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Trump, Iran und das Militär in der arabischen Welt
Kolumne Daniel Gerlach

Mit der Nato steht Donald Trump irgendwie auf Kriegsfuß, wobei Beobachter vermuten, dass es hauptsächlich um das Eine gehe. Der US-Präsident wünsche sich Bündnispartner, die das Portemonnaie mindestens genauso locker sitzen haben wie das Messer. Und denen gegenüber die USA zwar Lieferaufträge, aber keine Bündnispflichten zu erfüllen haben. Eine arabische Militärallianz soll her, eine »Middle East Security Alliance«.

 

Das Akronym MESA ist ein wenig unfreiwillig komisch. Es steht bereits – unter anderem –für die »Middle East Studies Association«, einen in Trump-Kreisen als links und pro-palästinensisch verschrienen Berufsverband amerikanischer Nahostforscher. Und es klingt bereits ein bisschen nach Mesalliance.

 

So nannte man in adligen und großbürgerlichen Kreisen eine Heirat, der aufgrund eines hohen Statusunterschiedes zwischen den Eheleuten wenig Aussicht auf Erfolg beschieden war. Das wird nichts, die beiden passen nicht zusammen!

 

Verschiedene amerikanische Medien haben in den vergangenen Wochen berichtet, dass der – bereits vor einem Jahr noch als eher fixe Idee in Umlauf gebrachte – Plan nun bald Gestalt annehmen soll: Schon im Oktober will Washington mit potenziellen arabischen Interessenten Butter bei die Fische machen.

 

Manche Skeptiker vermuten, auch hier sei wieder nur der Mammon Vater des Gedankens. Trump wolle Saudi-Arabien und andere, die es sich leisten können, mit Kampflugzeugen, Panzern, Raketen und Sperranlagen zusch(m)eißen, bis sie die Sonne nicht mehr sehen. Wohler Meinende vermuten, die Amerikaner wollten der arabischen Welt die Illusion verkaufen, dass sie die Politik im Nahen Osten weiterhin gestalten – bei möglichst geringen Opportunitätskosten.

 

Nun sind die Prioritäten der Trump-Administration im Nahen Osten hinlänglich bekannt. Erstens: Die Organisation »Islamischer Staat« vernichten, oder besser gesagt das, was amerikanische Diplomaten mitunter als das »physisch existente Kalifat« bezeichnen. Zweitens: Iran und iranischen Einfluss zurückdrängen – wohin, wieweit und mit welchen Mitteln wird man dabei noch sehen.

 

Drittens: Israel als jüdischem Staat maximalen Handlungsspielraum geben, um seine Sicherheits- und Territorialinteressen schnell und vollumfänglich durchzusetzen. Eine MESA sollte, so zumindest wünscht es sich die Trump-Regierung, aktiv bei der Verwirklichung eines oder mehrerer dieser drei Projekte helfen. Zumindest aber soll sie keinem davon im Wege stehen.

 

Darüber hinaus fragt man sich allerdings: Wie wäre eine »arabische Nato« innerlich verfasst? Und gegen wen könnte sie sich – jetzt, aber auch in Zukunft – richten?

 

Arabische Solidarität: Man hilft sich, wo man eben kann

 

Geht man davon aus, dass sich die MESA um Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten gruppiert und eventuell Jordanien und Marokko dazukämen, kann man von einer schlagkräftigen militärischen Allianz sprechen. Diese Staaten könnten einen gemeinsamen Rat und einen Militärausschuss gründen. Sie würden gemeinsame Ausbildungsprogramme, Qualitätsstandards und Codes entwickeln. Und – für etwaige Auslandseinsätze oder den Bündnisfall – ein gemeinsames Kommando.

 

Wie im Fall der Nato müsste man davon ausgehen, dass irgendjemand früher oder später den Rat der Mitgliedsstaaten dominiert: Saudi-Arabien etwa oder die Emirate würden das versuchen und womöglich mit Ägypten, das die zahlenmäßig größte arabische Armee stellt, in Konkurrenz geraten. Ob man sicherheitspolitische Fragen dann in der großen Runde klärt oder für sich allein, hinge von einer jeweiligen Kosten- und Nutzenrechnung ab.

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Muslimisches Kulturerbe in Deutschland
»Türkenlouis’ neue Kleider«

»Wenn ihm das neue Kleid gefällt, dann bin ich Wilhelm Christian. Wenn nicht, wird aus mir wieder der Türke Abdülkadir«, murmelt der Mannheimer Schneider leise vor sich hin und wartet ungeduldig, bis sein anspruchsvoller Kunde aus dem Ankleidezimmer zurückkommt. Zugegeben, so steht die Szene nicht im Skript des Theaterstücks »Türkenlouis’ neue Kleider«, das im Mai in der Kurpfalzmetropole Premiere feierte.

 

Nach dem Getöse um Mesut Özil fügt sie Hasan Özdemir, aus dessen Feder das neue Stück stammt, ja vielleicht noch nachträglich ein. Darin verknüpft der Lyriker Fiktion und Wirklichkeit rund um Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655-1707) – schon seinerzeit Türkenlouis genannt – und einem am Hofe des Mannheimer Schlosses lebenden Schneider aus dem osmanischen Bursa.

 

In Zeiten, in denen sich viele Menschen in West- und Zentraleuropa vor der »Islamisierung des Abendlandes« fürchteten, also im Verlauf der »Türkenkriege« des 16.-18. Jahrhunderts gegen das Osmanische Reich – die »besorgten Bürger« von Elbflorenz kommen erst später in diesem Text vor –, schleppten die erfolgreichen Fürsten und Könige allerlei Rüstungen und Dolche als Kriegsbeute zurück mit an die heimischen Höfe. »Alles Trophäen und Ausdruck eines maskulinen militärischen Gehabes, das zeigen sollte, wie toll man ist«, sagt Stephan Theilig. Der Historiker forscht seit Jahren zu muslimischen Lebenswelten in Brandenburg-Preußen.

 

Noch heute zeugt das Inventar der Waffenkammern von Paris bis Hochosterwitz von jenen Tagen. In vielen Schlössern und Burgen sind, so wie in Mannheim, bei genauer Betrachtung Schnauzbärte und Krummsäbel im Stuck zu erkennen. Doch nicht nur in Stein und Stahl gehauene Prunk-und Prahlstücke fanden so ihren Weg zu uns.

 

Hunderte, vielleicht tausende Bewohner des Osmanischen Reiches, »Beutetürken« genannt, wurden in Folge der Kriege ins heutige Deutschland verschleppt. Auch viele Kinder waren darunter. Als spätere Diener oder Mätressen erinnerten sie ihre Herren so auch weiterhin an die glorreichen Schlachten in Mittel- und Osteuropa. Hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Bewunderung, fanden Fürsten wie Ludwig Wilhelm von Baden-Baden auch an der Kleidung und Musik ihrer »Kammertürken« Gefallen.

 

Osmanischer Esprit im Flecken Streusand

 

Die genaue Anzahl dieser meist muslimischen »Türken« – was den ethnischen Hintergrund anbetrifft, verallgemeinerte man schon damals gerne – ist nicht bekannt. Denn sobald aus Abdülksadir in Folge von Zwangstaufen erst einmal Wilhelm Christian geworden war, lässt sich die Spur der frühen muslimisch-deutschen Geschichte nur noch schwer verfolgen: Sie fallen nicht mehr auf. Zu gut »integriert«, würden einige Scharfmacher auf Twitter heute posten.

 

Trotzdem hat Stephan Theilig 340 Biografien osmanischer Kriegsgefangener aus jener Zeit dank akribischer Recherche zusammengetragen. Gesammelt hat er sie in seinem neuen Werk, das er im Herbst auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen wird. Die Schicksale der Beutetürken verlaufen dabei ganz unterschiedlich. Wie der fiktive Schneider in Özdemirs »Türkenlouis«-Stück, stiegen einige von ihnen als Kammertürken gesellschaftlich auf.

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Anschläge im Irak
Versuchslabor zur Aufstandsbekämpfung

Lassen Sie uns über den Krieg gegen den Terror reden. Nicht als politisches Konzept oder Schlachtruf liberaler Demokratien und ihrer meist autokratischen Verbündeten, nicht über den Sinn oder Unsinn des Konzeptes. Lassen Sie uns über die Praxis reden; über das Kämpfen gegen den Terrorismus an dem Ort, der so stark wie keine andere Metropolregion weltweit in den vergangenen Jahrzehnten unter ihm gelitten hat: Bagdad.

 

Wenn es um die Kriege der Gegenwart geht, dominiert – vermutlich zu Recht – der Diskurs über die grundsätzliche Ethik von Terror- und Aufstandsbekämpfung. Und schnell steht der Vorwurf im Raum, es sei zynisch und würde vom Leiden und Sterben ablenken wollen, wenn man sich zu sehr mit den Details des praktischen Anti-Terror-Kampfes und ihrer Verbesserung befasst. Besser kann dabei beides bedeuten: besser darin, die eigene Bevölkerung zu unterdrücken, wie auch besser darin, Menschen die Sicherheit und Stabilität zu ermöglichen, die die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft ist.

 

Dieser inhärente Konflikt sollte die Triebfeder sein, mehr über die Praxis der Aufstandsbekämpfung zu lernen. In erweiterter und modernisierter Form existiert die Aufstandsbekämpfung heute als »Friedenserzwingung« in der Charta der Vereinten Nationen. Und praktisch geht es um nichts weniger als die Frage, wie konkret Frieden geschaffen werden kann, wo heute noch Kugeln fliegen – kurzfristig durch ein Beenden der Kampfhandlungen, langfristig durch eine Stabilisierung der Gesellschaft und eine Lösung politischer und sozialer Konflikte.

 

Fünfzehn Jahre dauert der Krieg im Irak bereits – und für entfernte Betrachter verschwimmen die einzelnen Phasen des Krieges ineinander. Welche Jahre waren noch mal die schlimmsten? Welche Regionen die am härtesten umkämpften? Hat es zu irgendeinem Zeitpunkt danach ausgesehen, dass sich alles zum Guten wenden könnte?

Praktisch geht es um nichts weniger als die Frage, wie konkret Frieden geschaffen werden kann, wo heute noch Kugeln fliegen.

Für Theoretiker der Aufstandsbekämpfung, insbesondere einen kleinen Zirkel um den US-General und späteren CIA-Direktor David Petraeus, war der Irak-Krieg eine Stunde null: Sie waren als omnipotente Krieger gegen eine hilflos unterlegene irakische Armee losgezogen, um dann dem Treiben sunnitischer und schiitischer Milizen von Anfang an hilflos gegenüber zu stehen. Schiitische Kampfgruppen wie die Badr-Organisation unterwanderten die jungen irakischen Sicherheitsbehörden, und ein buntes Gemisch an ehemaligen Baath-Geheimdienstlern und Veteranen aus der internationalen Dschihadisten-Szene brachte genug ideologisches und organisatorisches Kapital auf, um zunächst die Unfähigkeit der Zentralverwaltung offenzulegen und dann am 22. F bruar 2006 mit einem Anschlag auf den Al-Askari-Schrein in Samarra das ethno-religiöse Gefüge des Irak völlig explodieren zu lassen.

 

General Petraeus suchte die Flucht nach vorne. Im Dezember 2006 veröffentlichte er ein vollständig überarbeitetes Feldhandbuch der US-Armee zur Aufstandsbekämpfung und stieg ab 2007 zum obersten Architekten der sogenannten »Surge«-Kampagne auf – eine Truppenaufstockung der US-Streitkräfte im Irak, die aber auch ein drastisches Umdenken in Bezug auf den Einsatz der stationierten Truppen und die Einbeziehung der irakischen Sicherheitskräfte beinhaltete. »Die Köpfe und Herzen gewinnen«, so die oft belächelte Kurzversion. Tatsächlich bedeutete die neue Strategie für viele Truppenteile eine deutlich höhere Belastung, mehr Gefechte und deutlich häufigere direkte Interaktion mit der Bevölkerung. Stadt für Stadt, Bezirk für Bezirk galt es, Aufrührer auf sunnitischer wie schiitischer Seite zurückzudrängen, um dann im zweiten Schritt öffentliche Dienstleistungen aller Art in die letzten Hinterhöfe zu bringen.

 

Dieses Vorgehen geht also mit einer völlig anderen Prämisse an Krieg heran – das Kämpfen ist nur der erste Schritt in einem politischen Prozess. Und militärische Gewalt wird lediglich zu einem einzelnen Werkzeug in einem viel breiteren Spektrum an Handlungsoptionen. »Nation Building« unter Extremstbedingungen. Der einfache Soldat wie auch der Dschihadist werden automatisch zu vielschichtigen politischen Akteuren und jeder Bürger zu einem Baustein in der Sicherheitsarchitektur des Landes.

 

Viele der konkreten Maßnahmen waren in dieser umfassenden strategischen Einbettung neu, die Erfahrungswerte gering und ein Wissenstransfer aus früheren Konflikten nur begrenzt möglich. Petraeus und sein Team basierten ihre politisch-militärische Strategie, die insbesondere im Militär selbst umstritten war, auf einem überschaubaren Sammelsurium an Quellen und Einflüssen, etwa David Galulas Lehren aus dem Algerienkrieg der Franzosen – oder die Verhandlungen zur Beendigung des Bosnienkrieges bis 1995.

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Mittelstand in Iran
Mittelstand in Iran

Ali Mohammad Reza, ein älterer Mann von großer Erfahrung und Lässigkeit, hört entspannt mit. Er trägt eine dicke goldene Uhr, ein grellrosa Hemd, helles Jackett und ein Lächeln, das Sicherheit ausstrahlt. Seine grauen Haare sind licht und kurz, sein Schnauzer ist dicht und schwarz. Er sitzt, lächelt, schweigt und jeder weiß, er wird am Ende die Entscheidung treffen in Halle 35 an Stand 24 auf der Messe »Irantex & Iran Mode« in Teheran.

 

Sein Sohn Mehrdad, hager, groß, unauffällige Kleidung, dieselben dicken Augenbrauen wie der Vater, verhandelt mit Abdul Mashadi von Texofin. Die beiden reden lebhaft, manchmal laut. Der Familie Mohammad Reza gehört die Firma Ziba nahe Teheran. Ziba heißt »schön«, übersetzt Mehrdad, und produziert fünf bis sechs Tonnen Stoff am Tag. Mehrdad holt ein Muster aus der Aktentasche. Weicher Stoff, weinrot, tiefblau. Muster mit Blumen und Paisleys. Da ließe sich schicke Konfektionsware draus machen.

 

Abdul Mashadi ist Besitzer von Texofin, einer Firma, die als Zwischenhändler auf dem iranischen Markt alles Mögliche verkauft: Ersatzteile, Material, Schmieröl. Texofin ist in Iran Agent von Interspare aus Reinbek bei Hamburg, einer Firma, die mit Ersatzteilen für Spannrahmen handelt und deren Monteure 400 Maschinen bei 286 Fabriken in Iran betreuen. Abdul Mashadi verkauft auch für mehrere chinesische Firmen Überdruckventile und Farbmischer. Aber eigentlich lebt er davon, Ersatzteile für diese Maschinen aus Deutschland zu organisieren. Sollte er eine große, neue Maschine verkaufen, wäre er wegen seiner Prozente reich. »Der Tag wird kommen«, sagt er. Also wartet er ab und bereitet sich vor. Tröstet sich mit dem Verkauf von Schmieröl, Textilfarben, Sicherungen, Ketten und anderen Kleinteilen.

Mittelstand in Iran
Herr Amini, der Fabrik-Manager der Firma Payabaf in Karadsch, vor einem Spannrahmen, der früher in Deutschland das »Finishing« von Ado-Gardinen, »die mit der Goldkante«, erledigte. Farhad Babaei / Laif

 

Mit Mehrdad Mohammad Reza redet er über die Kammern des Spannrahmens bei Ziba. Die Maschine ist von Krantz aus Deutschland. Sein Großvater Ghaffar Mohammad Reza habe sie 1960 gekauft, sagt Mehrdad. »Damals neu.« Das ist wichtig zu wissen, denn zehntausende deutsche Textilmaschinen wurden im Globalisierungsfieber irgendwo in der Welt abgebaut und in ein Land mit noch geringeren Löhnen geschickt. Manche sind vier oder fünfmal umgezogen auf der Suche nach den billigsten Arbeitern: Puerto Rico, Mexiko, Philippinen, Vietnam, Bangladesch. Textilmaschinen haben Lebensläufe wie Backpacker Reiseblogs.

 

In Iran stehen viele solcher Wandervögel. Sie kamen aus China, aus Indien, aus Pakistan, aus Georgien, aus Russland. Selbst während der Zeit der Sanktionen. »Aber die Krantz hat Großvater damals neu gekauft«, sagt Mehrdad. Die Mohammad Rezas könnten mit der Maschine weiterarbeiten, die deutsche Wertarbeit wird noch lange laufen. Oder die Familie kauft eine neue, die schneller produziert. Eine, die mit billigerem Gas statt teurem Benzin läuft. Die Abluft in den Trocknern nutzen kann, die breitere Stoffbahnen produziert. Weniger Ausschuss. Auf jeden Fall eine deutsche, sagt Mehrban. Sein Vater nickt.

 

Aber alles ist gerade in der Schwebe. Iran öffnet sich, vielleicht, wahrscheinlich, sicher. Irgendwas glimmt da am Horizont. Es riecht nach Zukunft im Land. Jetzt, wo die Sanktionen der USA und der EU gelockert wurden. Alles geht langsamer als gedacht voran. Noch ist nicht alles geklärt, aber es verändert sich was. Alle sitzen in den Startlöchern. Warten ab. Suchen den richtigen Zeitpunkt.

 

Familienbetriebe sind das Rückgrat der Wirtschaft. Sie haben das Know-how und sind flexibler als die großen Staatsbetriebe – es fehlt nur der Markt

 

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Ruhani, Trump und die die animalische Rhetorik des Konflikts
Kolumne Daniel Gerlach

Vor einigen Tagen warnte Irans Präsident Hassan Ruhani die USA und ihre Verbündeten im Nahen Osten, sie sollten nicht mit dem Schwanz des Löwen spielen. Frieden mit Iran sei die Mutter allen Friedens, Krieg die Mutter allen Krieges. Darauf fletschte in Washington ein Primat die Zähne und verging sich hernach an seiner Twitter-Tastatur.

 

Die Sache erinnert mich an einen Wortwechsel, den ich vor einigen Monaten als Gast einer Konferenz mit iranischen Diplomaten und Politik-Experten führte. Ich erlaubte mir dabei einige Anleihen in der Tierwelt, um Irans Verhalten im Nahen Osten zu beschreiben. So harmlos fing die Sache an.

 

Die Iraner können nichts gegen animalische Metaphern auszusetzen haben; sie sorgen, wie der jüngste Fall zeigt, damit selbst manchmal für Irritationen. Davon abgesehen habe ich eine Schwäche für Tiernamen im Persischen. Genauer gesagt sind sie das einzige, was ich mir immer merken kann. Manche gleichen den arabischen, andere sind besonders bildlich einprägsam.

 

Bei der Konferenz lobte ich also zunächst die Geschmeidigkeit und Eleganz der »Panther«, der iranischen Fußballnationalmannschaft, und beteuerte, dass viele Europäer diese Begeisterung teilen. Was ihre Politik im Nahen Osten anbelangt, so erinnere mich die Islamische Republik derzeit aber eher an einen Elefanten: Ein berechenbares Tier, das langfristig plant und ein noch längeres Gedächtnis habe. (Bis dahin folgten die Gesprächspartner mit zustimmendem Lächeln).

 

Was der Elefant dabei aber nicht beachtet hat, sind die vielen kleinen Wesen und Pflanzen, die er auf seinen Märschen durch den Busch zertrampelt. Aus Perspektive mancher Mittiere trägt er deshalb die Verantwortung für nichts weniger als ein ökologisches Desaster.

 

Wenn man dem Elefanten einmal vor dem jüngsten Gericht die guten und bösen Taten vorhält, wird er sich keiner Schuld bewusst sein. Ein vegetarischer Dickhäuter, der nur dann ungemütlich wird, wenn man ihn reizt, und ansonsten mit sich selbst beschäftigt ist.

 

Was der Elefant dabei aber nicht beachtet hat (Hier legte sich nun die ersten Stirnpartien in Falten), sind die vielen kleinen Wesen und Pflanzen, die er auf seinen Märschen durch den Busch zertrampelt. Aus Perspektive mancher Mittiere trägt er deshalb die Verantwortung für nichts weniger als ein ökologisches Desaster.

 

Es regte sich nun Widerspruch unter den iranischen Teilnehmern und ein Teheraner Politik-Professor griff die Sache auf: Iran sei keineswegs ein Elefant, sondern ein Tiger. Und der Westen wolle diesem edlen Tier die Krallen stutzen und ihn in einen Käfig sperren. Ich erwiderte, dass diese Gegenrede nicht sehr vertrauensbildend sei, schon gar nicht für Irans Nachbarn im Nahen Ostens. Denn während ein Elefant nur zuschlägt, wenn man sich ihm in den Weg stellt, reiße der Tiger hauptberuflich Beute – und greife dabei auch noch von hinten an.

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Parlamentswahlen in Pakistan, die Rolle Imran Khans und die Macht des Militärs
Wahlen in Pakistan

Kurz vor den dritten Parlaments- und Provinzwahlen seit Ende der Militärherrschaft 2008 deutet alles auf einen Zweikampf hin. Auf der einen Seite steht die regierende konservative Pakistan Muslim League (Nawaz) unter Führung von Shehbaz Sharif, auf deren anderen die aufstrebende Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI) des ehemaligen Cricketspielers und Oxfordabsolventen Imran Khan.

 

Khan, einstiger Lebemann und Liebling der feinen Londoner Gesellschaft, gibt sich bodenständig und sagt der Klüngelwirtschaft alteingesessener Eliten den Kampf an. Sein Sieg würde das einstweilige Ende der Herrschaft zweier einflussreicher Politdynastien bedeuten, die die Politik, von mehrmaliger Militärherrschaft unterbrochen, seit Anfang der 1970er Jahre bestimmt haben. Gleichzeitig schlagen Pakistans einflussreichste Intellektuelle und Medienvertreter Alarm. Sie warnen vor dem Ende der Demokratie und fürchten, das Militär könnte die Wahlen entscheidend beeinflussen.

 

Wie passen diese zwei Narrative zusammen?

 

Die erste Geschichte: Ein Familiendrama in zwei Akten

 

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Kunsthandwerk aus Syrien
Vom Glück, gemeinsam zu glänzen

Sie haben das Maximum herausgeholt aus dem einst langen, hohen Werkstattraum: Vorne das Ausstellungszimmer, bis unter die Decke vollgestellt mit alten und neuen Möbeln, dahinter zwei von einer neu gezogenen Zwischendecke getrennte Etagen. Darin drei Zimmer, in denen gezeichnet, gesägt, gehobelt, gehackt, gefeilt und gelackt wird. Es sind 42 Quadratmeter, die acht Syrern in Amman alles bedeuten. Trotzdem sagt Osama Al-Nimr über ihr Geschäft im südlichen Stadtteil Marj Al-Hamam: »Das hier ist nur eine Werkstatt.«

 

Der 38-Jährige ist einer der beiden Chefs einer Firma, die keine Firma sein darf. Er erklärt: »Als Syrer haben wir nicht das nötige Kapital, um in Jordanien ein eingetragenes Unternehmen zu gründen.« Aber Osama und sein Partner Muataz wollten zumindest weiter das tun, was sie lieben, als sie vor sechs Jahren von der einen in die andere Hauptstadt geflohen sind: die Herstellung kostbarer Möbel mit Perlmuttintarsien.

 

Damaskus ist berühmt für dieses Handwerk. Die Einrichtungsgegenstände und Accessoires mit den glänzenden Einlagen gehören zu den bekanntesten Kunstschätzen des Nahen Ostens. Besonders in den Gassen der Altstadt rund um die Umayyaden-Moschee wurde es feilgeboten: Funkelnd-Prächtiges, dem man sofort ansieht, wie viel Können in den kunstvoll eingearbeiteten Kalligrafien steckt.

 

Doch der Krieg könnte diese jahrhundertealte Tradition nun zerstören. Schätzungen von Fachleuten zufolge arbeiteten vor 2011 3.000 Kunsthandwerker in Damaskus. Nur ein Bruchteil von ihnen ist geblieben. Die anderen sind in den Kampf gezogen, gefallen oder geflohen. So waren bereits vor zwei Jahren laut eines Agenturberichts von einst 30 Perlmutt-Werkstätten in und um Damaskus nur noch drei oder vier übrig. Umso wichtiger, dass es Syrer gibt, die weitermachen – auch woanders.

 

Osama hatte zwar seinen Wehrdienst bei Kriegsausbruch bereits hinter sich, sah aber trotzdem keine Zukunft in seiner Heimat: »Wir wurden ständig überwacht. Außerdem kamen nun keine ausländischen Kunden mehr. Und die Syrer konnten sich unsere Ware wegen der Inflation nicht mehr leisten«, erzählt er, in der einen Hand eine Gebetskette, in der anderen eine brennende Zigarette.

 

Vom Glück, gemeinsam zu glänzen
Foto: Thore Schröder

 

Nachdem der Vater von drei Kindern – das jüngste wurde vor vier Jahren in Amman geboren – vergeblich versucht hatte, seiner Schwester in die Türkei zu folgen, entkam er mit seiner Familie über die Grenze in den Süden. »Wir Syrer haben doch damals alle gedacht, dass wir nach ein paar Monaten zurückkehren könnten. Aber ein halbes Jahr später habe ich mich dann entschieden, hierzubleiben.« In Jordanien leben schätzungsweise 1,3 Millionen Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland.

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Deutschland, Tunesien und sichere Herkunftsstaaten
Kolumne Daniel Gerlach

Im Streit um die Abschiebung von Sami K., dem sogenannten Leibwächter Osama Bin Ladens, steckt alles, worüber sich die deutsche Politik in diesem Sommer erregen könnte. Man hört viele Stimmen, die sagen, dass das mit dem Rechtsstaat schon seine Berechtigung habe. Aber dass man gefälligst dafür sorgen müsse, dass dieser Rechtsstaat sich nicht selbst vorführt. Nicht, wenn Gefahr im Verzug sein könnte. Und auch nicht, wenn es um Terroristen geht – oder sogenannte Gefährder, die Terroristen waren oder jederzeit welche werden könnten.

 

An den Tunesiern scheint die Affäre um ihren Landsmann Sami K. mehr oder weniger vorüberzugehen. In jedem Fall regen sie sich nicht so darüber auf, zumal zur gleichen Zeit ein ähnlicher Abschiebungsfall aus Italien anhängig ist. Die tunesischen Behörden haben ihren deutschen Kollegen ja einen Gefallen damit getan, dass sie ihre Zuständigkeit erklärten – mit dem Verweis darauf, dass man Sami K. nicht foltern werde, aber von ihm womöglich sachdienliche Hinweise für die Aufklärung dschihadistischer Straftaten erwarte.

 

Nun fiel der Fall Sami K. zusammen mit der seit Monaten schwelenden Diskussion um Marokko, Algerien und Tunesien, die »sichere Herkunftsstaaten« werden sollen. Einen entsprechenden Entwurf hat das Bundeskabinett gerade erst gebilligt. Viele im politischen Betrieb meinen, dass das nicht angehen könne: Man zahlt Millionen an Aufbau- und Entwicklungshilfe an Tunesien und dann kann nicht einmal dorthin abschieben? Und CDU-Mann Jens Spahn findet, dass Tunesien ohnehin ein sicheres Herkunftsland sein müsse, denn Europäer machten dort schließlich auch Urlaub.

 

Der Linken-Politiker Stefan Liebich dagegen äußerte neulich im Deutschlandfunk, dass Tunesien zwar insgesamt auf gutem Weg sei. Er berief sich aber auf Menschenrechtsorganisationen, die berichteten, »dass sich in den Gefängnissen eigentlich nichts geändert hat, dass Gewalt und Folter dort bis heute an der Tagesordnung sind«.

 

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International berichten in der Tat von dokumentierten Misshandlungen durch Polizei, Nationalgarde und Ermittlungsbehörden. Amnestys Tunesien-Experte Ilyas Saliba wies neulich in einem Interview mit dem Focus auch auf die zum Teil üblen hygienischen Zustände in Untersuchungsknästen hin.

 

Dennoch kam bei der deutschen politischen Debatte um Sami K. die Lage in Tunesien ein wenig zu kurz. Derzeit wird unter tunesischen Anwälten das Problem diskutiert, dass die Behörden Verdächtige nach ihrer Verhaftung 48 Stunden lang verhören können, ohne Beistand vorzulassen.

 

Das gilt aber auch in Tunesien im Einzelfall, und zwar dann, wenn Gefahr im Verzug ist oder ein Fall von öffentlicher Sicherheit vorliegt. Die Polizisten müssen sich dieses Verfahren von einem Ermittlungsrichter genehmigen lassen – dabei haben sie natürlich Spielraum, denn sie können die Dringlichkeit eines Falles natürlich entsprechend aufbauschen.

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Annäherung zwischen Äthiopien und Eritrea
Hier wird Frieden gemacht

Man stelle sich vor: Ein äthiopischer Ministerpräsident landet morgens in einer Maschine der Ethiopian Airlines auf dem Asmara International Airport. Dort wird er persönlich von Eritreas Präsidenten-Dino Isayas Afewerki mit einer herzlichen Umarmung begrüßt, Hunderttausende stehen anschließend der Delegation aus dem noch verfeindeten Bruderland Spalier, ehe die Staatsoberhäupter beim gemeinsamen Kaffee oder geteilten Kaktusfrüchten posieren und beim folgenden Dinner von »Begeisterung« und »Liebe« sprechen. Bevor der Äthiopier am nächsten Morgen zurück nach Addis Abeba fliegt, unterzeichnen die beiden Führer dann noch eine Friedenserklärung. 28 Jahre kalter Krieg, heiße Grenzkonflikte und eisiges Schweigen sind beendet.

 

»Zu viel Honigwein getankt?«, hätte man jemanden gefragt, der dieses Szenario noch zu Jahresbeginn dargelegt hätte. Und doch ist es am 8. Juli Realität geworden – dem 1.11.2010 im äthiopischen Kalender. Und so kommt einem der Ruf vieler Äthiopier nach dem Friedensnobelpreis für ihren Ministerpräsidenten gar nicht mehr so abwegig vor. Abiy Ahmed heißt der Mann, der seit Anfang April im Amt ist und sein Land – mit 100 Millionen immerhin das zweit bevölkerungsreichste Afrikas – gerade vom Kopf auf die Füße stellt.

 

Abiy hat seitdem politische Gefangene entlassen, der Opposition Teilhabe angeboten, den Ausnahmezustand beendet, unbeliebte Politiker, Generäle und Unternehmensführer nach Hause geschickt – und ist dabei von Nachbarland zu Nachbarland von einem Konfliktherd zum nächsten gereist und warb um Vertrauen, Geduld und Verständnis. Und jetzt Eritrea – wie in seiner Antrittsrede versprochen und durch Besuch aus Asmara am 26. Juni 2018 vorbereitet.

 

Zu viel, zu schnell, zu ambitioniert: Das meinten damals selbst einige seiner wohlwollenden Kritiker, während sich das Volk im grün-gelb-roten Fahnenmeer der Unterstützungskundgebungen Gehör verschafft. Abiys Gegner, die durch seine personellen Veränderungen bestimmt nicht weniger geworden sind, wirken derweil desorientiert und unorganisiert. Mit jedem bejubelten Reformcoup schwindet ihre Macht.

 

Das dilettantische Attentat auf Abiy auf dem von Hundertausenden bevölkerten Meskel-Platz im Juni hat Premier und Volk noch näher zusammengebracht. Der Reformprozess scheint unumkehrbar – selbst ohne den neue Premierminister. Denn das Team hinter ihm steht – und hat die Wende wahrscheinlich lange vorbereitet – und die Unterstützung der Straße wächst. Erst recht nachdem der Politiker nun auch die Herzen der Eritreer im Sturm erobert zu haben scheint.

 

Klug kalkulierter Wendepunkt

 

Dieser Schritt, selbst wenn aus dem Herzen geboren und durch die Emotionen der Massen getragen, wird möglicherweise einmal als klug kalkulierter Wendepunkt in der Geschichte Äthiopiens eingehen. Denn für den 72-jährigen Dauerrevolutionär Eritreas, Isayas Afewerki, ist die Aussöhnung die letzte Chance, als großer Führer abzutreten, als der er sich selbst gerne sieht. Das Schicksal und seine Sturheit haben dem einstigen Befreier so übel mitgespielt, dass man geneigt ist, ihn in einem Atemzug mit Nordkoreas Kim Jong-Il und Iraks Saddam Hussein zu nennen.

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Ein Jahr nach dem Anschlag auf den Schrein von Lal Shahbaz Qalandar in Pakistan
Hier darf ich’s sein

»Nara-e Haideri! Preiset den Löwen!«. Inmitten von Hunderten Pilgern ertönt plötzlich ein lauter Schrei. Die mit Spiegelmosaiken verzierte Decke der großen Halle verstärkt jeden Laut im Heiligtum des Schreins. Es sind nur ein paar Dutzend, die antworten. Doch sie reagieren auf die rituelle Aufforderung, Imam Ali beim Lobnamen zu nennen, mit einem unüberhörbaren »Ya Ali! – Oh Ali!«.

 

Fast scheint es so, als wäre nie etwas geschehen am Schrein von Lal Shahbaz Qalandar, dem Roten Sufi von Sehwan Sharif in Pakistan, der 1356 hier starb. Am 16. Februar 2017, es war gerade Freitagabend und die Pilger im rituellen Tanz vertieft, betrat ein Söldner des pakistanischen Ablegers des »Islamischen Staates« (IS) den Schrein und zündete sein tödliches Paket inmitten der Pilger. Über 90 Todesopfer und Hunderte Verletzte forderte der Anschlag.

 

Der Ort, der seit Jahrhunderten für seine Toleranz und seine friedvolle Atmosphäre bekannt war, wurde zur Todesfalle. »Ich war nur einige Minuten vom Schrein entfernt und bin nach der Explosion sofort rüber gelaufen«, erzählt mir Roshan Ali, ein Angestellter eines Gästehauses für Pilger in Sehwan Sharif. Bis zu eine Million Pilger besuchen die kleine Stadt im Süden Pakistans jedes Jahr. Der dünne Mann mit sauber getrimmtem Schnauzer wählt seine Worte sehr bewusst, schafft es aber doch nicht ganz, seinen Ärger zu verbergen. »Wir haben uns um die Verletzten gekümmert, als die Polizei kam. Wir dachten, dass die Einsatzkräfte uns helfen würden. Stattdessen nahmen sie den Toten die Brieftaschen und die Armbanduhren ab und plünderten die umliegenden Schmuckgeschäfte, die wegen der Panik leer standen.«

Hier darf ich’s sein
Das traditionelle Schlagen der Brust, eine Praxis, die bei den Schiiten meist auf den islamischen Trauermonat Muharram beschränkt ist, lässt sich am Schrein täglich beobachten.Foto: Philipp Breu

Es war eine traurige Premiere, die die Pilger unvermittelt traf: Denn im Schrein des schiitischen Sufi-Meisters war in 660 Jahren schlicht noch nie ein Anschlag verübt worden. Der Blutzoll war schlimm genug. Doch die Pilger und Einheimischen wollten dem IS nicht auch noch den psychologischen Sieg überlassen und sich dem Terror beugen.

 

Bereits am nächsten Tag setzten die rhythmischen Tänze und Gesänge wieder ein, dem sich die Anhänger des Sufismus hier auf der Suche nach der Einheit mit Gott hingeben. »Wir haben sofort weitergemacht – aus Trotz und um den Ruf von Sehwan als Ort der Freude und des Friedens aufrechtzuerhalten«, sagt Roshan Ali. Viele Pilger, denen ich bei meinem Besuch begegne, sehen es ähnlich. Ob ihnen ein Jahr nach dem Anschlag mulmig sei, diesen Ort zu besuchen, frage ich Mumtaz und Siddra. »Wieso sollten wir Angst haben? Dieser Ort war schon immer für seine Toleranz und Liebe bekannt, da lassen wir uns von einem einzelnen Vorfall nicht einschüchtern. Wir haben uns gedacht: Jetzt sollten wir erst recht kommen!«, entgegnen die beiden älteren Damen aus der Provinz Sindh, die sich eine Tagesreise lang zu ihrem ersten Besuch in Sehwan Sharif aufgemacht haben.

 

Jeden Abend ab Sonnenuntergang verfallen mehrere Hundert Menschen im Innenhof des Schreins den Trommelschlägen und werden Geiseln der Flöten. Das Klanggemälde steht der Akustik in einen Berliner Nachtclub in nichts nach: Beine werden mit voller Kraft geschwungen, Arme schlagen nach links und rechts, hoch und runter. Schnell schlägt den Männern der Schweiß auf die Stirn, auch die traditionellen pakistanischen Trachten sind allesamt durchgeschwitzt. Immer wieder rufen sie die von ihnen verehrten Imame mit lautem Geschrei an – »Ya Ali« tönt es von hinten, im zweiten Stock ertönt »Ya Hussain!« zurück.

Hier darf ich’s sein
Im konservativen Pakistan scheint eine derart sinnliche Annäherung an Gott für die meisten Muslime unvorstellbar und unvereinbar mit dem Islam.Foto: Philipp Breu

Nur ein paar Meter weiter, in Sichtweite der männlichen Tanzgruppe, stehen die Frauen und suchen auf ähnliche Weise Zugang zu Gott. Viele von ihnen werden nach der etwa zwei Stunden dauernden Zeremonie behaupten, dass die Geister von toten Verwandten oder Heiligen sie besessen hätten. Sie klopfen sich rhythmisch auf die Brust oder schwingen mit voller Kraft die langen Haare im Kreis. Die religiöse Ekstase erinnert zuweilen an ein Heavy-Metal-Konzert. Außerhalb von Sehwan Sharif scheint eine derart sinnliche Annäherung an Gott in einem konservativ geprägten Land wie Pakistan für die meisten Muslime unvorstellbar und unvereinbar mit dem Islam.

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Bauchtanz, Instagram und #DancingIsNotACrime
Kolumne Daniel Gerlach

Jeder, der schon einmal eine iranische Hochzeit erlebt hat, wird verstehen, was ich meine: Die Begeisterung auf der Tanzfläche ist groß, es geht euphorisch, aber nicht ausdauernd zur Sache. Um mitzumachen muss zwei pantomimische Gesten koordinieren können und diese unablässig wiederholen: Mit einer Hand über dem Kopf eine Glühbirne eindrehen und zugleich mit dem Hintern eine Schranktür zustoßen.

 

Maedeh Hojabri tanzt auf einem anderen Niveau. Die 17-Jährige leidenschaftliche Parcours-Läuferin aus Teheran begeisterte mit ihren geschmeidigen Tanzdarbietungen zigtausende Follower auf Instagram: Pop, Jazz, Contemporary Belly Dancing oder eine Rihanna-Adaption, die manche besser als das Original finden und von der man sicher nicht behaupten kann, dass sie vulgär daherkomme (Ich habe mir das von unabhängigen Fachleuten erklären lassen, da selbst ich zugegebenermaßen weder von ihren Performances noch von Instagram besonders viel verstehe).

 

Hojabri zeichnete diese Videos in ihrem heimischen Teheraner Wohnzimmer auf, trug keinen Hijab und war gelegentlich auch etwas bauchfrei zu sehen.

 

In der vergangenen Woche wurde sie verhaftet und wenig später in einer Sendung des ersten Programms des iranischen Staatsfernsehens IRIB vorgeführt – in einer Art Enthüllungsformat, bei der nicht klar war, ob man sie interviewte oder verhörte.

 

Ein Schauspiel mit Nachspiel

 

Das ihr zur Last gelegte vergehen bestand wohl darin, Bürgerinnen und Bürger der Islamischen Republik zu unsittlichem Verhalten anzustacheln. Hätte Hojabri für ihre Tanz-Performances und Video-Aufzeichnungen ein Unterstützerteam gehabt, was man behördlicherseits wohl mutmaßte, wäre dieses nach Lesart der iranischen Justiz sogar eine kriminelle Bande gewesen. Und ihr Handeln ein organisierter Angriff auf die sittlichen Fundamente der Islamischen Republik.

 

Hojabri musste erklären, dass all dies nicht der Fall gewesen sei. Sie sei nicht gecoacht worden und habe völlig unbedarft und ohne heimtückische Intention gehandelt. Ihr Befrager wollte peinlich genau wissen, ob und wie viel Geld sie von Instagram aus dem Erlös vorgeschalteter Werbeclips erhalten habe.

 

Neben Hojabri präsentierte der Sender auch zwei andere Fälle: Elnaz Qassemi, die ebenfalls mehrere Hunderttausend Follower auf Instagram hat und nur zu Besuch aus Kanada nach Teheran gekommen war und dort verhaftet wurde, sowie eine Tänzerin mit dem Künstlernamen Shadab. Qassemi weinte vor der Kamera und wurde dargestellt wie eine überführte ausländische Spionin. Zwischendurch präsentierte IRIB eine Psychiaterin, die sich über die krankhafte Selbstdarstellung junger Menschen in sozialen Medien ausließ.

 

Für Hojabri und Qassemi, die Anfang dieser Woche aus der Haft entlassen wurden, mag die Sache glimpflich ausgegangen sein, für das iranische Fernsehen und das Ansehen des Regimes könnte sie allerdings ein Nachspiel haben.

 

Die Angst vor der Social-Media-Reichweite junger Frauen geht wieder einmal um in der Islamischen Republik

 

Als die Verhaftung bekannt wurde, hagelte es Solidaritätsvideos – unter verschiedenen Hashtags und Slogans wie »raqsidan djorm nist – Tanzen ist kein Verbrechen«. Tausende Follower Hojrabis in Iran und im Ausland, aber auch solche, die erst durch den Polizeieinsatz von ihr erfahren hatten, luden nun ihre Tanz-Videos in den sozialen Medien hoch. Einige davon sind haarsträubend lustig, andere folgen dem bewährten Hintern-Glühbirne-Prinzip.

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Leoluca Orlando, Sigmar Gabriel, Friedrich II., Migration
Kolumne Daniel Gerlach

Wenn er hin und wieder von oben herabschaut auf sein altes Europa, und nicht, wie vom Papst seinerzeit angeordnet, als Ketzer in der Hölle schmort, wird Kaiser Friedrich II. sicher wenig überrascht sein: Die sturen Städte Norditaliens haben sich mal wieder zu einem den Kontinent in Atem haltenden Problem entwickelt. Dergestalt, dass man ihnen ein Expeditionsheer schicken und die Stadtmauern rasieren will. Die deutschen Fürsten machen noch immer Stress und fühlen sich nicht ernst genommen. Das Haus Wittelsbach aus Bayern wankt zwischen Königsmord und Kapitulation. An Euphrat haben die Mongolen kürzlich ganze Landstriche verwüstet, um Jerusalem wird gezankt. Halb Europa glaubt, dass das Ende der Welt bevorsteht, und beim Einkaufen in Palermo kommt man mit Arabisch leidlich gut zurecht.

 

Der große Staufer Friedrich aus Sizilien und Apulien (*1194 - +1250) rührte die deutsche Nationalromantik an. Und am Kyffhäuser, jenem deutschen Gebirge, das heute auch die AfD-Granden für ihre identitären Rituale nutzen, verehrte man ihn dereinst als Schlafenden Kaiser, der irgendwann als Erlöser wiederkehren wird. In Palermo aber, wo Friedrich begraben liegt, gedenkt man seiner als »Staunen der Welt« – eines lebensfrohen, neugierigen Herrschers, der die Traditionen von Abendland und Morgenland vereint. (De facto beendete Friedrich die Herrschaft der Araber auf Sizilien und ließ dabei – trotz aller Begeisterung für Multikulti – so manchen über die Klinge springen).

 

Machen wir uns also nichts vor: Für das Bestehen seiner C1-Deutschprüfung zur Einbürgerung hätte Friedrich wohl Beziehungen spielen lassen müssen. Sonst wäre er krachend durchgefallen. Von Leoluca Orlando kann man das nicht behaupten. Am vergangenen Montag, bei seiner Dankesrede zur Verleihung des »Kaiser Friedrich von Hohenstaufen Preises für gelebte Freundschaft der Völker und Integration der Nationen« sprach Orlando jedenfalls Deutsch.

 

Die Tatsache, dass die Deutsch-Arabische Gesellschaft diesen recht pompös klingenden Preis zum ersten Mal seit 1986 wieder vergibt (der letzte Preisträger hieß Bruno Kreisky) mag darauf hindeuten, dass man den schlafenden Kaiser entweder vergessen hatte, oder aber bei der Auswahl seiner Laureaten an sehr langfristig wirkende, die Epochen prägende Figuren denkt.

 

Orlando jedenfalls ist eine Stimme, die die windschiefe Debatte um pragmatische Lösungen in der Migrations- und Flüchtlingspolitik wieder ein wenig geradeziehen könnte – indem sie neu verortet, was wirklich radikale Positionen sind und wo sich folglich die Mitte wiederfinden muss.

 

Wie Kaiser Friedrich, aber ziemlich aufgeweckt

 

Wussten Sie, dass es in Palermo keine Migranten gibt? Zero. Das zumindest sagt Orlando, der es ja wissen muss. Denn für ihn ist jeder, der in Palermo lebt, Palermitaner. Orlando antwortet so allen, die ihn fragen und damit insinuieren wollen, es seien in jedem Fall zu viele.

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