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50 Jahre Autonomiestatut für Kurdistan im Irak
50 Jahre Autonomiestatut für Kurdistan

Mit Weisung von ganz oben und einem Stapel unbeschriebenen Papieren im Koffer reiste der damalige irakische Vizepräsident Saddam Hussein im Frühjahr 1970 in den Nordirak – er sollte die seit Monaten dauernden leidigen Gespräche mit dem Vorsitzenden der »Demokratischen Partei Kurdistans« (KDP), »Mulla« Mustafa Barzani, endlich zum Abschluss bringen.

 

Saddam legte Barzani einige Bögen weißen Papiers vor: »Schreib deine Forderungen auf – ich werde erst wieder abreisen, wenn uns ein für beide Seiten akzeptables Abkommen vorliegt.« Eine ungewöhnliche Gesprächsstrategie, die von manchen als Schwäche Bagdads interpretiert wurde – aber es funktionierte: Saddam kehrte mit einer Einigung nach Bagdad zurück. Am 11. März 1970 wurde dann das Autonomiestatut für Kurdistan erlassen.

 

»Das irakische Volk besteht aus zwei Nationen, der arabischen und der kurdischen Nation«

 

»Die Geschichte wird bezeugen, dass ihr [das kurdische Volk] noch nie einen so aufrichtigen Bruder und einen so verlässlichen Partner wie das arabische Volk hattet oder jemals haben werdet.« Mit diesem Schlusssatz endet das Dokument, das eben jener Saddam Hussein unterschrieb, der wenige Jahre später eine aggressive Arabisierungspolitik im Irak betreiben, hunderttausende Kurdinnen und Kurden deportieren und mehrere Giftgasangriffe auf kurdische Städte befehlen sollte.

 

Nach zehn Jahren immer wieder aufflammender Kämpfe zwischen der KDP und den jeweiligen Regierungen in Bagdad markierte das Autonomiestatut aus dem Jahr 1970 einen Meilenstein in der Geschichte Irakisch-Kurdistans: Erstmals stellte die Regierung in Bagdad eine administrative und politische Teilautonomie kurdischer Gebiete in Aussicht – dabei wurden zwar noch keine konkreten Grenzen festgeschrieben, doch die Rede war von Gebieten mit mehrheitlich kurdischer Bevölkerung.

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Jemenitische Flüchtlinge in Dschibuti
Jemenitische Flüchtlinge in Dschibuti

Als Khaled von seiner Flucht aus dem Jemen erzählt, kann er die Tränen nicht zurückhalten: »Außer meiner Familie, den Dokumenten und dem Schmerz ist mir nichts geblieben. Ich kann nicht zurückkehren.« Khaled schreibt Gedichte über Taiz, die Stadt, aus der er fliehen musste. Der heute 48-Jährige hatte dort sein ganzes Leben lang verbracht, ist dort aufgewachsen, hat geheiratet, seine vier Töchter sind dort geboren. Er hielt sich mit Gelegenheitsjob über Wasser, meist als Erntehelfer. Dann kam der Krieg. »Bombenangriffe aus der Luft, Scharfschützen am Boden.« Khaled sah keinen anderen Ausweg mehr, als sein Land zu verlassen.

 

Es sind Geschichten wie die von Khaled, die mich an den Beginn dieses Krieges zurückversetzen. Sie lassen die Erinnerung wach werden an die erste Nacht, in der mich die Luftangriffe auf Sanaa aus dem Schlaf rissen. Egal, wie sehr ich es auch versuchte, ich konnte nicht wieder einschlafen. Stattdessen lag ich wach und zählte die Explosionen. Bald gab ich es auf. Es waren zu viele. Über der Stadt ging hinter Rauchsäulen die Sonne auf. An diesem 25. März 2015 holte der Krieg mich und meine Landsleute ein – und nahm vielen von uns die Heimat.

 

Khaled ist einer von 2.300 Jemeniten, die vor den Kämpfen, den Versorgungsengpässen, vor Hunger und Krankheit flohen und auf der anderen Seite des Roten Meeres Zuflucht fanden. Markazi liegt in der Hafenstadt Obock, im Norden Dschibutis am Horn von Afrika. Als maritimer Umschlagplatz hat die Kleinstadt am Eingang des Golfs von Tadschura mit etwa 8.000 Einwohnern schon seit der französischen Kolonialzeit an Bedeutung gegenüber der Hauptstadt eingebüßt. Dennoch strömen immer mehr Menschen in den kargen Landstrich, in dem das Thermometer regelmäßig über 40 Grad Celsius anzeigt

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Wirtschaftskrise und Börse in Iran
Baustellen in der iranischen Hauptstadt Teheran

Während Iran eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen seit langer Zeit durchmacht, schwingt sich die Teheraner Börse zu fantastischen Höhen auf. Dabei hat der Wechselkurs am 22. Juni den Negativrekord von 190.000 iranischen Rial für einen US-Dollar gebrochen, die Inflation schnellte 2019 explosionsartig nach oben und stabilisiert sich nur langsam, während US-Sanktionen und die Corona-Krise die iranische Wirtschaft in die Zange nehmen.

 

Dennoch erlebt die iranische Börse, die Tehran Stock Exchange, einen ungeahnten Aufschwung. Der wichtigste iranische Aktienindex TEDPIX, an dem die größten Unternehmen des Landes gelistet sind, hat seit Anfang des Jahres seinen Wert um über 350 Prozent gesteigert. Eine wirtschaftliche Krise und ein Boom an der Börse: Wie passt das zusammen?

 

Gar nicht – auf jeden Fall nicht nach der einfachen ökonomischen Theorie. Demnach sollte sich der Preis einer Aktie nämlich danach richten, wie viele Zahlungen, zum Beispiel Dividenden, eine Investorin erwartet. In einer gesunden, wachsenden Wirtschaft erwartet sie, dass die Unternehmen insgesamt Erfolg haben und deshalb in Zukunft viele Dividenden ausschütten. Investoren setzen auf die erfolgreichen Aktien, also steigt deren Preis. Ein hoher Aktienindex bedeutet also, dass die Investoren an wirtschaftlichen Erfolg und Wachstum glauben. Doch in Iran liegt die Wirtschaft in Trümmern, während der Wert des TEDPIX weiter steigt.

 

Die Inflation frisst die Ersparnisse

 

Das Phänomen in Iran lässt sich erklären durch das einfache Prinzip von Angebot und Nachfrage. Hohe Nachfrage nach Aktien bedeutet einen hohen Preis der Aktie. Das heißt, der TEDPIX erreicht derartige Höhen, weil die iranischen Investoren eine sehr starke Nachfrage nach Aktien mitbringen. Aber warum setzen Investoren gerade jetzt unbedingt auf Aktien?

 

Ein Grund ist, dass sie derzeit nur noch auf dem Aktienmarkt wirklich Gewinne machen könnten, erklärt Mohammad Farzanegan, Wirtschaftsprofessor an der Universität Marburg. Im Jahr 2019 sei der Goldpreis um 30 Prozent gestiegen, der Devisenhandel mit US-Dollar sei um 20 Prozent gewachsen und Immobilien hätten ein Wachstum von 62 Prozent versprochen – auf den ersten Blick beeindruckende Zahlen. Doch im gleichen Zeitraum wurde das Geld um 40 Prozent entwertet. Gold war also ein Verlustgeschäft. Ganz im Gegensatz dazu ist der Wert der Teheraner Börse von Juni 2019 bis Juni 2020 um unglaubliche 500 Prozent gestiegen.

 

Doch nicht nur Investoren wollen ihren Gewinn maximieren. Die gesamte iranische Bevölkerung steht unter enormen Druck. Die galoppierende Inflation frisst den Menschen die Ersparnisse weg. Dabei konnten die Menschen nicht auf das klassische Modell bei den Banken setzen. Denn ein Sparbuch wirft in Iran derzeit bestenfalls noch 15 Prozent Zinsen ab. Das bringt nicht viel, wenn die Inflation wie im Juni noch bei 30 Prozent liegt.

 

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40 Jahre Niederschlagung der syrischen Opposition in Aleppo
Das Massaker von Aleppo 1980

Um die Mittagszeit des 11. August 1980, am ersten Tag des Zuckerfestes, riegelten Spezialeinheiten der syrischen Armee das Viertel Al-Maschariqa in Aleppo ab, da dort einige Tage zuvor Sicherheitskräfte angegriffen worden waren. Sie zerrten Männer und Kinder aus den Häusern und trieben sie auf dem nahegelegenen Hanano-Friedhof zusammen – wo die Soldaten das Feuer eröffneten und alle niedermetzelten.

 

In Al-Maschariqa starben an diesem Tag mindestens 83 Menschen – wobei einige der Opfer selbst für den Staatsapparat gearbeitet hatten oder Mitglieder der regierenden Baath-Partei gewesen waren. Es war nicht das erste Massaker in Aleppo im Jahr 1980 und sollte auch nicht das Letzte bleiben.

 

Im Syrien der späten 1970er Jahre regte sich Widerstand gegen die Baath-Regierung von Hafiz Al-Assad. Die steigende Inflation und immer mehr Geflüchtete aus dem Libanon, nachdem Assads Truppen 1976 in das benachbarte Bürgerkriegsland einmarschiert waren, führten zu rapiden Preisanstiegen auf dem Wohnungsmarkt. Zusätzlich trugen teils willkürlich agierende Sicherheitskräfte, ausgeprägte staatliche Korruption und die Vormachtstellung des Assad-Clans zur Unzufriedenheit der Bevölkerung bei. Sowohl innerhalb der eigenen Partei und des syrischen Militärs, als auch unter Linken, Intellektuellen und in der Demokratiebewegung regte sich Widerstand gegen die autokratische Herrschaft Hafiz Al-Assads. Doch die eigentliche politische Konkurrenz für die Baath-Partei stellte die islamistische Opposition dar.

 

Das Artillerie-Schulen-Massaker von Aleppo markierte den Beginn eines regelrechten Guerillakriegs gegen die Baath-Partei

 

Die in Syrien verbotene Muslimbruderschaft dominierte die Opposition und hatte bereits seit Jahren einen Regimewechsel angestrebt. Allerdings stritten sich die Muslimbrüder sowohl untereinander als auch mit anderen islamistischen Gruppen über die Frage, wie der Widerstand gegen die Baath-Partei aussehen solle. Während die Führung der syrischen Muslimbruderschaft zu dieser Zeit den Einsatz von Gewalt noch kritisch sah, formte sich Ende der 1960er Jahre eine islamistische Gruppe um Marwan Hadid, die ab Anfang der 1970er Jahre gezielt Anschläge auf prominente Baath-Mitglieder verübte.

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Corona-Verlauf in Katar, Jordanien und Dschibuti
Corona-Verlauf in Katar, Jordanien und Dschibuti

Katar

In Katar wurden bereits drei Prozent der Bevölkerung positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Mit rund 30.700 Infektionen pro eine Million Einwohner ist das kleine Land am Golf einsamer Spitzenreiter im Nahen Osten. Die Sterblichkeitsrate von 34 Toten je eine Million Menschen katapultiert Katar auf Rang sieben in der Region. Auffällig ist vor allem, dass mehr als ein Viertel aller Tests positiv ausfielen – obwohl in der Region nur Bahrain noch mehr testet als Katar.

 

Andreas Krieg ist Assistenz-Professor am Kings College in London und beschäftigt sich intensiv mit dem Golfstaat. Er konstatiert: »Katars Situation sieht auf dem Papier in der Tat etwas dramatischer aus als anderswo in der Region.« Die Gründe dafür seien eine hohe Testdichte und große Transparenz im Umgang mit Infektionszahlen. »Doch Katar hatte anfangs auch ein großes Problem, die Infektionen unter Gastarbeitern gering zu halten«, ergänzt Krieg. »Die Social-Distancing-Regeln lassen sich in Massenunterkünften nur schwer umsetzen.«

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Armenischer Oligarch Gagik Tsarukyan
Armenischer Oligarch Gagik Tsarukyan

Im Ferienort Tsaghkadzor unterhält die Unternehmensgruppe des Oligarchen Gagik Tsarukyan ein Hotel. Der Gouverneur der Region kämpft gegen Steuerhinterziehung. agik Tsarukyan sei ein Mann, der Tiere liebt. In seinem Privatzoo halte er weiße Löwen. »Tsarukyan kümmert sich gut um seine Tiere«, sagt Tsarukyan über sich selbst in einem seiner seltenen Interviews mit dem armenischen Nachrichtenmagazin Hetq. Das Video könne deshalb nicht aus seinem Privatzoo stammen: ein Esel, der nach zwei Junglöwen austritt, die versuchen, sich in seinem Fleisch festzubeißen. Die Menge vor dem Käfig, die johlend die Raubtiere anfeuert. Die Schüsse, die den Esel von außerhalb des Käfigs treffen, nachdem das Tier die Angriffe immer wieder abwehren konnte. Die Löwen im Video sind braun, es müsse sich um einen anderen Privatzoo handeln, behauptet Tsarukyan.

 

Zum Beispiel um den des ehemaligen Militärchefs Manvel Grigoryan. Oder den des ehemaligen Premierministers Ovik Abramyan. Seine Vorliebe für ungewöhnliche Statussymbole teilt er mit diesen Männern. Das Attribut »ehemalig « teilen sie nicht. Seit der Revolution im Frühling 2018 wird gegen die alte Führungsriege Armeniens ermittelt. Nicht aus Gründen des Tierschutzes, sondern wegen Steuerhinterziehung, Veruntreuung von Staatsgeldern und Machtmissbrauch.

 

Die Regierung stürzen, Oligarchie abschaffen – das war das Ziel der Bewegung, die als »Samtene Revolution« in die Geschichte des kleinsten Landes auf dem Kaukasus eingehen wird. Samten, weil Tausende Armenier wochenlang die Straßen der Republik blockierten und so den Präsidenten Sersh Sargsyan zum Rücktritt zwangen. Mit ihm kamen die reichsten und mächtigsten Männer des Landes vor Gericht oder gingen ins Exil.

 

Von sich selbst spricht der Multimillionär in der dritten Person.

 

Nur Gagik Tsarukyan, Armdrücken- Star, Multimillionär und Hobby-Löwenzüchter, ist noch immer da. Für ein Interview sei sein Zeitplan zu straff, gibt Shake Isayan, Sprecherin von »Blühendes Armenien« und ehemalige Pressesprecherin der Multi Group, an. Rund um den Tag der Unabhängigkeit, als diese Reportage entstand, habe Tsarukyan viele Termine. Seine sozialen Kanäle zeigen Spatenstiche, Blumenkränze und Händeschütteln. Aber auch an anderen Tagen reagiert Tsarukyan auf Journalisten, die nicht zu seinem eigenen Sender gehören, gereizt.

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Europas Kulturhauptstadt Plovdiv in Bulgarien
Europäische Kulturhauptstadt Plovdiv in Bulgarien

Für jede Stadterkundung gibt es die richtige Lektüre. Und gäbe es für Plovdiv, diese jahrtausendealte Stadt in der thrakischen Tiefebene, wo der Balkan behutsam in den Mittelmeerraum übergeht, wo Römer und Griechen, Slawen und Osmanen, wo die Versprechungen des Kapitalismus und der Realsozialismus gleichermaßen ihre Spuren hinterlassen haben, ein besseres Buch als Italo Calvinos Weltpoem »Die unsichtbaren Städte«? Calvinos Meisterwerk besteht aus 55 Miniaturbeschreibungen unterschiedlicher Städte, die Marco Polo, der wohl bekannteste Reisende der Kulturgeschichte, vorgeblich dem alternden Mongolenherrscher Kublai Khan vorträgt. Und erst beim Lesen erschließt sich langsam: Jede dieser Erzählungen handelt doch eigentlich immer von Venedig.

 

Auch die Stadt Plovdiv ist für den Reisenden so vielschichtig, so schwer zu erfassen, dass man ihr ohne Weiteres mehrere nebeneinanderstehende Erzählungen abringen könnte. Da ist die hügelige Altstadt aus der Zeit der Zeit der Osmanen. Zweifellos ein Kleinod. Zweistöckige Trutzburgen von Kaufmannshäusern, viele davon heute Museen, unten aus schroffem Naturstein, oben bunt bemalt und mit ausladenden Erkern. Dickbäuchige Straßenkatzen trotten in engen Gassen lebenssatt übers Kopfsteinpflaster. Kunsthandwerker bieten ihre Ware feil.

 

Da ist die Pracht des Plovdivs der Antike, das dem Besucher auf Schritt und Tritt in den Blick gerät. Die dreistöckige Bühne des guterhaltenen Amphitheaters aus Zeiten des römischen Kaisers Trajan ragt am Südwesthang der Altstadt unvermittelt empor. Unter der Uliza Knyaz Alexander I., der Hauptflaniermeile der Stadt, finden sich die Reste des römischen Stadions. Der griechische Satiriker Lucian nannte die Stadt, entgegen seiner Profession wohl ganz ernst gemeint, »die größte und schönste aller Städte«.

 

Die thrakische Tiefebene war einst der erste Halt auf dem Weg der Makedonierkönige Richtung Persien.

 

Jahrhundertelang war Plovdiv als Philipopolis bekannt, benannt nach Phillip von Makedonien, dem Vater Alexander des Großen. Die thrakische Tiefebene war einst der erste Halt auf dem Weg der Makedonierkönige Richtung Persien. Da ist das Stadtviertel Kapana, der alte Ausgehbezirk, wo das Leben mediterran flirrt. Wo sich Boutiquen an Craftbeerbars und Flatwhite-Cafés reihen. Skater unter Europagraffitos schäkern, und Rentnerinnen beobachten tratschend das Treiben.

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Presseschau zu Baschar Al-Assad und Russlands Syrien-Politik
Presseschau

Mitte April veröffentlichte die russische Nachrichtenagentur RIA-FAN einen Artikel mit dem Titel »Korruption in der syrischen Regierung zerstört die Wirtschaft des Landes«. Der Beitrag war zwar schon nach zwei Tagen von der Seite verschwunden, dennoch stellt sich die Frage: Warum hat die Agentur einen derart kritischen Artikel gerade zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht?

 

Einige russische Sicherheitsanalysten bezeichnen das Nachrichtenportal RIA-FAN als Sprachrohr des berüchtigten russischen Geschäftsmannes Jewgeni Prigozhin. Es ist eines von vier kremlfreundlichen Unternehmen, die alle zu Prigozhins Mediengruppe Patriot gehören. RIA-FAN ist offenbar aus der berüchtigten St. Petersburger Internet Research Agency hervorgegangen, die oft als »Trollfabrik« bezeichnet wird.

 

Demnach habe wohl Prigozhin selbst die Redakteure von RIA-FAN angestiftet, eine konfrontativere Haltung gegenüber dem syrischen Regime einzunehmen. Das bestätigen russische Sicherheitsanalysten im Gespräch mit zenith, die mit ihren Aussagen lieber anonym bleiben möchten. Sie geben zu bedenken, dass man die kritischen Artikel in den Medien eher im Kontext der Beziehung des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad und des Medienchefs Prigozhin sehen muss. Der Putin-Vertraute beschäftigt nämlich neben seinen Medienhäusern auch unzählige Sicherheitsdienste, die in letzter Zeit angeblich mit ernsten Zahlungsverzügen für ihre Dienste in Syrien konfrontiert waren.

 

Prigozhin gilt als mächtiger Oligarch mit engen Verbindungen zum Kreml. Angefangen mit der Gründung einer Hotdog-Kette gemeinsam mit seinem Stiefvater in den frühen 1990er Jahren baute er ein Netzwerk von Catering- und Convenience-Stores auf. Seine Geschäfte machten ihn zu einem der reichsten Männer Russlands, was nicht zuletzt auch lukrativen Regierungsaufträgen zu verdanken ist. Der Spitzname »Putins Chefkoch« wurde ihm verpasst, nachdem er 2003 den Präsidenten persönlich in seinem St.-Petersburger Restaurant »Neue Insel« bedienen durfte.

 

Mittlerweile unterhält Prigozhin ein vielfältiges Portfolio und verfolgt verschiedene Interessen: von Plänen zur Niederschlagung der Proteste im Sudan, über Bergbau in der Zentralafrikanischen Republik, bis hin zur Wagner-Gruppe, einer paramilitärischen russischen Söldnertruppe, die seit ihrem ersten Einsatz in der Ostukraine Assads überforderten Streitkräfte unterstützt. Noch brisanter ist jedoch, dass Prigozhin das Unternehmen Evro Polis Ltd. gehört, das derzeit von den USA mit Sanktionen belegt ist. Zwischen 2016 und 2018 handelte die Firma mit den syrischen Behörden Verträge aus, die ihr in allen zurückeroberten Gebieten Ansprüche auf ein Viertel der gesamten Menge an Öl und Erdgas zusichert.

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Der Tod von Shady Habash und das Sisi-Regime in Ägypten
Der Tod von Shady Habash und das Sisi-Regime in Ägypten

Ich kannte Shady Habash nicht. Das heißt, ich kannte ihn nicht persönlich. Er war nicht mein Freund. Er war wahrscheinlich jemand, von dem ich sonst wohl nie erfahren hätte. Vielleicht hätten sich unsere Wege gekreuzt, wenn ich weiter mit Shady Abu Zeid an Satire-Sendungen gearbeitet hätte. Doch dann wurde Shady Abu Zeid verhaftet – wahrscheinlich wegen eines Witzes. Auch Shady Habash wurde in Gewahrsam genommen – wegen eines Musikvideos, für das er Regie geführt hatte. Ich selbst war weder an dem Scherz des einen Shady, noch an dem Video des anderen Shady direkt beteiligt. Ich wurde nicht verhaftet. Und dennoch hörte ich auf, an solchen Projekten zu arbeiten.

 

Vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn ich aus Angst einen Rückzieher gemacht hätte. Ehrlich gesagt, wäre es ein besserer Grund gewesen. Es hätte mehr Sinn gemacht. Ich warf die Brocken aus Verzweiflung hin. Shady Abu Zeid hatte mir beigebracht, die Macht der Witze zu nutzen, um ernsthafte Probleme anzusprechen. Genau daran hatten wir auch noch kurz vor seiner Verhaftung gearbeitet. Kein politisches Projekt. Es war ein Lied, das wir geschrieben hatten, um eine bestimmte Kontroverse zu illustrieren. So gefiel ihm seine Arbeit. Sie war provokativ und bedeutsam, nicht so vorhersehbar und repetitiv, nicht nur für den Applaus geschaffen.

 

Shady Abu Zeid ist Blogger und Satiriker. Mit seinen Videos wurde er im ganzen Land bekannt. Er interviewte Menschen auf der Straße, stellte ihnen seltsame Fragen und bekam lustige Antworten. Am 25. Januar 2016 veröffentlichte er ein Video, in dem er Luftballons aus aufgeblasenen Kondomen an die Sicherheitskräfte verteilte. Der Streich ging, zur Bestürzung des Innenministeriums, viral. Zwei Jahre später klopfte es früh morgens an Shadys Tür. Er wurde festgenommen, ohne Anklage.

 

Der Tod von Shady Habash und das Sisi-Regime in Ägypten
Shady Abu Zeid ist Blogger und Satiriker. Mit seinen Videos wurde er im ganzen Land bekannt. Er interviewte Menschen auf der Straße, stellte ihnen seltsame Fragen und bekam lustige Antworten.

 

Erst im Mai 2018, als Shady Abu Zeid verhaftet wurde, hörte ich das erste Mal von einem anderen Shady: Shady Habash. Zunächst war ich verwirrt: zwei Sahdys im Tora-Gefängnis Kairo? Tatsächlich handelte es sich um unterschiedliche Shadys, in verschiedenen Zellenblöcken. Trotzdem blieb es schwierig für uns, sie auseinanderzuhalten, denn sie hatten gemeinsame Freunde. Wenn sie uns Nachrichten übermittelten, konnten wir nie sicher sein, welche Nachricht von welchem Shady stammte.

 

Kunst ist kein Luxus, sie ist vielmehr wesentlich im Kampf gegen die Hässlichkeit der Ungerechtigkeit.

 

Shady Habash starb im Gefängnis. Vor seinem Tod hatten seine Zellengenossen noch um medizinische Hilfe für ihn gefleht. Doch der Wärter öffnete die Zellentür nicht. Das ist keine Ausnahme, das ist Politik. Es ist schwer für mich, Worte zu finden, die beschreiben können, was dort geschehen ist. Die offizielle Beschreibung als »vorsätzliche Fahrlässigkeit gegenüber menschlichem Leben« reicht einfach nicht aus.

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Ein Jahr nach dem Massaker an Demonstranten in Sudans Hauptstadt Khartoum
Frauenrechtsaktivistinnen in Sudans Hauptstadt Khartoum

»Wie jede Nacht im Ramadan, habe ich gemeinsam mit den anderen Revolutionären das Essen zum Fastenbrechen bei Sonnenuntergang vorbereitet,« sagt Tawdia und blickt dorthin, wo während des Sitzstreiks vor einem Jahr eine provisorische Küche errichtet worden war. »Danach ging ich nach Hause. Jeden Augenblick dieser Nacht habe ich genossen. Ich wusste nicht, dass es meine letzte dort sein würde.« Die 25-jährige Laborärztin pendelt die letzten anderthalb Jahre zwischen Krankenhaus und der Revolution.

 

Tawdias Augen strahlen, doch die Erinnerung an den Sitzstreik, nicht weit entfernt von der Nile Street in Sudans Hauptstadt Khartoum, treiben ihr Tränen in die Augen. In dieser Nacht kam ihr Freund Abbas nicht heim.

 

Abbas hatte es sich in den letzten Monaten angewöhnt, die Nacht bei den Zelten der Streikenden zu verbringen. »Das war die beste Zeit meines Lebens«, erinnert er sich an das Zeltlager, direkt vor dem Qiyyade al-‘Amme, dem Hauptquartier der sudanesischen Armee. »Es war auch der schönste Ramadan, der Ort wurde zu meinem zweiten Zuhause«, fügt er hinzu. Bis zu dieser Nacht des 3. Juni 2019.

 

»Es geschah zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht. Eine Meldung machte die Runde der Demonstranten. Bewaffnete Gruppen hatten die Demonstranten umzingelt und würden sich darauf vorbereiten, sie zu vertreiben. Ich glaubte den Gerüchten nicht, schenkte ihnen keine Beachtung. Dann wurde es Zeit für das Morgengebet. Wir knieten nieder und standen auf – dann ändert es sich alles.«

 

Der 22-jährige Student Abbas wurde in dieser Nacht zum Zeugen eines Massakers, in dem hunderte friedliche Demonstranten ermordet und verletzt wurden. Die Überlebenden machen die so genannte Rapid Support Force (RSF) für die Planung und Durchführung des Anschlags verantwortlich. Die RSF sind eine paramilitärische Gruppe unter der Führung von Mohammed Hamdan, genannt Hemeti – die Bewaffneten in dieser Nacht trugen ihre Uniform.

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Russland und die Türkei in Libyen und Syrien
Russland und die Türkei in Libyen und Syrien

Mitte April feierte »Shugaley« seine Weltpremiere. Der Film erzählt die Geschichte des Soziologen Maxim Shugaley, der im Jahr 2019 für einen russischen Thinktank in Libyen forscht. Als er dabei Material aufspürt, das die international anerkannte Regierung von Premierminister Fayez Al-Serraj belastet, wird er von mit der Regierung verbündeten Milizen in Tripolis verhaftet. Soweit zumindest die Geschichte des Films.

 

Die Realität sah wohl etwas anders aus: Als General Khalifa Haftar im April 2019 gerade auf die libysche Hauptstadt Tripolis marschierte, reiste Maxim Shugaley nach Libyen – in der Hoffnung, ein altbekanntes Gesicht zum neuen Führer des Landes zu machen: Saif al-Islam Al-Gaddafi.

 

Muammar Al-Gaddafis Sohn und Erbe wurde nach dem blutigen Ende seines Vaters während der Revolution im Jahr 2011 auf der Flucht in den Niger aufgegriffen – bis zu seiner Freilassung im Rahmen einer Generalamnesie im Juni 2017 saß er im Gefängnis in Zintan im Westen Libyens. Obwohl er sich auf der Flucht vor Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshof befindet, schmiedet Saif al-Islam schon lange an Plänen, das in seinen Augen rechtmäßige Erbe anzutreten: die Führung Libyens.

 

Kurz nach seinem Treffen mit Saif al-Islam im April 2019 wurde Maxim Shugaley in Tripolis verhaftet. Der Vorwurf: Spionage und Vorbereitung von Wahlbetrug. Angesichts der Biografie Shugaleys sollte die Reaktion der Regierung in Tripolis nicht überraschen – Shugaley war bereits in einen Wahlskandal auf Madagaskar verwickelt und steht den Unternehmen des Oligarchen Jewgeni Prigoschin nahe, einem der engsten Freunde Putins. Die Geschichte reiht sich als weitere Episode des russischen Engagements in Libyen ein.

 

Unvereinbare Interessen der regionalen Akteure, ein Wettlauf um Gasreserven im Mittelmeer und der erbitterte Kampf um Einfluss im Land kennzeichnen den Konflikt auch im Jahr 2020. Die Türkei agiert mit eigenen Streitkräften in Libyen, Griechenland versucht, den Gashandel zwischen Tripolis und Ankara zu sabotieren, und Russland will die Kontrolle über die Ressourcen Libyens – derweil betrachtet die EU ihre südliche Grenze mit zunehmender Sorge.

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Die Gelbe Flotte in Ägypten
Die Gelbe Flotte in Ägypten

Im Jahr 1967, während des Sechs-Tage-Krieges gegen Israel, ließ Ägypten den Suezkanal von beiden Seiten mit versenkten Booten blockieren. Doch zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch Schiffe im Kanal – und saßen dort bis 1975 fest. Die beiden deutschen Frachter »Nordwind« und »Münsterland« lagen gemeinsam mit zwölf weiteren Schiffen acht Jahre lang im Großen Bittersee, der breitesten Stelle des Kanals. Am 24. Mai 1975 erreichten sie schlussendlich den Hafen von Hamburg – das Ende einer äußerst ungewöhnlichen Seefahrt.

 

zenith: Herr Katzler, Sie waren ein halbes Jahr lang einer der Kapitäne der »Gelben Flotte«. Wie kamen Sie damals auf ein Schiff, das im Kriegsgebiet feststeckte?

Jürgen Katzler: Als junger Kapitän mit damals 33 Jahren bin ich am 16. Juni 1969 auf der »Münsterland« eingetroffen. Doch bevor wir auf unser Schiff durften, hatten wir zehn Tage Aufenthalt in Kairo, da die Straße zum Großen Bittersee unter israelischem Beschuss stand. Als sich die Situation ein wenig entspannte, wurden wir von unserem ägyptischen Agenten mit dem Bus zum See gefahren – ein Boot brachte uns die restlichen zwei Meilen zum Schiff. An Bord angekommen wurden wir erstmal herzlich begrüßt, auch von den anderen Schiffsbesatzungen. Die Übergabe von Kapitän zu Kapitän dauerte dann gerade einmal 20 Minuten – und schon war ich der neue Kapitän der »Münsterland«.

 

Warum sprechen wir heute eigentlich von der »Gelben Flotte«?

Wegen der Wüstenstürme – durch den ganzen Sand wurde auf den Schiffen immer alles gelb. Unser Lieblingssong war deshalb natürlich »Yellow Submarine« von den Beatles – das haben alle aus voller Kehle gesungen.

 

Wie viele Schiffe lagen zu dieser Zeit denn im Suezkanal?

Insgesamt ankerten damals 14 Schiffe im Großen Bittersee, außerdem ein amerikanischer Tanker, etwas weiter nördlich im Krokodil-See – zu dem Schiff hatten wir allerdings keinen Kontakt. Neben den beiden deutschen Schiffen (»Münsterland«, »Nordwind«) lagen dort vier englische (»Agapenor«, »Melampus«, »Scottish Star«, »Port Invercargill«), ein französisches (»Sindh«), eines aus der Tschechoslowakei (»Lednice«), eines aus Bulgarien (»Vasil Levsky«), sowie zwei polnische (»Djakarta«, »Boleslaw Bierut«), zwei schwedische (»Nippon«, »Killara«) und ein US-amerikanisches Schiff (»African Glen«) – letzteres wurde allerdings im Krieg 1973 versenkt. Mit einer Besatzung von 12-14 Personen pro Schiff lebten zu dieser Zeit also etwa 200 Leute im Bittersee – alles Männer, wir hatten keine einzige Frau an Bord.

 

»Da der Große Bittersee im Niemandsland zwischen dem von Israel besetzten Sinai und Ägypten lag, konnten wir nicht an Land – und auch über Funk war alles versiegelt«

 

Ankerten diese Schiffe alle Bug an Bug oder jeweils einzeln im See?

Unser Schiff lag damals noch allein. Doch die polnischen und jeweils zwei der englischen Schiffe waren bereits zu »Paketen« geschnürt – sie wurden also zusammengelegt, bekamen einen Paketnamen und wurden mit nur einem Kapitän und reduzierter Besatzung bemannt. Später fügten wir dann auch die »Münsterland« zu einem solchen Paket hinzu – das war schlicht billiger für die Reedereien.

 

Wie reagierten die Reedereien auf die Situation?

1969 sah es nicht so aus, als würden sich die Konfliktparteien schnell wieder einigen. Für die Reedereien bedeuteten die Ausfälle der Schiffe und der Ladungen einen enormen Verlust. Zusätzlich mussten die Schiffe in Stand gehalten werden. Wir waren verantwortlich, dass kein Öl auslief oder anderer Unrat von Bord ging. Die dadurch entstehenden laufenden Kosten waren eine große Bürde für die Reedereien.

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