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Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Sitte und Moral im Islam
Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Sitte und Moral im Islam

Ich hätte nicht in der Haut des Eunuchen Ghabn stecken wollen. Schon grundsätzlich nicht. Aber was ihm sein Herrscher um das Jahr 1004 in Kairo aufbrummte, war wirklich eine Zumutung: Als Chef der Ordnungsämter im fatimidischen Imperium sollte Ghabn das Verbot von Mulukhiya durchsetzen. Ein Ding der Unmöglichkeit, zumindest in Ägypten.

 

Die Mulukhiya ist eine Art Spinateintopf, gekocht aus Malvenpflanzenblättern, und bis heute ein ägyptisches Nationalgericht. Es ist reich an Calcium und Folsäure, weshalb manche behaupten, es wirke besser als Viagra. Geschmacklich ist die Mulukhiya nicht jedermanns Fall. Mein Freund und Kollege Christian H. Meier etwa, der in Kairo studiert hat und dem man nicht absprechen kann, dass er seriös und unvoreingenommen recherchiert, versteht bis heute nicht, was an Mulukhiya so besonders ist. Anders als Meier war der Kalif Mu’awiya angeblich ein Fan dieser schleimig-grünen Suppe. Ob mit Fleischeinlage oder ohne. Und genau das war das Problem.

 

Mu’awiya war gewissermaßen der Begründer der Umayyaden-Dynastie, welche den Nachfolgestreit um das Erbe des Propheten Muhammad für sich entschieden hatte und im 7. und 8. Jahrhundert die islamisch-arabische Welt beherrschte. Ein Unglück für die Schiiten, die Parteigänger der im Zuge dieses Streits von der Macht verdrängten direkten Nachfahren des Propheten (Ahl al-Bait). In den Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen spielte Mu’awiya aus Gründen, die wir heute nicht erläutern können, eine zwielichtige Rolle – zumindest, wenn man die Schiiten fragt.

 

Aber im Jahr 1000 hatten sich die Verhältnisse geändert. Nun herrschten über weite Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas nicht mehr die Umayyaden, sondern die Dynastie der Fatimiden, die wiederum einer Strömung des Schiismus angehörte und sich auf die Prophetentochter Fatima berief. (Daher der Name Fatimiden, wie Sie sicher schon selbst vermutet haben.)

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Kurz Erklärt: Versorgungskrise im Libanon
Kurz Erklärt: Versorgungskrise im Libanon

Was ist geschehen?

Bei der Explosion am 4. August im Hafen von Beirut wurden nicht nur Hunderte Menschen verletzt, auch 85 Prozent des dort gelagerten Getreides wurden von einer Sekunde auf die nächste kontaminiert. Nun droht dem Mittelmeerstaat eine Hungerkatastrophe, importiert das Land doch so gut wie alle benötigten Lebensmittel aus dem Ausland. Und so kommt zum Kampf um den Wiederaufbau zerstörter Wohnung, eine stabile Währung, gegen das Corona-Virus und für das Vertrauen der Bürger ein weiterer hinzu: Der Kampf gegen den Hunger.

 

Bereits im April 2020 hatte die libanesische Regierung einen Notfallplan vorgestellt, um der bereits damals prekären Versorgungssituation zu begegnen. Angesichts der Inflation und Corona-bedingter Einschränkungen zweifelten Beobachter schon im Frühjahr, dass das chronisch unterfinanzierte Landwirtschaftsministerium die Lage in den Griff bekommen würde – nur 0,35 Prozent des Haushalts war der Behörde zugesprochen worden.

 

Wie groß das Problem ist, verdeutlichen Zahlen der Weltbank. Der zufolge lebte bereits im März nahezu die Hälfte der Bevölkerung in Armut. Viele Monate vor der Explosion im Hafen der Hauptstadt benötigten zwei Drittel der Bevölkerung staatliche Hilfe, jeder Dritte Libanese hatte seinen Job verloren. Nicht zum ersten Mal mussten viele Libanesen erleben, dass Lebensmittel für sie unerschwinglich werden. 2008 waren die Preise für Nahrung schon einmal stark gestiegen, damals um 18,2 Prozent.

 

Doch angesichts der jetzigen Situation verblassen die damaligen Zahlen. Laut Schätzungen des UN-Welternährungsprogramms (WFP) stiegen die Lebensmittelpreise zwischen Oktober 2019 und Juni 2020 um 109 Prozent. Nach der Zerstörung des Hafens und der dort gelagerten Nahrungsmittel wächst der Druck auf die Regierung, irgendwie die Nahrungssicherheit des Landes zu gewährleisten.

 

Ein Problem: Laut Weltbank trugt die Landwirtschaft noch 2018 gerade einmal drei Prozent zur nationalen Wertschöpfung bei. Anders ausgedrückt: Das Land produziert bei weitem nicht genug Nahrung für seine Bürger und muss im Ausland einkaufen. Schuld daran sind mangelnde Investitionen, der vergangene und aktuelle Krieg und zunehmend auch der Klimawandel.

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Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Machtkampf ums Mittelmeer
Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Machtkampf ums Mittelmeer

Otranto kann wohl mit Recht von sich behaupten, eine der schönsten Ortschaften Italiens zu sein. Während um den »Ferragosto«, Mariä Himmelfahrt, die Strände des Salento heillos überfüllt sind, kann man sich ungestört auf den historischen Kaimauern von Otranto sonnen – oder abkühlen im türkisblauen Hafenbecken. Hier hat sich über die Jahrhunderte feiner, weißer Sand abgelagert, weshalb nur noch kleine Sport- und Fischerboote festmachen. Einen Liegeplatz haben – etwas weiter oben in der Altstadt – auch die Gebeine der rund 800 Märtyrer gefunden, die in Otranto vor langer Zeit von der osmanischen Marine massakriert wurden.

 

1480 hatte Sultan Mehmed II., der Eroberer von Konstantinopel, ein Geschwader aus Albanien über die Adria geschickt und Otranto belagern lassen. Die christlichen Bewohner, darunter auch ein Erzbischof, leisteten Widerstand – angeblich auch dagegen, zum Islam zu konvertieren, was zumindest laut christlicher, umstrittener Überlieferung von ihnen verlangt worden sein soll. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung liegt in der Basilika Santa Annunziata in Otranto, in bizarrer Ordnung hinter Glasscheiben aufgetürmt: Berge aus Schädeln und Knochen.

 

Die Zahl 800 steht für »Omega« und könnte auch symbolischen, heilsgeschichtlichen Wert haben; jedenfalls aber waren es viele. Für die Katholische Kirche sind diese Märtyrer noch topaktuell: Der deutsche Papst Benedikt XVI. erkannte sie als Opfer von Christenverfolgung an. Das unterstellte Motiv odium fidei, würde man Neudeutsch wohl als hate crime gegen den Glauben übersetzen. Papst Franziskus sprach sie vor kurzem heilig.

 

Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Machtkampf ums Mittelmeer
Gebeine der Märtyrer in der Basilika von Otranto dge

 

Bis heute rätseln die Historiker ein wenig, was Mehmed II. eigentlich in Otranto wollte. Einige vermuteten gar, dass er als Eroberer von Byzanz und damit »Kaiser der Römer« nun auch noch Rom einnehmen wollte und deshalb nach Apulien übersetzte. Dann verstarb Mehmed allerdings. König Ferrante (Ferdinand I.) von Neapel jagte die osmanische Marine dann bald wieder davon.

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Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Systemfrage im Libanon
80 Millionen Libanesen

Ich muss nun doch mal eine Lanze für das politische System des Libanon brechen. In den meisten Kommentaren und Leitartikeln liest man in den letzten Wochen, dass die »politische Klasse« samt und sonders korrupt sei und das System abgeschafft werden müsse. Dabei geht nach meinem Eindruck vieles durcheinander.

 

Ich kann verstehen, dass die Libanesinnen und Libanesen insbesondere nach der großen Explosion im Hafen von Beirut ihre Politiker zum Teufel schicken wollen. Einige stellten sogar symbolische Galgen auf dem Märtyrerplatz für sie auf. Das geschundene Volk hat ein Recht, Schmähparolen zu skandieren, in denen auch mal die Mutter des einen oder anderen mächtigen Politikers vorkommt.

 

Westliche Journalisten und Experten sollten sich hingegen nicht daran beteiligen, den libanesischen Staat und seine Politik pauschal verächtlich zu machen. Mir fiel eine solche Tendenz bereits bei den Protesten im Herbst 2019 auf. In sozialen Medien las ich Kommentare von Europäern, die sich eine Weile im Libanon aufgehalten hatten und sich die populäre Parole »Kullon ya’ani kullon – alle, heißt alle!« (libanesischer Dialekt) zueigen machten. Jeder soll gehen, alles muss raus.

 

Das System ist defekt, aber es ist vielleicht doch sinnvoll, sich mit diesem System ein wenig zu beschäftigen und zu fragen, wer sich einmal was dabei gedacht hat.

 

Fortwährend war der Libanon nicht nur Schaubühne internationaler Mächte, sondern auch ein Experimentierfeld für politische Arrangements. Man muss da nicht beim Assyrischen Imperium ansetzen. Denken wir nur an die Kreuzfahrerstaaten oder die verunglückte Religionspolitik der Fatimiden. Oder an Napoleon III., der 1860 angesichts der Kämpfe zwischen Volksgemeinschaften in der Levante ein französisches Expeditionskorps schickte – übrigens eine der ersten »humanitären Interventionen« Europas, welche der veröffentlichten Meinung folgte.

 

Eine Reihe europäischer Staaten – auch Österreich und Preußen übrigens – mischten sich ein. Das Resultat war die Gründung einer halbautonomen, »Mutesarriflik« genannten osmanischen Verwaltungseinheit im Libanongebirge. Es war ein Versuch, Konfliktmanagement zu betreiben, bei dem viele mitzureden hatten. Hauptsächlich, um sich zu profilieren.

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50 Jahre Autonomiestatut für Kurdistan im Irak
50 Jahre Autonomiestatut für Kurdistan

Mit Weisung von ganz oben und einem Stapel unbeschriebenen Papieren im Koffer reiste der damalige irakische Vizepräsident Saddam Hussein im Frühjahr 1970 in den Nordirak – er sollte die seit Monaten dauernden leidigen Gespräche mit dem Vorsitzenden der »Demokratischen Partei Kurdistans« (KDP), »Mulla« Mustafa Barzani, endlich zum Abschluss bringen.

 

Saddam legte Barzani einige Bögen weißen Papiers vor: »Schreib deine Forderungen auf – ich werde erst wieder abreisen, wenn uns ein für beide Seiten akzeptables Abkommen vorliegt.« Eine ungewöhnliche Gesprächsstrategie, die von manchen als Schwäche Bagdads interpretiert wurde – aber es funktionierte: Saddam kehrte mit einer Einigung nach Bagdad zurück. Am 11. März 1970 wurde dann das Autonomiestatut für Kurdistan erlassen.

 

»Das irakische Volk besteht aus zwei Nationen, der arabischen und der kurdischen Nation«

 

»Die Geschichte wird bezeugen, dass ihr [das kurdische Volk] noch nie einen so aufrichtigen Bruder und einen so verlässlichen Partner wie das arabische Volk hattet oder jemals haben werdet.« Mit diesem Schlusssatz endet das Dokument, das eben jener Saddam Hussein unterschrieb, der wenige Jahre später eine aggressive Arabisierungspolitik im Irak betreiben, hunderttausende Kurdinnen und Kurden deportieren und mehrere Giftgasangriffe auf kurdische Städte befehlen sollte.

 

Nach zehn Jahren immer wieder aufflammender Kämpfe zwischen der KDP und den jeweiligen Regierungen in Bagdad markierte das Autonomiestatut aus dem Jahr 1970 einen Meilenstein in der Geschichte Irakisch-Kurdistans: Erstmals stellte die Regierung in Bagdad eine administrative und politische Teilautonomie kurdischer Gebiete in Aussicht – dabei wurden zwar noch keine konkreten Grenzen festgeschrieben, doch die Rede war von Gebieten mit mehrheitlich kurdischer Bevölkerung.

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Jemenitische Flüchtlinge in Dschibuti
Jemenitische Flüchtlinge in Dschibuti

Als Khaled von seiner Flucht aus dem Jemen erzählt, kann er die Tränen nicht zurückhalten: »Außer meiner Familie, den Dokumenten und dem Schmerz ist mir nichts geblieben. Ich kann nicht zurückkehren.« Khaled schreibt Gedichte über Taiz, die Stadt, aus der er fliehen musste. Der heute 48-Jährige hatte dort sein ganzes Leben lang verbracht, ist dort aufgewachsen, hat geheiratet, seine vier Töchter sind dort geboren. Er hielt sich mit Gelegenheitsjob über Wasser, meist als Erntehelfer. Dann kam der Krieg. »Bombenangriffe aus der Luft, Scharfschützen am Boden.« Khaled sah keinen anderen Ausweg mehr, als sein Land zu verlassen.

 

Es sind Geschichten wie die von Khaled, die mich an den Beginn dieses Krieges zurückversetzen. Sie lassen die Erinnerung wach werden an die erste Nacht, in der mich die Luftangriffe auf Sanaa aus dem Schlaf rissen. Egal, wie sehr ich es auch versuchte, ich konnte nicht wieder einschlafen. Stattdessen lag ich wach und zählte die Explosionen. Bald gab ich es auf. Es waren zu viele. Über der Stadt ging hinter Rauchsäulen die Sonne auf. An diesem 25. März 2015 holte der Krieg mich und meine Landsleute ein – und nahm vielen von uns die Heimat.

 

Khaled ist einer von 2.300 Jemeniten, die vor den Kämpfen, den Versorgungsengpässen, vor Hunger und Krankheit flohen und auf der anderen Seite des Roten Meeres Zuflucht fanden. Markazi liegt in der Hafenstadt Obock, im Norden Dschibutis am Horn von Afrika. Als maritimer Umschlagplatz hat die Kleinstadt am Eingang des Golfs von Tadschura mit etwa 8.000 Einwohnern schon seit der französischen Kolonialzeit an Bedeutung gegenüber der Hauptstadt eingebüßt. Dennoch strömen immer mehr Menschen in den kargen Landstrich, in dem das Thermometer regelmäßig über 40 Grad Celsius anzeigt

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Wirtschaftskrise und Börse in Iran
Baustellen in der iranischen Hauptstadt Teheran

Während Iran eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen seit langer Zeit durchmacht, schwingt sich die Teheraner Börse zu fantastischen Höhen auf. Dabei hat der Wechselkurs am 22. Juni den Negativrekord von 190.000 iranischen Rial für einen US-Dollar gebrochen, die Inflation schnellte 2019 explosionsartig nach oben und stabilisiert sich nur langsam, während US-Sanktionen und die Corona-Krise die iranische Wirtschaft in die Zange nehmen.

 

Dennoch erlebt die iranische Börse, die Tehran Stock Exchange, einen ungeahnten Aufschwung. Der wichtigste iranische Aktienindex TEDPIX, an dem die größten Unternehmen des Landes gelistet sind, hat seit Anfang des Jahres seinen Wert um über 350 Prozent gesteigert. Eine wirtschaftliche Krise und ein Boom an der Börse: Wie passt das zusammen?

 

Gar nicht – auf jeden Fall nicht nach der einfachen ökonomischen Theorie. Demnach sollte sich der Preis einer Aktie nämlich danach richten, wie viele Zahlungen, zum Beispiel Dividenden, eine Investorin erwartet. In einer gesunden, wachsenden Wirtschaft erwartet sie, dass die Unternehmen insgesamt Erfolg haben und deshalb in Zukunft viele Dividenden ausschütten. Investoren setzen auf die erfolgreichen Aktien, also steigt deren Preis. Ein hoher Aktienindex bedeutet also, dass die Investoren an wirtschaftlichen Erfolg und Wachstum glauben. Doch in Iran liegt die Wirtschaft in Trümmern, während der Wert des TEDPIX weiter steigt.

 

Die Inflation frisst die Ersparnisse

 

Das Phänomen in Iran lässt sich erklären durch das einfache Prinzip von Angebot und Nachfrage. Hohe Nachfrage nach Aktien bedeutet einen hohen Preis der Aktie. Das heißt, der TEDPIX erreicht derartige Höhen, weil die iranischen Investoren eine sehr starke Nachfrage nach Aktien mitbringen. Aber warum setzen Investoren gerade jetzt unbedingt auf Aktien?

 

Ein Grund ist, dass sie derzeit nur noch auf dem Aktienmarkt wirklich Gewinne machen könnten, erklärt Mohammad Farzanegan, Wirtschaftsprofessor an der Universität Marburg. Im Jahr 2019 sei der Goldpreis um 30 Prozent gestiegen, der Devisenhandel mit US-Dollar sei um 20 Prozent gewachsen und Immobilien hätten ein Wachstum von 62 Prozent versprochen – auf den ersten Blick beeindruckende Zahlen. Doch im gleichen Zeitraum wurde das Geld um 40 Prozent entwertet. Gold war also ein Verlustgeschäft. Ganz im Gegensatz dazu ist der Wert der Teheraner Börse von Juni 2019 bis Juni 2020 um unglaubliche 500 Prozent gestiegen.

 

Doch nicht nur Investoren wollen ihren Gewinn maximieren. Die gesamte iranische Bevölkerung steht unter enormen Druck. Die galoppierende Inflation frisst den Menschen die Ersparnisse weg. Dabei konnten die Menschen nicht auf das klassische Modell bei den Banken setzen. Denn ein Sparbuch wirft in Iran derzeit bestenfalls noch 15 Prozent Zinsen ab. Das bringt nicht viel, wenn die Inflation wie im Juni noch bei 30 Prozent liegt.

 

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40 Jahre Niederschlagung der syrischen Opposition in Aleppo
Das Massaker von Aleppo 1980

Um die Mittagszeit des 11. August 1980, am ersten Tag des Zuckerfestes, riegelten Spezialeinheiten der syrischen Armee das Viertel Al-Maschariqa in Aleppo ab, da dort einige Tage zuvor Sicherheitskräfte angegriffen worden waren. Sie zerrten Männer und Kinder aus den Häusern und trieben sie auf dem nahegelegenen Hanano-Friedhof zusammen – wo die Soldaten das Feuer eröffneten und alle niedermetzelten.

 

In Al-Maschariqa starben an diesem Tag mindestens 83 Menschen – wobei einige der Opfer selbst für den Staatsapparat gearbeitet hatten oder Mitglieder der regierenden Baath-Partei gewesen waren. Es war nicht das erste Massaker in Aleppo im Jahr 1980 und sollte auch nicht das Letzte bleiben.

 

Im Syrien der späten 1970er Jahre regte sich Widerstand gegen die Baath-Regierung von Hafiz Al-Assad. Die steigende Inflation und immer mehr Geflüchtete aus dem Libanon, nachdem Assads Truppen 1976 in das benachbarte Bürgerkriegsland einmarschiert waren, führten zu rapiden Preisanstiegen auf dem Wohnungsmarkt. Zusätzlich trugen teils willkürlich agierende Sicherheitskräfte, ausgeprägte staatliche Korruption und die Vormachtstellung des Assad-Clans zur Unzufriedenheit der Bevölkerung bei. Sowohl innerhalb der eigenen Partei und des syrischen Militärs, als auch unter Linken, Intellektuellen und in der Demokratiebewegung regte sich Widerstand gegen die autokratische Herrschaft Hafiz Al-Assads. Doch die eigentliche politische Konkurrenz für die Baath-Partei stellte die islamistische Opposition dar.

 

Das Artillerie-Schulen-Massaker von Aleppo markierte den Beginn eines regelrechten Guerillakriegs gegen die Baath-Partei

 

Die in Syrien verbotene Muslimbruderschaft dominierte die Opposition und hatte bereits seit Jahren einen Regimewechsel angestrebt. Allerdings stritten sich die Muslimbrüder sowohl untereinander als auch mit anderen islamistischen Gruppen über die Frage, wie der Widerstand gegen die Baath-Partei aussehen solle. Während die Führung der syrischen Muslimbruderschaft zu dieser Zeit den Einsatz von Gewalt noch kritisch sah, formte sich Ende der 1960er Jahre eine islamistische Gruppe um Marwan Hadid, die ab Anfang der 1970er Jahre gezielt Anschläge auf prominente Baath-Mitglieder verübte.

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Corona-Verlauf in Katar, Jordanien und Dschibuti
Corona-Verlauf in Katar, Jordanien und Dschibuti

Katar

In Katar wurden bereits drei Prozent der Bevölkerung positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Mit rund 30.700 Infektionen pro eine Million Einwohner ist das kleine Land am Golf einsamer Spitzenreiter im Nahen Osten. Die Sterblichkeitsrate von 34 Toten je eine Million Menschen katapultiert Katar auf Rang sieben in der Region. Auffällig ist vor allem, dass mehr als ein Viertel aller Tests positiv ausfielen – obwohl in der Region nur Bahrain noch mehr testet als Katar.

 

Andreas Krieg ist Assistenz-Professor am Kings College in London und beschäftigt sich intensiv mit dem Golfstaat. Er konstatiert: »Katars Situation sieht auf dem Papier in der Tat etwas dramatischer aus als anderswo in der Region.« Die Gründe dafür seien eine hohe Testdichte und große Transparenz im Umgang mit Infektionszahlen. »Doch Katar hatte anfangs auch ein großes Problem, die Infektionen unter Gastarbeitern gering zu halten«, ergänzt Krieg. »Die Social-Distancing-Regeln lassen sich in Massenunterkünften nur schwer umsetzen.«

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Armenischer Oligarch Gagik Tsarukyan
Armenischer Oligarch Gagik Tsarukyan

Im Ferienort Tsaghkadzor unterhält die Unternehmensgruppe des Oligarchen Gagik Tsarukyan ein Hotel. Der Gouverneur der Region kämpft gegen Steuerhinterziehung. agik Tsarukyan sei ein Mann, der Tiere liebt. In seinem Privatzoo halte er weiße Löwen. »Tsarukyan kümmert sich gut um seine Tiere«, sagt Tsarukyan über sich selbst in einem seiner seltenen Interviews mit dem armenischen Nachrichtenmagazin Hetq. Das Video könne deshalb nicht aus seinem Privatzoo stammen: ein Esel, der nach zwei Junglöwen austritt, die versuchen, sich in seinem Fleisch festzubeißen. Die Menge vor dem Käfig, die johlend die Raubtiere anfeuert. Die Schüsse, die den Esel von außerhalb des Käfigs treffen, nachdem das Tier die Angriffe immer wieder abwehren konnte. Die Löwen im Video sind braun, es müsse sich um einen anderen Privatzoo handeln, behauptet Tsarukyan.

 

Zum Beispiel um den des ehemaligen Militärchefs Manvel Grigoryan. Oder den des ehemaligen Premierministers Ovik Abramyan. Seine Vorliebe für ungewöhnliche Statussymbole teilt er mit diesen Männern. Das Attribut »ehemalig « teilen sie nicht. Seit der Revolution im Frühling 2018 wird gegen die alte Führungsriege Armeniens ermittelt. Nicht aus Gründen des Tierschutzes, sondern wegen Steuerhinterziehung, Veruntreuung von Staatsgeldern und Machtmissbrauch.

 

Die Regierung stürzen, Oligarchie abschaffen – das war das Ziel der Bewegung, die als »Samtene Revolution« in die Geschichte des kleinsten Landes auf dem Kaukasus eingehen wird. Samten, weil Tausende Armenier wochenlang die Straßen der Republik blockierten und so den Präsidenten Sersh Sargsyan zum Rücktritt zwangen. Mit ihm kamen die reichsten und mächtigsten Männer des Landes vor Gericht oder gingen ins Exil.

 

Von sich selbst spricht der Multimillionär in der dritten Person.

 

Nur Gagik Tsarukyan, Armdrücken- Star, Multimillionär und Hobby-Löwenzüchter, ist noch immer da. Für ein Interview sei sein Zeitplan zu straff, gibt Shake Isayan, Sprecherin von »Blühendes Armenien« und ehemalige Pressesprecherin der Multi Group, an. Rund um den Tag der Unabhängigkeit, als diese Reportage entstand, habe Tsarukyan viele Termine. Seine sozialen Kanäle zeigen Spatenstiche, Blumenkränze und Händeschütteln. Aber auch an anderen Tagen reagiert Tsarukyan auf Journalisten, die nicht zu seinem eigenen Sender gehören, gereizt.

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Europas Kulturhauptstadt Plovdiv in Bulgarien
Europäische Kulturhauptstadt Plovdiv in Bulgarien

Für jede Stadterkundung gibt es die richtige Lektüre. Und gäbe es für Plovdiv, diese jahrtausendealte Stadt in der thrakischen Tiefebene, wo der Balkan behutsam in den Mittelmeerraum übergeht, wo Römer und Griechen, Slawen und Osmanen, wo die Versprechungen des Kapitalismus und der Realsozialismus gleichermaßen ihre Spuren hinterlassen haben, ein besseres Buch als Italo Calvinos Weltpoem »Die unsichtbaren Städte«? Calvinos Meisterwerk besteht aus 55 Miniaturbeschreibungen unterschiedlicher Städte, die Marco Polo, der wohl bekannteste Reisende der Kulturgeschichte, vorgeblich dem alternden Mongolenherrscher Kublai Khan vorträgt. Und erst beim Lesen erschließt sich langsam: Jede dieser Erzählungen handelt doch eigentlich immer von Venedig.

 

Auch die Stadt Plovdiv ist für den Reisenden so vielschichtig, so schwer zu erfassen, dass man ihr ohne Weiteres mehrere nebeneinanderstehende Erzählungen abringen könnte. Da ist die hügelige Altstadt aus der Zeit der Zeit der Osmanen. Zweifellos ein Kleinod. Zweistöckige Trutzburgen von Kaufmannshäusern, viele davon heute Museen, unten aus schroffem Naturstein, oben bunt bemalt und mit ausladenden Erkern. Dickbäuchige Straßenkatzen trotten in engen Gassen lebenssatt übers Kopfsteinpflaster. Kunsthandwerker bieten ihre Ware feil.

 

Da ist die Pracht des Plovdivs der Antike, das dem Besucher auf Schritt und Tritt in den Blick gerät. Die dreistöckige Bühne des guterhaltenen Amphitheaters aus Zeiten des römischen Kaisers Trajan ragt am Südwesthang der Altstadt unvermittelt empor. Unter der Uliza Knyaz Alexander I., der Hauptflaniermeile der Stadt, finden sich die Reste des römischen Stadions. Der griechische Satiriker Lucian nannte die Stadt, entgegen seiner Profession wohl ganz ernst gemeint, »die größte und schönste aller Städte«.

 

Die thrakische Tiefebene war einst der erste Halt auf dem Weg der Makedonierkönige Richtung Persien.

 

Jahrhundertelang war Plovdiv als Philipopolis bekannt, benannt nach Phillip von Makedonien, dem Vater Alexander des Großen. Die thrakische Tiefebene war einst der erste Halt auf dem Weg der Makedonierkönige Richtung Persien. Da ist das Stadtviertel Kapana, der alte Ausgehbezirk, wo das Leben mediterran flirrt. Wo sich Boutiquen an Craftbeerbars und Flatwhite-Cafés reihen. Skater unter Europagraffitos schäkern, und Rentnerinnen beobachten tratschend das Treiben.

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Presseschau zu Baschar Al-Assad und Russlands Syrien-Politik
Presseschau

Mitte April veröffentlichte die russische Nachrichtenagentur RIA-FAN einen Artikel mit dem Titel »Korruption in der syrischen Regierung zerstört die Wirtschaft des Landes«. Der Beitrag war zwar schon nach zwei Tagen von der Seite verschwunden, dennoch stellt sich die Frage: Warum hat die Agentur einen derart kritischen Artikel gerade zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht?

 

Einige russische Sicherheitsanalysten bezeichnen das Nachrichtenportal RIA-FAN als Sprachrohr des berüchtigten russischen Geschäftsmannes Jewgeni Prigozhin. Es ist eines von vier kremlfreundlichen Unternehmen, die alle zu Prigozhins Mediengruppe Patriot gehören. RIA-FAN ist offenbar aus der berüchtigten St. Petersburger Internet Research Agency hervorgegangen, die oft als »Trollfabrik« bezeichnet wird.

 

Demnach habe wohl Prigozhin selbst die Redakteure von RIA-FAN angestiftet, eine konfrontativere Haltung gegenüber dem syrischen Regime einzunehmen. Das bestätigen russische Sicherheitsanalysten im Gespräch mit zenith, die mit ihren Aussagen lieber anonym bleiben möchten. Sie geben zu bedenken, dass man die kritischen Artikel in den Medien eher im Kontext der Beziehung des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad und des Medienchefs Prigozhin sehen muss. Der Putin-Vertraute beschäftigt nämlich neben seinen Medienhäusern auch unzählige Sicherheitsdienste, die in letzter Zeit angeblich mit ernsten Zahlungsverzügen für ihre Dienste in Syrien konfrontiert waren.

 

Prigozhin gilt als mächtiger Oligarch mit engen Verbindungen zum Kreml. Angefangen mit der Gründung einer Hotdog-Kette gemeinsam mit seinem Stiefvater in den frühen 1990er Jahren baute er ein Netzwerk von Catering- und Convenience-Stores auf. Seine Geschäfte machten ihn zu einem der reichsten Männer Russlands, was nicht zuletzt auch lukrativen Regierungsaufträgen zu verdanken ist. Der Spitzname »Putins Chefkoch« wurde ihm verpasst, nachdem er 2003 den Präsidenten persönlich in seinem St.-Petersburger Restaurant »Neue Insel« bedienen durfte.

 

Mittlerweile unterhält Prigozhin ein vielfältiges Portfolio und verfolgt verschiedene Interessen: von Plänen zur Niederschlagung der Proteste im Sudan, über Bergbau in der Zentralafrikanischen Republik, bis hin zur Wagner-Gruppe, einer paramilitärischen russischen Söldnertruppe, die seit ihrem ersten Einsatz in der Ostukraine Assads überforderten Streitkräfte unterstützt. Noch brisanter ist jedoch, dass Prigozhin das Unternehmen Evro Polis Ltd. gehört, das derzeit von den USA mit Sanktionen belegt ist. Zwischen 2016 und 2018 handelte die Firma mit den syrischen Behörden Verträge aus, die ihr in allen zurückeroberten Gebieten Ansprüche auf ein Viertel der gesamten Menge an Öl und Erdgas zusichert.

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