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Finanzkrise in der Türkei
Die Finanzkrise in der Türkei

Vielleicht liegt es an dem Dekret, das die Regierung im Herbst verhängte, wonach jeder, der sich kritisch über die türkische Wirtschaft äußert, mit einer Anzeige zu rechnen habe. Vielleicht liegt es auch an der türkischen Krisenresilienz. Oder Yasar Ayaydin, mit lockigem Haar und legerem Auftreten, ist einfach gnadenloser Optimist, der nicht sehen will, was da auf sein Land zurollt.

 

Auf jeden Fall gibt er sich unbeeindruckt von der Finanzkrise, die die Türkei seit Ende Juli im Griff hat. »Das Wichtigste ist doch, dass die Leute unsere Hemden kaufen«, sagt der 43-Jährige. »Solange sie das tun, haben wir nichts zu befürchten.« Tatsächlich ist der Textilhersteller Tudors, mit 200 Filialen einer der größten des Landes, in einer guten Position: »Unsere Importe halten sich in etwa die Waage mit unseren Exporterlösen.« Auch die Kredite in Euro und Dollar könnten damit bedient werden.

 

Ayaydin gründete die Firma mit seinem Bruder vor zehn Jahren. In seinem Büro hängt ein Bild des Staatsgründers Kemal Atatürk, und vom gleichnamigen Flughafen donnern die Maschinen alle fünf Minuten über ihn hinweg. Mittlerweile hat das Unternehmen Zweigstellen in mehreren Balkanländern und erwirtschaftet laut eigenen Angaben umgerechnet 50 Millionen US-Dollar im Jahr.

 

Allerdings muss auch er einräumen, dass einige seiner Lieferanten den Betrieb vorübergehend einstellen mussten. Zu teuer seien die Importe geworden. Über Politik will Ayaydin nicht reden, die Lösung für die türkischen Probleme liegt für ihn einfach darin, mehr zu exportieren. »Wir müssen härter arbeiten, besser werden und andere Märkte erschließen.«

 

Damit hat der hemdsärmelige Unternehmer zumindest nicht unrecht, denn eine tiefere Ursache in der aktuellen türkischen Wirtschaftskrise liegt darin, dass das Land zu viel importiert und zu wenig exportiert. Doch allein das erklärt die türkische Krise noch nicht.

 

Die Inflation war im September auf 24,5 Prozent gestiegen – mehr als die meisten Analysten erwartet hatten und der höchste Wert seit 17 Jahren. »Damit hängt die Zentralbank schon wieder mit einer Zinserhöhung hinterher. Der Effekt ist verpufft, die Glaubhaftigkeit angeschlagen«, sagt Gregor Holek von Raiffeisen Capital Management in Wien. Der Fondsmanager ist unter anderem auf den türkischen Markt spezialisiert. Zudem hagele es nun schlechte Nachrichten, und obendrein verstärke ein hoher Ölpreis die Inflation. »Alles sieht nach einer harten Landung der türkischen Wirtschaft aus.«

 

Das bedeutet: faule Kredite, Firmenpleiten und Entlassungen. Nicht alles an dieser Krise ist hausgemacht. Die Türkei weist seit Jahren ein auch im Vergleich zu anderen Schwellenländern hohes Leistungsbilanzdefizit auf.

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Drusen auf dem Golan
Drusen auf dem Golan

Es sind erstaunliche Objekte, die im vulkanischen Basalt des Golan verborgen liegen, dem Blick durch eine nur dünne Geröllschicht und etwas Grasnarbe entzogen. Tausende Tretminen lauern hier geduldig. Verlegt und dann vergessen während einem der vielen Kriege, die um diesen Fleck Erde schon geführt wurden.

 

Doch wer gräbt, kann hier – am nördlichsten Zipfel Israels oder der südlichsten Ecke Syriens, das ist eine Frage der Perspektive – auch seinen Namen verewigen. Wie die Archäologin Naama Goren-Inbar, die den Ufern des Kratersees Berekhat Ram den vielleicht ältesten Kunstgegenstand der Menschheit entriss: eine bis zu 280.000 Jahre alte Venus-Figur aus Tuffstein.

 

Ein Zischen schneidet durch die laue Sommernacht. Skeptisch mustert Melhem Abu Saleh die Dose Paulaner-Bier in seiner Hand, während er mit der freien Rechten die Fleischspieße über dem Grill wendet. »Viel zu kalt«, murmelt er und stellt das vereiste Weißbier zur Seite. Um ihn herum lärmt eine Gruppe von sechs Kindern, die abwechselnd einen Fußball auf die Hauswand dreschen und sich am Tischkicker duellieren. Baschar und Dschihad Abu Saleh sowie ihre Frauen sitzen zurückgelehnt daneben und plaudern, ihr Blick ruht auf dem von Melhem mit Schwung bedienten Grill und dem in der Dämmerung liegenden Kratersee, an dessen steiler Flanke sich das Ferienhaus der Gruppe schmiegt.

 

»Wir Abu Salehs sind eine der größten Familien hier«, sagt Melhem, der Historiker ist und sein Geld mit einem kleinen Lottoladen verdient. Hier, das ist Majdal Shams. Die mit 11.000 Einwohnern größte von vier drusischen Gemeinden im israelischen Teil der Golanhöhen. Hier, das ist das ein Ort im Vierländereck, umzingelt von Syrien, Libanon, Jordanien und Israel.

 

Ein schmaler Streifen Land, der einen Kilometer über dem Meeresspiegel liegt, fantastisch saftiges Obst hervorbringt und jeder Artillerie den Beschuss des Umlands ermöglicht. Wie die anderen 24.000 Drusen des Golan sind auch die Abu Salehs zu Geiseln einer eskalierenden Regionalpolitik geworden.

 

Heute gilt der Golan als verwundbarste Flanke Israels. Die Hizbullah im Norden, Revolutionsgardisten im Osten und die Drusen mittendrin

 

»Die Hizbullah-Verbände haben hohe Verluste hinnehmen müssen, dafür haben sie Kampferfahrung gesammelt und dank iranischer Waffenlieferungen auch Manövrierfähigkeit erlangt.« So klingt es, wenn Oberstleutnant Jonathan Conricus diese strategische Bedeutung aus Sicht der israelischen Streitkräfte zusammenfasst. Der Armeesprecher ist dazu extra ins Auditorium einer Tel Aviver Privatuniversität gekommen und je mehr Gefahren er benennt, umso enger ziehen sich seine buschigen Augenbrauen zusammen.

 

Revolutionsgardisten, »Islamischer Staat«, iranisches Atomprogramm. Schlag, Gegenschlag, immer weiter. Dann, als ob er ein Ass zückt, berichtet er vom Drohnen-Programm der libanesischen Hizbullah. Conricus guckt in die Gesichter der versammelten Journalisten, als wüsste er um die Schauer leichten Grusels, die seine Ausführungen dem Publikum über den Rücken jagen.

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Saudi-Arabien 1979 - Ein Essay
Saudi-Arabien 1979 - Ein Essay

Ich repräsentiere eine Generation, die in den Jahren nach 1979 geboren wurde – dem Schicksalsjahr, das den Nahen Osten im Allgemeinen und Saudi-Arabien im Besonderen entscheidend veränderte. Vorausgegangen waren die Niederlagen der arabischen Staaten in den Kriegen gegen Israel. Der jähe Zusammenbruch des Nasserismus öffnete dem religiösen Extremismus Tür und Tor. Der Nahe Osten am Ende der 1970er Jahre war eine Region, die mit den Nerven am Ende war.

 

Unsere Generation der in den 1980er Jahren Geborenen verpasste aber auch andere Facetten der Zeit vor 1979. Denn in den Jahrzehnten zuvor waren Literatur, Musik, Film und Theater aufgeblüht. In meiner Jugend waren die Stars dann Kleriker, die bestimmten, was in den Medien erlaubt und nicht erlaubt war. Ihr Wort verlangte Respekt, schließlich sprachen sie ja im Namen der Religion.

 

»Wir gegen den Rest der Welt« und »Wer nicht wie wir denkt, liegt falsch« – diese Mentalität war mir fremd und so war ich eine Außenstehende in diesem gesellschaftlichen Klima. Ich wurde in den Vereinigten Staaten geboren und meine Eltern gehörten der Welle junger Saudis an, die es zum Studium ins Ausland gezogen hatte.

 

Natürlich nahmen sie Teile der westlichen Kultur auf, vor allem aber entwickelten sie eine viel größere Toleranz gegenüber anderen Zivilisationen und lernten, Diversität als Teil der menschlichen Natur zu verstehen.

 

Es war schwer, in ein Saudi-Arabien zurückzukehren, in dem das sogenannte islamische Wiedererwachen in vollem Gange war. Vieles war zusammengekommen: Die Revolution in Iran, vor allem aber die Besetzung der Großen Moschee in Mekka durch die Extremisten um Juhayman Al-Otaibi – danach war nichts mehr wie zuvor. Dazu kam in den 1980er Jahren der »Dschihad« in Afghanistan, der Figuren wie Osama Bin Laden und Organisationen wie Al-Qaida hervorbrachte.

 

Und vergessen wir nicht die Muslimbrüder, die zu diesem Zeitpunkt bereits das saudische Bildungssystem unterwandert hatten. Viele ihrer Mitglieder waren in den 1960er und 1970er Jahren als politische Flüchtlinge nach Saudi-Arabien umgesiedelt, wo sie sich prompt als Experten im Erziehungswesen empfahlen und etwa auf Geschlechtertrennung im Unterricht drängten.

 

Meine Generation wurde in Dauerschleife mit religiöser Predigt überzogen. Statt Musik-Tapes zirkulierten Kassetten mit religiösen Inhalten. Die ältere Generation muss gespürt haben, wie sich die Gesellschaft damals massiv veränderte. Die Jüngeren hingegen wurden in eine zusehends nach innen gewandte Gesellschaft hineingeboren, die ihr Heil in den Lehren des Islam suchte.

 

Meine Großeltern hatten noch eine Zeit erlebt, die viele dieser Zwänge nicht kannte. Damals, in den 1960er und 1970er Jahren im Hedschas an der Westküste. Die Heimatregion der Heiligen Stätten war schon damals das kosmopolitische Zentrum Saudi-Arabiens. Kein Wunder, schließlich strömten Pilger aus aller Herren Länder hierhin. Sie stiegen nicht in Hotels ab, sondern quartierten sich bei Gastfamilien in Mekka und Medina ein. Das gab den Gastgebern die Möglichkeit, Menschen aus verschiedenen Kulturen kennenzulernen.

 

Meine Großeltern hatten noch eine Zeit erlebt, die viele dieser Zwänge so nicht kannte. Damals, in den 1960er und 1970er Jahren im Hedschas an der Westküste

 

Mein Großvater arbeitete als Handelsvertreter für Textilwaren und war regelmäßig auf Reisen, etwa in Syrien, Jordanien und der Türkei. Meine Großmutter hat viele seiner Geschäftsabschlüsse eingefädelt und sich um die Zollfreigabe gekümmert. Niemand hat daran Anstoß genommen, mit ihr zu verhandeln.

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Interview mit Abdulaziz Al-Dhari
Interview mit Abdelaziz Al-Dhari

zenith: Sie haben Jahre darauf gewartet, dass sich jemand für die von Ihrem Vater gesammelten Aufnahmen interessiert. Gibt es innerhalb Saudi-Arabiens kein Interesse an dieser Thematik?

Abdulaziz Al-Dhahri: Wir haben bei uns in der Familie alles Mögliche aufbewahrt: Filmmaterial, Zeitungsschnipsel. Wir gingen davon aus, dass es ein großes öffentliches Interesse geben wird und sich viele Journalisten an uns wenden würden. Umso erstaunter waren wir, dass kein Medienvertreter in Saudi-Arabien nachgefragt hat. Das Thema wurde totgeschwiegen. Aus dem Ausland kamen zwar Anfragen von Journalisten, allerdings war mein Vater da sehr vorsichtig.

 

Warum? 

Er wollte nicht, dass der Eindruck entsteht, dass er in dieser Sache eigene Interessen vorantreibt.

 

Um was für Aufnahmen handelt es sich im Einzelnen und wer hat sie angefertigt? 

Mein Vater stand nicht selbst hinter der Kamera – verfügte aber über gute Kontakte bei den Behörden. Die Aufnahmen hat die Armee angefertigt, das Material landete dann beim Informationsministerium. Und in der Großen Moschee haben Überwachungskameras ohnehin alles aufgezeichnet.

 

1979 waren Sie gerade sechs Jahre alt und wurden in einem Land groß, das von den Folgen der Moscheebesetzung geprägt war. Wird 1979 – wie in Iran oder Afghanistan – in Ihrer Generation als Schicksalsjahr und Zeitenwende wahrgenommen?

Ich denke nicht, dass man das mit Iran vergleichen kann. Dort vollzog sich über Monate eine Revolution, die ein neues System, einen neuen Staat schuf. Bei der Besetzung der Großen Moschee in Saudi-Arabien handelte es sich um das Werk einer Gruppe Krimineller, die eine Straftat beging. Und der Wandel, der danach in Gang gesetzt wurde, ging ja von der Regierung aus.

 

Unabhängig von den Maßnahmen der saudischen Führung damals: Haben Sie persönlich einen Wandel im gesellschaftlichen Klima wahrgenommen? 

Der Wandel bestand in der Reaktion der Regierung – und dem Fehler, den sie damals begangen hat, nämlich den Konservativen entgegenzukommen. Nur so konnte diese Strömung überhaupt solch eine breite Basis in der Bevölkerung schaffen.

 

Wie hat Ihre Familie diesen Wandel aufgenommen?

Mein Vater war mit diesen Veränderungen nicht einverstanden. Er ist dann auch zwei Jahre später in den Ruhestand gegangen, um Konflikte zu vermeiden. Er sah schon damals diese Richtungsänderung als Fehler.

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Interview mit Eljakim Rubinstein zu Camp David
Interview mit Eljakim Rubinstein

zenith: Vor 40 Jahren einigten sich Israel und Ägypten auf ein Abkommen. Heute ist daraus ein bloßer kalter Frieden geworden. War der Deal trotzdem ein Erfolg?

Eljakim Rubinstein: Ja, definitiv. Aus einem einfachen Grund. Zwischen 1948 und 1977 hatte es fünf Kriege gegeben zwischen Israel, Ägypten und anderen arabischen Staaten: 1948, 1956, 1967, den Abnutzungskrieg 1968 bis 1970 und 1973. Die Ankündigung von Präsident Sadat und Premierminister Begin – »Kein weiterer Krieg« – hat sich bewahrheitet.

 

Aber daraus wurde ein Frieden zwischen den Staaten, nicht zwischen den Völkern. Haben Sie das damals vorausgesehen?

Nein, wir haben auf Normalisierung gehofft. Später war ich an den sogenannten Normalisierungsabkommen beteiligt. Es gab etwa 50 Memoranda. Wir hofften, dass sie in verschiedenen Bereichen wie Kultur, Verkehr und Handel umgesetzt werden. Aber das passierte nur sehr halbherzig.

 

Woran lag das?

Weil Ägypten die Beziehungen auf ein Minimum reduzieren wollte – aus politischen Gründen.

 

Welche Konstellationen haben Camp David überhaupt möglich gemacht?

Sadat hatte mit dem Jom-Kippur-Krieg 1973 versucht, den Sinai zurückzuerobern. Er hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite und uns Verluste beigebracht. Aber am Ende standen wir 101 Kilometer vor Kairo. Da hat er eingesehen, dass es mit einem Krieg nichts wird. Mosche Dayan hat dann bemerkt, dass Sadat die Städte am Suezkanal aufbaute und dort viel investierte. Daraus schloss er: Sadat wusste, dass er den Sinai nur durch Frieden zurückbekommt. Dann kam sein Besuch in Jerusalem im November 1977, der der arabischen Welt natürlich überhaupt nicht gefiel. Die haben ja allerorts ägyptische Botschafter rausgeworfen.

 

Und wie sah das auf der israelischen Seite aus?

Nach dem Jom-Kippur-Krieg und den vielen Verlusten war die Zeit einfach reif. Als Sie von der Einladung nach Camp David, zu so einem außergewöhnlichen Gipfel, hörten, was dachten Sie? Wir dachten, wenn wir vier Tage lang bleiben und das hinter uns bringen, ohne für ein Scheitern verantwortlich gemacht zu werden, und wenn der Prozess dann weitergeht, dann würde das genügen. Wir haben nicht geglaubt, dass es 13 Tage lang dauern und wir am Ende ein Abkommen erreichen würden.

 

Gab es einen bestimmten Moment, an dem Sie feststellten, dass es doch klappen könnte?

Ja, am allerletzten Tag. Es hatte Höhen und Tiefen gegeben. In zwei wesentlichen Bereichen, dem Frieden mit Ägypten und der palästinensischen Autonomie. Ein palästinensischer Staat war für Israel zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar, manche von uns dachten aber, dass die Autonomie, auf die wir uns einigten, eines Tages ein Schritt auf dem Weg zu einem Palästinenserstaat sein könnte.

 

Das Abkommen sah eine schrittweise Autonomie der Palästinenser vor. Wie wichtig war dieser Teil?

Wir müssen hier unterscheiden: Das war den Ägyptern wichtig, aber der Sinai hatte für sie Priorität. Für US-Präsident Jimmy Carter war es genau andersrum, beim Thema Palästinenser war er fast messianisch. Aber er wusste, dass es ohne einen Deal zwischen den beiden Staaten nicht vorangeht, also hat er an beiden Themen gearbeitet.

 

Wie wichtig war den beiden Staaten der Deal?

Das war für Israel die Hauptsache. Wir hatten diese fünf Kriege erlebt mit Tausenden Toten. Nun gab es da diese Gelegenheit. Deshalb war Begin mit dem Deal einverstanden, gesetzt den Fall, dass die Knesset dafür stimmt. Für Ägypten ging es vor allem um den Sinai. Für die Vereinigten Staaten waren die Palästinenser wichtig. Aber alle diese Themen waren miteinander verwoben.

 

Gab es einen Punkt, an dem alles auf dem Spiel stand?

Am letzten Sonntag, am Morgen des letzten Tages, dachten wir, dass wir es geschafft hatten. Dann fingen die Amerikaner plötzlich an mit Jerusalem. Es hieß dann, wir sollen packen und nach Hause fahren. Ich weiß nicht, ob das ein taktisches Manöver von Begin war, aber Jerusalem war für ihn tatsächlich entscheidend. Vor dem positiven Ende gab es also diese Krise.

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Landwirtschaft und Klimawandel im Irak
Landwirtschaft und Klimawandel im Irak

Muhammad Jassim kann nur noch die Toten zählen. Die Herrschaft des sogenannten Islamischen Staates kostete nicht nur Tausende Menschen im Irak das Leben. Auch die Viehzucht im Norden des Landes kämpft mit dem Vermächtnis der Dschihadisten. »Etwa 60 Prozent meiner 900 Ziegen sind verhungert – die wirtschaftliche Lage ist so desaströs, dass wir uns das Futter für unser Vieh nicht mehr leisten können«, klagt Jassim. Der Landwirt lebt in Tishtah, einem Dorf knapp 50 Kilometer westlich von Mosul, dessen Herdenbestand auf die Hälfte geschrumpft ist.

 

Im Juni 2014 hielten die Gotteskrieger auf ihren Pick-ups nicht nur Einzug in der zweitgrößten Stadt Iraks, sondern übernahmen auch auf den Weiden und Äckern rund um Mosul die Kontrolle – und verfolgten handfeste Interessen. Der Weizenhandel sollte, wie auch andere Handelsgüter, die Kassen des IS füllen – zum Leidwesen der Landwirte. Die Dschihadisten trieben den Preis für einen Sack Weizen (jeweils 50 Kilogramm) um umgerechnet 10 Euro auf 70 Euro hoch. »Für uns bedeutete das eine Frage von Leben und Tod: Denn wir hungerten ja auch und mussten den verfügbaren Weizen mit unseren Nutztieren teilen«, erinnert sich Jassim.

 

Landwirtschaft und Klimawandel im Irak
»60 Prozent meiner 900 Ziegen sind verhungert«, klagt Viehzüchter Jassim.Foto: Sebastian Castelier

 

Neben den überteuerten Futterpreisen setzte die Steuerpolitik der IS-Verwaltung den Viehzüchtern besonders hart zu. Unter dem Deckmantel der Zakat, einer der fünf Säulen des Islam in Form einer Abgabe für wohltätige Zwecke, konfiszierten die Dschihadisten einmal jährlich eines von vierzig Tieren – meist die kräftigsten Exemplare der Herde.

 

Oktober 2018: Ein Jahr nach der militärischen Niederlage des IS im Irak läuft der Wiederaufbau der Städte im Norden und Westen des Landes auf Hochtouren. Auf dem Land hingegen fühlen sich die Menschen im Stich gelassen. »Die meisten Landwirte können es sich schlicht nicht leisten, ihre Herdenbestände wieder aufzufüllen. Und einen Kredit gewährt uns auch niemand.« Viele Optionen bleiben den Landwirten nicht. Etwa die Hälfte der 60 Viehzuchtbetriebe in Tishtah mussten mittlerweile schließen. Das Durchschnittseinkommen der Familien in dem Dorf ist auf die Hälfte gesunken, auf umgerechnet 75 Euro im Monat.

 

Landwirtschaft und Klimawandel im Irak
Das Durchschnittseinkommen der Familien in Tishtah ist auf die Hälfte gesunken, auf umgerechnet 75 Euro im Monat.Foto: Sebastian Castelier

 

Und wie reagiert der Staat? Nachfrage bei der zuständigen Behörde. Ja, Initiativen zur Unterstützung der Viehzüchter im ehemaligen IS-Gebiet gebe es, erklärt der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums gegenüber zenith. Aber ihnen fehle oft die notwendige Finanzierungsgrundlage und ohnehin stünden Gelder aus den Hilfsfonds nur beim Ministerium lizensierten Landwirten zur Verfügung, räumt Sprecher Hamid Al-Nayef ein.

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Saudisch-ägyptische Beziehungen
Saudisch-ägyptische Beziehungen

1979 war der Tiefpunkt. Durch die Unterzeichnung des Friedensabkommens mit Israel fiel Ägypten in der arabischen Welt in Ungnade. Das Land wurde aus der Arabischen Liga ausgestoßen, diplomatische Beziehungen wurden eingefroren und Hilfszahlungen eingestellt.

 

Die Eiszeit mit Saudi-Arabien war allerdings kurzlebig. Finanzielle Hilfen sowie günstige Kredite flossen bald wieder ins Land am Nil. Präsident Anwar Al-Sadat war angewiesen auf militärische und wirtschaftliche Unterstützung und sah nach der gescheiterten Politik seines Vorgängers Gamal Abdel Nasser und der wirtschaftlichen Not die Lösung in einer engen Anbindung an den Westen.

 

Washington statt Moskau, der neue Kurs Sadats stieß in Saudi-Arabien auf großes Wohlwollen. Und schließlich läutete der ägyptische Präsident das Ende des »arabischen Kalten Krieges« ein, in dem sich Panarabisten, Sozialisten und Säkularisten hinter Nasser versammelt und sich gegen die von Saudi-Arabien angeführten Monarchisten und Wahhabiten gestellt hatten.

 

Die Abhängigkeit von saudischen Petrodollars im Blick pflegte Mubarak enge persönliche Kontakte zum saudischen Königshaus

 

Unter Hosni Mubarak, der 1982 nach der Ermordung Sadats an die Macht kam, vollzog sich auch formell die Reintegration Ägyptens in die arabische Staatengemeinschaft. Die Abhängigkeit von saudischen Petrodollars im Blick pflegte Mubarak enge persönliche Kontakte zum saudischen Königshaus.

 

Nach der irakischen Invasion Kuwaits 1991 entsendete Ägypten in einem symbolischen Akt der Solidarität 35.000 Soldaten nach Saudi-Arabien. Unter Mubarak intensivierte sich auch die militärische und wirtschaftliche Unterstützung der USA für Ägypten. Auch das lag im Interesse Saudi-Arabiens, da das Königreich die USA als zentralen Pfeiler seiner sicherheitspolitischen Interessen betrachteten – vor allem gegenüber dem Erzfeind Iran.

 

Ägypten als bevölkerungsreichstes Land der Region mit der größten Armee ist für die Saudis ein zentraler Verbündeter in der Auseinandersetzung mit Iran. Die iranische Revolution 1979 war für Saudi-Arabien ein traumatisches Ereignis. Das Königshaus sah sich durch die iranischen Machtambitionen und die Politik des Revolutionsexports fundamental bedroht. Die Angst vor der Mobilisierung schiitischer Gruppierungen im eigenen Land und in den Nachbarstaaten wuchs.

 

Während Mubaraks Amtszeit verschob sich das Machtverhältnis zwischen beiden Ländern weiter zugunsten Saudi-Arabiens. Wegen der sich verschlechternden wirtschaftlichen und sozialen Lage in Ägypten nahm die finanzielle Abhängigkeit vom reichen Golfstaat zu.

 

Um nicht als minderwertiger Partner in dieser Beziehung dazustehen, betonte Kairo stets die Stärke seiner Armee und deren sicherheitspolitische Bedeutung für die Golfstaaten. Die finanzielle Schieflage konnte dies allerdings nicht kaschieren

 

Um nicht als minderwertiger Partner in dieser Beziehung dazustehen, betonte Kairo stets die Stärke seiner Armee und deren sicherheitspolitische Bedeutung für die Golfstaaten. Die finanzielle Schieflage konnte dies allerdings nicht kaschieren. Die wirtschaftlichen und sozialen Missstände sowie Korruption und gravierende Menschenrechtsverletzungen waren dann auch Auslöser der Proteste im Januar 2011, die Mubarak zum Rücktritt zwangen.

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Gefahren der Forschung in Ägypten
Die Gefahren der Forschung

Am Rande der Wüstenstraße zwischen Kairo und Alexandria wird Anfang Februar 2016 eine Leiche gefunden. Es ist die des 28-jährigen Italieners Giulio Regeni, Doktorand an der Universität Cambridge. Seine Mutter Paola Deffendi wird später sagen, sie habe ihren Sohn nur anhand seiner Nasenspitze identifizieren können.

 

Dass Regeni mehrere Tage Folter über sich ergehen lassen musste, nachdem er am 25. Januar 2016 – dem 5. Jahrestag der Revolution – auf seinem Weg nach Downtown Kairo verschwand, bestätigt ein gerichtsmedizinisches Gutachten. Sein gewaltsamer Tod überschritt auch eine unausgesprochene rote Linie, die Inhaber westlicher Reisepässen bis dato scheinbar geschützt hatte – und trifft damit einen wunden Punkt in den Nahostwissenschaften: die überfällige Debatte über Sicherheit und Verantwortung im Feld.

 

»Er war repräsentativ für alle, die zu der Zeit in Kairo geforscht haben«, sagt Jannis Grimm über Giulio Regeni, den er flüchtig kannte. Grimm promoviert an der »Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies« (BGSMCS) der Freien Universität und arbeitet zu Ägypten. Weder sein Auftreten noch seine Forschung über die informelle Gewerkschaftsbewegung in Kairo hätten Regeni laut Grimm zu einem offensichtlichen Ziel gemacht.

 

Zwei von Grimms Kommilitonen, Ilyas Saliba und Kevin Köhler, waren zum Zeitpunkt von Regenis Verschwinden ebenfalls in Kairo. In der Folge versuchten die drei, ebenso wie viele andere Ägypten-Forscher vor Ort, Festplatten zu verschlüsseln und sensible Daten zu sichern, und beobachteten angespannt die Reaktionen an den heimischen Instituten. Doch dort reagierte man, wie es in der akademischen Welt üblich ist: gemächlich.

 

Zwar bietet das Methodentraining Starthilfe bei der anonymisierten Interviewführung oder ethischen Belangen, Fragen des Daten- oder Selbstschutzes kommen aber oft nicht zur Sprache

 

 

Tatsächlich gehören Sicherheitstrainings nicht zum Standardrepertoire der Sozialwissenschaften. Auch nicht in philologischen Studiengängen, die im Bereich der Nahostwissenschaften angesiedelt sind. Zwar bietet das Methodentraining Starthilfe bei der anonymisierten Interviewführung oder ethischen Belangen, Fragen des Daten- oder Selbstschutzes kommen aber nicht oft zur Sprache.

 

So wie Giulio Regeni führen aber gerade Studierende und Wissenschaftler dieser Fächer oft Feldforschung in politisch instabilen Kontexten durch. Dabei setzen sie sich nicht nur selbst Risiken aus: »Sondern auch ihre Feldkontakte und Kollegen vor Ort«, wie Grimm anmerkt.

 

Gemeinsam mit Saliba und Köhler hat er deswegen das Projekt »SAFEResearch« ins Leben gerufen, mit dem sie über sichere Feldforschung informieren. Derzeit arbeiten sie an einem frei zugänglichen Handbuch, unterstützt von investigativen Journalisten, anderen Wissenschaftlern und Netzaktivisten. Zudem bieten sie Workshops an Universitäten an. Mit ihrem Angebot richten sie sich dabei vor allem an Promovierende und erfahrene Forscher, weniger hingegen an Masterstudierende: »Wer gerade das Autofahren lernt, den lässt man auch nicht gleich auf die Straße«, sagt Grimm. Das Bachelor- oder Masterstudium sei nicht primär dazu da, sich im Feld zu beweisen – insbesondere nicht in autoritären oder Konfliktkontexten.

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Politische Reformen in Usbekistan
Politische Reformen in Usbekistan

An gewöhnlichen Tagen ist das nordusbekische Moynaq ein verschlafenes Kaff in einer unwirtlichen Gegend. Wo sich noch vor ein paar Jahrzenten die Ufer des einstmals mächtigen Aralsees erstreckten, bietet sich Besuchern heute ein Bild wie aus einem Endzeitfilm der 1990er Jahre. Tiefe Risse durchziehen eine karge Wüstenlandschaft. Verrostete Schiffswracks liegen im Sand. Das Ufer ist mittlerweile über 80 Kilometer entfernt. Nach Jahrzehnten ökologischen Raubbaus und Misswirtschaft ist die usbekische Seite des Aralsees fast vollständig ausgetrocknet. Jobs sind hier Mangelware. Sauberes Trinkwasser gibt es erst seit ein paar Monaten. Man tut Moynaq also kein Unrecht, wenn man es nicht unbedingt im Epizentrum globaler Popkultur verortet.

 

Doch an einem milden Septemberabend wummern tiefe Bässe durch den Schiffsfriedhof von Moynaq. Um eine kleine Bühne herum tanzen rund zweihundert von weit her angereiste Gäste – Hipster, Start-up-Unternehmer, Neureiche und Bohemiens. Aufwendig gestylte Raver lassen eine übergroße Piratenflagge wehen, Flammen schießen rhythmisch aus einem umfunktionierten Heißluftballon. Der DJ ist aus dem Bassiani eingeflogen, einem legendären Untergrundschuppen in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Es gilt in Fachkreisen als einer der besten Clubs der Welt. Das Magazin Vice schickte einen Journalisten in die nordusbekische Provinz. Sogar das offizielle usbekische Tourismuskomitee war als Sponsor des Raves mit dabei.

 

Unter dem Langzeitregenten Islam Karimov (1938-2016) hätten solche Meldungen bizarr angemutet. Denn Usbekistan galt noch vor Kurzem nicht gerade als Paradies für weltbürgerliche Raver, sondern als eine der restriktivsten Diktaturen der Welt. Seit der Machtübernahme von Nachfolger Shavkat Mirziyoyev im Herbst 2016 scheint nun aber auf einmal alles möglich in Usbekistan, selbst ein alternatives Technofestival. Mit freundlicher Unterstützung der Regierung.

 

 

Der umtriebige Wirtschaftsanwalt Otabek Suleimanov aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent hatte zum »Stihia Festival« gerufen und eine handverlesene Auswahl internationaler DJs eingeladen. Die Technik wurde über 1.200 Kilometer löchrige Landstraße aus Taschkent herangeschafft. Das Stihia sollte laut den Veranstaltern internationale Aufmerksamkeit auf die ökologische Katastrophe am Aralsee zu lenken. Auch die Berliner DJane Dasha Redkina tanzte in Moynaq. Normalerweise spielt sie in den wildesten Clubs Europas. »Die Organisatoren hatten das Festival richtig groß aufgezogen«, erzählt sie zenith.

 

Junge Technokraten und aus dem Exil zurückgekehrte Usbeken arbeiten in Taschkent emsig an der Umsetzung der neuen Gesetze

 

Als der damalige Premierminister Shavkat Mirziyoyev – unter Missachtung der Verfassung –vor über zwei Jahren die Macht an sich riss, erwarteten viele ausländische Beobachter im besten Fall eine nahtlose Fortsetzung des despotischen Karimov-Regimes und im schlimmsten einen Machtkampf zwischen unterschiedlichen Blöcken. Doch Mirziyoyev überraschte die Weltöffentlichkeit mit einem umfassenden Reformprogramm.

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Religion, Verständigung und Dialog in Zeiten der AfD
Kolumne Daniel Gerlach

Es gibt genügend schlechte Nachrichten, über die man sich aufregen könnte. Insofern habe ich eine Weile überlegt, ob es Not tut, sich nun auch kritisch mit den – gefühlt – eher wenigen guten zu befassen. Ich beteilige mich auch in der Regel nicht an Blitz-Gefechten auf Twitter, was schlecht fürs Marketing sein mag, aber gut für die seelische Gesundheit. Und immerhin gibt es da ja noch diese Kolumne, die etwas mehr zulässt als 280 Zeichen.

 

Da wir nun schon bei der Gesundheit waren, fangen wir damit mal an: Im Gesundheitsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags ist am vergangenen Mittwoch ein offenbar herzkranker Fraktionsmitarbeiter zusammengebrochen. Er wurde dank des fachkundigen Einsatzes zweier Parlamentarier lebensrettend notversorgt.

 

In Deutschland zählt der plötzliche Herzstillstand zu den häufigsten Todesursachen. Die Chancen einer erfolgreichen Reanimation schwinden mit den Minuten, dennoch leiten laut Schätzungen in nur rund 15 Prozent der Fälle Laien umgehend entsprechende Maßnahmen ein, was im europäischen Vergleich niedrig ist. Man kann den Beteiligten also nur Dank und Anerkennung aussprechen und dem Betroffenen baldige Genesung wünschen.

 

Die Schlagzeilen und Twitter-Kommentare von Bekannten aus der Medienswelt, die dazu in Umlauf kamen, haben mich allerdings etwas irritiert: Parteigrenzen hätten keine Rolle mehr gespielt, lobte der eine, und es sei umso fabelhalfter, dass ausgerechnet ein türkischstämmiger Sozialdemokrat einem AfDler das Leben gerettet habe, der andere. Dieser Partei gehörte der Patient nämlich an. Außerdem war eine Freie Demokratin mit Ausbildung zur Krankenschwester in die Rettung involviert. Die Bild feierte den SPD-Mann Serdar Yüksel sogar als Gewinner des Tages. Dafür, dass er politische Differenzen im Moment des Notfalls außer Acht gelassen hat: »Lebensretter kennen kein Parteibuch!« hieß es. Und eine Zeit-Kollegin tweetete, etwas sarkastisch an die AfD gerichtet: »Diese Ausländer, jetzt retten sie auch noch Leben.«

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Spekulationen um Nachfolge von Saudi-Arabiens Kronprinz Muhammad bin Salman
Saudi-Arabien und die Nachfolge

Dieser Tage wird weltweit spekuliert, ob der »schwarze« Prinz Muhammad bin Salman, kurz MBS, ersetzt werden muss und wenn ja, durch wen. Es wird wieder ausgiebig »Saudiologie« betrieben, darüber gerätselt, wer in dem aus Tausenden von Prinzen bestehenden Königshaus der al-Saud geeignet ist, Kronprinz und somit vermutlich nächster König des weltweit größten Ölexporteurs zu werden. Ging es vor der »Palast-Revolution« im Jahre 2016 noch darum, wie in der Gerontokratie der Söhne des Gründerkönigs Abdelaziz ein dringend benötigter Generationswechsel stattfinden könnte, so hat sich die Frage zwischenzeitlich mit der auch für Saudiologen unerwarteten Machübernahme von MBS beantwortet.

 

Der heute 33-jährige MBS verdankt seinen Aufstieg, wie es der marokkanische Forscher Nabil Mouline in der französischen Tageszeitung Le Monde erläutert, einer nicht voraussehbaren Verkettung von Ereignissen: Zwischen 2011 und 2015 starben seine drei Onkel Sultan, Naif und Abdallah. Nach Abdallahs Tod wird Muhammads Vater Salman bin Abd al-Aziz der neue König von Saudi-Arabien. Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten begünstigte den Aufstieg des jungen Prinzen ebenfalls. MBS entmachtete dann systematisch und brutal ältere Rivalen und andere Linien, etwa die der Nayefs. Der ehemalige Kronprinz Muhammad bin Nayef wurde seiner Ämter enthoben und unter Hausarrest gestellt. Der jahrzehntealten Konsens-Politik innerhalb der Familie machte MBS damit abrupt ein Ende.

 

»Die Familie wird immer einig bleiben, sie hat aus ihrer Geschichte gelernt. Zweimal wurde unser Königreich schon zerstört, weil es Zwist gab«, sagte mir einmal Jamal Khashoggis zeitweiliger Boss Prinz Turki bin Faisal. MBS hat aus seiner Familienhistorie offenbar nicht genug für sein Saudi-Game-of-Thrones gelernt. Heute stellen sich vor allem zwei Fragen: Spielen der eigentlich für Nachfolge zuständige Kronrat und die hier vertretene Familie der Sauds überhaupt noch eine Rolle? Oder ist MBS schon zu einem modernisierenden, arabischen Diktator à la Saddam Hussein geworden, der alle Rivalen bereits ausgeschaltet hat? Gegen letzteres spricht, dass noch immer ein großer Teil der Königsfamilie zum Regieren gebraucht wird. Saudi-Arabien besitzt keinen richtigen Staatsapparat. Bis heute sind sehr viele Schlüsselpositionen nicht nur auf ministerialer Ebene, sondern auch in den 13 Provinzen Saudi-Arabiens in den Händen von Prinzen.

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Saudi-Arabiens Kronprinz und der Fall des Journalisten Jamal Khashoggi
Kolumne Daniel Gerlach

Haben Sie schon einmal die Rumelische Festung besichtigt? Es lohnt sich, unbedingt. Die meisten Istanbul-Reisenden sehen sie höchstens aus der Ferne, etwa wenn sie einen Bootsausflug zum Bosporus-Vorort Tarabya unternehmen. Es ist diese Burg dort, wo man gefühlt mit einem Steinwurf jedes vorbeifahrende Schiff treffen könnte. Sieht aus wie eine Filmkulisse, wurde aber tatsächlich unter Mehmed II. Fatih, dem Eroberer von Konstantinopel gebaut. 400 Janitscharen Besatzung hatte sie einst, ihre Kurtinen und Bastionen fügen sich malerisch in den Westhang ein und machen sie zu einem Meisterwerk der Festungsarchitektur.

 

Falls Sie sich demnächst einmal in der Nähe des saudischen Konsulats von Istanbul aufhalten: Bei mäßigem Verkehr sind es maximal 15 Minuten mit dem Taxi, Eintritt: zehn Lira. Ob demnächst ein paar baugeschichtlich interessierte saudische Touristen auftauchen und in einem der großen, saudisch finanzierten Nachrichtensender von der Rumeli Hisari schwärmen? Nur deshalb seien sie eigens mit einem Privatjet für einen Tag nach Istanbul gekommen – mit einer kleinen Truppe von Freunden, die dieses, in Saudi-Arabien sonst eher selten anzutreffende Hobby teilen. Man hat wenig Zeit und gönnt sich ja sonst wenig im Leben.

 

»Schafft ihn mir vom Hals«

 

Der Fall Jamal Khashoggi bringt täglich neue Indizien, Vermutungen und forensische Details hervor. Im Mittelpunkt des Medieninteresses steht dabei die Frage, ob, aber vor allem wie Khashoggi von einem mutmaßlichen saudischen, oder zumindest mutmaßlich aus Saudi-Arabien beauftragten, Kommando getötet wurde. Man fragt nach dem Tathergang, dem Motiv – war Khashoggi wirklich so ein harter Kritiker des saudischen Regimes, das man solche Risiken eingeht? – und dem, was schief gelaufen ist.

 

In diesem Zusammenhang kommen wir aber nicht umhin, nach der Mentalität und dem Weltbild derjenigen zu fragen, die andere zu solchen Taten dingen. Im Fall Khashoggi drängen sich Parallelen auf zu anderen Mordfällen – und das nicht wegen etwaiger politischer und diplomatischer Zerwürfnisse, die sie zur Folge hatten, ja nicht einmal aufgrund des Tatmotivs. Es ist vielmehr die Mentalität des Mörders und seiner Hinterleute. So wie man in der forensischen Psychiatrie versucht, die Frage zu beantworten, ob ein Täter zum Tatzeitpunkt in der Lage war, das Unrecht seines Handelns zu erkennen.

 

Wenn Khashoggi tatsächlich auf Geheiß des saudischen Staats getötet wurde, wusste die Regierungsspitze davon und hat die Operation autorisiert: Das mag nicht für König Salman zutreffen, der aus den täglichen Regierungsgeschäften weitgehend entfernt wurde, gewiss aber für den Kronprinzen Muhammad Bin Salman (MBS), der die Außen- und Sicherheitspolitik bestimmt. Grundsätzlich ist in solchen Fällen nicht auszuschließen, dass ein Herrscher einen solchen Auftrag als Kommando oder als Operationsbefehl formuliert: Letzteres kann sogar ein lapidares: »Schafft ihn mir vom Hals« bedeuten. Oder ein »Faîtes le nécessaire – tut das Nötige«, wie Frankreichs Präsident François Mitterand der Legende nach die Ausschaltung von Staatsfeinden auf anderen Kontinenten genehmigte.

 

Bei einem Charakter, wie ihn MBS gern von sich zeichnen lässt, kaum vorstellbar: Ein derart tatendurstiger Feldherr wird die Details einer solchen Operation erfahren wollen. Viele Beobachter fragen sich, ob der Tod Khashoggis, der nach Auskunft engerer Bekannter an einer chronischen Erkrankung litt, eine unbeabsichtigte – gleichwohl vorhersehbare – Folge von Gewaltanwendung und dem Einsatz von Sedativen während der Entführung war. Oder ob von Anfang an geplant war, ihn zu ermorden und seinen Leichnam in Einzelteile zu zerlegen.

 

Entführungen im Ausland mit falschen Krankentransporten haben saudische – ebenso wie türkisch, iranische, israelische, russische und viele andere Dienste – wohl bereits mehrfach erfolgreich durchgeführt. Und sie sind meisten damit davongekommen. Auch Morde an Dissidenten waren in den vergangenen Jahrzehnten keine Seltenheit: Wer allerdings im eigenen Konsulat ein solches Massaker verübt, hat entweder vollkommen den Bezug zu Realität und Risiken verloren, oder möchte ein furchtbares Exempel statuieren.

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