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Interview zur Regierungskrise in Tunesien
Interview zur Regierungskrise in Tunesien

zenith: Warum hat Kais Saied den Regierungschef Hichem Mechichi am 25. Juli 2021 des Amtes zu enthoben und das Parlament aufgelöst?

Amen Allah Derouiche: Der Präsident hat die Nationalversammlung nicht aufgelöst, sondern für 30 Tage eingefroren, sie kann also 30 Tage lang ihre Aufgaben nicht wahrnehmen. Sollte es die Situation zulassen, dass das Parlament wieder seinen Aufgaben nachkommen kann, können wir nicht von einer Auflösung sprechen. Eigentlich wäre es das alleinige Vorrecht der Nationalversammlung, über die Absetzung Mechichis abzustimmen und einen neuen Premier zu wählen. Aber in Anbetracht der Sicherheits-, Gesundheits- und Wirtschaftslage des Landes entschied sich Präsident Kais Saied für eine flexible Lesart des Verfassungsartikels 80, der ihm dieses Vorrecht für einen begrenzten Zeitraum von 30 Tagen einräumt. Viele Tunesierinnen und Tunesier unterstützen zwar diesen Schritt. Aber natürlich ruft diese Lesart dieses Passus der Verfassung von 2014 Kritik seitens der Islamisten der Ennahda-Partei hervor, sie sind schließlich die Leidtragenden. Genauer gesagt, die Koalition, die Premierminister Mechichi gestützt hat und die nun abgesetzt wird.

 

Sami Tahri, der stellvertretende Generalsekretär des Gewerkschaftsbunds UGTT, hielt in einem Radio-Interview Saieds Vorgehen für rechtlich legitim, Ennahda-Präsident Rachid Ghannouchi spricht dagegen von einem Staatsstreich. Wie beurteilen Sie das Vorgehen des Präsidenten aus rechtlicher Sicht?

Damit es sich um einen Staatsstreich handelt, müsste der Präsident den größten Teil der legislativen, exekutiven und judikativen Macht übernehmen. Vorläufig hat er lediglich die Arbeit des Parlaments ausgesetzt und den Premierminister abgesetzt. Ich glaube nicht, dass er sämtliche Befugnisse an sich reißen wird. Kais Saied gehört keiner Partei oder Ideologie an. Er war sein ganzes Leben lang Beamter, arbeitete als Jura-Professor an der juristischen Fakultät der Universität Tunis. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit seinen 67 Jahren nun eine Karriere als Diktator anstrebt.

 

Was spricht dagegen?

Er hat niemanden, dem er diese Diktatur vermachen könnte. Ich glaube, die Islamisten treibt auch eine ganz andere Angst um.

 

Welche?

Dass ihr Zugang zu Macht und Pfründen nach acht Jahren versiegt. Ein Beispiel: Die Ennahda setzt sich für die Auszahlung von Entschädigungen in Höhe von 3.000 Dinar (umgerechnet 900 Euro) für die Opfer der Diktatur in Tunesien ein. Zwischen 1957 und 2011 kommt da eine Menge zusammen, aber die Islamisten fordern den Großteil dieser Entschädigungen für sich ein. Das ist einer der Wege, um sich die Mittel zu verschaffen, um an der Macht zu bleiben. Erst Mitte Juli setzten die islamistischen Fraktionen Premier Mechichi ein Ultimatum, die Auszahlung der Entschädigungen zu veranlassen.

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Islamwissenschaftler Stefan Heidemann im Interview
Islamwissenschaftler Stefan Heidemann im Interview

zenith: Als Sie vor knapp sieben Jahren ein aus Afghanistan stammendes Marmorpaneel begutachten sollten, beschlich Sie ein mulmiges Gefühl. Was ging Ihnen durch den Kopf?

Stefan Heidemann: Mir wurde klar, dass ein Exponat von so hoher Qualität kein Einzelstück, sondern Teil einer größeren Palastausstattung sein musste. Kurz darauf sprach ich in New York mit meiner Kollegin Martina Rugiadi, die ihre Dissertation über ghaznawidische Marmorpaneele geschrieben hatte. Sie identifizierte das Paneel als Teil einer italienischen Grabung aus den 1960er Jahren. In den 1970er Jahren wurde es an das Museum in Ghazni übergeben. Seit 1979, nach dem sowjetischen Einmarsch nach Afghanistan, gab es keine Informationen mehr über dieses Stück.

 

Sie hatten also Raubkunst vor sich, ein brisanter Verdacht.

Mir wurde das Stück von Nora von Achenbach gezeigt, es sollte das neue Prunkstück der neu konzipierten Dauerausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe werden und war kurz zuvor von einem Auktionator aus Paris angekauft worden. Ein tolles Beispiel für die Schönheit und die Ausdrucksfähigkeit der islamischen Kunst. An ihm ließ sich die Schönheit der Arabesken zeigen und die Blüte der islamischen Kultur bestens repräsentieren. Frau von Achenbach war nicht klar gewesen, dass ausgerechnet dieses Stück, das direkt am Eingang einer großartigen neuen und von ihr kuratierten Ausstellung stehen sollte, nach allem, was wir wissen, gestohlen war. Immerhin plante das Museum noch im September 2014 eine Ausstellung über Raubkunst. Ein Gespräch über diese geraubte Kunst mit der Museumsdirektorin hatte ich nur einen Tag, nachdem sie die Ausstellung über Raubkunst eröffnet hatte, die nicht nur jüdische Raubkunst in Museen, sondern auch solche aus dem Vorderen Orient anprangerte.

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Diplomatische Krise zwischen Marokko und Deutschland
Diplomatische Krise zwischen Marokko und Deutschland

Das Schweigen reicht bis in die zenith-Redaktion: Die meisten Interview-Anfragen für diesen Text blieben unbeantwortet. Regierungskreise, Thinktanks, marokkanische Journalisten, Stiftungsmitglieder und Reiseanbieter können oder dürfen sich zur aktuellen Situation nicht äußern. Involvierte Akteure wirken spürbar angespannt und wollen keinen Fehler machen. In der öffentlichen Wahrnehmung, zumindest in Deutschland, schlägt das diplomatische Zerwürfnis zwischen Rabat und Berlin dagegen kaum Wellen.

 

Im Mai zog Marokko Botschafterin Zohour Alaoui aus Deutschland ab. Schon seit März ist eine Kontaktsperre in Kraft, die die deutsche Botschaft in Rabat und deutsche Institutionen in Marokko betrifft. Zwar stelle die diplomatische Vertretung der Bundesrepublik weiter Reisepässe aus, Aufenthaltsverlängerungen und Unterstützung bei Rechtsangelegenheiten könne man aber derzeit nicht gewährleisten, heißt es auf einer Info-Seite der Botschaft.

 

Marokkos Außenminister Nasser Bourita hatte die Kontaktsperre angeordnet, das bezeugt ein Anfang März geleaktes Schreiben. Bemerkenswert: Das Kommuniqué mit den Anweisungen an marokkanische Dienststellen ist an seinen Vorgesetzten, Premierminister Saadeddine el-Othmani, adressiert. Das passt ins Bild: Seit seinem Amtsantritt 2017 verfolgt der Außenminister Marokkos Westsahara-Doktrin viel aktiver als seine Vorgänger.

 

Die Biden-Administration zeigt wenig Interesse, Trumps Westsahara-Entscheidung zu revidieren

 

Offiziell nannte Rabat am 6. Mai drei Gründe für die Funkstille. Erstens sei man über Deutschlands Haltung in Bezug auf die Westsahara enttäuscht. Zweitens beschuldigt man Deutschland, einem vermeintlichen Terroristen zu helfen, und drittens beklagt die Erklärung, dass Berlin Marokko bei der Gestaltung der Libyen-Politik außen vor lasse.

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Theaterszene in Pakistan
Theaterszene in Pakistan

Fatima hat dem Türsteher Fotos ihrer Eltern in die Hand gedrückt: »Lass sie auf keinen Fall herein.« An diesem Samstag Anfang Februar 2021 ist ihr großer Auftritt, sie tanzt die Hauptrolle in »Mirza Sahiban«, einer tragischen Liebesgeschichte. Die 25-Jährige hat das Stück selbst choreografiert und führt Regie. Diesen Teil hat sie auch ihren Eltern erzählt, doch dass sie selbst tanzt, davon dürfen sie niemals erfahren.

 

Fatima ist eine von 30 jungen Pakistanerinnen und Pakistanern, die an diesem Abend im Kunstzentrum »The Colony« in Lahore, der zweitgrößten Stadt des Landes, auf der Bühne stehen. Das Zentrum bietet Kreativen einen Raum, der bislang nicht existierte. Der 27-jährige Saad Sheikh gründete »The Colony« im Sommer 2019, musste später fast ein Jahr schließen wegen eines Gebäudewechsels und Covid-19. Erst seit Dezember letzten Jahres finden im Zentrum wieder Theater, Tanz, Gesang und Ausstellungen statt.

 

Die Auftritte im Kunstzentrum sind nicht für die Augen der breiten Öffentlichkeit gedacht. In »The Colony«, einem Gebäude im Industriestil, verlieren die vielen ungeschriebenen Regeln der Gesellschaft ihre Kraft. Dort gilt: Sprich aus, was du denkst; zieh an, wonach dir ist; bewege dich, wie du möchtest.

 

Theaterszene in Pakistan
Kurz vor dem Auftritt am Abend versammelt sich die Gruppe zum gemeinsamen Gebet im Probenraum.Foto: Philipp Breu

 

Müssten sie höflich sein, würden viele Menschen in Pakistan das Stück von Fatima und ihrer Gruppe als »unmoralisch« bezeichnen – und dabei denken: Huren. Fatima weiß das genau, ihre Tänzerinnen und Tänzer auch, die 150 jungen Menschen im Publikum ebenso. Doch sie alle sind Teil einer neuen Generation, die in den Großstädten des Landes heranwächst, die Aufbruch will statt Konservatismus.

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Interview zu Bildung und Religion in der Türkei
Bildungsforscherin Ceren Lord im Interview

zenith: Sie widersprechen der weitverbreiteten Annahme, dass die AKP 2002 den politischen Islam an die Macht brachte und so mit der vorherigen säkularen Politik brach. Warum?

Ceren Lord: Das ist eine Sichtweise auf die türkische Religionspolitik, derzufolge islamistische Bewegungen eine Reaktion auf Säkularisierung, Modernisierung oder Wirtschaftskrisen sein müssen. Sie werden immer als eine Art Graswurzelphänomen gesehen. Diese Sichtweise basiert zum Teil auf der Annahme, dass islamistische Parteien notwendigerweise das authentische Sprachrohr muslimischer Gesellschaften seien. So als ob Christen in Großbritannien oder Deutschland notwendigerweise für christliche Parteien stimmen würden.

 

Und wie sieht es wirklich aus?

Die Türkei ist ein vorgeblich säkularer Staat mit verschiedenen konkurrierenden Machtzentren. Dazu gehören die Ulama, die islamischen Geistlichen, die in den meisten mehrheitlich muslimischen Kontexten tatsächlich ein Teil des Staates sind. Die gängige Annahme geht von einer einseitigen Beziehung aus, in der der säkulare Staat die Religion kontrolliert. Dabei verfügen die islamischen Institutionen über eine Handlungsmacht, um eigene Ziele zu verfolgen und ihre Reichweite auszudehnen. Die Islamisierung der türkischen Gesellschaft wird aktiv aus dem Inneren des Staates heraus betrieben. Und das nicht erst, seit die AKP regiert, sondern seit der Staatsgründung.

 

Welche Rolle fällt dem »Präsidium für religiöse Angelegenheiten«, besser bekannt als Diyanet, bei der Institutionalisierung des sunnitischen Islams in der Türkei zu?

Mit den Zentralisierungsreformen im Osmanischen Reich wurde die Macht der Ulama beschnitten. Als dann 1923 der türkische Nationalstaat gegründet wurde, verloren die Kleriker weitere Zuständigkeiten, beispielsweise die Kontrolle über die Bildungspolitik. Basierend auf der Idee, staatliche Kontrolle über religiöse Aktivitäten auszuüben, wurde 1924 Diyanet eingerichtet. Auch wenn der Staat islamistische Netzwerke verbot, hat letztlich Diyanet die Moscheen und Imame verwaltet, wodurch die Behörde von Anfang an eine Monopolstellung hatte.

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Tunesische Politikerin Abir Moussi
Tunesische Politikerin Abir Moussi

Man muss nicht selbst alt sein, um von der guten alten Zeit zu schwärmen. Abir Moussi war gerade einmal zwölf Jahre alt, als die Ära des Gründervaters der tunesischen Republik, Habib Bourguiba, 1987 endete. Und doch vergeht kein Tag, an dem die Partei- und Fraktionsvorsitzende der »Parti Destourien Libre« (PDL) nicht mit bedeutungsschwerem Blick sein Porträt in die Kameras hält, keine Rede, in der sie nicht zum Ausdruck bringt, wie prägend für sie und das Land der Zaim gewesen sei.

 

Bourguiba und sein Nachfolger, Langzeitdespot Zine El-Abidine Ben Ali, repräsentieren für Abir Moussi ein Tunesien der Stabilität, in dem Ordnung, Disziplin und Verlässlichkeit herrschten. Und laut Meinungsumfragen ist sie damit nicht allein. Immer mehr Tunesierinnen und Tunesier teilen ihren verklärten Blick auf die Vergangenheit. Abir Moussi ist zur Symbolfigur der Diktaturnostalgie geworden und hat berechtigte Hoffnungen, eines Tages zur Präsidentin Tunesiens gewählt zu werden.

 

Geboren wurde Abir Moussi in der Kleinstadt Jemmal in der wohlhabenden Küstenregion im Osten des Landes, dem Kernland des republikanischen Bourguibismus. Als Tochter eines politisch engagierten Sicherheitsbeamten wuchs sie auf im Milieu jenes konservativen Modernismus, der bis heute weite Teile des bürgerlichen Tunesiens prägt.

 

Früh verinnerlichte sie die Prinzipien des von Bourguiba geprägten »destourianischen« Tunesiens und lernte, mit dessen politischen und gesellschaftlichen Widersprüchen umzugehen: aufgeklärt, aber unterdrückt; emanzipiert, aber unfrei; kritisch im Denken, aber folgsam im Handeln. Frauen, die sich im Namen der Verteidigung der Werte der Republik für den Kampf gegen den als Dauerbedrohung heraufbeschworenen Islamismus einsetzten, hatten im Tunesien Ben Alis erstaunliche Entfaltungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. Für Abir Moussi war früh klar, dass dieser Kampf ihre Mission werden sollte.

 

Der Weg in die Politik war für die begabte Juristin folgerichtig. Auf die Tätigkeiten als stellvertretende Bürgermeisterin von Ariana, der Nachbargemeinde der Hauptstadt Tunis, und als Vorsitzende des Ausschusses für kommunale Rechtsangelegenheiten folgte ein immer stärkeres Engagement in der Ben-Ali-Partei »Rassemblement Constitutionnel Démocratique« (RCD). Moussi suchte die Nähe des von ihr bis heute verehrten Ben Ali, fand sein Ohr und wurde im Jahr der Revolution zur stellvertretenden Generalsekretärin ernannt.

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Afghanistan nach dem Abzug
Afghanistan nach dem Abzug

Fünf Tage früher als ursprünglich geplant, am 29. Juni 2021, war es soweit: Die Bundeswehr beendete ihr bisher längstes Auslands-Engagement, nachdem etwa 160.000 deutsche Soldaten über fast 20 Jahre hinweg ihren Einsatz in Afghanistan geleistet hatten. War es das wert? Diese Frage bewegt in diesen Tagen viele in Deutschland. Die Afghaninnen und Afghanen stellen sich gänzlich andere Fragen.

 

Viele fühlen sich alleine gelassen, manche gar verraten von einem Staat, der es zwar schafft, einen 27 Tonnen schweren Gedenkstein und etwa 22.500 Liter unverbrauchter Alkoholika aus »Camp Marmal« zurück nach Deutschland zu bringen, sich aber bei der Bearbeitung von Visa-Anträgen ehemaliger afghanischer Übersetzer und externer Mitarbeiter der Bundeswehr Monate oder gar Jahre Zeit lässt.

 

Etwa 800 sogenannte Ortskräfte und 2.500 ihrer Familienangehörigen wurden im Laufe von fast 20 Jahren Einsatz nach Deutschland geholt. Doch etwa 350 weitere warten bis heute auf eine Ausreise in die Bundesrepublik. Fast alle von ihnen haben in der Vergangenheit Drohungen erhalten. Für die Taliban ist jede Kooperation mit und Arbeit für westliche Armeen ein Verrat am eigenen Land. Dementsprechend besteht für alle ehemaligen Mitarbeiter und deren Familien Gefahr für Leib und Leben.

 

Einer von ihnen ist Ahmad Seyar Hakimi. »Da ich in Mazar-i Sharif lebte und wegen der Drohungen nach Kabul umgezogen bin, sagte mir die deutsche Botschaft 2015, dass ich heute nicht mehr gefährdet sei«, berichtet der 34-Jährige, der als Übersetzer für das »German Police Project Team« (GPPT), im Gespräch mit zenith. »Als könnten mich die Taliban nicht genauso gut hier erledigen.«

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Türkei versus PKK im Nordirak
Türkei versus PKK im Nordirak

Dawood George lebt im Nahla-Tal und hat einen kalten Winter hinter sich. Seine Heimat liegt in der Autonomen Region Kurdistan (KRG) im Nordirak. Der Zugang zu den Wäldern, wo er bislang Feuerholz schlug, werde ihm heute von der »Arbeiterpartei Kurdistans« (PKK) verwehrt. Diese Waldareale sind das neue Rückzugsgebiet der PKK, nachdem türkische Soldaten und Drohnenangriffe die kurdischen Guerillas aus den Qandil-Bergen verdrängt haben.

 

Nun errichten die Kurden Checkpoints und etablieren ein eigenes Verwaltungssystem, unabhängig von den Strukturen der kurdischen Autonomieverwaltung – und rufen so die Streitkräfte der regierenden Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) auf den Plan: Die Peschmerga stehen nun PKK-Einheiten unmittelbar gegenüber. Somit wird die KDP unfreiwillig zum Verbündeten der Türkei gegen die PKK. Diese wirft der KDP vor, mit der Türkei zu kooperieren. Die dementiert, ist wirtschaftlich aber abhängig von Ankara.

 

Die PKK ist permanent im Visier der türkischen Armee, egal in welche Regionen sie gedrängt wird. Dass nun auch Menschen wie Dawood George weichen müssen, liegt einerseits an den Kämpfen, andererseits aber auch daran, dass die PKK ganze Landstriche als militärische Sperrgebiete deklariert hat – etwa dort, wo George sein Holz schlägt, seine Nachbarn Felder bestellen und Hirten ihre Tiere weiden.

 

Hunderte Dörfer in den Grenzgebieten zur Türkei mussten deshalb bereits evakuiert werden. Die Zahl der Binnenflüchtlinge steigt mit jedem Angriff und jeder Militäroperation der türkischen Streitkräfte auf dem Territorium der kurdischen Autonomieverwaltung im Irak. Das türkische Militär hat seit 2020 vier groß angelegte Operationen durchgeführt und betreibt auch auf irakischem Boden mehrere Militärposten.

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Libysche Außenministerin Najla Al-Mangoush
Libysche Außenministerin Najla Al-Mangoush

Auf echte politische Führung haben die Menschen in Libyen lange gewartet. Eine Regierung, in der Frauen eine relevante Rolle spielen, war ebenso dringend nötig. Mit Najla Al-Mangoush als Außenministerin der vom Parlament am 10. März 2021 gewählten libyschen Einheitsregierung sind deshalb gleich zwei wichtige Meilensteine erreicht. Erstens hat Libyen seit über fünf Jahren zum ersten Mal wieder eine Regierung, die das Potenzial hat, das Land zusammenzubringen, und zweitens sind fünf Ministerinnen Teil der neuen Administration.

 

Das Amt der Außenministerin ist eine Schlüsselposition im Kabinett des designierten Premiers Abdul Hamid Dbeibeh. Auch deshalb wird die 49-Jährige vermutlich noch mehr Druck spüren als ihre männlichen Kollegen. Druck, die ökonomische Lage in Libyen zu verbessern, Akzeptanz für die Einheitsregierung im In- und Ausland zu erzeugen, aber am wichtigsten, das Land auf die Wahlen im Dezember vorzubereiten.

 

Auch von internationaler Seite sind die Erwartungen groß – das Auswärtige Amt in Berlin betonte in seiner Glückwunschnote explizit, dass man sich auf die Zusammenarbeit mit der neuen libyschen Außenministerin freue.

 

Auch unter libyschen Politikerinnen, Aktivistinnen und Analystinnen herrscht Freude. »Diese Wahl öffnet Möglichkeiten für andere libysche Frauen, in ähnliche Positionen zu gelangen«, glaubt etwa Lamis Ben Saad, Frauenrechtsaktivistin und Mitglied der UN-Teams für die Friedensverhandlungen in Libyen. »Die Ministerinnen sind Vorbilder. Wir haben lange genug dafür gekämpft«, betont Hala Bugaighis, Anwältin und Gründerin des auf Frauenrechte spezialisierten Thinktanks Jusoor.

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Interview zu EU-Türkei-Beziehungen
Politologe Galip Dalay im Interview zu Türkei und EU

zenith: Herr Dalay, welcher diplomatische Durchbruch ist denn nun eher zu erwarten: der EU-Beitritt der Türkei oder ein neuer Atomdeal mit Iran?

Galip Dalay: Offensichtlich ist ein neues Atomabkommen mit Iran viel wahrscheinlicher, der EU-Beitritt ist deutlich komplizierter.

 

Woran liegt das?

Letztlich hat der Beitrittsprozess eine transformative Agenda und braucht die Zustimmung aller EU-Mitgliedsstaaten. Die Zahl der Beteiligten und der Umfang der Aufgabe ist größer – und deshalb schwindet die Beitrittsperspektive angesichts des Zustands der Beziehungen zwischen beiden Seiten und der jeweiligen innenpolitischen Lage. Selbst als die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU ihre positivste Phase erlebten, etwa von 2004 bis 2008, war die Aussicht auf eine Mitgliedschaft bereits vom Tisch.

 

Was lief schief?

In diesem Zeitraum wurde der von den UN unterstützte Annan-Plan zur Lösung der Zypernfrage einem Referendum unterzogen – eine überwältigende Mehrheit der türkischen Zyprioten stimmte dafür, während die meisten griechischen Zyprioten dagegenstimmten. Und trotz der ungelösten Zypernfrage wurde Zypern Mitglied der EU. Das ist die strukturelle Grundlage der Krise zwischen der Türkei und der EU. Denn Ankara erkennt weder die Republik Zypern an noch den Anspruch der griechischen Zyprioten, ganz Zypern zu vertreten.

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Irakischer Comedian Ali Fadel im Interview
Irakischer Comedian Ali Fadel im Interview

zenith: Mehr als elf Millionen Abonnenten hat Ihr Comedy-Kanal auf YouTube. Was macht »Wilayat Al-Batikh« so erfolgreich?

Ali Fadel: Für uns zählen drei Kriterien für den Erfolg der Show. Das erste Kriterium ist die Anzahl der Zuschauer: Wenn die Sendung weiterhin so viele Menschen anzieht, dann ist sie erfolgreich. Das zweite Kriterium ist der Inhalt selbst – und hier stehen wir vor einem Problem.

 

Ein Problem?

Wir arbeiten über einen langen Zeitraum mit den gleichen Werkzeugen und den selben Schauspielern, deshalb besteht die Gefahr, dass wir uns wiederholen. Das dritte Kriterium ist der technische Standard, also die Bild-, Ausgabe- und Schnittqualität. Dieser Bereich entwickelt sich ständig weiter, wir müssen immer auf dem neuesten Stand sein. Das gelingt uns manchmal, aber nicht immer.

 

Sie erhielten Morddrohungen, nachdem Sie Folgen Ihrer Sendung ins Internet gestellt hatten, die sich über Politiker oder Stammesführer lustig machten. Denken Sie manchmal daran, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen?

Ich erhielt Drohungen von Anhängern einer politischen Partei. Sie drohten damit, den Sitz der Produktionsfirma zu stürmen. Ich hatte damals so viel Angst, dass ich im Auto schlief, um mich und meine Familie zu schützen. Diese Drohungen ließen mit der Zeit nach, nachdem die Zuschauer verstanden hatten, dass wir keiner Partei angehören und keine Agenda gegen sie verfolgen. Ich habe auch schon mal eine Drohung erhalten, weil ein Sketch als Beleidigung eines bestimmten Stammes angesehen wurde. Mein Haus wurde von einem bewaffneten Angehörigen dieses Stammes ins Visier genommen, meine Familie war verängstigt und mein Sohn ist an diesem Tag nur knapp dem Tod entkommen.

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Postorientalist Tim Mackintosh-Smith
Postorientalist Tim Mackintosh-Smith

Das Bild ist eindrücklich: Im 14. Jahrhundert zieht sich der große arabische Gelehrte Ibn Khaldun in Algerien aufs Land zurück. Im stillen Kämmerlein, in einem von hohen Mauern umfriedeten Dorf, beginnt er seine Gedanken zu sammeln, die später in seine »Muqaddima« – sein sozialhistorisches Monumentalwerk – einfließen.

 

Er grübelt über den Gang der Welt und entwirft eine Theorie über den Aufstieg und Niedergang von Dynastien: Ibn Khaldun zufolge führt ʿasabiyya – ein arabisches Wort für »Zusammengehörigkeit« oder »Stammessolidarität« – dazu, dass umherziehende Nomadenstämme militärisch erstarken, mit Gewalt die Herrschaft übernehmen und neue Dynastien begründen. Eine randständige Gruppe gelangt so ins Zentrum der Macht und wird sesshaft. Im Laufe von Generationen verliert die Dynastie allerdings an Elan, woraufhin ein neues Herrschergeschlecht, das noch die nomadische Vitalität in sich trägt, an ihre Stelle tritt.

 

Kaum 700 Jahre später ein ähnliches Bild: Hinter dicken Mauern, in einem der antiken Wohntürme der jemenitischen Hauptstadt Sanaa verschanzt, legt Tim Mackintosh-Smith Hand an sein Geschichtswerk »Arab – 3000 Jahre arabische Geschichte«. Darin verfolgt er unter anderem die These Ibn Khalduns bis in die Gegenwart weiter. Seine Nähe zu ihm spiegelt sich in den Wirren der heutigen Zeit: »Während sich um uns herum Stämme und Dynastien bekriegen, Intrigen schmieden und immer neue Machtkämpfe austragen«, so der in Südarabien heimisch gewordene Brite, »schöpfen wir beide unsere Geschichtsphilosophie aus der unmittelbaren Erfahrung.«

 

Dabei kann der mittlerweile 60-jährige Tim Mackintosh-Smith auf einen reichen Erfahrungsschatz in den Ländern der arabischen Welt zurückgreifen. Anfang der 1980er Jahre zog es ihn als Student zum Arabischlernen dorthin: »Als ich meinem Lehrer in Oxford von meinem Reiseziel erzählte, schaute der mich nur schräg an«, erinnert er sich. Jemen? Warum er sich kein »angeseheneres« Land ausgesucht habe.

 

Das Arabische verbindet all die Sedimente der Vergangenheit, hält sie zugleich lebendig und macht sie zugänglich

 

Dabei folgte der junge Student der Klassischen Philologie einer Faszination, die später seinen Ruhm als Schriftsteller begründen sollte. 2011 veröffentlichte Newsweek eine Rangliste der zwölf erlesensten Reiseschriftsteller der vergangenen 100 Jahre – darunter Tim Mackintosh-Smith. »Im Jemen ist die Vergangenheit allgegenwärtig«, sagt er über das Land, von dem er sich adoptiert fühlt. Das Arabische verbinde all die Sedimente der Vergangenheit, halte sie zugleich lebendig und mache sie zugänglich. Sein Buch »Yemen – Travels in Dictionary Land« (1997) zeugt von dieser anhaltenden Leidenschaft für die arabische Sprache, in der jedes Wort »eine Sache, ihr Gegenteil oder ein Kamel« bezeichnen kann.

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