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Bauchtanz, Instagram und #DancingIsNotACrime
Kolumne Daniel Gerlach

Jeder, der schon einmal eine iranische Hochzeit erlebt hat, wird verstehen, was ich meine: Die Begeisterung auf der Tanzfläche ist groß, es geht euphorisch, aber nicht ausdauernd zur Sache. Um mitzumachen muss zwei pantomimische Gesten koordinieren können und diese unablässig wiederholen: Mit einer Hand über dem Kopf eine Glühbirne eindrehen und zugleich mit dem Hintern eine Schranktür zustoßen.

 

Maedeh Hojabri tanzt auf einem anderen Niveau. Die 17-Jährige leidenschaftliche Parcours-Läuferin aus Teheran begeisterte mit ihren geschmeidigen Tanzdarbietungen zigtausende Follower auf Instagram: Pop, Jazz, Contemporary Belly Dancing oder eine Rihanna-Adaption, die manche besser als das Original finden und von der man sicher nicht behaupten kann, dass sie vulgär daherkomme (Ich habe mir das von unabhängigen Fachleuten erklären lassen, da selbst ich zugegebenermaßen weder von ihren Performances noch von Instagram besonders viel verstehe).

 

Hojabri zeichnete diese Videos in ihrem heimischen Teheraner Wohnzimmer auf, trug keinen Hijab und war gelegentlich auch etwas bauchfrei zu sehen.

 

In der vergangenen Woche wurde sie verhaftet und wenig später in einer Sendung des ersten Programms des iranischen Staatsfernsehens IRIB vorgeführt – in einer Art Enthüllungsformat, bei der nicht klar war, ob man sie interviewte oder verhörte.

 

Ein Schauspiel mit Nachspiel

 

Das ihr zur Last gelegte vergehen bestand wohl darin, Bürgerinnen und Bürger der Islamischen Republik zu unsittlichem Verhalten anzustacheln. Hätte Hojabri für ihre Tanz-Performances und Video-Aufzeichnungen ein Unterstützerteam gehabt, was man behördlicherseits wohl mutmaßte, wäre dieses nach Lesart der iranischen Justiz sogar eine kriminelle Bande gewesen. Und ihr Handeln ein organisierter Angriff auf die sittlichen Fundamente der Islamischen Republik.

 

Hojabri musste erklären, dass all dies nicht der Fall gewesen sei. Sie sei nicht gecoacht worden und habe völlig unbedarft und ohne heimtückische Intention gehandelt. Ihr Befrager wollte peinlich genau wissen, ob und wie viel Geld sie von Instagram aus dem Erlös vorgeschalteter Werbeclips erhalten habe.

 

Neben Hojabri präsentierte der Sender auch zwei andere Fälle: Elnaz Qassemi, die ebenfalls mehrere Hunderttausend Follower auf Instagram hat und nur zu Besuch aus Kanada nach Teheran gekommen war und dort verhaftet wurde, sowie eine Tänzerin mit dem Künstlernamen Shadab. Qassemi weinte vor der Kamera und wurde dargestellt wie eine überführte ausländische Spionin. Zwischendurch präsentierte IRIB eine Psychiaterin, die sich über die krankhafte Selbstdarstellung junger Menschen in sozialen Medien ausließ.

 

Für Hojabri und Qassemi, die Anfang dieser Woche aus der Haft entlassen wurden, mag die Sache glimpflich ausgegangen sein, für das iranische Fernsehen und das Ansehen des Regimes könnte sie allerdings ein Nachspiel haben.

 

Die Angst vor der Social-Media-Reichweite junger Frauen geht wieder einmal um in der Islamischen Republik

 

Als die Verhaftung bekannt wurde, hagelte es Solidaritätsvideos – unter verschiedenen Hashtags und Slogans wie »raqsidan djorm nist – Tanzen ist kein Verbrechen«. Tausende Follower Hojrabis in Iran und im Ausland, aber auch solche, die erst durch den Polizeieinsatz von ihr erfahren hatten, luden nun ihre Tanz-Videos in den sozialen Medien hoch. Einige davon sind haarsträubend lustig, andere folgen dem bewährten Hintern-Glühbirne-Prinzip.

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Leoluca Orlando, Sigmar Gabriel, Friedrich II., Migration
Kolumne Daniel Gerlach

Wenn er hin und wieder von oben herabschaut auf sein altes Europa, und nicht, wie vom Papst seinerzeit angeordnet, als Ketzer in der Hölle schmort, wird Kaiser Friedrich II. sicher wenig überrascht sein: Die sturen Städte Norditaliens haben sich mal wieder zu einem den Kontinent in Atem haltenden Problem entwickelt. Dergestalt, dass man ihnen ein Expeditionsheer schicken und die Stadtmauern rasieren will. Die deutschen Fürsten machen noch immer Stress und fühlen sich nicht ernst genommen. Das Haus Wittelsbach aus Bayern wankt zwischen Königsmord und Kapitulation. An Euphrat haben die Mongolen kürzlich ganze Landstriche verwüstet, um Jerusalem wird gezankt. Halb Europa glaubt, dass das Ende der Welt bevorsteht, und beim Einkaufen in Palermo kommt man mit Arabisch leidlich gut zurecht.

 

Der große Staufer Friedrich aus Sizilien und Apulien (*1194 - +1250) rührte die deutsche Nationalromantik an. Und am Kyffhäuser, jenem deutschen Gebirge, das heute auch die AfD-Granden für ihre identitären Rituale nutzen, verehrte man ihn dereinst als Schlafenden Kaiser, der irgendwann als Erlöser wiederkehren wird. In Palermo aber, wo Friedrich begraben liegt, gedenkt man seiner als »Staunen der Welt« – eines lebensfrohen, neugierigen Herrschers, der die Traditionen von Abendland und Morgenland vereint. (De facto beendete Friedrich die Herrschaft der Araber auf Sizilien und ließ dabei – trotz aller Begeisterung für Multikulti – so manchen über die Klinge springen).

 

Machen wir uns also nichts vor: Für das Bestehen seiner C1-Deutschprüfung zur Einbürgerung hätte Friedrich wohl Beziehungen spielen lassen müssen. Sonst wäre er krachend durchgefallen. Von Leoluca Orlando kann man das nicht behaupten. Am vergangenen Montag, bei seiner Dankesrede zur Verleihung des »Kaiser Friedrich von Hohenstaufen Preises für gelebte Freundschaft der Völker und Integration der Nationen« sprach Orlando jedenfalls Deutsch.

 

Die Tatsache, dass die Deutsch-Arabische Gesellschaft diesen recht pompös klingenden Preis zum ersten Mal seit 1986 wieder vergibt (der letzte Preisträger hieß Bruno Kreisky) mag darauf hindeuten, dass man den schlafenden Kaiser entweder vergessen hatte, oder aber bei der Auswahl seiner Laureaten an sehr langfristig wirkende, die Epochen prägende Figuren denkt.

 

Orlando jedenfalls ist eine Stimme, die die windschiefe Debatte um pragmatische Lösungen in der Migrations- und Flüchtlingspolitik wieder ein wenig geradeziehen könnte – indem sie neu verortet, was wirklich radikale Positionen sind und wo sich folglich die Mitte wiederfinden muss.

 

Wie Kaiser Friedrich, aber ziemlich aufgeweckt

 

Wussten Sie, dass es in Palermo keine Migranten gibt? Zero. Das zumindest sagt Orlando, der es ja wissen muss. Denn für ihn ist jeder, der in Palermo lebt, Palermitaner. Orlando antwortet so allen, die ihn fragen und damit insinuieren wollen, es seien in jedem Fall zu viele.

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Binnenexil in der Türkei
Der neue Reiz der Provinz

Ihr Atelier in Istanbul hat Necla Köse aufgegeben. Jetzt arbeitet die Konzeptkünstlerin von Urla aus, einer Kleinstadt in der Nähe von Izmir. Ihre beruflichen Kontakte könne sie auch von hier aus pflegen, erzählt Necla – dafür brauche sie Istanbul nicht. Die Künstlerin ist bei Weitem nicht die einzige, die aus der Metropole am Bosporus ausgezogen ist, um in der Provinz Izmir ein neues Zuhause zu finden. Insbesondere in Urla wächst ganz im Verborgenen eine Oase für verstoßene »Dichter und Denker« heran.

 

Seit dem Putsch im Juli 2016 befördern die politischen Entwicklungen eine innertürkische Fluchtbewegung, wie sie das Land seit der Zypernkrise in den Siebzigern nicht mehr erlebt hat. Es ist der Auszug all jener, die Erdoğans Reformen im eigenen Land entfremdet haben. Die meisten von ihnen kommen aus Istanbul und verfügen über einen Hochschulabschluss.

 

Sie einseitig in der Tradition des Kemalismus oder gar im Milieu der Protestbewegungen zu verorten, würde der Buntheit dieses stillen Exodus nicht gerecht: Was sie verbindet, sind die Angst vor dem autoritären Präsidialstaat und die Resignation über die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens. Insbesondere Familien fürchten die zunehmende Gewalt auf den Straßen oder suchen einen Ausweg, um eine Einschulung ihrer Kinder im »Imam-Hatip«-System noch abzuwenden.

Die Auswanderer verbindet die Resignation über die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens.

Andere haben schlicht genug von der Anspannung in der aus den Fugen brechenden Metropole. Wie die Istanbuler Griechen in den 1960er- und -70er-Jahren überlassen sie den einstigen Schmelztiegel der Kulturen einer immer eintönigeren Islamisierung.

 

Izmir, wo sie sich in ihren demokratischen Überzeugungen noch mehrheitlich unter sich wähnen, gilt als die letzte Hochburg des Laizismus. Es könnte schlechtere Orte geben, um dem politischen und gesellschaftlichen Klima der »neuen Türkei« zu entgehen: Umgeben von Bergkuppen und dichten Wäldern, eingebettet in ein klares Meer und die sauerstoffreiche Luft, erweckt diese träge, freundliche Stadt alle Sehnsüchte Zivilisationsmüder zum Leben.

Der neue Reiz der Provinz
Die Küste hat Yurdagül an ihre alte Heimat erinnert: die Prinzeninseln im Marmarameer. Bis zu ihrer Pensionierung arbeitete sie als Sekretärin an der TU Istanbul. Nun haben sie und ihr Mann Rahmi ein Haus in Urla gekauft und renoviert.Foto: Stefan Pohlit

Mit offenen Armen werden die Neuankömmlinge allerdings nicht empfangen: Die örtliche Schönwettergesellschaft empfindet sie als Eindringlinge, denn angeblich drohen die exzentrischen Ansprüche, die man ihnen zuschreibt, die lang bewahrte Nostalgie auf den Kopf zu stellen. Angesichts steigender Mieten und Grundpreise ist bereits von einer schleichenden »Istanbulisierung« die Rede.

 

Dabei fallen die Auswanderer vom Bosporus als Minderheit kaum auf, und anders als die Syrer kommen sie nicht mit leeren Händen. Sie stärken den Einheimischen in der Verteidigung ihrer Privilegien vielmehr den Rücken. So wurde ein Plan der Großstadtverwaltung, ein beliebtes Naherholungsgebiet zur Bebauung freizugeben, im August 2017 mit Hilfe einer Online-Petition verhindert, ohne dass es zu Gewalt kam.

Der neue Reiz der Provinz
Önder hat Mathematik studiert, danach jedoch wie viele Absolventen keine Arbeit gefunden und sich für eine Beamtenlaufbahn bei der Post entschieden. Vor zwei Jahren haben er und seine Frau sich dann nach Urla versetzen lassen.Foto: Stefan Pohlit

Izmir wächst. Auch der Zustrom ärmerer Menschen aus den anatolischen Provinzen reißt nicht ab. Der Einfluss der Neuankömmlinge aus Istanbul, ihre Intelligenz und ihr Kapital entfalten sich am sichtbarsten in der Nische. Vor allem an Orten, wo die Regierung infolge von Tradition und Landschaftsschutz auf Dauer keinen Fuß in die Tür bekommen wird, wie in Urla im Südwesten der Halbinsel, knapp über 20 Kilometer südwestlich vom Izmirer Stadtzentrum entfernt. Die Alphabetisierungsrate in dieser Kleinstadt gehört von Haus aus zu den höchsten des Landes. Sowohl die Schule des Deutschen Generalkonsulats als auch das Institut für Technologie Izmir haben hier ihren Standort.

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Junge Männer in Syrien und Irak nach dem Islamischen Staat
Kolumne Daniel Gerlach

Neulich habe ich mich gefragt, wie es dem Islamischen Staat (IS) wohl geht. Man mag das aus zwei Gründen kritikwürdig finden: Erstens erweckt es den Eindruck, diese Terrororganisation rufe nostalgische Gefühlsregungen hervor. Wie eine Verflossene, von der man lange nichts gehört hat. Und außerdem sollte jemand, der dafür bezahlt wird, sich mit dem Nahen Osten auskennen, ja immer wissen, wie es dem Islamischen Staat »geht«. Das zählt schließlich zu den drängendsten politischen Themen unserer Zeit.

 

Nun, es ist schlechterdings so, dass man sich in der Branche hin und wieder aus den Augen verliert. Und ich habe eine Entschuldigung: Ich war weit weg, im Westens Mexikos, und hatte mein Smartphone für einige Tage mutwillig deaktiviert. Aber der IS holt einen bekanntlich immer wieder ein, und das ist überhaupt nicht ironisch gemeint.

 

Anlass meiner Frage nach dem Wohlergehen des Restkalifats war das Gespräch mit einem aufgeweckten, 22-jährigen Mexikaner aus La Paz, der Hauptstadt des Bundesstaates Baja California Sur, der mich gute zwei Stunden über Land fuhr und in der Konsole seines Wagens eine auffällige kleine Heiligenstatue liegen hatte. In der Levante sieht man den Heiligen Scharbel Makhlouf, einen Patron der Maroniten, häufig, in Lateinamerika aber nicht. Gedanklich ganz im Nahen Osten angelangt war ich aber spätestens, als mein Fahrer mir ohne Umschweife erzählte, dass man ihm neulich ein Job-Angebot unterbreitet habe: Er könne Sicario werden – Auftragskiller für das in der Region vorherrschende Kartell von Sinaloa.

 

Jemand aus der Szene habe sein Facebook-Profil gesehen, das den Studenten, nennen wir ihn Juan, bei verschiedenen sportlichen Aktivitäten zeigt. Daraufhin ließ man ihm über einen bereits für das Kartell tätigen Kommilitonen eine Nachricht übermitteln: Wer so fit und ehrgeizig wie er sei, dazu noch vertrauenswürdig, könne pro »Einsatz« 5000 Pesos verdienen, umgerechnet etwa 210 Euro. Einen Ehrenkodex gebe es auch: Das Kartell lege Wert auf Regeln, getötet würden nur feindliche Kombattanten. Unschuldige würden verschont.

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Wiederaufbau in Syrien
Jugendlicher Leichtsinn

Von Osten kommend, in die Provinz Aleppo eintauchend, die Ebene durchquerend, die dem Euphrat ein so atemberaubend schönes Bett bietet, staut sich hier das Wasser zu einem See, auf dem Tausende Blässhühner auf Wellen wippen und Fischverkäufer ihren Fang anbieten. Es ist ein nahezu paradiesisches Panorama, das dazu einlädt, mit einem Segelboot zu einer der kleinen Inseln auf dem Euphrat überzusetzen, ein Feuer zu entfachen und sein Lager aufzuschlagen.

 

Ist die Brücke über den Euphrat passiert, führt eine kurvige Straße durch eine Hügelkette, gefolgt von einer Landschaft aus bestellten Feldern. Mitten in dieser friedlich anmutenden Oase liegt Manbidsch. In den quirligen Straßen der Stadt wimmelt es von Händlern, Straßenständen, Geschäften, Werkstätten und Restaurants. Es scheint, als sei die Stadt aus einem Dornröschenschlaf erwacht und wolle etwas nachholen: Zweieinhalb Jahre lang hatte Manbidsch unter der Herrschaft des »Islamischen Staates« (IS) gestanden.

 

Die etwa 300.000 Einwohner bilden eine multikulturelle und -ethnische Gemeinschaft: in der Mehrzahl sunnitische Araber, gefolgt von Kurden, Tscherkessen und Tschetschenen, die hier seit Generationen zusammenleben und seit 2012 drei Systemwechsel miterlebten: Erst hatten lokale Rebellen der »Freien Syrischen Armee« das Assad-Regime entmachtet, dann machte sich der IS breit, der schließlich vom Bündnis der »Demokratischen Kräfte Syriens« (SDF) vertrieben wurde. Und der nächste Machtwechsel steht vor der Tür.

 

Mit US-amerikanischer Unterstützung hatte das kurdisch dominierte SDF-Bündnis im August 2016 den IS in die Flucht gezwungen. Ein Deal zwischen dem damaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden und der Türkei hatte festgelegt, dass Manbidsch nach seiner Befreiung nicht von den Kurden kontrolliert werden dürfe. Somit übernahm der »Militärrat Manbidsch« (MMC), bestehend aus etwa 5.000 Kämpfern verschiedener Ethnien, die Kontrolle über die Stadt und Umgebung. Mittlerweile wirft der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan den damals involvierten kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) vor, einfach ihre Uniformen gewechselt zu haben und unter dem Banner des MMC die Macht in Manbidsch an sichgerissen zu haben.

 

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10 Jahre Unabhängigkeit des Kosovo
Frei Sein wie die Väter

Sie tanzen im Keller. In einem Raum mit gesprungenen Spiegeln und vergitterten Fenstern, durch die wenig Licht fällt. Klaviermusik erfüllt den Saal, der zu klein ist für die zwanzig Tänzerinnen und Tänzer, die sich dehnen, als wären sie aus Gummi, sich drehen wie Kreisel und dabei aufpassen müssen, nicht zusammenzustoßen. Der Spiegelsaal, in dem Kosovos Nationalballett trainiert, ist ein bisschen wie das Land, das es repräsentiert: klein und provisorisch. Ein Land, das zehn Jahre nach der Unabhängigkeit noch immer nicht von allen EU-Mitgliedsländern anerkannt und das von seinem Nachbarn Serbien als
abtrünnige Provinz angesehen wird.

 

Ein Land, dessen Hymne zwar eine Melodie, aber noch immer keinen Text hat, um möglichst neutral zu sein. Ein Land, dessen Bevölkerung als einzige in Europa nicht visafrei in den Schengenraum reisen darf und sich deswegen isoliert und eingesperrt fühlt.

 

Viele Kosovaren träumen davon, einfach so in ein Flugzeug nach Wien, Berlin oder Prag zu steigen. Doch dieses Freiheitsgefühl, das für viele junge Menschen in Europa Normalität ist, bleibt ihnen verwehrt. Wer seine Familie im Ausland besuchen, an einem Festival teilnehmen oder ein Auslandssemester belegen will, der hat einen langen bürokratischen Kampf auszufechten, muss unzählige Dokumente zusammentragen, Kontoauszüge beantragen, sich in lange Schlangen vor den Botschaften einreihen. Ständig begleitet von der Frage: Wird mein Visum rechtzeitig bewilligt? Wird es am Ende abgelehnt? Ausreisen ist im Kosovo keine persönliche Entscheidung, die man mal eben so trifft. Es ist ein Privileg, auf das man monatelang warten muss.

Frei Sein wie die Väter
Der große Saal des kosovarischen Nationaltheaters wirkt schmucklos und renovierungsbedürftig, doch seine Bühne ist die wichtigste des Landes.Foto: Martin Valentin Fuchs

Heute Abend will Teuta Krasniqi, 28 Jahre alt, eine zierliche Frau mit dunklen Haaren und rot geschminkten Lippen, dieses Gefühl der Isolation auf die Bühne bringen. Die Anspannung ist der Ballerina anzusehen. Leicht zusammengekauert sitzt sie auf einer Bank im Spiegelsaal und wirft ihrem Team ab und zu ein Lächeln zu, das ein bisschen gequält wirkt. Krasniqi hofft, dass bei der großen Premiere heute Abend alles glatt laufen wird. Sie ist die erste Frau seit Ende des Krieges, die im Kosovo ein eigenes Ballettstück choreografiert. Der Titel des Stücks gleicht einem politischen Manifest: »No Walls« – keine Mauern.

 

Das Theater, in dem Krasniqi mit ihren Tänzern trainiert, ist ein architektonisches Überbleibsel aus der jugoslawischen Vergangenheit: holzvertäfelte Räume, in denen man rauchen darf, rote Samtsessel und verwinkelte Gänge. Es liegt im Zentrum von Pristina, der jüngsten Hauptstadt Europas. Im Winter steigt in den Seitengassen der Rauch von verheizter Kohle auf – die Luftqualität in Pristina weist zuweilen Belastungswerte auf, die zu den höchsten in Europa zählen und mit jenen in chinesischen Städten vergleichbar sind.

 

Fährt man mit dem Taxi stadtauswärts und lässt das Durcheinander von alten Plattenbauten, tiefhängenden Stromkabeln, Modeboutiquen und Fast-Food-Läden hinter sich, dann sieht man, wie schnell Pristina an den Rändern wächst, weil immer mehr Menschen hierherziehen. Neue Wohnanlagen und Shoppingcenter sprießen aus dem Boden. Durch das Stadtzentrum führt ein Boulevard, flankiert von Restaurants, Buchläden, dem Luxushotel »Swiss Diamond« und – ganz am Ende – dem Theater, in dem Teuta Krasniqi trainiert.

Frei Sein wie die Väter
Teuta Krasniqi steht beim Nationalballett unter Vertrag und darf regelmäßig für Auftritte verreisen. Ihr Gehalt von 300 Euro im Monat ist allerdings so niedrig, dass sie noch immer nicht aus der Stadtwohnung ausgezogen ist.Foto: Martin Valentin Fuchs

Gleich gegenüber steht der Regierungssitz, ein spiegelverglaster Büroturm, der zu Ehren des 10. Unabhängigkeitstages am 17. Februar in eine überdimensionale Fahne in Blau und Gelb gehüllt ist. Damals, vor zehn Jahren, erklärte Kosovo einseitig seine Unabhängigkeit vom Nachbarn Serbien. Feuerwerke explodierten über Pristina, Autokorsos mit der neuen Fahne zogen hupend durch die Straßen. Während die Kosovo-Albaner in der Hauptstadt in einen Freudentaumel fielen, gingen die Kosovo-Serben im Norden des Landes auf die Straße und setzten Grenzübergänge in Flammen.

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Die Revolutionsgarden zwischen Iran, Irak und Syrien
Das Konterfei von Generalmajor Qasem Soleimani in einem Souvenirladen des Kriegsmuseums Teheran. Die Taetigkeit des Kommandanten der Qods-Einheit hatte bis zur Krise 2013 mehr mit nachrichtendienstlicher Koordination und Verhandlungsfuehrung als mit milit

Die iranische Außen- und Regionalpolitik beruht gleichermaßen auf ideologischen und realpolitischen Grundsätzen. Der persisch-schiitische Iran rechtfertigt seine Rolle als Regionalmacht in der sunnitisch-arabisch geprägten Levante mit seinem Engagement für Palästina. Gleichzeitig geht Teheran davon aus, dass die säkularen pro-westlichen Eliten, die in der Regel dem Staat Israel gegenüber pragmatisch eingestellt sind, stürzen werden und islamisch orientierte Regierungen, also Gegner Israels, überall an die Macht kommen werden. Diese werden sich dann dem von Iran und Hizbullah geführten »islamischen Widerstand« gegen Israel anschließen. Daher spielt das Bündnis mit Syrien, das als Frontstaat gegen Israel gilt, eine zentrale Rolle. Allerdings lässt sich das Konzept des »islamischen Widerstandes« in seiner »Widerstandsachse« genannten Ausformung als Bündnis zwischen Iran, Syrien, der libanesischen Hizbullah und palästinensischen Gruppen wie der Hamas auch als gegen Saudi-Arabien gerichtet deuten. Aus Sicht Riads ist der Verlust Iraks als sunnitisch-arabischer Frontstaat gegen Iran eine strategische Katastrophe, die aufgrund der irakischen Demografie nicht mehr rückgängig zu machen ist.

 

Iranische Gesprächspartner wiederum bestätigten dem irakischen Präsidenten Dschalal Talabani bereits 2008, dass sie nichts mehr als eine sunnitische Umzingelung durch die sunnitischen arabischen Staaten, Afghanistan und die Türkei fürchteten. Um dies zu verhindern, müsse das Assad-Regime unbedingt gehalten werden. Syrien musste damit zwangsläufig zum Kriegsschauplatz zwischen Iran und Saudi-Arabien werden. Dieser Antagonismus musste in weiterer Folge auch den Irak involvieren. Das Auftreten des »Islamischen Staates« (IS) 2014 im Irak und in Syrien unterbrach diesen Bogen iranischer Einflussnahme und stellte die gesamte Region vor neue Herausforderungen.

 

Iran verfolgt zwei Hauptziele im Irak: erstens, zu verhindern, dass aus diesem Land noch einmal eine militärische Gefahr für Iran hervorgehen könnte, und zweitens, dass mittelfristig die USA abziehen. Des Weiteren trachten die Iraner danach, die irakische Politik für den eigenen Standpunkt in Syrien zu gewinnen und das Assad-Regime zu stabilisieren, um eine Machtübernahme dschihadistischer Gruppen dort zu verhindern.

 

Eine der anspruchsvollsten Herausforderungen für Teheran besteht seit jeher darin, die Widersprüche der eigenen Ideologie mit den strategischen Realitäten im Irak in Einklang zu bringen. So lehnten die Iraner die Anwesenheit der USA in der Region zwar strikt ab, erlaubten ihrem Schützling, dem »Obersten Islamischen Rat im Irak« (SCIRI), jedoch seit den frühen 1990er Jahren, am vom Westen unterstützten Irakischen Nationalkongress (INC) teilzunehmen. Nach dem Sturz des Saddam-Regimes hatte Teheran an einem demokratischen Übergang im Irak großes Interesse, weil man damit rechnen konnte, dass schiitische Gruppen das Parlament dominieren würden. Dasselbe traf für den früheren militärischen Arm des SCIRI zu, die Badr-Brigaden, die mittlerweile als separate Partei und Miliz auftreten und nie offiziell gegen die amerikanischen Truppen im Irak vorgingen.

 

Damit waren zwei wichtige Elemente im politischen Prozess sowie im Sicherheitsapparat des Nachbarlandes installiert, die Zugang zur höchsten Führung in Iran hatten und mit Teheran ideologisch weitgehend übereinstimmten. Dennoch war den Iranern von Anfang an klar, dass das irakische Verständnis für Iran natürliche Grenzen hat und die Iraker letztendlich entsprechend ihren eigenen nationalen Interessen handeln würden. Irans Fähigkeit, im Windschatten der amerikanischen Invasion Iraks Vertrauensleute in allen relevanten Institutionen des Landes unterzubringen, ist für sich alleine genommen ein beeindruckender politischer Schachzug. Doch der iranische Einfluss erstreckt sich auch auf Sondergruppen, die während der US-Besatzung eine offen anti-amerikanische Agenda vertraten und auch militärisch Druck auf die USA ausübten. Mit großer Berechtigung warfen die USA daher Teheran vor, eine zweigleisige Politik zu fahren. Aus amerikanischer Sicht stand hinter allen gegen die Koalitionskräfte gerichteten Gewaltaktionen schiitischer Splittergruppen die Qods-Einheit der Revolutionsgarden unter Generalmajor Qasim Soleimani.

 

Der erste sichere Beleg über die Qods-Einheit stammt aus dem Jahr 1984, über ihre damalige Truppengliederung und ihr exaktes Einsatzgebiet ist nicht viel bekannt. Auszuschließen ist jedoch, dass die Qods-Einheit eine Rolle bei der Gründung der libanesischen Hizbullah gespielt hätten, denn deren Aufstellung war 1982 schon weitgehend abgeschlossen und wurde von einer anderen Gruppe der Revolutionsgarden betrieben.

 

Syrien musste zwangsläufig zum Kriegsschauplatz zwischen Iran und Saudi-Arabien werden. Dieser Antagonismus musste in weiterer Folge auch den Irak involvieren

 

Die Qods-Einheit erlangte rasch einen relativ hohen Bekanntheitsgrad und wurde von prominenten iranischen Generälen kommandiert wie dem momentanen Kommandanten der Revolutionsgarden, Mohammad Dschafari, ein Kermaner Landsmann Soleimanis und wie er ehemals Kommandant der 41. Panzer-Division, oder Ahmad Vahidi, Verteidigungsminister unter Mahmud Ahmadinedschad. Die Qods-Einheit ist zwar Teil der Revolutionsgarden, das betrifft aber in erster Linie die organisatorische Zugehörigkeit, auf hierarchischer Ebene berichtet sie unmittelbar dem Büro des Revolutionsführers und ist somit ein direktes Führungsinstrument. 2009 wurde die Qods-Einheit zur eigenen Teilstreitkraft der Revolutionsgarden erhoben.

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Industrie zwischen Oman und Deutschland
Maskat am Rhein

Dem Gegenüber ins Gesicht blicken und grüßen, wenn man jemanden auf der Straße trifft – oder lieber nicht? Eine Überlegung, die Ali Al-Lawati von seinen ersten Begegnungen in Deutschland kennt. Denn während zu Hause in solchen Fällen ein freundliches »Salam« ausgesprochen wird, schauen hierzulande die Menschen eher weg oder schweigen erst einmal. Das war eine neue Erfahrung für den 25-Jährigen, der an der Sultan-Qabus-Universität in Maskat, der Hauptstadt Omans, studiert hat. Rund 7.000 Kilometer liegen zwischen dem Rheinland und dem Sultanat am Golf.

 

Seit einem Jahr arbeitet der Araber als einer von acht omanischen Trainees bei dem Chemieunternehmen Oxea in Monheim am Rhein. Es gehört zu 100 Prozent zu Oman Oil, einem Staatsunternehmen des Sultanats. Lawati möchte vor allem mehr über die Themen Controlling und Auditing lernen, denn das ist jetzt schon seine Aufgabe. »Wir überprüfen Vorgänge innerhalb des Unternehmens, schauen, ob alles reibungslos läuft«, sagt Majid Al-Mashari, der zusammen mit Ali Lawati im Rahmen des Austauschprogramms zwischen Oman und Deutschland arbeitet. Die beiden schicken ihre Berichte auf die arabische Halbinsel, wo die Verantwortlichen von Oman Oil Tochtergesellschaften wie Oxea verwalten.

 

Es mag abgedroschen klingen, aber Tugenden wie Disziplin und gewissenhaftes Arbeiten bescheren Deutschland noch immer ein hohes Ansehen und haben Vorbildcharakter. Es gilt als Kompliment, wenn von einem omanischen Kollegen erzählt wird: »Er hat nach seiner Rückkehr alles zwei Mal gecheckt, bevor er dem Ergebnis getraut hat.«

 

Zunächst »nicht gerade überschwänglich« – so hat Majid Al-Mashari die Menschen auch in seinem privaten Umfeld im rheinischen Düsseldorf erlebt. »Es braucht Zeit, um ihnen nahe zu kommen. Doch wenn sie dann zu Freunden werden, nehmen sie dich mit, integrieren dich, erzählen dir private Dinge. Was für eine Überraschung für mich, dass die Distanz überwunden werden kann. Ich akzeptiere es aber natürlich auch, wenn jemand Abstand halten möchte.«

Die chemischen Verbindungen werden zur Herstellung von Kosmetika, Schmiermitteln oder Oberflächenbeschichtungen verwendet.

Kein Wunder, möchte man aus deutscher Sicht sagen – denn ähnlich erleben wir die Omanis. Im Gespräch öffnen sich die jungen Männer, laden großzügig in ihre Häuser ein und scherzen viel und gern. Doch wenn darüber geschrieben und das Ergebnis veröffentlicht werden soll, tritt vorsichtige Zurückhaltung zutage – schließlich könnte man missverstanden werden oder zu tiefe Einblicke gewährt haben.

 

2013 erwarb Oman Oil das Unternehmen Oxea – aus strategischen Gründen. Der Investor Advent International hatte die Verbindung über ein paar Jahre hinweg vorbereitet, Oman Oil gab 1,8 Milliarden Euro als Mitgift (siehe Infokasten). »Öl- und Gasvorkommen spielen in Oman immer noch eine große Rolle, und wir wollten mehr in den Downstream investieren – das bedeutet: in die Stufen, die die Rohstoffe nach der Förderung durchlaufen.

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Muslime, Talkshows, Konzelmann
Kolumne Daniel Gerlach

Auf den Tag genau vor zehn Jahren, am 28. Mai 2008, starb Gerhard Konzelmann. Der weitgereiste Schwabe hatte sich auf vielfältige Weise in der Öffentlichkeit dargestellt: als TV-Reporter, Buchautor und Moderator des ARD-Weltspiegels, und sogar als Komponist von Singspielen (»Blautopf«, »Das Gauklermärchen«). Vermutlich war Konzelmann einer der ersten, denen das deutsche Fernsehen das Label »Nahost-Experte« verliehen hat.

 

Konzelmann verfasste gut zwei Dutzend Bücher. Die meisten davon Sachbücher zum Nahen Osten, deren Titel heute, Jahrzehnte nach der Blüte seines Schaffens, gar nicht mal so gestrig wirken: »Mohammed – Allahs Prophet und Feldherr« (1980), »Die islamische Herausforderung« (1980), »Der unheilige Krieg« (1985), »Allahs neues Weltreich« (1986), »Dschihad und die Wurzeln eines Weltkonflikts« (2002), um nur einige zu nennen. Sie waren und sind bis heute offenbar stilprägend für das Verlagsgeschäft. Einige von Konzelsmanns Bestsellern findet man noch auf Amazon, andere eher in verstaubten Antiquariaten. Denn nach einer Plagiatsaffäre wurden sie nicht wieder aufgelegt oder ganz vom Markt genommen.

 

Der Hamburger Orientalist Gernot Rotter hatte Konzelmann im Jahr 1991 als einen Abschreiber überführt, der sich nicht nur großzügig in Rotters eigenem wissenschaftlichen Werk bedient hatte. Der populäre Autor Konzelmann neigte auch dazu, die plagiierten Stellen mit allerlei schlüpfrigen und blutigen Fantastereien nachzuwürzen. Er zeichnete so laut Rotter ein rassistisches »Zerrbild« der muslimischen Kultur: grausam, irrational, fanatisch, dauergeil.

 

Rotter, »der Mann, der so aus dem dicken Konzelmann Tatar macht«, habe »alle Krummsäbel zur Hand«, kommentierte damals, über jeden Vorwurf orientalistischer Klischees erhaben, das Magazin Der Spiegel.

 

Nun ist Konzelmann längst kein abendfüllendes Gesprächsthema mehr. Auch nicht unter den Orientalisten. Und wir wollen den Mann, der ein erfolgreiches und erfülltes Leben lebte, nicht für eine billige Anekdote in seiner Totenruhe stören: Aber die Konzelmann-Affäre war gewiss eine Zäsur im Verhältnis zwischen der Orientalistik und den Massenmedien, die bis dahin eher wenige Berührungspunkte hatten.

 

Damals, im Jahr 1991, ließ der Golfkrieg den Bedarf nach medienkompatiblen Fachleuten sprunghaft ansteigen. »Echte« Wissenschaftler wollten sich nicht länger von angeblichen Schmalspurern und Quereinsteigern die Butter vom Brot nehmen lassen. Womöglich entstand so erst jenes Berufsbild des Nahost-Experten, der stets mit prägnanten Analysen bei der Hand ist, wenn es zwischen Marokko und Afghanistan wieder einmal knallt.

 

Die Verführung erscheint im Gewand der süffisanten Fragen von TV-Moderatoren.

 

Die Nachrichtenwelt verlangt nach Fachwissen, das allgemeinverständlich »heruntergebrochen« wird. Politische Talkshows aber gehen oft noch weiter: Sie wollen starke Meinungen, steile Thesen, oder gar Lösungen, wie man es besser machen könnte in der internationalen Politik. Und hier nimmt das Elend seinen ungebremsten Lauf.

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Fußballer Mohamed Salah und der Personenkult in Ägypten
Der Mann, der Sisi alt aussehen lässt

Normalerweise teilt Mohamed »Mo« Salah auf seinem Twitter-Account Eindrücke vom Mannschaftstraining, Begegnungen mit Fans sowie Highlights seiner Auftritte für den FC Liverpool. Am 29. April 2018 sahen die knapp 5,7 Millionen Twitter-Follower des 25-jährigen Fußballers hingegen eine kurze, kryptische Nachricht auf Arabisch: »Es ist schade, dass die Art des Umgangs eine Beleidigung war. Ich hoffe, dass die Sache auf zivilisiertere Art und Weise geregelt werden kann«.

 

Auf den ersten Blick ein unverfänglicher Post, der nicht einmal verrät, worum es eigentlich geht. Für Aufklärung sorgte aber Salahs Agent und Spielerberater Ramy Abbas. Sponsor Telecom Egypt (TE) hatte den Mannschaftsflieger für die WM in Russland mit dem Konterfei ihres Superstars beklebt – ohne um Erlaubnis zu fragen. Die Bildrechte lagen aber beim TE-Konkurrenten Vodafone.

 

Alles nur ein profaner Lizenzstreit oder ein Zeichen des Widerstands des populärsten Fußballers Ägyptens? Immerhin stand bei dem Rechtsstreit mit der TE-Tochter WE auf der Gegenseite ein Konglomerat, das nicht nur den Mobilfunkmarkt in Ägypten dominiert, sondern auch eng mit Geheimdienst und Sicherheitskräften verbandelt ist. Jenem Apparat, der die Kommunikation kontrolliert und nicht zuletzt die beispiellose Verhaftungswelle zehntausender Ägypter in den vergangenen Jahren vorangetrieben hat und als Stütze des Sisi-Regimes gilt.

 

Wie hält es Ägyptens wohl bester Fußballer aller Zeiten mit dem Sisi-Regime?

 

Dieses Machtbewusstsein trat wohl auch im Umgang mit dem Fußballer zutage. Salah-Berater Abbas hatte sich vor allem über die herablassende und paternalistische Attitüde des Verbandes und seines Premiumpartners echauffiert. Die spielten zunächst die Populismus-Karte: Als Nationalspieler gehöre Salah ja eigentlich allen Ägyptern. Eigentlich ein sicherer Schachzug.

 

Doch die Reaktion fiel nicht nur anders als erwartet aus, sie nahm auch Dimensionen an, mit denen die ägyptischen Behörden offensichtlich nicht gerechnet hatten. Unter dem Hashtag #ادعم_محمد_صلاح, zu Deutsch »Ich stehe zu Mohamed Salah«, bezog die unscheinbare Auseinandersetzung ein Millionenpublikum im Netz ein, das sich überwiegend auf die Seite des Fußballers stellte. Binnen 24 Stunden schnellte der Hashtag an die Spitze der Twitter-Listen – nicht nur in Ägypten, sondern im gesamten Nahen Osten. Wenige Tage später knickte der Verband ein und teilte einsilbig mit, dass man Salahs Forderungen allumfänglich nachgekommen sei.

 

Die Episode bereitete den Raum für die Gretchenfrage, die Salahs Cinderella-Story seitdem begleitet: Wie hält es Ägyptens bester Fußballer aller Zeiten mit dem Sisi-Regime? Wie beständig ist der Erfolg auf dem Platz, um als Stimme in der Gesellschaft eine Position einzunehmen? Wie soll ein Sportler wie Salah mit den vielen, oft widersprüchlichen, Erwartungen umgehen, mit denen er überfrachtet wird?

 

Warum ein profaner Lizenzstreit die Debatte um Salahs gesellschaftspolitische Rolle befeuerte

 

Es sind Fragen, die seit dem Frühjahr an Fahrt aufgenommen haben. Anfang März hatte ein Kolumnist der halbstaatlichen Al-Ahram Salahs Haarschopf und Bartwuchs moniert, der ja Anlass zur Verwechslungsgefahr mit Terroristen geben und damit dem Ansehen Ägyptens schaden könnte. Auch damals stießen solche Äußerungen auf Ablehnung. Doch obwohl es sich um einen sehr viel persönlicheren Angriff handelte, löste der spätere eine weit größere Welle der Empörung aus.

 

Dabei mag der Zeitpunkt eine Rolle gespielt haben: Nur wenige Tage zuvor hatte Salah mit zwei Toren und zwei Vorlagen sein Team im Hinspiel des Champions-League-Halbfinales gegen den AS Rom in eine komfortable Ausgangslage für den erstmaligen Finaleinzug seit elf Jahren gebracht. Dann heimste der Ausnahmestürmer auch noch die die Auszeichnung zum Spieler des Jahres und die Torjägerkanone der Premier League ein – der bisherige Höhepunkt der Salah-Euphorie. In den Reaktionen auf den Rechtsstreit mit dem Verband scheint deutlich der Stolz auf den Fußballer durch, der es als erster Araber auf eine Stufe mit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo schaffen kann – und der Vorwurf, dass sich der Verband mit fremden Lorbeeren schmückt, die Hand aufhält, um sich zu bereichern, und den Sympathieträger Ägyptens in der Welt bevormundet wie ein kleines Kind.

 

Obwohl die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Verband um die Bildlizenz vergleichsweise schnell aus der Welt geräumt wurde, legten die Reaktionen viel tiefer liegende Ressentiments gegenüber Staat und Regime offen. Sie brachen sich in der Causa Salah wohl auch deswegen Bahn, weil der Raum für Kritik in Ägypten de facto geschlossen wurde.

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Iraks Ex-Premier Nuri Al-Maliki im Interview
»Ich, Maliki, soll konfessionalistisch sein?«

zenith: Man wirft Ihnen vor, dass Sie als Schiit eine Politik der Spaltung der Sunniten durch Schiiten betrieben und deshalb für das Chaos im Irak maßgeblich verantwortlich sind.

Nuri Al-Maliki: Ich und konfessionalistisch? Ich, Maliki? Die erste Militäroperation, die ich in meiner Amtszeit anordnete, richte sich gegen die Mahdi-Armee von Muqtada Al-Sadr, die folgenden Einsätze fanden in Kerbela und Nadschaf statt – in schiitischen Städten. Wenn ich gegen schiitische Aufständische zu den Waffen greife, sagt keiner was. Aber wenn es Sunniten sind, werde ich als konfessionalistischer Politiker abgestempelt. Dieser Vorwurf ist konstruiert – und daran sind Saudi-Arabien auf der einen und Masud Barzani auf der anderen Seite nicht ganz unschuldig.

 

Was werfen Sie den Saudis und dem Kurdenpräsidenten vor?

Saudi-Arabien lebt im Glauben, dass Iran die Kontrolle im Irak übernommen hat. Schon König Abdullah ließ verlautbaren: Bagdad ist das Land der Abbasiden-Kalifen, es kann nicht von einem Schiiten regiert werden. Deswegen muss Maliki entfernt werden. Zu der Zeit schwirrten unzählige takfiristische Fatwas herum, und der König lobte sogar eine Belohnung in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar aus, um meine Regierung zu stürzen. Das hat den Konfessionalismus im Irak in Gang gesetzt. Leider haben viele Sunniten dem Glauben geschenkt und diese Slogans aus Saudi-Arabien dann aufgegriffen.

 

»Die Saudis wollen Israel für einen Angriff auf Iran gewinnen. Ich glaube aber nicht, dass Israel sich darauf einlassen wird.«

 

Der saudische Kronprinz hat angekündigt, sowohl seine Streitkräfte stärker im Antiterror-Kampf einzusetzen als auch die Terrorfinanzierung saudischer Staatsangehöriger einzuhegen. Trauen Sie der Ankündigung von Muhammad Bin Salman (MBS)?

MBS führt nur Befehle aus. Die USA und Europa wollen das schlechte Image Saudi-Arabiens aufpolieren, das mit Terrorismus und Hass auf religiöse Minderheiten in Verbindung gebracht wird, und sind natürlich auch an dem Geld interessiert, dass MBS dafür zu zahlen bereit ist. Wenn ihm dieser PR-Coup gelingt, steht Saudi-Arabien in der öffentlichen Wahrnehmung nämlich auf einer Stufe mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE).

 

Hegen Sie Zweifel an den Motiven oder der Eignung des saudischen Thronfolgers?

MBS soll die alte Führungsriege in Saudi-Arabien aus dem Weg räumen und die saudische Gesellschaft reformieren. Doch ist er dieser Aufgabe wirklich gewachsen? Ich bezweifle es. Schließlich scheint sein Hauptaugenmerk darauf zu liegen, sein Land in eine direkte militärische Konfrontation mit Iran zu steuern und der Schia entgegenzutreten. MBS stellt aus meiner Sicht ein Risiko für die Stabilität der gesamten Region dar – aber auch für Saudi-Arabien. Überdies denke ich nicht, dass Saudi-Arabien allein stark genug ist, einer Regionalmacht wie Iran die Stirn zu bieten oder gar in ihrer Stabilität zu gefährden. Aus diesem Grund versucht Riad, Israel für einen Angriff auf Iran zu gewinnen. Ich glaube aber nicht, dass Israel sich darauf einlassen wird, schließlich stünden dann die Hizbullah-Raketen an seiner Grenze zur Vergeltung bereit.

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Atomdeal und Regionalpolitik
Hassan Rouhani

Schon seit Jahren sorgt Irans Engagement in Syrien für Ärger. Im Zentrum der Kritik, in der sich der Westen, viele arabische Staaten und Israel weitgehend einig sind, stehen schiitische Milizen unter Teherans Kontrolle. Diese Milizen kämpfen an der Seite der Truppen des syrischen Regimes. Problematisch sei nicht bloß die iranische Einmischung in Syrien und anderen Konfliktfeldern, sondern vor allem, so der Vorwurf, die Tatsache, dass Teheran den machtpolitischen Führungsanspruch mit der Entwicklung und Stationierung ballistischer Raketensysteme untermauert. Aus diesem Grund gefährde Iran die Stabilität der Region. Dies ist wohl das Hauptargument, welches Befürworter einer Neuverhandlung des Atomdeals mit Teheran ins Feld führen.

 

Zwar treten deutliche Differenzen in der Beurteilung des Abkommens zutage: Auf der einen Seite die EU und der Großteil ihrer Mitgliedsstaaten, auf der anderen Seite die USA, Washingtons arabische Verbündete sowie Israel. Einig sind sich die Kritiker nur über die grundlegend negativen Auswirkungen, die Irans Ausgreifen in den vergangenen Jahren gezeitigt hat.

 

Teheran wiederum drückt sich darum, die Präsenz der eigenen Hilfstruppen und Verbündeten in der Region überhaupt zu kommentieren. Sie kommen meist nur dann zur Sprache, wenn die Särge der Freiwilligen in ihre Heimatländer – darunter auch Iran – zurückgeflogen werden und man ihrer als »Märtyrer« öffentlich gedenkt. Zugleich ruft Irans Regierung immer wieder in Erinnerung, dass man die Vorgaben und Verpflichtungen des Atomabkommens einhalte, während etwa die USA die grundsätzliche Gültigkeit des völkerrechtlich verpflichtenden Dokuments in Frage stellen. Allen Beteiligten ist jedoch bewusst, dass ein Zusammenhang zwischen Atomabkommen und Regionalpolitik besteht. Die Frage ist nur, wie beide Felder zusammenwirken und welche Schlüsse man daraus ziehen kann.

 

Noch heute sehen die Saudis die Islamische Republik in der Tradition der imperialen Hegemonialpolitik des Schahs.
 

Um es klar zu sagen: ja, die Islamische Republik folgt einer strategischen Vision für den Nahen Osten – und die unterscheidet sich kaum von der des Vorgängerregimes. Integraler Bestandteil dieser Vision ist die Zurückdrängung auswärtiger – in diesem Fall westlicher –Einflüsse in der Region, eine dominante Stellung am Persischen Golf, einen Fuß in der Tür zum östlichen Mittelmeerraum und in erster Linie: der Wettstreit mit Saudi-Arabien.

 

Natürlich haben sich die ideologischen Koordinaten verschoben: Der Schah hat sich in der Golf-Politik nie mit den USA angelegt und auch im Ringen um Einfluss im Libanon suchte das Schah-Regime keinen Konflikt mit Israel. Das Kräftemessen mit dem Nachbarn auf der anderen Seite des Golfs hingegen setzt sich fast ungebrochen fort. Noch heute sehen nicht wenige saudische Entscheidungsträger die Islamische Republik als Nachfolgerin des Kaiserreichs, die in der Tradition des Schahs Hegemonialpolitik betreibt.

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