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Irakischer Comedian Ali Fadel im Interview
Irakischer Comedian Ali Fadel im Interview

zenith: Mehr als elf Millionen Abonnenten hat Ihr Comedy-Kanal auf YouTube. Was macht »Wilayat Al-Batikh« so erfolgreich?

Ali Fadel: Für uns zählen drei Kriterien für den Erfolg der Show. Das erste Kriterium ist die Anzahl der Zuschauer: Wenn die Sendung weiterhin so viele Menschen anzieht, dann ist sie erfolgreich. Das zweite Kriterium ist der Inhalt selbst – und hier stehen wir vor einem Problem.

 

Ein Problem?

Wir arbeiten über einen langen Zeitraum mit den gleichen Werkzeugen und den selben Schauspielern, deshalb besteht die Gefahr, dass wir uns wiederholen. Das dritte Kriterium ist der technische Standard, also die Bild-, Ausgabe- und Schnittqualität. Dieser Bereich entwickelt sich ständig weiter, wir müssen immer auf dem neuesten Stand sein. Das gelingt uns manchmal, aber nicht immer.

 

Sie erhielten Morddrohungen, nachdem Sie Folgen Ihrer Sendung ins Internet gestellt hatten, die sich über Politiker oder Stammesführer lustig machten. Denken Sie manchmal daran, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen?

Ich erhielt Drohungen von Anhängern einer politischen Partei. Sie drohten damit, den Sitz der Produktionsfirma zu stürmen. Ich hatte damals so viel Angst, dass ich im Auto schlief, um mich und meine Familie zu schützen. Diese Drohungen ließen mit der Zeit nach, nachdem die Zuschauer verstanden hatten, dass wir keiner Partei angehören und keine Agenda gegen sie verfolgen. Ich habe auch schon mal eine Drohung erhalten, weil ein Sketch als Beleidigung eines bestimmten Stammes angesehen wurde. Mein Haus wurde von einem bewaffneten Angehörigen dieses Stammes ins Visier genommen, meine Familie war verängstigt und mein Sohn ist an diesem Tag nur knapp dem Tod entkommen.

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Postorientalist Tim Mackintosh-Smith
Postorientalist Tim Mackintosh-Smith

Das Bild ist eindrücklich: Im 14. Jahrhundert zieht sich der große arabische Gelehrte Ibn Khaldun in Algerien aufs Land zurück. Im stillen Kämmerlein, in einem von hohen Mauern umfriedeten Dorf, beginnt er seine Gedanken zu sammeln, die später in seine »Muqaddima« – sein sozialhistorisches Monumentalwerk – einfließen.

 

Er grübelt über den Gang der Welt und entwirft eine Theorie über den Aufstieg und Niedergang von Dynastien: Ibn Khaldun zufolge führt ʿasabiyya – ein arabisches Wort für »Zusammengehörigkeit« oder »Stammessolidarität« – dazu, dass umherziehende Nomadenstämme militärisch erstarken, mit Gewalt die Herrschaft übernehmen und neue Dynastien begründen. Eine randständige Gruppe gelangt so ins Zentrum der Macht und wird sesshaft. Im Laufe von Generationen verliert die Dynastie allerdings an Elan, woraufhin ein neues Herrschergeschlecht, das noch die nomadische Vitalität in sich trägt, an ihre Stelle tritt.

 

Kaum 700 Jahre später ein ähnliches Bild: Hinter dicken Mauern, in einem der antiken Wohntürme der jemenitischen Hauptstadt Sanaa verschanzt, legt Tim Mackintosh-Smith Hand an sein Geschichtswerk »Arab – 3000 Jahre arabische Geschichte«. Darin verfolgt er unter anderem die These Ibn Khalduns bis in die Gegenwart weiter. Seine Nähe zu ihm spiegelt sich in den Wirren der heutigen Zeit: »Während sich um uns herum Stämme und Dynastien bekriegen, Intrigen schmieden und immer neue Machtkämpfe austragen«, so der in Südarabien heimisch gewordene Brite, »schöpfen wir beide unsere Geschichtsphilosophie aus der unmittelbaren Erfahrung.«

 

Dabei kann der mittlerweile 60-jährige Tim Mackintosh-Smith auf einen reichen Erfahrungsschatz in den Ländern der arabischen Welt zurückgreifen. Anfang der 1980er Jahre zog es ihn als Student zum Arabischlernen dorthin: »Als ich meinem Lehrer in Oxford von meinem Reiseziel erzählte, schaute der mich nur schräg an«, erinnert er sich. Jemen? Warum er sich kein »angeseheneres« Land ausgesucht habe.

 

Das Arabische verbindet all die Sedimente der Vergangenheit, hält sie zugleich lebendig und macht sie zugänglich

 

Dabei folgte der junge Student der Klassischen Philologie einer Faszination, die später seinen Ruhm als Schriftsteller begründen sollte. 2011 veröffentlichte Newsweek eine Rangliste der zwölf erlesensten Reiseschriftsteller der vergangenen 100 Jahre – darunter Tim Mackintosh-Smith. »Im Jemen ist die Vergangenheit allgegenwärtig«, sagt er über das Land, von dem er sich adoptiert fühlt. Das Arabische verbinde all die Sedimente der Vergangenheit, halte sie zugleich lebendig und mache sie zugänglich. Sein Buch »Yemen – Travels in Dictionary Land« (1997) zeugt von dieser anhaltenden Leidenschaft für die arabische Sprache, in der jedes Wort »eine Sache, ihr Gegenteil oder ein Kamel« bezeichnen kann.

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Aserbaidschan und das Geschäft Fussball
Aserbaidschan und das Geschäft Fußball

Zum Anpfiff des EM-Gruppenspiels Türkei-Wales heute Abend in Baku wird ein ganz besonderer Gast auf der Ehrentribüne erwartet: der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der gerade für einen Staatsbesuch in Aserbaidschan weilt. Rund sieben Monate nach dem Karabach-Krieg, in dem Aserbaidschan dank türkischer Hilfe große Gebiete von armenischen Kräften zurückerobern konnte, beschwören Ankara und Baku öffentlich ihre enge Freundschaft unter dem Motto »Eine Nation – zwei Staaten«.

 

Der einträchtige Stadionbesuch soll den feierlichen Höhepunkt der offiziellen Visite bilden. Erst am Vorabend der Partie gaben beide Staatschefs in der Stadt Shushi – martialisch vor einer Ruinenlandschaft in Szene gesetzt – die Unterzeichnung einer gemeinsamen Deklaration bekannt.

 

Die alte Handelsstadt Shushi (armenisch Susa) ist ein traditionelles Zentrum Karabachs und spielt in der Erinnerung vieler Armenier und Aserbaidschaner eine besondere Rolle. Bis letzten Herbst stand sie unter armenischer Kontrolle. Ihre Eroberung entschied den jüngsten Karabach-Krieg zugunsten Bakus.

 

Der Stadionbesuch sei vor diesem Hintergrund »ekelhaft«, findet die Grünen-Europaabgeordnete Viola von Cramon gegenüber zenith. Erdogan nutze Fußball als »Projektionsfläche für Kriegsgeheule«, das die Region destabilisiere und Armenier erniedrige.

 

Sportgroßereignisse als Teil einer sogenannten Kaviar-Diplomatie

 

Dabei weckt Fußballdiplomatie im Südkaukasus eigentlich andere Assoziationen. Es erinnert an den zarten Annäherungsprozess zwischen Armenien und der Türkei 2008, als der damalige türkische Staatspräsident Abdullah Gül zusammen mit seinem armenischen Amtskollegen Serzh Sargysian ein Fußballspiel zwischen beiden Ländern in Jerewan besuchte. Mit dem Besuch war damals die Hoffnung auf eine Versöhnung zwischen den beiden Staaten verbunden, deren gemeinsame Grenze seit dem ersten Karabach-Krieg 1993 geschlossen ist. Doch auf aserbaidschanischen Druck kam die Initiative damals zum Erliegen.

 

Bei der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft finden nun insgesamt vier Partien in Baku statt. Die Regierung des durch Erdgas reich gewordenen 10-Millionen-Einwohnerstaates am Kaspischen Meer warb in letzter Zeit vermehrt um Sportgroßereignisse als Teil einer sogenannten Kaviar-Diplomatie, die der Formel internationales Renommee gegen Geld folgt.
Erst vor wenigen Tagen machte die Formel 1 Station in Baku statt. Im Jahr 2019 war Aserbaidschans Hauptstadt Austragungsort des Finales der Europa League zwischen dem FC Chelsea und Arsenal London.

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Ronny Blaschke zu Fussball im Nahen Osten
Fußball im Jemen, Irak und Syrien

Manchmal erreicht der jemenitische Fußballtrainer Sami Hasan Al-Nash eine größere Öffentlichkeit als die Regierung seines Landes. Deutlich wird das im November 2019. In Katar findet damals der 24. Golf-Cup statt, ein Nationenturnier auf der Arabischen Halbinsel.

 

Die Mannschaft des Jemen schießt in drei Spielen kein einziges Tor, erringt gegen den starken Irak aber ein beachtliches 0:0-Unentschieden. Trainer Sami Hasan Al-Nash gibt innerhalb von einer Woche drei Pressekonferenzen in einem Luxushotel in Doha. Eigentlich soll es bei diesen Fragerunden um Team und Taktik gehen, doch Al-Nash scheint einen anderen Plan zu haben. Er spricht über das Leid seiner Landsleute und die Kraft des Fußballs: »Ich glaube, dass keine andere Nationalmannschaft solche Schwierigkeiten hat wie wir. Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt spielen können.«

 

Sami Hasan Al-Nash findet, dass der Bürgerkrieg im Jemen international keine angemessene Beachtung findet. Doch der emotional aufgeladene Fußball, das beliebteste Spiel der Welt, könne die für viele abstrakt wirkenden Folgen des Konflikts verständlicher machen.

 

Videos im Netz zeigen, wie jemenitische Fans 2019 in verfeindeten Regionen für dasselbe Team jubelten

 

»Unsere Spieler können nur selten gemeinsam trainieren«, sagt Al-Nash. »Manche von ihnen bestreiten viele Monate kein einziges Spiel. Und selbst wenn der Krieg irgendwann vorbei sein sollte: Es wird lange dauern, bis wir die Infrastruktur wiederaufgebaut haben.«

 

Das Fundament für den Fußball im Jemen ist fast vollständig zerstört. Die heimische Liga pausiert seit 2014. Etliche Stadien wurden bombardiert, viele Klubzentralen geplündert. Die Huthi-Rebellen nutzen Vereinsheime und Teambusse für eigene Zwecke. Wenige Profispieler sind im Ausland aktiv, in Katar, Oman oder Malaysia. Ihre Kollegen im Jemen müssen oft dazuverdienen, als Beamte, Taxifahrer oder Kassierer im Supermarkt. »Unsere Heimspiele müssen seit Jahren im Ausland ausgetragen werden«, sagt Trainer Al-Nash. »Das kostet körperlich und mental viel Kraft.«

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Machtwechsel im Tschad
Was Dèbys Tod für den Sahel bedeutet

Nach dreißig Jahren an der Spitze des Landes und nur einen Tag, nachdem er zum sechsten Mal in Folge zum Präsidenten gewählt worden war, wurde Präsident Idriss Dèby Itno am 20. April 2021 von Rebellen getötet, die im Norden des Landes gegen die Streitkräfte des Tschad kämpfen. Einst war er selbst Teil einer Rebellengruppe und wurde tschadischer Präsident, nachdem er 1990 eine Offensive angeführt hatte, die den damaligen Präsidenten Hissene Habre stürzte. Dreißig Jahre lang war Dèby Präsident, um schließlich selbst von Rebellen getötet zu werden.

 

Obwohl Dèby 1996 den Übergang vom Militärherrscher zum gewählten Präsidenten schaffte, war der Tschad unter seiner Regierung alles andere als demokratisch: Wahlen waren weder frei noch fair, seine Gegner beklagten regelmäßig Schikanen und Einschüchterungen, Oppositionelle verschwanden. Um die Menschenrechte im Land stand es schlecht, die Pressefreiheit war nur garantiert, solange Dèbys Regierung nicht kritisiert wurde, und das Internet wurde routinemäßig abgeschaltet, einmal sogar für 16 Monate.

 

Dèbys Herrschaft war von Korruption geprägt, vor allem nachdem das Land ab 2003 zur Ölexportnation wurde. Zum Zeitpunkt seines Todes hatte er zwanzig seiner öffentlich bekannten Kinder in hohe Positionen berufen: sechs machte er zu Armeeobersten und einen zum Geheimdienstchef; fünf wurden Armeegeneräle, darunter Mahamat Kaka, der als Chef des Militärischen Übergangsrates nachrückt, der bis Oktober 2022 die Macht inne haben soll.

 

Mindestens sechs Umsturzversuche überstand das Dèby-Regime – nicht zuletzt dank Rückendeckung aus Paris

 

Dazu kommen noch seine Brüder, von denen einer Postminister und ein anderer Zollchef des Landes ist, sowie sein Neffe, Chef des militärischen Geheimdienstes. Dann gibt es noch die Geschwister einer seiner Ehefrauen und der First Lady Hinda Acyl, die er zu Ministern für Luftfahrt und Bildung ernannte. Der Tschad unter Idriss Dèby war ein Familienunternehmen.

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Alawiten und zehn Jahre Krieg in Syrien
Alawiten und zehn Jahre Krieg in Syrien

Mehrere alawitische Dörfer waren angegriffen worden, die meisten Bewohner getötet, der Rest entführt; die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder. Deren Schicksal blieb im Dunkeln, erst einige Jahre später kamen sie nach Verhandlungen auf freien Fuß. Es war das erste Massaker in alawitischen Dörfern seit mehr als hundert Jahren und der furchtbarste sektaristische Angriff seit dem Anschlag auf die Artillerieschule von Aleppo 1979, als islamistische Kämpfer unbewaffnete alawitische Kadetten in der Kantine der Schule erschossen. Das war im Sommer 2013 im Umland von Latakia. Ich habe den Schauplatz des Geschehens damals besucht.

 

Etwa zweieinhalb Jahre waren vergangen und ich war überzeugt, dass der Aufstand bald in einen sektaristischen Konflikt oder schlimmer noch in ein Blutbad ausufern würde. Die Wahrheit ist, dass die Glaubensgemeinschaften in Syrien seit langer Zeit friedlich, allerdings in ständiger Vorsicht vor dem jeweils anderen und in Angst vor den Machtbestrebungen der Hardliner koexistieren. Daher hatte die Existenz eines starken und starren Regimes Sicherheit für die meisten Minderheiten bedeutet.

 

Was mich betrifft, so bin ich im Libanon geboren und aufgewachsen und habe daher den libanesischen Bürgerkrieg miterlebt, insbesondere das Massaker vom »Schwarzen Samstag« 1975 und die Belagerung des Lagers Tal al-Zaatar im Jahr 1976, als Zivilisten aufgrund ihres Glaubens getötet wurden (der libanesische Personalausweis dokumentierte die Religion des Inhabers, was den Mördern half, ihre Opfer zu identifizieren).

 

Ich war auch Zeuge der Hinrichtung dreier Menschen direkt vor unserem Haus. Ihre Leichen lagen drei Tage lang auf der Straße, bis sie von einem Bulldozer in einem Gebiet begraben wurden, auf dem später ein Vergnügungspark entstand. Diese schmerzhaften Erinnerungen machten mir bewusst, wie zerbrechlich die Koexistenz tatsächlich ist und welches Ausmaß sektaristische Gewalt annehmen kann.

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Neue Regierung in Israel und das Ende der Ära Netanyahu
Neue Regierung in Israel und das Ende der Ära Netanyahu

Es brauchte schon dieses eine Foto, auf dem Yair Lapid, Naftali Bennett und Mansour Abbas am 3. Juni 2021 ihre Unterschrift unter die Koalitionsvereinbarung setzen, bis viele Israelis und auch politische Beobachter sich wagten, es auszusprechen: Die Ära Netanyahu ist vorbei.

 

Denn nicht ohne Grund hielt sich der Likud-Politiker, mit Unterbrechungen, zweieinhalb Jahrzehnte an der Spitze der israelischen Regierung, zu oft war sein politisches Ende herbeigeschrieben, zuweilen herbeigesehnt worden. Zu oft hatte der der 71-Jährige immer wieder seine Resilienz unter Beweis gestellt, seine politischen Rivalen geschickt ausgekontert, kooptiert und an ihren Wahlversprechen scheitern lassen.

 

Es mag auf den ersten Blick überraschen, warum Netanyahu diesmal nicht als Regierungschef aus den Wahlen hervorging, schließlich war er in seiner politischen Karriere schon mit ungünstigeren Konstellationen gestartet. Als er 1996 zum ersten Mal die erste Reihe der politischen Bühne betrat, hatte sein Likud die Wahlen eigentlich gegen die damals noch robuste Arbeiterpartei verloren. Doch die Direktwahl des Premiers – 2001 wieder abgeschafft – verhalf ihm schließlich ins Amt.

 

2009 musste sich seine Partei an der Urne der Likud-Abspaltung Kadima geschlagen geben. Dennoch ging Netanyahu aus den Verhandlungen als Regierungschef hervor, und nicht Kadima-Kandidatin Tzipi Livni, die die israelische Politik inzwischen verlassen hat.

 

Dem Premierminister gingen zuletzt die Optionen aus – sowohl politisch wie taktisch

 

Und auch in diesem Jahr entledigte sich Netanyahu seines vermeintlich ärgsten Konkurrenten: Benny Gantz, Ex-Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, war bei den vergangenen Wahlen angetreten, gegen Korruption in der Politik vorzugehen und Netanyahu aus dem Amt zu jagen. Stattdessen ließ er sich nach dem Wahlgang 2020 auf ein Machtteilungsmodell ein und fügte sich in die Regierung.

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Covid-Isolationseinrichtungen für Geflüchtete in Griechenland
Covid-Isolationseinrichtungen für Geflüchtete in Griechenland

Wenige Kilometer von der Türkei entfernt, befinden sich derzeit 2.000 Geflüchtete an einem Ort, der für maximal 650 Personen ausgelegt ist. Sie leben auf Samos unter unvorstellbar miserablen Bedingungen; ein Großteil von ihnen in provisorischen Zelten neben der offiziellen Einrichtung. Umgeben ist der Ort von einem Waldgebiet, das häufig nur »der Dschungel« genannt wird. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben weder Zugang zu Duschen und sanitären Einrichtungen, noch zu geeigneten Räumlichkeiten, um sich warm zu halten.

 

Die Covid-19-Pandemie hat die Sorgen der Geflüchteten und Asylsuchenden auf der Insel nur noch weiter vergrößert. Zwischen März und Mai 2021 wurden Hunderte in den offiziellen Teil des Lagers (Reception and Identification Centre, RIC im Ort Vathy für die verpflichtende Quarantänezeit von 14 Tagen verlegt.

 

In den verschiedenen Isolationseinrichtungen sind die gefährdeten, schwangeren und chronisch kranken Patientinnen und Patienten mit komplizierten Gesundheitsproblemen an einem Ort zusammengedrängt. Wiederholt wurden Forderungen nach wichtigen Medikamenten, wie Insulin und Beruhigungsmittel, ignoriert und abgelehnt. Die Lagerverwaltung stuft diese Medikamente als »nicht essenziell« ein.

 

Alaa Suleyman ist aufgrund von schweren psychologischen Problemen – hervorgerufen durch jahrelange Bombardierungen – auf diese Medikamente angewiesen. Laut ihrem Ehemann Mohammed, einem 35-jährigen Kurden, der zwei Wochen in der Quarantäne verbracht hat, existiert derzeit kein Test- und Rückverfolgungssystem; die Bedingungen in der Einrichtung seien inakzeptabel.

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Türkische Drohnen im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine
Türkische Drohnen im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine

Leichtsinnig und verantwortungslos: Am Ende eines medial eng begleiteten Erregungszyklus sah sich mit Gerhard Schröder selbst ein früher Bundeskanzler dazu veranlasst, Robert Habeck in die Parade zu fahren. Waffen für die Ukraine seien ein »wenig hilfreicher« Vorschlag, führt Schröder aus und diagnostiziert dem Ko-Vorsitzenden der Grünen einen Mangel an politischer Erfahrung. Damit hat sich nur eine Woche nach Habecks Frontvisite ein ansehnlicher Teil des politischen Spitzenpersonals an ihm und seiner Forderung abgearbeitet.

 

In welchem Verhältnis staatstragende Bedenken und Wahlkampf induzierte Nervosität hier zueinander stehen, wird das politische Feuilleton in den nächsten Wochen auszuloten wissen. Habeck jedenfalls steht mit seiner Forderung in der Tradition von Marieluise Beck, die bereits 2015 gefordert hatte, Waffenlieferungen an Kiew zumindest nicht auszuschließen – Ablehnung kam schon damals von der Parteispitze und dann auch von der Bundesregierung. Nicht überraschend also, dass die Ukraine andere Verbündete gesucht und gefunden hat. Ein Schlüsselpartner: die Türkei.

 

Am 25. Januar feierte die »strategische Partnerschaft« zwischen den beiden Schwarzmeer-Anrainern ihren zehnten Jahrestag. Verhandelt und abgeschlossen noch vom kurz darauf aus der Ukraine verjagten Wiktor Janukowytsch und dem türkischen Präsident Recep Tayyip Erdoğan, hat sich das Bündnis seither als bemerkenswert resilient erwiesen. Es überstand mehrere Machtwechsel in der Ukraine, den Beginn des Kriegs im Osten, Russlands völkerrechtswidrigen Anschluss der Krim, Spannungen zwischen Moskau und Ankara in Folge des Syrien-Kriegs und den gescheiterten Putschversuch 2016 in der Türkei.

 

»Das hat die gesamte Sicherheitsarchitektur in der Schwarzmeer-Region verändert«

 

Die Analystin Yevgeniya Gaber hat von 2014 bis 2018 in der ukrainischen Botschaft in Ankara gearbeitet und dabei die stetige Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern erlebt. »Der größte Meilenstein war 2014 der Beginn der russischen Aggression und die Besatzung der Krim«, erinnert sie sich im Gespräch mit zenith in Kiew. »Das hat die gesamte Sicherheitsarchitektur in der Schwarzmeer-Region verändert«, glaubt Gaber, die heute zu diesen Fragen forscht und berät.

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Sanktionen und Irans Wirtschaft
Sanktionen und Irans Wirtschaft

Irans Wirtschaft wächst. Nach drei Jahren der Rezession weisen die Statistiken seit Sommer 2020 wieder nach oben. Die schlimmsten Auswirkungen von US-Sanktionen und Corona-Pandemie scheinen überwunden. Entsprechend zuversichtlich blickt die iranische Führung in die Zukunft. Ihre Bereitschaft, in Fragen von Atomprogramm oder Regionalpolitik Konzessionen zu machen, nimmt dagegen ab.

 

Denn anders als in der Vergangenheit sei das Land nicht mehr unbedingt von einer Lockerung des Sanktionsregimes abhängig, sind führende Politiker in Teheran überzeugt. Doch die Gemengelage ist kompliziert.

 

Auf Instagram präsentierte Abdolnaser Hemmati, Gouverneur der iranischen Zentralbank, Mitte März die neuesten Zahlen zur Lage der Wirtschaft. Gegenüber dem Vorquartal, in dem die Talsohle der Rezession durchschritten wurde, sei das iranische Bruttoinlandsprodukt zwischen Oktober und Dezember um 4,9 Prozent gewachsen. Auch der Internationale Währungsfonds und die Weltbank prognostizieren für 2021 einen Aufschwung.

 

Die relative ökonomische Resilienz Irans fußt auf jahrzehntelangen Bemühungen um eine Diversifizierung der Wirtschaft, die bis in die 1960er Jahre zurückreichen. Unter dem revolutionären Banner der »Widerstandswirtschaft« wurde dieser Kurs in Reaktion auf die US-Sanktionen der Obama-Ära noch einmal intensiviert.

 

Inzwischen werden rund 30 Prozent mehr Erdöl im Inland raffiniert als noch vor einem Jahrzehnt

 

Tatsächlich verringerte Iran seine Abhängigkeit von Ölexporten, die nur noch etwa ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, in den letzten Jahren deutlich. Heute werden rund 30 Prozent mehr Erdöl im Inland raffiniert als noch vor einem Jahrzehnt, das Land avancierte vom Importeur zum Exporteur von Benzin.

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Assad-Regime und die Wahlen in Syrien
Assad-Regime und die Wahlen in Syrien

Ein Soldat piekst sich in die Brust und presst seinen Wahlzettel an die Stichwunde. Währenddessen, davor und danach skandieren er und seine Kameraden »Mit Geist, mit Blut, verteidigen wir dich, Baschar!«. Das martialische Schauspiel ist Teil der Inszenierung, bei der es nur vordergründig um die Wahlen in Syrien geht, die das Regime Ende Mai in den Gebieten unter seiner Kontrolle abhalten ließ.

 

In anderen Videos füllen die Wahlleiter recht ungeniert die Wahlzettel für die anwesenden Wählerinnen und Wähler aus, singen und skandieren dabei, im Hintergrund werden Fahnen geschwenkt. Den Anwesenden bleibt natürlich kaum eine Wahl – Syriens Staatsbetriebe etwa karrten ihre Beschäftigen geschlossen in die Wahllokale mit der eindeutigen Aufforderung, das Kreuz bitte an der richtigen Stelle zu setzen (oder es am besten den Funktionären vor Ort zu überlassen).

 

Beim Anblick dieser Bilder wird klar: Hier geht es nicht darum, den Anschein freier und fairer Wahlen vorzugaukeln, sondern eine klare Botschaft zu senden – an Unterstützer wie Gegner des Assad-Regimes, in Syrien und außerhalb des Landes: An Baschar Al-Assad führt kein Weg vorbei, die Zukunft des Landes liegt allein in den Händen seines Regimes – und das nicht an Kompromissen interessiert und schert sich kein bisschen um Kritik oder Druck von außen wie innen.

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Energiestrategien der Golfstaaten
Energiestrategien der Golfstaaten

Vor etwa fünf Jahren besuchte der CEO des Solar and Sustainable Energy Fund, Christofer Rathke, Saudi-Arabien. Dort wollte er Investoren und hochrangige Beamte warnen, dass fossile Brennstoffe schnell an Bedeutung verlieren könnten, da erneuerbare Energien »bald preislich wettbewerbsfähig« sein würden. Doch jenseits der Absichtserklärungen blieb die Kursumkehr aus. Der Fondsmanager stellte jedoch fest, dass das Bewusstsein für die Energiewende zunimmt. »Die Saudis lernen sehr schnell und sie schauen sich um.«

 

Die arabischen Golfstaaten waren lange Nachzügler im Bereich der erneuerbaren Energien, obwohl sie einige der höchsten Sonneneinstrahlungswerte weltweit aufweisen. Saudi-Arabien, der größte Ölexporteur, verbrennt selbst immer noch deutlich mehr Rohöl zur Stromerzeugung als jedes andere Land. Da Solarenergie mittlerweile so günstig wie nie zuvor ist, wirken Saudi-Arabiens ölbefeuerte Kraftwerke auf einmal rückständig und wie ein Symbol für die lange Weigerung der saudischen Führung, das Ende der Dominanz der Kohlenwasserstoffe in ihrem Energiemix einzuläuten.

 

Nachdem Riad jahrzehntelang herablassend auf die Solarenergie-Revolution schaute, versucht das Königreich nun aufzuholen und importiert Solartechnologie und Fotovoltaik-Panels, die von Ingenieurteams in China, Europa und den Vereinigten Staaten entwickelt und produziert werden. Bis 2030 plant Saudi-Arabien, 50 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien zu erzeugen – im Vergleich zu nur einem Prozent 2019. Doch dieser Anteil würde sich nicht aus Technologien speisen, die im Land entwickelt wurden.

 

Saudi-Arabien importiert nun Fotovoltaik-Panels, die von Ingenieurteams in China, Europa und den USA entwickelt und produziert werden

 

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind bereits weiter. Der 2012 angekündigte Muhammad-bin-Rashid-Al-Maktum-Solarpark südlich von Dubai ist in großen Teilen fertiggestellt und bereits heute der größte Solarpark weltweit. Die in Abu Dhabi ansässige Firma »Masdar Clean Energy« ist zum führenden Entwickler und Betreiber von Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien aufgestiegen.

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