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Der Tod von Shady Habash und das Sisi-Regime in Ägypten
Der Tod von Shady Habash und das Sisi-Regime in Ägypten

Ich kannte Shady Habash nicht. Das heißt, ich kannte ihn nicht persönlich. Er war nicht mein Freund. Er war wahrscheinlich jemand, von dem ich sonst wohl nie erfahren hätte. Vielleicht hätten sich unsere Wege gekreuzt, wenn ich weiter mit Shady Abu Zeid an Satire-Sendungen gearbeitet hätte. Doch dann wurde Shady Abu Zeid verhaftet – wahrscheinlich wegen eines Witzes. Auch Shady Habash wurde in Gewahrsam genommen – wegen eines Musikvideos, für das er Regie geführt hatte. Ich selbst war weder an dem Scherz des einen Shady, noch an dem Video des anderen Shady direkt beteiligt. Ich wurde nicht verhaftet. Und dennoch hörte ich auf, an solchen Projekten zu arbeiten.

 

Vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn ich aus Angst einen Rückzieher gemacht hätte. Ehrlich gesagt, wäre es ein besserer Grund gewesen. Es hätte mehr Sinn gemacht. Ich warf die Brocken aus Verzweiflung hin. Shady Abu Zeid hatte mir beigebracht, die Macht der Witze zu nutzen, um ernsthafte Probleme anzusprechen. Genau daran hatten wir auch noch kurz vor seiner Verhaftung gearbeitet. Kein politisches Projekt. Es war ein Lied, das wir geschrieben hatten, um eine bestimmte Kontroverse zu illustrieren. So gefiel ihm seine Arbeit. Sie war provokativ und bedeutsam, nicht so vorhersehbar und repetitiv, nicht nur für den Applaus geschaffen.

 

Shady Abu Zeid ist Blogger und Satiriker. Mit seinen Videos wurde er im ganzen Land bekannt. Er interviewte Menschen auf der Straße, stellte ihnen seltsame Fragen und bekam lustige Antworten. Am 25. Januar 2016 veröffentlichte er ein Video, in dem er Luftballons aus aufgeblasenen Kondomen an die Sicherheitskräfte verteilte. Der Streich ging, zur Bestürzung des Innenministeriums, viral. Zwei Jahre später klopfte es früh morgens an Shadys Tür. Er wurde festgenommen, ohne Anklage.

 

Der Tod von Shady Habash und das Sisi-Regime in Ägypten
Shady Abu Zeid ist Blogger und Satiriker. Mit seinen Videos wurde er im ganzen Land bekannt. Er interviewte Menschen auf der Straße, stellte ihnen seltsame Fragen und bekam lustige Antworten.

 

Erst im Mai 2018, als Shady Abu Zeid verhaftet wurde, hörte ich das erste Mal von einem anderen Shady: Shady Habash. Zunächst war ich verwirrt: zwei Sahdys im Tora-Gefängnis Kairo? Tatsächlich handelte es sich um unterschiedliche Shadys, in verschiedenen Zellenblöcken. Trotzdem blieb es schwierig für uns, sie auseinanderzuhalten, denn sie hatten gemeinsame Freunde. Wenn sie uns Nachrichten übermittelten, konnten wir nie sicher sein, welche Nachricht von welchem Shady stammte.

 

Kunst ist kein Luxus, sie ist vielmehr wesentlich im Kampf gegen die Hässlichkeit der Ungerechtigkeit.

 

Shady Habash starb im Gefängnis. Vor seinem Tod hatten seine Zellengenossen noch um medizinische Hilfe für ihn gefleht. Doch der Wärter öffnete die Zellentür nicht. Das ist keine Ausnahme, das ist Politik. Es ist schwer für mich, Worte zu finden, die beschreiben können, was dort geschehen ist. Die offizielle Beschreibung als »vorsätzliche Fahrlässigkeit gegenüber menschlichem Leben« reicht einfach nicht aus.

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Ein Jahr nach dem Massaker an Demonstranten in Sudans Hauptstadt Khartoum
Frauenrechtsaktivistinnen in Sudans Hauptstadt Khartoum

»Wie jede Nacht im Ramadan, habe ich gemeinsam mit den anderen Revolutionären das Essen zum Fastenbrechen bei Sonnenuntergang vorbereitet,« sagt Tawdia und blickt dorthin, wo während des Sitzstreiks vor einem Jahr eine provisorische Küche errichtet worden war. »Danach ging ich nach Hause. Jeden Augenblick dieser Nacht habe ich genossen. Ich wusste nicht, dass es meine letzte dort sein würde.« Die 25-jährige Laborärztin pendelt die letzten anderthalb Jahre zwischen Krankenhaus und der Revolution.

 

Tawdias Augen strahlen, doch die Erinnerung an den Sitzstreik, nicht weit entfernt von der Nile Street in Sudans Hauptstadt Khartoum, treiben ihr Tränen in die Augen. In dieser Nacht kam ihr Freund Abbas nicht heim.

 

Abbas hatte es sich in den letzten Monaten angewöhnt, die Nacht bei den Zelten der Streikenden zu verbringen. »Das war die beste Zeit meines Lebens«, erinnert er sich an das Zeltlager, direkt vor dem Qiyyade al-‘Amme, dem Hauptquartier der sudanesischen Armee. »Es war auch der schönste Ramadan, der Ort wurde zu meinem zweiten Zuhause«, fügt er hinzu. Bis zu dieser Nacht des 3. Juni 2019.

 

»Es geschah zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht. Eine Meldung machte die Runde der Demonstranten. Bewaffnete Gruppen hatten die Demonstranten umzingelt und würden sich darauf vorbereiten, sie zu vertreiben. Ich glaubte den Gerüchten nicht, schenkte ihnen keine Beachtung. Dann wurde es Zeit für das Morgengebet. Wir knieten nieder und standen auf – dann ändert es sich alles.«

 

Der 22-jährige Student Abbas wurde in dieser Nacht zum Zeugen eines Massakers, in dem hunderte friedliche Demonstranten ermordet und verletzt wurden. Die Überlebenden machen die so genannte Rapid Support Force (RSF) für die Planung und Durchführung des Anschlags verantwortlich. Die RSF sind eine paramilitärische Gruppe unter der Führung von Mohammed Hamdan, genannt Hemeti – die Bewaffneten in dieser Nacht trugen ihre Uniform.

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Russland und die Türkei in Libyen und Syrien
Russland und die Türkei in Libyen und Syrien

Mitte April feierte »Shugaley« seine Weltpremiere. Der Film erzählt die Geschichte des Soziologen Maxim Shugaley, der im Jahr 2019 für einen russischen Thinktank in Libyen forscht. Als er dabei Material aufspürt, das die international anerkannte Regierung von Premierminister Fayez Al-Serraj belastet, wird er von mit der Regierung verbündeten Milizen in Tripolis verhaftet. Soweit zumindest die Geschichte des Films.

 

Die Realität sah wohl etwas anders aus: Als General Khalifa Haftar im April 2019 gerade auf die libysche Hauptstadt Tripolis marschierte, reiste Maxim Shugaley nach Libyen – in der Hoffnung, ein altbekanntes Gesicht zum neuen Führer des Landes zu machen: Saif al-Islam Al-Gaddafi.

 

Muammar Al-Gaddafis Sohn und Erbe wurde nach dem blutigen Ende seines Vaters während der Revolution im Jahr 2011 auf der Flucht in den Niger aufgegriffen – bis zu seiner Freilassung im Rahmen einer Generalamnesie im Juni 2017 saß er im Gefängnis in Zintan im Westen Libyens. Obwohl er sich auf der Flucht vor Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshof befindet, schmiedet Saif al-Islam schon lange an Plänen, das in seinen Augen rechtmäßige Erbe anzutreten: die Führung Libyens.

 

Kurz nach seinem Treffen mit Saif al-Islam im April 2019 wurde Maxim Shugaley in Tripolis verhaftet. Der Vorwurf: Spionage und Vorbereitung von Wahlbetrug. Angesichts der Biografie Shugaleys sollte die Reaktion der Regierung in Tripolis nicht überraschen – Shugaley war bereits in einen Wahlskandal auf Madagaskar verwickelt und steht den Unternehmen des Oligarchen Jewgeni Prigoschin nahe, einem der engsten Freunde Putins. Die Geschichte reiht sich als weitere Episode des russischen Engagements in Libyen ein.

 

Unvereinbare Interessen der regionalen Akteure, ein Wettlauf um Gasreserven im Mittelmeer und der erbitterte Kampf um Einfluss im Land kennzeichnen den Konflikt auch im Jahr 2020. Die Türkei agiert mit eigenen Streitkräften in Libyen, Griechenland versucht, den Gashandel zwischen Tripolis und Ankara zu sabotieren, und Russland will die Kontrolle über die Ressourcen Libyens – derweil betrachtet die EU ihre südliche Grenze mit zunehmender Sorge.

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Die Gelbe Flotte in Ägypten
Die Gelbe Flotte in Ägypten

Im Jahr 1967, während des Sechs-Tage-Krieges gegen Israel, ließ Ägypten den Suezkanal von beiden Seiten mit versenkten Booten blockieren. Doch zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch Schiffe im Kanal – und saßen dort bis 1975 fest. Die beiden deutschen Frachter »Nordwind« und »Münsterland« lagen gemeinsam mit zwölf weiteren Schiffen acht Jahre lang im Großen Bittersee, der breitesten Stelle des Kanals. Am 24. Mai 1975 erreichten sie schlussendlich den Hafen von Hamburg – das Ende einer äußerst ungewöhnlichen Seefahrt.

 

zenith: Herr Katzler, Sie waren ein halbes Jahr lang einer der Kapitäne der »Gelben Flotte«. Wie kamen Sie damals auf ein Schiff, das im Kriegsgebiet feststeckte?

Jürgen Katzler: Als junger Kapitän mit damals 33 Jahren bin ich am 16. Juni 1969 auf der »Münsterland« eingetroffen. Doch bevor wir auf unser Schiff durften, hatten wir zehn Tage Aufenthalt in Kairo, da die Straße zum Großen Bittersee unter israelischem Beschuss stand. Als sich die Situation ein wenig entspannte, wurden wir von unserem ägyptischen Agenten mit dem Bus zum See gefahren – ein Boot brachte uns die restlichen zwei Meilen zum Schiff. An Bord angekommen wurden wir erstmal herzlich begrüßt, auch von den anderen Schiffsbesatzungen. Die Übergabe von Kapitän zu Kapitän dauerte dann gerade einmal 20 Minuten – und schon war ich der neue Kapitän der »Münsterland«.

 

Warum sprechen wir heute eigentlich von der »Gelben Flotte«?

Wegen der Wüstenstürme – durch den ganzen Sand wurde auf den Schiffen immer alles gelb. Unser Lieblingssong war deshalb natürlich »Yellow Submarine« von den Beatles – das haben alle aus voller Kehle gesungen.

 

Wie viele Schiffe lagen zu dieser Zeit denn im Suezkanal?

Insgesamt ankerten damals 14 Schiffe im Großen Bittersee, außerdem ein amerikanischer Tanker, etwas weiter nördlich im Krokodil-See – zu dem Schiff hatten wir allerdings keinen Kontakt. Neben den beiden deutschen Schiffen (»Münsterland«, »Nordwind«) lagen dort vier englische (»Agapenor«, »Melampus«, »Scottish Star«, »Port Invercargill«), ein französisches (»Sindh«), eines aus der Tschechoslowakei (»Lednice«), eines aus Bulgarien (»Vasil Levsky«), sowie zwei polnische (»Djakarta«, »Boleslaw Bierut«), zwei schwedische (»Nippon«, »Killara«) und ein US-amerikanisches Schiff (»African Glen«) – letzteres wurde allerdings im Krieg 1973 versenkt. Mit einer Besatzung von 12-14 Personen pro Schiff lebten zu dieser Zeit also etwa 200 Leute im Bittersee – alles Männer, wir hatten keine einzige Frau an Bord.

 

»Da der Große Bittersee im Niemandsland zwischen dem von Israel besetzten Sinai und Ägypten lag, konnten wir nicht an Land – und auch über Funk war alles versiegelt«

 

Ankerten diese Schiffe alle Bug an Bug oder jeweils einzeln im See?

Unser Schiff lag damals noch allein. Doch die polnischen und jeweils zwei der englischen Schiffe waren bereits zu »Paketen« geschnürt – sie wurden also zusammengelegt, bekamen einen Paketnamen und wurden mit nur einem Kapitän und reduzierter Besatzung bemannt. Später fügten wir dann auch die »Münsterland« zu einem solchen Paket hinzu – das war schlicht billiger für die Reedereien.

 

Wie reagierten die Reedereien auf die Situation?

1969 sah es nicht so aus, als würden sich die Konfliktparteien schnell wieder einigen. Für die Reedereien bedeuteten die Ausfälle der Schiffe und der Ladungen einen enormen Verlust. Zusätzlich mussten die Schiffe in Stand gehalten werden. Wir waren verantwortlich, dass kein Öl auslief oder anderer Unrat von Bord ging. Die dadurch entstehenden laufenden Kosten waren eine große Bürde für die Reedereien.

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Interview zu Schiiten in Nigeria
Interview zu Schiiten in Nigeria

zenith: Die schiitische »Islamische Bewegung Nigerias« (IMN) wurde im Sommer 2019 auf die Terrorliste gesetzt und verboten. Ihr Gründer Ibrahim Zakzaky sitzt in Haft. Ist der schiitische Islam schon lange in Nigeria heimisch oder ist das eine relativ neue Erscheinung?

Mukhtar Umar Bunza: Die Verbreitung schiitischer Ideologie in Nigeria ist ein vergleichsweise neues Phänomen. Sein Ursprung liegt in der Islamischen Revolution 1979, die ja anfänglich in weiten Teilen der muslimischen Welt begrüßt wurde. Iran wurde damals als aufstrebende Macht und antiimperialistische Widerstandsbewegung zu den Staaten der westlichen Welt gesehen. Wer damals mit Iran sympathisierte, war nicht unbedingt Anhänger der schiitischen Ideologie, sondern eher auf der Suche nach neuen politischen Allianzen. Menschen unterschiedlicher politischer Couleur begannen, mit Iran zu sympathisieren und mit sich mit der Ideologie zu identifizieren.

 

Haben die Iraner über ihre diplomatischen Kanäle diese Entwicklung aktiv befördert?

Ja, Iran machte sich diese Gefühlslage zunutze und nahm insbesondere die Universitäten ins Visier. Dafür produzierte man extra eine Reihe von Publikationen, Bücher, Magazine, Newsletter, in englischer Sprache. Dieses Material war umsonst und wurde auf dem Campus verteilt. Das iranische Konsulat in Lagos organisierte diese Aktionen.

 

Interview zu Schiiten in Nigeria
Auf diesem Fantasiebild, das das Büro von Ali Khamenei verbreiten ließ, versammeln sich iranische Offizielle und Verbündete zum Gebet in Jerusalem. In Reihe zwei, links hinter Hassan Nasrallah, steht der Nigerianer Ibrahim Zakzaky.

 

Was stand denn in solchen Schriften?

Ich erinnere mich noch gut daran, wie damals in den Achtzigern, als ich an der Universität studierte, ganze Ladungen mit iranischen Schriften eintrafen. Jeden Monat. So sollten die Studierenden indoktriniert werden. In diesen Pamphleten präsentierte sich Iran als Retter der muslimischen Welt, denn schließlich sei Saudi-Arabien ja mit den Amerikanern verbündet.

 

Versuchten diese Schriften auch mit religiösen Argumenten zu punkten?

Die Frage des Dschihads kam schon auf, ebenso priesen die Schriften die Vorzüge eines »islamischen« politischen Systems. Und stießen bei jungen Menschen wie dem damals 26-jährigen Ibrahim Zakzaky, dem späteren Gründer der IMN, wohl auf Gehör.

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Interview mit Syrien-Expertin Bassma Kodmani
Interview mit Syrien-Expertin Bassma Kodmani

zenith: Seit Anfang Mai hat der Geschäftsmann und Syriatel-Chef Rami Makhlouf seinen Cousin Baschar Al-Assad in einer Reihe von Videos öffentlich kritisiert. Warum gehen die Bewertungen über die Tragweite dieses Zwists so auseinander?

Bassma Kodmani: Alles, was interne Streitigkeiten innerhalb der syrischen Herrscherfamilie betrifft, ist reine Spekulation. Wir haben kaum Zugriff auf belastbare Informationen und Mitglieder des inneren Machtzirkels reden nicht über solche Angelegenheiten. Daher beruhen die Analysen der Situation auf geringem Wissen über das, was tatsächlich vorgefallen ist. Dennoch glaube ich, dass der Konflikt zwischen Baschar Al-Assad und Rami Makhlouf vom syrischen Regime durchaus als ernsthafte Angelegenheit wahrgenommen wird.

 

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Einige objektive Faktoren legen das nahe. Zuallererst müssen wir den Kontext in Betracht ziehen: Der syrische Staat ist pleite – er leidet unter Sanktionen, ausländische Investoren machen einen großen Bogen um Syrien und die geringen Hilfsmittel reichen nicht einmal, um die unmittelbare Anhängerschaft des Regimes zu versorgen. Und dieser letzte Punkt ist enorm relevant: Assad interessiert sich momentan nicht dafür, ob die Menschen in Daraa oder Ghuta hungern, aber er ist auf diejenigen angewiesen, die ihn unterstützten, die für das Regime kämpften und die Opfer für die Herrscherfamilie brachten. Daher muss er für diese Leute sorgen und sich ihre Unterstützung sichern. Aus dieser Perspektive wird besonders klar, wie dringend Assad momentan Geld braucht.

 

Wie passt Makhlouf hier ins Bild?

Jede Unterstützung für die syrische Bevölkerung, die von anderer Stelle kommt, bedeutet eine Konkurrenz für Assads Popularität und Einfluss. Der Machtkampf geht auf das Jahr 2000 zurück. Als Baschar Al-Assad damals Präsident wurde, war seine Legitimität innerhalb der Herrscherfamilie umstritten, weshalb er Schwierigkeiten hatte, seine Macht zu konsolidieren – sowohl die Makhloufs, als auch Assef Shawkat und seine eigene Schwester Buschra Al-Assad stellten ihn in Frage.

 

»Das soziale Standing der Makhloufs war früher einmal viel bedeutender als das der Assads«

 

Wie reagierte Baschar Al-Assad damals auf diese Vertrauenskrise innerhalb der eigenen Familie?

Ich denke, dass Assad während dieser Zeit einen Deal eingegangen ist: Die Makhlouf-Familie sollte ihn unterstützen und beraten sowie seinen gesellschaftlichen Rückhalt innerhalb der eigenen Community organisieren. Im Gegenzug durften die Makhloufs die Wirtschaft steuern und Reichtum anhäufen. Um es konkret zu machen: Die politische Macht und militärische Stärke im syrischen Staat liegt in den Händen der Assads, während die Wirtschaft maßgeblich von den Makhloufs bestimmt wird.

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Koblenzer Folterprozess wegen mutmasslicher Kriegsverbrechen in Syrien
Syrien-Prozess in Koblenz

Jihad al-Khaled* wurde jäh aus dem Schlaf gerissen und sprang von seinem Bett auf, als Geheimagenten die Tür seines Hauses im Morgengrauen eintraten – gemeinsam mit den anderen Demonstranten hatte er immer wieder befürchtet, dass so etwas passieren könnte. Die Eindringlinge begrüßten ihn mit Beschimpfungen, einer schlug ihn mit dem Kolben seines Gewehrs. Innerhalb weniger Minuten wurde Jihad aus den eigenen vier Wänden getrieben – zurück blieb seine entsetzte Mutter.

 

»Willkommen in der Hölle.« Mit diesen Worten, so erinnert sich Jihad, wurde er von einem der Männer in einen Bus gestoßen, vollgepackt mit dutzenden Bewohnern seines Viertels in Zabadani, einem beliebten Urlaubsortes an der Grenze zum Libanon. Das war im Mai 2011 – nur einen Monat nach Beginn der Proteste. Weil sie an den Demonstrationen teilgenommen hatten, wurden Jihad und seine Nachbarn nun zusammengetrieben.

 

»Sie peitschen mich, sie traten mich, und sie schlugen mich nach Belieben zusammen«

 

Neun Jahre später erinnert sich Jihad sehr bildlich an die Folter, die er im Al-Khatib-Gefängnis durchmachen musste. Die Haftanstalt wurde von der »Abteilung 251« betrieben– einer berüchtigten Geheimdiensteinheit, die für Sicherheitsfragen in und um Damaskus zuständig ist. »Sie peitschten mich, sie traten mich, und sie schlugen mich nach Belieben zusammen«, berichtet er. Jihad wurde regelmäßig grün und blau geschlagen. An manchen Tagen kam es noch schlimmer: »Sie drückten Zigaretten auf mir aus – auf meiner Brust, meinem Rücken und meinen Beinen.«

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Ägyptische Online-Zeitung Mada Masr
Ägyptische Online-Zeitung Mada Masr

»Die Aktivistin Israa Abd El Fattah berichtet über Folter im Gefängnis.« Wer als Chefredakteur in Ägypten eine solche Meldung als Aufmacher auf die erste Seite seiner Zeitung setzt, sollte sich nicht wundern, wenn bald die Staatssicherheit vor der Tür steht und zum Mitkommen auffordert.

 

Folter in Ägypten? Ägyptens Botschaft in Berlin zum Beispiel streitet solche Vorwürfe rundweg ab. Alles Lüge und Verleumdung, Organisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch hätten ihre Glaubwürdigkeit schon lange verloren, genauso im Land beheimatete NGOs, die sich regelmäßig zu dieser Frage äußern, wie das »Nadeem Center« oder die Menschenrechtsorganisationen von Mohamed Lotfi oder Gamal Eid.

 

Lotfis »Ägyptische Kommission für Recht und Freiheit« hatte Ende Oktober 2019 von einer Verhaftungswelle mit weit über 4.000 neuen politischen Gefangenen berichtet, festgenommen innerhalb von nur vier Wochen. Darunter Professoren, Journalisten, Rechtsanwälte. Insgesamt gäbe es mindestens 60.000 politische Gefangene. Menschen würden entführt und tauchten erst nach Wochen wieder auf, wenn überhaupt. Folter und Willkür seien an der Tagesordnung. »Gewaltsame Entführungen sind inzwischen ein Markenzeichen der Sicherheitsbehörden unter Sisi«, beklagt Lotfi.

 

Solche Meldungen sind in ägyptischen Zeitungen normalerweise nicht zu finden, schon gar nicht als Aufmacher. Die angegebenen Zahlen werden von offizieller Seite barsch als Lüge zurückgewiesen. Dennoch, es gibt dieses Zeitung, die mit der verhafteten Aktivistin Israa Abd El Fattah als Schlagzeile aufgemacht hat. Redigiert und online gestellt am 15. Oktober 2019 von einer Gruppe junger Redakteure, die mitten in Kairo das einzige unabhängige Presseorgan des Landes produzieren. Tag für Tag. Fast ein kleines Wunder: Verboten wurde es bislang nur ein einziges Mal. Sein Name: Mada Masr, was so viel heißt wie »Weites Ägypten«.

 

Mada Masr – eine Online-Zeitung, die zum Feinsten und Tapfersten gehört, was an Presse in Ägypten gegenwärtig erscheint. Ein Licht in einer dunklen Zeit, das die Sicherheitsbehörden des Landes zu löschen versuchen. Klickt man die Ausgabe vom 15. Oktober 2019 an, strahlt dem Leser das freundliche Gesicht einer jungen Frau entgegen.

 

Es ist Israa Abd El Fattah, jene Aktivistin, die damals laut der Schlagzeile durch die Hölle der ägyptischen Sicherheitsapparate gehen musste. Nach ihrer Verhaftung, so der Bericht, hatten Agenten der »Nationalen Sicherheit« ihr zunächst die Augen verbunden, sie dann auf ein Polizeirevier verschleppt. Als sie sich weigerte, den PIN-Code ihres Smartphones preiszugeben, schlugen sie ihr auf den Rücken, auf die Arme und ins Gesicht. Die Misshandlungen gingen in den nächsten Tagen weiter.

 

Israa Abd El Fattah ist nicht die einzige derartig Gefolterte. Auch darüber berichtet Mada Masr ausführlich. Außerdem über Terrorangriffe auf einen Militärposten im Nordsinai, bei dem Soldaten und Zivilisten starben. Ein langer, überzeugend recherchierter Bericht über die Hilflosigkeit der ägyptischen Armee beim Kampf gegen die Dschihadisten. Sogar vertrauliche Quellen aus Armeeeinheiten kann der Reporter zitieren. Alles Nachrichten, die Leser in anderen ägyptischen Zeitungen vergeblich suchen.

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Kurz Erklärt: Saudische Desinformationsattacke am Golf
Lehren aus der Katar-Krise

Was ist geschehen?

Am Montagmorgen, dem 4. Mai 2020, begannen Informationen auf Twitter zu kursieren, demnach in Katar ein Putsch im Gange wäre. Auf einem der vielgeteilten Videos soll zu hören sein, wie in der Hafenstadt Al-Wakra südlich von Doha Schüsse fallen. Schnell trendete der arabische Hashtags الوكرة# (Al-Wakra). Unter dem Hashtag انقلاب_في_قطر# (»Umsturz in Katar«) wurden innerhalb eines Tages mehr als 150.000 Mal Tweets abgesetzt.

 

Die Gerüchte wurden unter anderem auch von bekannten saudischen Journalisten und Influencern, sowie von einigen saudischen Medienhäusern verbreitet: Der ehemalige katarische Premierminister und einer der reichsten Männer der Welt, Hamad bin Jassim Al Thani, Mitglied der katarischen Herrscherfamilie, soll angeblich einen Putsch gegen den amtierenden Emir von Katar Tamim bin Hamad Al Thani angeführt haben. Es kursierten sogar Gerüchte, die türkische Armee würde sich Kämpfe mit katarischen Truppen liefern.

 

Inzwischen steht fest, dass es keinen Putsch im Emirat am Golf gegeben hat – stattdessen deutet alles auf eine Desinformationskampagne Saudi-Arabiens hin. Die Führung in Doha hielt sich mit offiziellen Äußerungen zurück – nur der katarische Botschafter in Moskau stritt die Gerüchte am nächsten Tag vehement als Falschinformationen ab. Twitter-User und Beobachter vor Ort berichten, dass in Doha und Al-Wakra weder Schüsse fielen noch Kämpfe stattfanden.

 

Die schnelle Verbreitung der Gerüchte über Twitter weist alle Kennzeichen einer orchestrierten Desinformationskampagne auf: Die Schüsse im bereits erwähnten Video wurden nachträglich eingefügt – das Original stammt von einem Twitter-User, der sich darüber lustig macht, dass überhaupt keine Schüsse, sondern nur Vogelgezwitscher in Al-Wakra zu hören sind. Ein anderes Video, das sogar vollkommen unkommentiert vom Nachrichtensender Al-Arabiya ausgestrahlt wurde, stammt in Wirklichkeit aus Saudi-Arabien und ist zwei Jahre alt.

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Omans neuer Sultan Haitham Bin Tariq Al Said
Haitham Bin Tariq, der neue Sultan von Oman

Fortführen«, »dabeibleiben«, »achten« – Haitham Bin Tariqs (HBT) Worte sollten einer tief trauernden und verunsicherte Bevölkerung Halt geben. Denn wer Sultan Qabus ibn Said Al Said (1940-1920), dem Übervater der omanischen Nation, nachfolgen würde, stand lange in den Sternen. Oder besser: Auf einem versiegelten Brief, so hatte es der in den letzten Jahren vom Krebs gezeichnete Herrscher veranlasst. Wer ihr neuer Herrscher wird, erfuhren die meisten Omaner also live im Fernsehen – gefolgt von der Antrittsrede.

 

HBT ist einer der Cousins des Sultans – Qabus' Ehe war 1979 kinderlos in der Scheidung geendet. Beide studierten im Vereinten Königreich. Doch anders als Qabus, der eine militärische Ausbildung in Sandhurst absolvierte, studierte HBT am Pembroke College – der Kaderschmiede für Diplomaten an der Universität Oxford. Es folgten 16 Jahre im omanischen Außenministerium in verschiedenen Funktionen. Anschließend wechselte HBT ins Kulturministerium, das er fast zwei Jahrzehnte leitete.

 

In dieser Funktion stellte er Folklorefestivals auf die Beine und hatte wesentlichen Anteil daran, dass sich Oman in den vergangenen zehn Jahren als Destination für Kulturtourismus mauserte. Und dass mit Jokha Al-Harthi 2019 erstmals eine Autorin aus dem Sultanat mit den renommierten Booker-Preis ausgezeichnet wurde, rechnet man seiner konsequenten Kulturförderung an.

 

Auch in seiner Familie spielt Kultur eine zentrale Rolle: Sein ältester Sohn Dhi Yazan ist ein im Oman bekannter Künstler, der mit seiner Entourage an Intellektuellen zwischen Maskat und London pendelt. Neben ähnlichen Politikschwerpunkten vereinen Qabus und HBT ihr ruhiges und besonnenes Auftreten. Im Sultanat ist nach der Machtübergabe die Ansicht verbreitet, der neue Sultan müsse »einfach« in die riesigen Fußstapfen des Vorgängers treten, möglichst wenig verändern und das bestellte Feld ernten.

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Wirtschaftskrise und Diversifizierung in Oman
Wirtschaftskrise und Diversifizierung in Oman

Seit dem Ölpreis-Sturz hat die omanische Regierung keinen ausgeglichenen Haushalt mehr vorgelegt. Nach dem Tod von Sultan Qabus am 10. Januar 2020 erbte sein Nachfolger Sultan Haitham Bin Tariq (HBT) aufgeblähte Staatsschulden: Seit 2014 haben sie sich verzwölffacht und entsprechen inzwischen fast 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

 

Und der finanzielle Druck wird weiter steigen. »Durch die Covid-19-Pandemie wird es schwieriger werden, Kredite auf den internationalen Finanzmärkten zu bekommen und zusätzlich ist da noch der neuerliche Einbruch der Ölpreise«, so Yesenn El Radhi, ein Finanzexperte der »Capital Intelligence Ratings« aus Frankfurt, im Gespräch mit zenith.

 

Bisher hat der Oman damit gerechnet, etwa 80 Prozent seines Haushaltsdefizits 2020 durch Kredite im In- und Ausland zu finanzieren, doch »wegen des Kollapses der Ölpreise wurden alle Pläne erst einmal auf Eis gelegt«, erzählten Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Laut El Radhi soll vor allem der größte omanischen Staatsfonds, der »State General Reserve Fund (SGRF)«, diese Lücke schließen. Die Ratingagentur Fitch schätzt, dass aus dem SGRF rund 5 Milliarden US-Dollar abgezogen werden – das entspräche knapp einem Drittel des Gesamtvolumens von etwa 14,3 Milliarden US-Dollar.

 

Wirtschaftskrise und Diversifizierung in Oman
Sultan Qabus Bin Said (1940-2020) regierte Oman fast fünfzig Jahre lang.Foto: Sebastian Castelier

 

Zusätzlich hat die omanische Regierung alle Ministerien und Behörden angewiesen, ihre jeweiligen Ausgaben um mindestens 10 Prozent zu senken. »Ich gehe davon aus, dass die Regierung sogar Subventionen für Strom und Wasser kürzen wird«, so Mohammad Al-Sami, ein Analyst der omanischen Zentralbank gegenüber zenith. Darüber hinaus sind auch weitere Maßnahmen zur Haushaltsfinanzierung denkbar: Verkauf von staatlichen Vermögenswerten, Entwertung des omanischen Rials oder Unterstützungsgesuche beim Internationalen Währungsfonds (IWF).

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Tataren in der Wehrmacht
Tataren in der Wehrmacht

zenith: Wie Sind Sie denn eigentlich darauf gekommen, sich mit den tatarischen Einheiten der Wehrmacht auseinanderzusetzen?

Iskander Gilyazov: Nun ja, die Geschichte der sogenannten Ostlegionen, beziehungsweise der wolga-tatarischen Legion Idel-Ural war für uns in der Sowjetzeit vollkommen tabu. Denn die dominierende Vorstellung in der sowjetischen Geschichtswissenschaft war: Es gab keine sowjetischen Kollaborateure, es gab nur Verräter. Und natürlich lohnt es sich nicht, die Verräter zu erforschen. Deshalb waren die Soldaten aus der Sowjetunion, die für die Wehrmacht kämpften, keine Problematik, mit der sich die sowjetische Geschichtswissenschaft beschäftigen wollte. Wir in der Sowjetunion haben nur Helden erforscht. Was sonst passierte, auf der anderen Seite also, war für uns weder Thema Gesprächs-, noch Forschungsthema oder sogar nur der Erwähnung wert. Aber natürlich wussten wir es eigentlich besser.

 

Wann änderte sich das?

Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion kam es zur Öffnung auch solcher tabuisierten Themengebiete. Deshalb konnte ich auch erst 1990 nach Deutschland kommen, an die Universität zu Köln, um über die Tartaren in der Wehrmacht zu forschen.

 

Aber auch in Deutschland wissen die Menschen kaum Bescheid über die Idel-Ural-Legion der Wehrmacht. Was hat es denn damit eigentlich auf sich?

Die tatarische Idel-Ural-Legion war Teil einer großen politischen und militärischen Unternehmung der Wehrmacht und von Politikern der NSDAP. Sie haben die sogenannten Ostlegionen geschaffen, um zu zeigen, dass die Turkvölker und die muslimischen Völker der Sowjetunion, eigentlich Gegner von Russland, beziehungsweise Gegner der Bolschewisten sind. Die große Hoffnung war, dass diese turk-muslimischen Völker der Sowjetunion Verbündete sein könnten im Kampf gegen den Bolschewismus. Aber in Wirklichkeit war das nur ein Spiel. Und die deutschen Militärs haben sogar ganz offen gesagt, dass man nur deutsches Blut zu sparen wollte.

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