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Coronavirus, Revolutionsgarde und US-Sanktionen in Iran
Coronavirus, Revolutionsgarde und US-Sanktionen in Iran

Als Sonboleh im November 2019 ihren Arzt aufsuchte, warnte der sie vor einer seltsamen neuen Grippe, die sich in Iran ausbreite. Damals wusste niemand von Covid-19, dem neuartigen Coronavirus, das chinesische Forscher erst im folgenden Monat den Behörden melden würden. Während der ersten Tage des Ausbruchs hatten die chinesischen Behörden den eigenen Forschern einen Maulkorb verpasst, der internationale Reiseverkehr wurde zunächst unvermindert aufrechterhalten.

 

Erst heute, im Rückblick, fragt sich Sonboleh, 53, ob das Virus bereits Monate vor der Bekanntgabe des ersten Falls in China nach Iran gelangt sein könnte. Im Telefongespräch mit zenith fragt sie sich gar, ob das Virus für den Tod einer ihrer Freundinnen verantwortlich sein könnte, die im Oktober angeblich an der Grippe gestorben war. »Wie kann ich sicher sein, dass sie nicht am Coronavirus gestorben ist« fragt sich Sonboleh, die sich erst bereit erklärte, mit zenith zu sprechen, nachdem ein Verwandter im Ausland den Kontakt hergestellt hatte.

 

Vier Monate nach Sonbolehs Arztbesuch kämpft Iran nun darum, die Pandemie einzudämmen. Bis zum 25. März sind mindestens 2077 Menschen an Covid-19 gestorben, doch Beobachter gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer fünfmal höher sein könnte.

 

Eine Woche vor den Parlamentswahlen vermeldete Qom Irans ersten Covid-19-Fall

 

Auf Satellitenbildern von Mitte März ist deutlich zu erkennen, dass in der Stadt Qom neue Massengräber ausgehoben wurden. Von hier wurde am 19. Februar die erste offiziell bestätigte Corona-Infektion des Landes gemeldet. Die Regierung trägt die Schuld dafür, dass die Stadt damals nicht direkt unter Quarantäne gestellt wurde, um den Ausbruch einzudämmen. Die Behörden hatten befürchtet, dass die Abriegelung der Stadt die Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen eine Woche später, am 25. Februar, behindern würde. Später machte sie das Virus dann für die niedrigste Wahlbeteiligung seit der Revolution 1979 verantwortlich.

 

Hardliner unter den Klerikern – darunter Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei – beschuldigen seitdem öffentlich die USA, das Virus nach Iran eingeführt zu haben. Khameneis Verschwörungstheorien entbehren jeglicher Grundlage. Klar ist aber auch, dass die USA weiter an den Sanktionen gegen Teheran festhalten und eine Einhegung der Pandemie so erschweren. Denn die US-Sanktionen verhindern etwa den Import potenziell lebensrettenden medizinischen Equipments.

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Forensik und Vermisste im Irak
Vermisste im Irak

Aisha serviert Tee im Wohnzimmer. Kein einziger Tropfen schwappt über aus den bis zum Rand gefüllten kleinen Teegläsern; auch nicht, als sich ihre Tochter Jihan an ihre Beine klammert. Aisha wankt nicht. Die Kraft ihrer Arme und ihre sanften Gesten passen nicht so ganz zur Traurigkeit ihrer Augen: Jeden Moment könnte sie in Tränen ausbrechen. Aisha hat viel geweint in den letzten Jahren, jetzt kann sie nur noch warten. Als Profilbild auf Whatsapp hat sie das Konterfei eines Mannes ausgewählt: helle Haut, ein langer Schnurrbart und eine ausgeprägte Stirn, dazu ein tiefgründiger, ernsthafter Blick. »Das ist mein Ehemann«, sagt sie.

 

Aisha ist eine von 7.000 jesidischen Frauen, die seit dem August 2014 von den Extremisten des sogenannten Islamischen Staats (IS) entführt und als Sklaven verkauft wurden. Die Vereinten Nationen stufen diese Gräueltaten als Teil eines versuchten Völkermords an den Jesiden ein. Das Schicksal der Hälfte dieser Frauen ist weiterhin unklar. Niemand weiß, ob sie noch leben, wo sie sich befinden.

 

Bis zu 7.000 jesidische Männer wurden hingerichtet. Ihre Leichen liegen noch immer in den Feldern von Sindschar – in 67 Massengräbern, die ausfindig gemacht wurden, seit die Provinz Nineve im Nordwesten des Irak 2017 vom IS befreit wurde. »Ganz sicher kann ich nicht sein, aber ich gehe davon aus, dass mein Mann getötet wurde«, sagt Aisha. Sie lässt ihr Mobiltelefon nicht aus den Händen, als sie sich auf den Boden ihres kleinen Hauses in Sindschar setzt. Ihre Tochter Jihan bleibt an ihrer Seite und hakt sich bei ihrer Mutter ein.

 

Bis zu 7.000 jesidische Männer ließ der IS hinrichten. Ihre Leichen liegen wohl noch immer in den Feldern von Sindschar.

 

Adhib, Aishas Ehemann und der Vater von Jihan und ihren Schwestern Jamila und Jinan, gilt im Irak als vermisste Person. Im Irak gelten mindestens 250.000 Menschen als vermisst – die Schätzungen reichen bis zu einer Million. Die Geschichte der »Mafqudin« (Verschwundene und Vermisste) umspannt inzwischen 40 Jahre. Sie begann während des Krieges gegen Iran (1980–1988) und dauert noch immer an: »250.000 Vermisste ist die Minimalschätzung«, sagt Fawwaz Abd Al-Amir von der »Internationalen Kommission für vermisste Personen« (ICMP), »auch das ist schon eine riesige Zahl«.

 

Wie groß das Ausmaß des Problems ist, zeigt sich in der zentralen Abteilung für Gerichtsmedizin in Bagdad. In einem großen Lagerraum stapeln sich Hunderte weiße Kisten. Alle sind mit einem Code versehen – täglich kommen Angehörige, um sie abzuholen. Aber leerer wird der Raum nicht. Die Verwaltung der Gerichtsmedizin muss immer wieder zusätzliche Räume für neue Boxen bereitstellen.

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Interview mit Regisseurin Waad al-Kateab über Syrien und Für Sama
Interview mit Regisseurin Waad al-Kateab über Syrien und For Sama

zenith: Als Sie zum ersten Mal Ihre Kamera in die Hand nahmen und mit dem Filmen begannen, dachten Sie da jemals, einen Film wie »Für Sama« zu drehen?

Waad al-Kateab: Überhaupt nicht. Zunächst wollte ich durch das Filmen nur die Wirklichkeit einfangen. Das Regime leugnete ja, dass es die Revolution in Aleppo überhaupt gibt. Für den Fall, dass wir getötet werden, war dies die einzige Möglichkeit, unsere Geschichte zu erzählen. Nachdem wir Aleppo verlassen hatten, dachte ich aber auch noch nicht an einen Film.

 

Auf welche Schwierigkeiten sind Sie gestoßen, über 500 Stunden Filmmaterial auf eine Dokumentation von 100 Minuten Länge zu reduzieren?

Das gesamte Material immer wieder ansehen zu müssen, wie Kinder sterben, all die Emotionen, das war schwer. Aber auch das Schneiden selber. Mit über 500 Stunden Material hätte man so viele Geschichten erzählen können, jede Entscheidung gibt dem Film eine bestimmte Richtung. Gleichzeitig habe ich damit nur wenig Erfahrung. Da ich all das aber selbst erlebt habe, kann ich auch am besten mit dem Material arbeiten. Als wir dann das Material zu einem Film zusammenstellten, wurde mir oft gesagt, niemand interessiere sich mehr für syrische Filme. Ich hielt es trotzdem für sehr wichtig, diesen Film zu zeigen.

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Christen im Nahen Osten
Christen im Nahen Osten

Wenn es jemand geschafft hätte, die Türkei in die Europäische Union zu bringen, dann nur ein Staatsmann vom Schlage Mehmet Emin Ali Paschas (1815-1871). Geschliffene Manieren, verhandlungssicheres Französisch, nachdenkliche Augen, ein schlankes, ebenmäßiges Gesicht: Man muss sich schon fragen, weshalb die europäischen Mächte auf den Plätzen ihrer Hauptstädte allen möglichen Generälen Denkmäler errichteten, aber niemand an ihn gedacht zu haben scheint, den einstigen Botschafter, Außenminister und insgesamt fünffachen Großwesir des Osmanischen Reiches. Als eindeutig pro-westlicher und reformbegeisterter Osmane hätte er es verdient gehabt, dass man ihn in Bronze verewigt. Und sonderlich viel hätte es nicht gekostet, denn Mehmet Emin Ali Pascha war von kleiner Gestalt.

 

Sein Name bleibt mit zwei bedeutenden historischen Ereignissen verbunden: dem Krimkrieg, in dem das Osmanische Reich an der Seite Frankreichs, Großbritanniens und des Königreichs Sardinien gegen Russland siegte; und mit den Staatsreformen, den sogenannten Tanzimat, die das Osmanische Reich im Inneren veränderten.

 

Das bedeutende Reichsedikt (Hatt-i Hümayun) von 1856 trägt Mehmet Emin Ali Paschas Handschrift, weshalb es sich – Experten zufolge – schon sprachlich von anderen osmanischen Erklärungen unterscheidet: konkret, wenig floskelhaft und weitreichend in seinen Konsequenzen. Mit diesem Edikt wollte das Osmanische Reich seine nichtmuslimischen Untertanen als gleiche Bürger anerkennen. Der Sultan gelobte darin, ihre Sicherheit, ihren Besitz und ihre Würde ohne Ansicht ihrer Konfession zu schützen.

 

Für die nicht-muslimischen Minderheiten – erwähnt sind insbesondere Christen und Juden – sollten darüber hinaus alle zuvor erteilten Privilegien und Rechte weiter gelten. Niemand sollte gezwungen werden dürfen, seine Religion zu wechseln, die freie Ausübung des Ritus genoss den besonderen Schutz des Staates. Zur Verwaltung der nichtmuslimischen Glaubensgemeinschaften sollten fortan Kommissionen eingerichtet werden. Die Nicht-Muslime sollten in den Streitkräften dienen; einzelne gesetzliche Bestimmungen würden fürderhin von den Behörden in ihre jeweiligen Sprachen übersetzt.

 

Kirchenfürsten erhielten große Macht über ihre Schutzbefohlenen

 

Der Plan war nicht schlecht, aber in der Rückschau betrachtet ging er wohl nach hinten los. Jedenfalls sofern man ihn an seinen Integrationserfolgen misst. Die damalige osmanische Herrschafts- und Verwaltungspraxis, welche die Reichsuntertanen in Konfessionsgemeinschaften unterteilte, entsprach gewiss dem Zeitgeist. Sie war nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass viele Minderheiten in entlegeneren Landesteilen lebten und sich am besten selbst organisierten: im Osten Anatoliens, am Euphrat, in den Bergen Kurdistans oder des Libanon.

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Türkische Intervention im Kampf um die libysche Hauptstadt Tripolis
Kämpfer an der Front in Tripolis

Bei dem Luftangriff auf eine Militärakademie im Zentrum von Tripolis sind am Samstagabend mindestens 30 Rekruten der Streitkräfte von Libyens Einheitsregierung ums Leben gekommen. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen wie die Rekruten auf dem Exerzierplatz der Hadba-Kaserne zum Abendappell antreten, als eine vermeintliche Rakete zwischen ihnen einschlägt. Über 20 weitere junge Männer liegen mit Verletzungen im Krankenhaus bestätigt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Noch in der Nacht bildeten sich vor mehreren Krankenhäusern lange Schlangen freiwilliger Blutspender, denn in der libyschen Hauptstadt herrscht ein Mangel an Medikamenten, Blutreserven und Verbandsmaterial.

 

Auf einer Pressekonferenz nannte Ahmed Al Mismari, Sprecher der Libysch-Arabischen Armee (LNA) die Akademie und den Flughafen von Tripolis legitime Ziele, da sie »von terroristischen Gruppen und für Waffenlieferungen aus der Türkei genutzt werden.« Dennoch gab Mismari einer Allianz aus Al Kaida, dem so genannten Islamischen Staat und den Muslimbrüdern die Schuld an der Attacke. Mitarbeiter der Militärakademie berichten, dass Trümmerteile eher auf Beschuss durch eine chinesische Wing Loong Drohne deuten, doch unabhängige Ermittler waren nicht vor Ort.

 

Nach dem Einschlag mehrerer Granaten im zivilen Bereich des Tripolitaner Mitiga-Flughafens wurde der Flugverkehr nach der kürzlichen Wiedereröffnung erneut eingestellt. Khalifa Haftar hatte zuvor zu einem Jihad gegen die geplante »türkische Invasion« aufgerufen und gewarnt dass die Häfen und Flughäfen Westlibyens für die türkische Truppenverlegung genutzt würden.

 

Haftars »Libysch Arabische Armee« (LNA) kontrolliert mit der Hilfe Ägyptens, Russlands, den Arabischen Emiraten und Saudi-Arabiens die östliche Cyreneika Provinz und damit die Mehrheit der Ölquellen Libyens. Tripolis und die vom Muammar Al-Gaddafi in die Hauptstadt verlegten staatlichen Institutionen sind hingegen in der Hand von Premier Fayez Serraj, unabhängigen Milizen und westlibyschen Armeeeinheiten. In der Akademie im Stadtteil Hadba werden jungen Männer aus ganz Libyen für den westlibyschen Teil der Armee ausgebildet und der Einheitsregierung unterstellt Haftar will nach seinem Sieg gegen die islamistischen Milizen in Bengasi nun auch Tripolis von den Milizen befreien. Doch in der Akademie sind die nicht stationiert.

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Afghanistan 1979 - Ein Essay
Afghanistan 1979 - Ein Essay

Alles begann an einem kalten Wintertag im Dezember 1979. Der Einmarsch in Afghanistan sollte den Hinterhof des Sowjet-Imperiums unter Kontrolle bringen und die Grundlage für die künftige Regionalpolitik Moskaus in Zentralasien legen. Schnell wurde deutlich, dass die Invasion viel weitreichendere Konsequenzen zeitigen würde. Sie wurde zur Schicksalsfrage. Für Afghanistan, für die Sowjetunion, für die Region, für die islamische Welt und darüber hinaus. Es war ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung.

 

Afghanistan war damals klein und arm, doch für ein halbes Jahrhundert herrschte zumindest relative Stabilität. Der letzte König, Muhammad Zahir Schah (1914–2007), regierte das Land über vier Jahrzehnte, ohne dass es nennenswerte Unruhen gegeben hätte. Seine Herrschaft endete, als ihn sein Cousin und Premierminister Muhammad Daoud Khan am 17. Juli 1973 absetzte und ein Präsidialsystem in Afghanistan einführte.

 

Es war ein Coup ohne Blutvergießen – anders als vier Jahre später, als Khan und seine Familie im Zuge des Militärputsches getötet wurden. Politisch stand die »Demokratische Volkspartei Afghanistans« (DVPA) hinter den kommunistischen Putschisten, die wiederum Rückendeckung und Finanzmittel aus Moskau erhielten.

 

Ein Jahr später, im Dezember 1979, wachten Afghanistans Bürger auf und trauten ihren Augen nicht: Auf einmal patrouillierten ausländische Panzer auf den Straßen ihrer Städte. Erst aus dem Radio erfuhren sie, dass die Rote Armee in Afghanistan eingefallen war. Das Land war wie vor den Kopf gestoßen und zunächst ratlos, was vor sich ging.

 

Bald darauf war das Land gespalten. Millionen Afghanen befürworteten die sich formende kommunistische Regierung. Nicht nur, weil sie mit Moskaus Unterstützung direkte militärische Kontrolle ausübte, sondern auch, weil sie viel versprach: Jobs, ein gerechtes Sozialsystem, Fortschritt und Bildung. Für Millionen anderer Afghanen waren das lediglich Worthülsen. Sie nahmen die Regierung in Kabul als Lakaien der Sowjets wahr. Als eine Besatzungsmacht, die gerade in ein islamisches Land einmarschiert war.

 

Über das Land verteilt formierte sich der Widerstand, wenn auch zunächst sporadisch. Hunderte junge Männer begannen, die Soldaten der Roten Armee und ihre afghanischen Verbündeten anzugreifen. Die harten Vergeltungsmaßnahmen, darunter Folter und Massenerschießungen, verschafften dem Widerstand nur noch mehr Zulauf. Je mehr Menschen das Regime in Kabul einsperren ließ, desto schneller stiegen die Mitgliederzahlen der Widerstandsgruppen. Bald waren es Zehntausende.

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Afghanische Ortskräfte in Deutschland
Bundeswehrsoldaten beim Einsatz in Afghanistan.

zenith: Herr Grotian, warum sind Ortskräfte so wichtig für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan?

Marcus Grotian: Wenn man Ziele im Ausland erreichen will, braucht man immer Leute, die die Sprache sprechen und die Strukturen vor Ort kennen. Mit wem spricht man überhaupt? Für solche Fragen sind erfahrene und verlässliche Ortskräfte unabdingbar. In Spitzenzeiten waren bei der Bundeswehr 1.500-2.000 Ortskräfte im Einsatz. Heute immerhin noch circa 500. Noch größer ist die Zahl bei Ministerien oder in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.

 

Welche Aufgaben übernehmen Ortskräfte?

Ortskräfte werden oft als reine Übersetzer wahrgenommen. Aber die Tätigkeiten sind vielfältiger: Sie arbeiten als Wachen, Köche oder auch also sogenannte Fixer (Organisatoren), sie ermöglichen also eine Vielzahl von logistischen Aufgaben. Eine Wache, die mit einem Gewehr in der Hand unser Lager bewacht, spricht vielleicht kein Deutsch oder Englisch, ist aber immer noch eine Ortskraft, die für uns im Einsatz ist. 

 

Wie lief die Zusammenarbeit mit den afghanischen Ortskräften und der Bundeswehr?

Ich war selbst mit einem Truppenverband in Afghanistan, der viel mit Ortkräften operiert hat. Auch wenn ich selbst nur wenig direkt mit ihnen zu tun hatte, verdanken viele meiner Kameraden den Ortskräften ihr Leben. Das Vertrauensverhältnis ist eng. 

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Kinder tunesischer Dschihadisten in Libyen
Kinder tunesischer Dschihadisten in Libyen

Bereits im Februar 2016 flogen US-Kriegsflugzeuge Luftangriffe auf eine Militärbasis des so genannten Islamischen Staates (IS) außerhalb der westlibyschen Stadt Sabrata, die sich gegen den Tunesier Noureddine Chouchane richteten, der mit zwei Terroranschlägen im Jahr 2015 in Tunesien in Verbindung stand: dem Angriff auf das Bardo-Museum in Tunis sowie auf einen Strandabschnitt im Badeort Sousse. Tunesische Ermittler hatten zuvor bekanntgegeben, dass die IS-Kämpfer, die für die Anschläge verantwortlich waren, in Libyen ausgebildet worden waren.

 

Die Luftschläge in der Nähe von Sabrata, etwa 130 Kilometer von der tunesischen Grenze entfernt, töteten nach Angaben der Behörden vor Ort mehr als 40 Menschen, darunter viele Tunesier, die der Zugehörigkeit zum IS verdächtigt werden. Im Schutt des Trainingslagers wurden nach Angaben der Lokalverwaltung Maschinengewehre und Panzerfäuste gefunden.

 

Als die tunesischen Behörden mit ihren libyschen Kollegen das zerstörte IS-Lager untersuchten, stießen sie auf ein einjähriges Waisenkind. Die tunesischen Eltern von Tamim Jendoubi waren beide IS-Mitglieder und beim Luftschlag ums Leben gekommen. Mehrere Kinder, die entweder von tunesischen IS-Kämpfern gezeugt oder von ihren Eltern in das vom IS kontrollierte Territorium in Libyen gebracht wurden, überlebten den Luftangriff und wurden zunächst interniert.

 

Mindestens 39 tunesische Minderjährige befinden sich in libyscher Haft

 

Für Mustafa Abdel Kebir, Leiter der tunesischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, war der Vorfall Anlass genug, um die Situation dieser Kinder genau zu verfolgen. »70 Prozent dieser inhaftierten Kinder wurden in Libyen geboren, praktisch auf dem Schlachtfeld«, schätzt er. »Sie waren noch nie in Tunesien, haben keinen Kontakt mit ihren Verwandten dort.«

 

Mindestens 39 bestätigte Fälle gebe es, so der Menschenrechtsanwalt, für tunesische Minderjährige in libyscher Haft. Die meisten sitzen im Mitiga-Gefängnis in Tripolis ein, der Rest in Misrata und Sabrata. 26 Kinder sind laut seinen Nachforschungen mit ihren Müttern inhaftiert, der Rest sind Vollwaisen. Ihr Alter reiche von zwei bis 16 Jahren, aber die meisten von ihnen seien zwischen 5 und 12 Jahre alt, schätzt Abdel Kebir.

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Klimawandel im Südosten von Iran
Klimawandel im Südosten von Iran

Irans zweitgrößte Provinz Sistan und Belutschistan grenzt an Afghanistan und Pakistan. Eines der wichtigsten Süßwasserreservoirs und Biotope dort gleicht heute einem Sandmeer. Nach Angaben des iranischen Parlaments sind in den letzten zwei Jahrzehnten 25-30 Prozent der Bevölkerung aus der Region aufgrund der Wasserknappheit in die Vororte anderer Städte ausgewandert.

Klimawandel im Südosten von Iran
Touristen schießen Erinnerungsfotos im Merrikhi-Gebirge. Die sogenannten »Marsberge« gehören zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten in der Provinz Sistan und Belutschistan. Foto: Solmaz Daryani

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Interview zu Wirtschaft und Militär in Ägypten
Interview zu Wirtschaft und Militär in Ägypten

zenith: Dass Ägyptens Militär seit Jahrzehnten in der Wirtschaft mitmischt, ist nichts Neues. Was hat sich seit dem Amtsantritt von Abdul-Fattah Al-Sisi verändert?

Yezid Sayigh: Das Militär ist in einem viel größeren Umfang als je zuvor an öffentlichen Bauaufträgen im Auftrag der Regierung beteiligt. Das Militär überwacht nicht nur die Ausführung der Arbeiten durch private Auftragnehmer, sondern ist nun auch direkt an der Gestaltung der Ausschreibungen für diese Projekte beteiligt. Und es entscheidet über die Auftragsvergabe. Das ist eine qualitative Verschiebung. Zudem dringt das Militär in den letzten drei Jahren immer aggressiver in wichtige Sektoren der Volkswirtschaft ein, in denen es vorher kaum präsent war, etwa im Baugewerbe. Es ist auch immer häufiger in der Herstellung von handelbaren Gütern wie Zement, Stahl und Düngemittel aktiv. Die Armee versucht auch, sich neue Branchen zu erschließen, oft über Scheingesellschaften. Tawassul etwa gehört zur Falcon Group, einer dieser Gesellschaften im Besitz des Militärs, und hat 2017 die TV-Sender Al-Assema und Al-Hayat aufgekauft. Dieser Vorstoß auf den Verbrauchermarkt wirkt sich nicht nur auf Preisgestaltung und Angebot aus, sondern verändert das Verhältnis von (nicht-militärischen) staatlichen Firmen und der Privatwirtschaft.

 

Was bezweckt das Militär mit dem Vorstoß auf den Medienmarkt?

Dieser Schritt soll wohl die Hegemonie der Sisi-Regierung über den gesamten öffentlichen Raum und den Diskurs konsolidieren. Neben den explizit politischen Inhalten würde das Militär dann auch Unterhaltungsformate produzieren – doch das ist aus wirtschaftlicher Sicht nicht wirklich lukrativ. Es häufen sich die Berichte über die sinkende Popularität des Fernsehens in Ägypten – Seifenopern wie »Prinzessin Beesa«, die für die letzte Ramadan-Saison produziert wurden, erwiesen sich etwa als Flop. Ebenso die vom Militär entwickelte Streaming-App »Watch iT«.

 

Warum floppen die Medienproduktionen?

Das Militär versteht nicht wirklich, wie solche Märkte funktionieren. Es fehlt ein Verständnis dafür, wie man etwa Produktion, Design und Marketing an die richtigen Leute delegiert. In der Folge häuften sich die finanziellen Einbußen. Natürlich muss man sich fragen, ob einige der aufgekauften Fernsehsender tatsächlich jemals schwarze Zahlen schreiben konnten. Das Militär hat dann im letzten Jahr eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um Kosten zu sparen, etwa Personalabbau und Unternehmensfusionen. Nichts davon zeigte Wirkung. Es fehlt dem Militär also an einer stringenten kommerziellen Strategie. Zugleich haben die Ankäufe im Medienbereich auch noch nicht die Ergebnisse gezeitigt, die sich das Militär davon versprochen hat.

 

Wie kann sich das Militär in Ägypten solche wirtschaftlichen Unternehmungen überhaupt leisten? Liegt das auch am Zugriff auf kostengünstiges Personal in Form von Wehrpflichtigen?

Militärfirmen und deren Auftragnehmer sparen so natürlich Personalkosten. In der petrochemischen Industrie findet dieses Modell Anwendung, um Umsatzverluste auszugleichen, etwa beim Konglomerat Wataniyyah. Dennoch sollte man die Bedeutung der Arbeitskraft von Wehrpflichtigen nicht zu hoch hängen. Der Großteil der Aufträge im Baugewerbe wird an private Auftragnehmer vergeben. Und dort arbeiten in der Regel Angestellte, keine Wehrpflichtigen. Dafür greift das Militär auf andere Methoden zurück, um Profite zu generieren: So drückt man etwa die Gewinnmargen auf Seiten der privaten Auftragnehmer, um die zusätzlichen Gewinne selbst einzuheimsen.

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Die neue Türkei
Mein Haus, mein Auto, meine Religion

Unsere Familie war Ende des 19. Jahrhunderts mit den sich zurückziehenden osmanischen Truppen in die Türkei geflohen und siedelte sich später in Zentralanatolien in der Nähe von Amasya an, 100 Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt. Inzwischen ist diese Familie zu einer Sippe angewachsen, die ein Drittel der Dorfbewohner in Akyazı ausmacht.

 

Noch bis spät in die 1990er-Jahre hinein lebten die meisten Menschen im Dorf von Landwirtschaft und Viehzucht. Im Erdgeschoß waren die Ställe, die im zweiten Stock wie eine Fußbodenheizung wirkten. Täglich wurden die Kühe in die umliegenden Berge zum Weiden getrieben, und auf dem Rückweg versiegelte das Vieh die Dorfstraßen mit Kuhfladen. Regelmäßig fiel der Strom aus, und fließendes Wasser gab es nur an der Viehtränke im Dorfzentrum. In den lehmbeschichteten Häuser lebten auf engsten Raum ganze Großfamilien.

 

Das einzige Telefon im Dorf hatte der Muhtar (Bürgermeister), und nur einige wenige, die es sich leisten konnte, besaßen einen Schwarz-Weiß- Fernseher, auf dem nur ein Kanal lief, nämlich TRT. Einmal in der Woche fuhr ein Sammeltaxi (Dolmuş) in die 35 Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Amasya, und gelegentlich kamen fliegende Händler ins Dorf und verkauften Kleidung, Töpfe und ähnliche Gegenstände des täglichen Bedarfs.

 

Nicht nur unser Dorf, sondern die meisten Dörfer in der Türkei waren ähnlich unterentwickelt. Zwei Jahrzehnte später ist nicht mehr viel von diesem mittelalterlichen Ambiente (oder auch Flair) übergeblieben. Unser Dorf sieht inzwischen wie eine moderne Feriensiedlung aus. Im Winter fast ausgestorben, füllt sich das Dorf im Sommerurlaub fast bis auf das letzte Haus. Alle kommen mit ihren neuen Autos, auf den asphaltierten und mit Leitplanken versehenen Straßen komfortabel und sicher ins Dorf und erholen sich dort vom Großstadttrubel. Kühe oder Büffel, die die Straßen versperren und deren Ausdünstungen die Luft füllen, wandern hier schon lange nicht mehr entlang.

 

Nicht mal Ziegen oder Hühner gibt es hier mehr. Dafür fließt in den hübsch gekachelten oder professionell verputzten Häuser nicht nur verlässlich Strom, sondern auch das Wasser. Auf jedem Dach stehen Satellitenschüsseln für die riesigen Flachbildfernseher, und sogar das Internet kommt in Hochgeschwindigkeit an. Mittlerweile haben sich einige Bewohner Solaranlagen auf die Dächer montiert, und die Häuser werden nur noch originalgetreu renoviert, um den dörflichen und inzwischen historischen Charakter zu erhalten. Natürlich nicht, ohne auf den Komfort zu verzichten.

 

Die AKP-Regierung übernahm das Steuer eines heruntergewirtschafteten Staates.

 

Wie in unserem Dorf haben sich in den vergangenen 20 Jahren die meisten Dörfer in der Türkei weiterentwickelt. Es sind nicht mehr nur die Metropolen Istanbul, Izmir oder Ankara, die Lebensqualität und Komfort versprechen, sondern neben den Provinzstädten sind auch die ländlichen Regionen modern und lebenswert geworden. Es scheint, als hätte die AKP Regierung unter Erdoğan diesen Fortschritt und Wohlstand aus dem Nichts geschaffen, und dieses Narrativ wird auch gerne von AKP-Anhängern und Anhängerinnen herangezogen.

 

Allerdings hat der Erfolg der Regierung auch eine Vorgeschichte. Die Blockadepolitik der Oppositionsparteien im Parlament in den 1990er-Jahren hatte die staatliche Versorgung quasi zum Erliegen gebracht. In diese Agonie stieß die AKP mit dem Versprechen, die Korruption zu bekämpfen, die Infrastruktur zu modernisieren, die Wirtschaft anzukurbeln und die Inflation zu stoppen. Das Ergebnis: die absolute Mehrheit im Parlament bei den Wahlen 2002.

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Wie das Internet die arabische Welt formt
Digitalisierung in der arabischen Welt

»Das Internet lernt Arabisch« lautete die Überschrift meiner ersten »Netzgeflüster«-Kolumne, die ich vor zehn Jahren im Sommer 2009 für zenith schrieb. Eine Dekade später muss ich bilanzieren: Der Lernfortschritt ist bescheiden. Laut einer Studie des Netzmarktforschungsunternehmens W3Techs sind 2019 nur rund 0,6 Prozent der zehn Millionen erfolgreichsten Internetseiten arabischsprachig. Damit liegt das Arabische weltweit nur auf Platz 17. Selbst Tschechisch, das nur von etwas mehr als zehn Millionen Menschen gesprochen wird, ist im Internet verbreiteter als Arabisch mit mehr als 300 Millionen Muttersprachlern.

 

Die arabische Sprache hat also im World Wide Web noch immer Exotencharakter. Trotzdem ist das Internet in der arabischen Welt längst im Alltag angekommen. Mehr als 225 Millionen arabische Muttersprachler haben laut der W3Techs-Schätzung im April 2019 das Internet genutzt. Sie surfen nur keine arabischen Seiten an.

 

Das Internet ist in der arabischen Welt ein Ort der Meinungsfreiheit und des Dissens geworden – aber nicht das arabische Internet. Kritik an den repressiven Regimen und an Menschenrechtsverletzungen zwischen Marokko und Oman wird auf internationalen Plattformen wie Facebook, Twitter und Telegram geäußert – und meist auf Englisch oder Arabisch. Es sind Aktivisten und Journalisten, die eine englische oder französische Schulbildung genossen haben, die sich dort äußern. Und die oft nicht nur das heimische Publikum ansprechen, sondern auf Beachtung von Journalisten und Politiker weltweit hoffen.

 

Das arabische Internet hat sich dagegen in den vergangenen zehn Jahren deutlich weniger verändert als das Netz drumherum und als die arabische Offline-Welt selbst.

 

Das arabische Internet hat sich dagegen in den vergangenen zehn Jahren deutlich weniger verändert als das Netz drumherum und als die arabische Offline-Welt selbst. Im arabischen Netz dominieren nach wie vor die Nachrichtenportale der großen staatlich gelenkten Medien. Technische und inhaltliche Innovationen sucht man hier vergebens. Viele Seiten wirken so, als machten sie noch nicht einmal den Versuch, den Leser neugierig zu machen. Unabhängige, kritische arabische Onlineangebote wie Mada Masr in Ägypten oder Enab Baladi in Syrien sind noch immer eine Ausnahme und Randphänomene.

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