei wesentlichen Bereichen, dem Frieden mit Ägypten und der palästinensischen Autonomie. Ein palästinensischer Staat war für Israel zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar, manche von uns dachten aber, dass die Autonomie, auf die wir uns einigten, eines Tages ein Schritt auf dem Weg zu einem Palästinenserstaat sein könnte.

 

Das Abkommen sah eine schrittweise Autonomie der Palästinenser vor. Wie wichtig war dieser Teil?

Wir müssen hier unterscheiden: Das war den Ägyptern wichtig, aber der Sinai hatte für sie Priorität. Für US-Präsident Jimmy Carter war es genau andersrum, beim Thema Palästinenser war er fast messianisch. Aber er wusste, dass es ohne einen Deal zwischen den beiden Staaten nicht vorangeht, also hat er an beiden Themen gearbeitet.

 

Wie wichtig war den beiden Staaten der Deal?

Das war für Israel die Hauptsache. Wir hatten diese fünf Kriege erlebt mit Tausenden Toten. Nun gab es da diese Gelegenheit. Deshalb war Begin mit dem Deal einverstanden, gesetzt den Fall, dass die Knesset dafür stimmt. Für Ägypten ging es vor allem um den Sinai. Für die Vereinigten Staaten waren die Palästinenser wichtig. Aber alle diese Themen waren miteinander verwoben.

 

Gab es einen Punkt, an dem alles auf dem Spiel stand?

Am letzten Sonntag, am Morgen des letzten Tages, dachten wir, dass wir es geschafft hatten. Dann fingen die Amerikaner plötzlich an mit Jerusalem. Es hieß dann, wir sollen packen und nach Hause fahren. Ich weiß nicht, ob das ein taktisches Manöver von Begin war, aber Jerusalem war für ihn tatsächlich entscheidend. Vor dem positiven Ende gab es also diese Krise.

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Landwirtschaft und Klimawandel im Irak
Landwirtschaft und Klimawandel im Irak

Muhammad Jassim kann nur noch die Toten zählen. Die Herrschaft des sogenannten Islamischen Staates kostete nicht nur Tausende Menschen im Irak das Leben. Auch die Viehzucht im Norden des Landes kämpft mit dem Vermächtnis der Dschihadisten. »Etwa 60 Prozent meiner 900 Ziegen sind verhungert – die wirtschaftliche Lage ist so desaströs, dass wir uns das Futter für unser Vieh nicht mehr leisten können«, klagt Jassim. Der Landwirt lebt in Tishtah, einem Dorf knapp 50 Kilometer westlich von Mosul, dessen Herdenbestand auf die Hälfte geschrumpft ist.

 

Im Juni 2014 hielten die Gotteskrieger auf ihren Pick-ups nicht nur Einzug in der zweitgrößten Stadt Iraks, sondern übernahmen auch auf den Weiden und Äckern rund um Mosul die Kontrolle – und verfolgten handfeste Interessen. Der Weizenhandel sollte, wie auch andere Handelsgüter, die Kassen des IS füllen – zum Leidwesen der Landwirte. Die Dschihadisten trieben den Preis für einen Sack Weizen (jeweils 50 Kilogramm) um umgerechnet 10 Euro auf 70 Euro hoch. »Für uns bedeutete das eine Frage von Leben und Tod: Denn wir hungerten ja auch und mussten den verfügbaren Weizen mit unseren Nutztieren teilen«, erinnert sich Jassim.

 

Landwirtschaft und Klimawandel im Irak
»60 Prozent meiner 900 Ziegen sind verhungert«, klagt Viehzüchter Jassim.Foto: Sebastian Castelier

 

Neben den überteuerten Futterpreisen setzte die Steuerpolitik der IS-Verwaltung den Viehzüchtern besonders hart zu. Unter dem Deckmantel der Zakat, einer der fünf Säulen des Islam in Form einer Abgabe für wohltätige Zwecke, konfiszierten die Dschihadisten einmal jährlich eines von vierzig Tieren – meist die kräftigsten Exemplare der Herde.

 

Oktober 2018: Ein Jahr nach der militärischen Niederlage des IS im Irak läuft der Wiederaufbau der Städte im Norden und Westen des Landes auf Hochtouren. Auf dem Land hingegen fühlen sich die Menschen im Stich gelassen. »Die meisten Landwirte können es sich schlicht nicht leisten, ihre Herdenbestände wieder aufzufüllen. Und einen Kredit gewährt uns auch niemand.« Viele Optionen bleiben den Landwirten nicht. Etwa die Hälfte der 60 Viehzuchtbetriebe in Tishtah mussten mittlerweile schließen. Das Durchschnittseinkommen der Familien in dem Dorf ist auf die Hälfte gesunken, auf umgerechnet 75 Euro im Monat.

 

Landwirtschaft und Klimawandel im Irak
Das Durchschnittseinkommen der Familien in Tishtah ist auf die Hälfte gesunken, auf umgerechnet 75 Euro im Monat.Foto: Sebastian Castelier

 

Und wie reagiert der Staat? Nachfrage bei der zuständigen Behörde. Ja, Initiativen zur Unterstützung der Viehzüchter im ehemaligen IS-Gebiet gebe es, erklärt der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums gegenüber zenith. Aber ihnen fehle oft die notwendige Finanzierungsgrundlage und ohnehin stünden Gelder aus den Hilfsfonds nur beim Ministerium lizensierten Landwirten zur Verfügung, räumt Sprecher Hamid Al-Nayef ein.

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