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Interview mit Fabrice Balanche über Idlib und die Türkei und Russland in Syrien
Interview mit Fabrice Balanche über den Kampf um Idlib und die Türkei und Russland in Syrien

zenith: Die syrische Armee und ihre russischen und iranischen Verbündeten blasen zum finalen Sturm auf die Provinz Idlib im Nordwesten. Warum gerade jetzt?

Fabrice Balanche: Das syrische Regime will das gesamte Land wieder unter seine Kontrolle bringen, deswegen rückt die letzte Bastion oppositioneller Kräfte natürlich in den Fokus. Die Offensive sollte eigentlich im September 2018 beginnen, doch die Pläne stießen in Ankara auf Widerstand. Russland und die Türkei vereinbarten daraufhin, die territorialen Differenzen beizulegen …

 

… mittels des Abkommens von Sotschi, das eine Pufferzone schaffen sollte …

… mit dem Ziel, dass radikale Rebellengruppen zum Abzug gezwungen werden – allen voran Hayat Tahrir Al-Scham (HTS). Doch die von Ankara für diesen Zweck geschmiedete Rebellenallianz »Nationale Befreiungsfront« zog den Kürzeren und ging als Verlierer aus der Konfrontation mit der HTS hervor, die mittlerweile 80 Prozent der Provinz Idlib unter Kontrolle hält. Erdoğan ist mit seiner Strategie also gescheitert.

 

Wer steckt hinter der Hayat Tahrir Al-Scham?

HTS ging aus der Nusra-Front hervor. Und die wiederum ist ein Zusammenschluss der syrischen Zweigstelle von Al-Qaida und verschiedener Rebellengruppen. Die HTS-Führung versucht zwar, sich von Al-Qaida zu distanzieren und hat etwa den Treueschwur zur Mutterorganisation nicht erneuert. Dennoch bekennen sich einige HTS-Elemente weiterhin zu Al-Qaida, etwa die Ansar-Al-Din-Front oder der syrische Zweig der »Islamischen Partei Turkestans« (TIP). In der HTS – inklusive der Führungsriege – sind hauptsächlich Syrer vertreten. Mit zwei Ausnahmen: Die Ansar-Al-Din-Front und die TIP vereinen eine große Zahl von Kämpfern aus Zentralasien.

 

Wie finanziert sich HTS?

Die Nusra-Front erhielt lange finanzielle Unterstützung aus der Türkei, Saudi-Arabien und Katar – bis sich die Golfstaaten entzweiten. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob HTS immer noch Gelder aus Saudi-Arabien zufließen. Viel wichtiger für die Finanzierung der Gruppe erweist sich heute die Kontrolle über die Provinz Idlib: Steuern, Handel, Versteigerung von konfisziertem Besitz von Christen, Alawiten oder auch ehemaliger Beamter – all das füllt die Koffer der Gruppe. Watad Petroleum, das Unternehmen, das die gesamte Provinz Idlib mit Öl und Gas versorgt, ist in HTS-Hand.

 

»Bei Erdoğan klingelten die Alarmglocken, als die YPG den Euphrat überquerte«

 

Die Türkei konnte ihre Zusagen nicht einhalten – was bedeutet das für Moskaus Strategie in Idlib?

Russland will das Assad-Regime stabilisieren und dafür sind zwei Faktoren von größter Wichtigkeit: Kontrolle über Nordsyrien und der Wiederaufbau von Aleppo. Und da kommt Idlib ins Spiel – und die Autobahn zwischen Latakia und Aleppo …

 

… eine der wichtigsten Verbindungswege in Nordsyrien, der quer durch die Provinz Idlib führt.

Aleppo ist derzeit nur über eine der Hauptverkehrsstraßen mit dem Rest des Landes verbunden – und zwar die Autobahn, die über Homs und Tadmor führt. Das erschwert den Wiederaufbau, weil die Stadt vom Hinterland abgeschnitten ist. Allerdings will Moskau keinen Schnellschuss wagen. Erdoğan mit einer Offensive rund um Aleppo zu überrumpeln, könnte die Türkei wieder in die Arme der Amerikaner treiben, so die Befürchtung. Doch auch Erdoğans Strategie gleicht einem Drahtseilakt: Die Türkei manövriert zwischen Russland und dem Westen. In Reihen der Nato wächst die Sorge, ob sich Ankara als trojanisches Pferd im Dienste Moskaus erweisen könnte.

 

Trotz der Warnungen aus Washington hat das Nato-Mitglied Türkei gerade den Ankauf von S-400-Geschützen aus russischer Produktion verkündet.

Russland nützen Spannungen innerhalb der Nato. Und die Türkei wiederum hat keinen Hehl aus dem Ärger über die US-amerikanische Unterstützung für die kurdischen Streitkräfte in Nordsyrien gemacht. Zwar sind in der Führungsriege der YPG auch syrische Kurden vertreten, doch de facto haben die PKK-Veteranen aus der Türkei das Sagen. Bei Erdoğan klingelten die Alarmglocken, als die YPG den Euphrat überquerte. Denn das eröffnete das Szenario eines Zusammenschlusses von Afrin und der anderen kurdisch kontrollierten Gebiete über das Verbindungsstück Manbidsch. Das würde bedeuten, dass die syrischen Kurden die gesamte Nordgrenze zur Türkei kontrollieren würden. Andererseits hatte die syrische Armee in diesen Grenzgebieten jeden Fortschritt der Tatsache zu verdanken, dass Erdoğan die Unterstützung für bestimmte nicht-kurdische Rebellengruppen temporär aussetzte. Diese Gemengelage schuf die Bedingungen für den russisch-türkischen Deal für Idlib.

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Saudi-Arabien und das Wahhabiten-Netzwerk
Saudi-Arabien und das Wahhabiten-Netzwerk

Der Auftritt von Popstar Mariah Carey im Januar 2019 sollte es aller Welt vor Augen führen: Der Plan des saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman (MBS), das Land durch den gesellschaftlichen Wandel und zu einer gemäßigten religiösen Mitte zu führen, liegt voll auf Kurs. Doch nicht nur der Westen schaut mit Blick auf die Modernisierungsagenda – mit Skepsis – Richtung Saudi-Arabien. Gegenwind droht dem designierten Thronfolger auch aus Teilen des salafistischen Milieus.

 

Dort wird das Königreich gerade wegen seiner konservativen Werte und der salafistisch ausgerichteten Gelehrten geschätzt, denen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung von Justiz und Bildungswesen sowie der Kontrolle öffentlicher Moral zugesprochen wird. In jüngster Zeit sind einige saudische Gelehrte aber in die Bredouille geraten. Der Grund: widersprüchliche Aussagen in dem offensichtlichem Bestreben, für die Agenda des Kronprinzen zu werben.

 

So zum Beispiel Salih Al-Mughamisi. Dem Imam der Quba-Moschee in Medina folgen auf Youtube über 1,25 Millionen Menschen, seine Videos sind insgesamt über 200 Millionen Mal abgerufen worden. Der 55-jährige Prediger tritt aber auch oft im Staatsfernsehen auf und verteidigte dort etwa die Entscheidung, Mariah Carey für einen Auftritt in die »King Abdullah Economic City« einzuladen. Einige seiner Youtube-Abonnenten nahmen die TV-Ansprache zum Anlass, ihn auf frühere Aussagen aufmerksam zu machen und die Aufrichtigkeit und Absichten des Klerikers zu hinterfragen. Denn mehr als einmal hatte Mughamisi argumentiert, dass der Islam Musikkonsum verbiete.

 

Ähnlich verhielt es sich mit dem salafistischen Prediger Muhammad Al-Arefe. Der hatte seine fast 20 Millionen Anhänger in den sozialen Medien ermutigt, die Überreste der antiken Wüstenstadt Mada’in Salih zu besichtigen, und zwar unmittelbar, nachdem MBS die Förderung des Tourismus zur Priorität der Wirtschaftspolitik erklärt hatte. Dabei hatte der 48-jährige Kleriker noch kurz zuvor in einem Interview beim arabischsprachigen Dienst der BBC vor einem Besuch der nabatäischen Ruinen im Nordwesten Saudi-Arabiens gewarnt, weil die Stätte von Dämonen besessen sei. Einige seiner Twitter-Follower kommentierten daraufhin, dass Al-Arefe eine Wandlung vollzogen habe: von einem religiösen Führer zu einem Reiseführer.

 

Und selbst für den Imam der Großen Moschee von Mekka hagelte es ungewohnte Kritik: Abdul-Rahman Al-Sudais hatte im Oktober 2018 von der wichtigsten Kanzel des Landes aus den Kronprinzen als »Erneuerer« (mujaddid) der Religion proklamiert – ein Terminus, der in den Ohren vieler Salafisten mindestens anmaßend klingen muss. Die Huldigung schlug international hohe Wellen. In der New York Times thematisierte der renommierte kuwaitische Rechtswissenschaftler Khaled Abou El Fadl den Tabubruch: »Kein Imam der Großen Moschee hat zuvor einen saudischen Herrscher als ›Erneuerer unserer Zeit‹ gesalbt oder gewagt, so etwas zu implizieren.«

 

Ebenfalls für Irritationen sorgten die außenpolitischen Statements des Imams. Sudais wirbt wiederholt für die Achse Washington-Riad und spart dabei nicht mit Superlativen. Im Herbst 2018 lobte er in einem Interview mit dem saudischen TV-Sender Al-Ekhbariya MBS und US-Präsident Trump dafür, »die Welt zum Frieden zu führen« – und erntete in den sozialen Medien Spott. Zudem stieß er bei Auftritten im Ausland, die die Charmeoffensive des Thronfolgers begleiteten, auf offenen Widerspruch. Videos von wütenden Zuhörern, die das amerikanisch-saudische Bündnis geißeln, zum Beispiel während eines Gastvortrags des Klerikers in einer Moschee in Genf, machten im Netz schnell die Runde.

 

Bei den Religionsstudenten in Medina kann MBS nicht auf bedingungslose Unterstützung zählen.

 

Weltweit sind Salafisten mit Saudi-Arabien verbunden, etwa weil die Moscheen, in denen sie beten, aus saudischen Mitteln finanziert wurden, oder weil die Imame in diesen und vielen anderen Moscheen an saudischen Universitäten ausgebildet wurden. Doch es mehren sich die Anzeichen, dass sich das Königreich auf Distanz zu jenen Einrichtungen geht, die zum zweifelhaften Ruf der saudischen Religionspolitik im Ausland beigetragen haben.

 

Seit 1969 war die Zentralmoschee in Brüssel in saudischer Hand. Im Mai 2018 löste die belgische Regierung den 99-jährigen Pachtvertrag vorzeitig auf – ein Unikum. Sicher ging die Initiative in diesem Fall von den belgischen Behörden aus, die in ihrer Erklärung explizit »die Art und Weise, wie der Islam gelehrt wird« als Grund für die Terminierung anführen. Überraschend ist eher, wie anstandslos die saudische Regierung den Kontrollverlust akzeptierte.

 

Auch in der Islamismus-Forschung rücken die Auswirkungen der sich verändernden saudischen Religionspolitik langsam in den Fokus. Schon in den 1980er- und 1990er-Jahren beschäftigte sich die Fachwelt mit dem Thema Salafismus, bevor es im neuen Jahrtausend ins breite öffentliche Bewusstsein rückte. Nun taucht auf Konferenzen, wie zuletzt Ende 2018 an der Universität Oxford, immer häufiger die Frage auf, was nach dem Salafismus kommt.

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General Haftar und der Krieg um Tripolis in Libyen
General Haftar und der Krieg um Tripolis in Libyen

Abdullah läuft über den Märtyrer-Platz und betrachtet die Banner und Flaggen am Straßenrand. »Wir haben schon einmal einen Diktator gestürzt und dessen Ende gefeiert. Wir werden nicht zulassen, dass ein weiterer Diktator unsere Hauptstadt betritt«, sagt er mit Blick auf ein Banner, das ein Bild von Khalifa Haftar ziert. Das Gesicht des Generals ist durchgestrichen. Darunter die Worte: »Lass uns in Ruhe«.

 

Abdullah ist 22 Jahre alt. Den Großteil seines Lebens kannte er diesen Platz unter dem Namen Al-Sahat al-Hadra, der »Grüne Platz«. Der Name war ein Ausdruck der Treue zur Jamahiryia, dem »Staat der Massen« und zum Brüderführer, Generaloberst, Herrscher der Revolution: Muammar Al-Gaddafi, der Beduine, geboren in einem Zelt im Vorort Qasr Abu Hadi.

 

Abdullah erinnert sich an den 2. März. An diesem Tag gingen die Menschen hier früher für das Regime auf die Straße, anlässlich der Ausrufung der Jamahiryia. Er erinnert sich auch an den 1. September, der Tag der Revolution, an dem Gaddafi seine Machtübernahme 1969 feierte.

 

Auf diesem Platz rief Gaddafi zu Beginn der Proteste, am 25. Februar 2011, seinen Unterstützern zu: »Ein Leben ohne Würde hat keinen Wert, ein Leben ohne die grüne Flagge hat keinen Wert. Also tanzt und singt! Wer mich nicht unterstützt, wird sterben.« Einige Monate später feierten die Menschen am selben Ort seinen Tod, tanzten auf den heruntergerissenen Portraits des Diktators. Die Menschen gingen hier gegen das Regime auf die Straße, riefen den Sieg aus und reklamierten den Ort für sich, der jahrelang das Symbol der Herrschaft des »Bruderführers« gewesen war – und nannten ihn in Märtyrer-Platz um.

 

Heute ist er wieder voll mit Menschen. Männer und Kinder auf der einen Seite, Frauen auf der anderen. Auf einem Plakat steht: »Nein zur Militarisierung von Libyen«. Doch das Land ist längst militarisiert: Auf fünf Millionen Menschen kommen hier 20 Millionen Waffen.

 

Die Poster auf dem Märtyrer-Platz sind der Spiegel dieses Krieges in Libyen, der längst eher einem Stellvertreter- als einem Bürgerkrieg gleicht.

 

Eine Gruppe Jugendlicher schleift eine überdimensional große Flagge über den gesamten Platz und ruft: »Nein zu einem weiteren Diktator. Nein zu Haftar, dem Kriegsverbrecher.« Ein älterer Mann sitzt auf einem Schemel. Er rezitiert ein Gedicht, eine Ode an die Wüste und den Mut der Helden Libyens, allen voran Omar Al-Mukhtar, Anführer des Widerstands gegen die italienische Besatzung in den 1920er Jahren. »Ich werde diesen Ort nicht verlassen, bis ich eines der zwei höchsten Ziele erreiche: das Märtyrertum oder den Sieg«, zitiert der alte Mann.

 

Al-Mukhtar siegte nicht. Er wurde gefangen genommen, im Littorio-Palast in Benghazi vor Gericht gestellt und auf dem Vorplatz vor den Augen von 20.000 Menschen gehängt. Heute erinnert der Platz an andere Tote. Sie wird man in Zukunft als die »Märtyrer« der Haftar-Offensive feiern. Um den alten Mann herum rufen Menschen im Chor: »Gott ist groß«. Und immer wieder »Wir werden siegen«.

 

Es gibt kaum eine Wand, die nicht plakatiert ist mit Bildern von Haftar und seinen Verbündeten. Etwa der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman, Ägyptens Präsident Abdulfattah Al-Sisi, Wladimir Putin und der Kronprinz der Vereinten Arabischen Emirate (VAE), Muhammad bin Zayed Al Nahyan. Auch der französische Präsident Emanuel Macron lächelt von den Hauswänden herunter. Jedes einzelne Bild ist mit einem roten Stift überkritzelt worden.

 

Die Poster auf dem Märtyrer-Platz sind der Spiegel dieses Krieges in Libyen, der längst eher einem Stellvertreter- als einem Bürgerkrieg gleicht. Die Menschen sind sich einig: Tripolis darf nicht zum neuen Benghazi oder das neue Derna werden – dem Erdboden gleich gemacht durch die Bomben Haftars.

 

»Wir sind müde und viele dieser Demonstranten hier hätten Haftar vor einigen Wochen mit offenen Armen willkommen geheißen«.

 

Ein Mädchen hält ein Banner in der Hand mit der Aufschrift: »Die Vereinten Nationen zerstören unser Land.« Sie erklärt: »Niemand hier vertraut mehr auf Ghassan Salamé. Die Vereinten Nationen haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Sie müssten wissen, dass man mit Kriminellen nicht verhandeln kann. Trotzdem reden sie mit Haftar. Unsere Geduld ist am Ende.«

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Interview mit Bijan Khajehpour über Iran-Sanktionen und die Straße von Hormus
Interview mit Bijan Khajehpour über Iran-Sanktionen und die Straße von Hormus

zenith: Beim Blick auf die Karte erkennt man sofort die Bedeutung der Straße von Hormus. Wie schlägt sich diese geostrategische Lage in den handelszahlen nieder?

Bijan Khajehpour: 35 bis 40 Prozent des Erdöls, das weltweit über den Seeverkehr befördert wird, läuft über die Straße von Hormus. Das sind mehr als 20 Prozent des gesamten gehandelten Öls.

 

China, Japan und Südkorea sind vom Nahen Osten abhängig. Sie importieren mehr als die Hälfte ihres Energiebedarfs aus der Region. Gibt es Alternativen für asiatische Ölimporteure?

Wenn die gesamten Öl-Importe aus dem Nahen Osten eingestellt würden, wären die asiatischen Importeure in einer sehr schwierigen Lage. Kein anderer Anbieter könnte das Gesamtvolumen der Exporte aus dem Nahen Osten ersetzen. Wenn jedoch allein die Importe aus Iran wegfielen, böten sich andere regionale Öllieferanten oder auch die USA als alternative Handelspartner an. Dennoch muss man eine Reihe von Unterschieden berücksichtigen: Ohne Iran wird es an einigen speziellen Ölsorten mangeln. Darüber hinaus verfügt Iran über Kapazitäten, Rohöl mit Kondensat zu mischen, um für seine Kunden sehr begehrte Ölsorten herzustellen. Nicht zuletzt versprach das Iran-Geschäft sehr vorteilhafte Zahlungsbedingungen. Teheran gewährt seinen Kunden etwa Zahlungsverzug – das bietet sonst niemand.


Wie realistisch sind die Warnungen aus Teheran?

Teherans rhetorische Drohkulisse ist eine klare Reaktion auf die amerikanische Strategie des »maximalen Drucks«. Das konkrete Vorgehen Irans wird vollkommen vom Handeln Anderer abhängen: Wenn die USA zur Besinnung kommen und eine andere Politik verfolgen, wird auch Iran deeskalieren.

 

»Einige Unternehmen könnten aber versuchen, sich den Schutz der US Navy oder anderer Streitkräfte in der Region zu sichern.«

 

Welche Möglichkeiten stünden Handelsunternehmen zur Verfügung, sollten die Lieferwege dennoch nicht gesichert sein?

Den Persischen Golf und die Straße von Hormus zu umgehen, ist gar nicht so einfach. Die Öl-Häfen der wichtigsten Produzenten befinden sich am Persischen Golf und dieses Öl muss fließen. Es gibt eine Pipeline durch die VAE, die einen Teil des Handelsvolumens stemmen könnte, aber die entsprechenden Öltanker müssten alle in den Gewässern des Persischen Golfs befinden. Einige Unternehmen könnten aber versuchen, sich den Schutz der US Navy oder anderer Streitkräfte in der Region zu sichern.

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Interview mit Historiker Fred Donner über die Frühzeit des Islam
Interview mit Islamwissenschaftler Fred Donner über die Frühzeit des Islam

zenith: Sie forschen unter anderem zur Entstehung des Islam. Wie kommt das in den muslimischen Ländern und gerade in den Golfstaaten an, auf denen das Augenmerk ihrer Forschung liegt?

Fred Donner: Einige Länder in der arabischen Welt nehmen eine sehr ablehnende Haltung gegenüber einer historischen Interpretation des frühen Islam ein. Saudi-Arabien etwa gründet seine gesamte Identität auf traditionellen Narrativen. Es ist daher schwer für die Saudis, irgendetwas zu akzeptieren, das nach revisionistischen Ansichten klingt. In anderen muslimischen Ländern sieht das anders aus: Indonesien zeigt großes Interesse an Forschungen über den Ursprung des Islam. Die Indonesier stehen seit langem in einem Identitätskonflikt: Sie fühlen sich als Muslime, aber nicht als Araber. Sie suchen nach einem Weg, in ihren eigenen sozialen Strukturen gute Muslime zu sein. Es mag auch in Saudi-Arabien einige Wissenschaftler geben, die an revisionistischen Interpretationen interessiert sind. Aber es ist schwer für sie, sich in ihrer Umgebung offen darüber zu äußern.

 

Falls Archäologen auf Artefakte stoßen würden, anhand derer neue Erkenntnisse über die Geschichte des Islam gewonnen werden können – wären solche Funde nicht aussagekräftig genug, um bisherige Annahmen zu erschüttern? Auch die der Saudis?

Es mangelt uns immer noch an Quellen aus dem siebten, also dem ersten islamischen Jahrhundert. Wir haben viele Berichte aus dem 8. Bis 10. Jahrhundert, die auch weitgehend von Orientalisten herangezogen wurden, um Aussagen über den Ursprung des Islam zu treffen. Das Problem ist, dass es sich dabei um Retrospektiven handelt, die möglicherweise die vorhergehenden Ereignisse idealisierten.

 

Was wäre denn eine konkrete archäologische Entdeckung, die Sie als Durchbruch in dieser Hinsicht bezeichnen würden?

Wir haben kein einziges Dokument, das vom Propheten Muhammad selbst kommt. Es gibt Briefe, von denen einige glauben, dass sie aus seiner Feder stammen. Aber dabei handelt es sich wahrscheinlich um Fälschungen. Ein Dokument von ihm persönlich zu finden, wäre somit ein Durchbruch. Alles, was wir bisher haben, sind Nachweise über Menschen, die ihn direkt kannten, wie etwa seine Eltern...

 

... die wohl zu der Gruppe der »Hanifas« gehörten. Auch darüber wird diskutiert. Kommen Muhammads Eltern in die Hölle, weil sie keine Muslime waren? Den Islam gab es ja erst nach Muhammad.

Die interessante Frage ist hier der Charakter der ersten Gemeinschaft, die Muhammad gründete. Und deren Verhältnis zu anderen Religionen. Viele Menschen nehmen heute an, dass Muhammad von einem religiösen Erlebnis motiviert war und Gott seinen berechtigten Platz in der Welt zuweisen wollte. Aber vielleicht hatte er gar nicht vor, eine neue Religion zu gründen. Er wollte bloß den Monotheismus wiederbeleben, der bereits existierte. Juden und Christen waren Monotheisten – er wollte aus ihnen bloß wahre Monotheisten machen.

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Interview mit Islam-Gelehrten Maulana Wahiduddin Khan über Indien und Pakistan
Interview mit Islam-Gelehrten Maulana Wahiduddin Khan über Indien und Pakistan

zenith: Im Vorfeld der Wahlen in Indien würde viel Hass zwischen den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften im Land geschürt. Wie würden Sie die Beziehung zwischen Muslimen und Hindus in Indien heute beschreiben?

Maulana Wahiduddin Khan: Indien ist multi-religiös und seit jeher herrscht hier eine Kultur der Toleranz. Die Teilung Indiens nach der Unabhängigkeit hat einige Probleme geschaffen, eines davon ist die Angst vor einer durch die Mehrheiten geführten Bewegung gegen die Minderheiten. Mahatma Gandhi und Pandit Jawaharlal Nehru haben das in Indien jedoch verhindert. Leider erkennen die Muslime heutzutage ihre gesellschaftliche Rolle nicht. Deswegen haben sich ihre Denkweisen auch so negativ entwickelt.

 

Welche Rolle spielt die Situation in Kaschmir?

Kaschmir bietet für Indiens Tourismus-Industrie enorme Möglichkeiten. Doch die gewalttätigen Proteste der Kaschmiris hemmen dieses Potenzial. Die Menschen sollten lieber diese Chancen erkennen und entsprechend handeln, anstatt zu protestieren und sich zu beschweren.

 

»Pakistan muss eine politische Strategie nach dem Vorbild von Westdeutschland in der Nachkriegszeit finden«

 

Wie steht es mit Pakistan?

Pakistan und Indien sind Nachbarn und können es sich nicht leisten, Antagonisten zu bleiben. Sie müssen freundschaftliche Beziehungen zueinander aufbauen – in allen Bereichen –, um sich weiterzuentwickeln. Und Pakistan muss eine politische Strategie nach dem Vorbild von Westdeutschland in der Nachkriegszeit finden. Eine andere Option hat das Land nicht.

 

Was genau meinen Sie damit?

Westdeutschland hat auf Basis dessen gehandelt, was dem Land geblieben war und keine Zeit damit verschwendet, dem hinterher zu trauern, was verloren war. Menschen sind besessen von einer Idee der Totalität. Sie wollen Dinge vollständig erreichen und es widerstrebt ihnen, ihre Ziele nur in Teilen zu erreichen. Aber dieser Gedanke widerspricht der Natur. Die Vergangenheit kommt nicht zurück. Die Führer der Muslime hätten ihrer Gemeinschaft genau das aufzeigen müssen. Das ist ihnen nicht gelungen und deswegen ist viel Zeit verloren gegangen. Die realistische Erfolgsformel für Pakistan lautet: Man kann nicht alles erreichen, sondern muss die Möglichkeit nutzen, die zur Verfügung stehen. Und das bedeutet, sich darauf zu konzentrieren, den eigenen Staat aufzubauen.

 

Interview mit Islam-Gelehrten Maulana Wahiduddin Khan über Indien und Pakistan
Foto: Florian Guckelsberger

 

2012 haben Sie in einem Interview behauptet, es gäbe keinerlei Diskriminierung von Muslimen in Indien. Sehen Sie das immer noch so?

Ja, das sehe ich immer noch so. Die religiösen Oberhäupter haben die muslimische Gemeinschaft in die Irre geführt. Es stimmt, dass Muslime im Vergleich zu anderen Gemeinschaften rückständig sind. Der Grund dafür ist aber nicht etwa Diskriminierung, sondern mangelnde Bildung. Wenn Muslime weiterhin so besessen bleiben von dieser Idee, diskriminiert zu werden, werden sie nie eine positive Rolle einnehmen können. Die Menschen schreien immer sofort »Diskriminierung«, wenn sie Unterschiede sehen. Aber Unterschiede sind nicht etwa schlecht, sie gehören zu jeder Gesellschaft natürlicherweise dazu.

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Katar und die Menschenrechte
Eröffnung des neuen Nationalmuseums in Katar

Das Ritz Carlton ist eine der exklusivsten Adressen der katarischen Hauptstadt Doha. Es verfügt über eine Pool-Landschaft mit künstlichem Wasserfall, eine Zigarrenlounge und einen Privatstrand. Eine kleine Flasche Wasser aus der Minibar der stilvoll eingerichteten Zimmer kostet knapp 6,50 Euro. Anfang April fand hier jedoch eine Konferenz statt, deren Thema die wenigsten Menschen mit Katar oder dem Ritz Carlton in Verbindung bringen würden: Zusammen mit namhaften internationalen Partnern luden die katarischen Gastgeber mehr als 250 Teilnehmer aus aller Welt ein, um zu debattieren, wie Straflosigkeit bei schweren Menschenrechtsverletzungen bekämpft werden kann.

 

Dass Katar bisher nicht gerade als Menschenrechtshochburg aufgefallen ist, wäre eine Untertreibung. Insbesondere die katastrophalen Arbeitsbedingungen für Arbeitsmigranten und die Rechtsungleichheit von Frauen sorgen im Ausland immer wieder für Empörung. Auf den Baustellen für die Fußball-WM 2022 starben hunderte Bauarbeiter, die meisten davon Gastarbeiter aus Indien und Nepal. Im Freedom House Ranking, das Länder nach politischen Freiheiten bewertet, gilt Katar als unfrei; die Bürgerrechte als stark eingeschränkt. Dennoch trat das EU-Parlament neben der UN als Mitorganisator der illustren Konferenz in Erscheinung.

 

Wie passt das zusammen?

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Die Golfstaaten und die Systemfrage in Libyen, Algerien und Sudan
Scheich Underwood

Algeriens Präsident Abdulaziz Bouteflika wich dem Druck der Straße nach 20 Jahren im Amt, der selbst ernannte Feldmarschall und Warlord Khalifa Haftar entschied sich, den politischen Prozess in Libyen militärisch zu begraben, und Sudans Präsident Omar Al-Baschir wurde vom Militär gezwungen, nach 30 Jahren abzudanken. Während Libyen in die zweite Runde seines postrevolutionären Bürgerkriegs geht, erscheint es, als hätte das Volk in Algerien und im Sudan es geschafft, seine Forderungen nach politischem Wandel zu erfüllen.

 

Doch obwohl die Entwicklungen in Algiers und Khartum Grund zur Hoffnung geben, verdeutlicht der Aufstieg Haftars in Libyen, wie voreilig die anfängliche Begeisterung über den Fall des Gaddafi-Regimes war. In allen drei Fällen laufen die Erfolge der Protestler Gefahr, von Männern in Uniform unterminiert zu werden – Generäle, deren Ansprüche nach direkter oder indirekter Militärherrschaft den Weg von einer Diktatur zur nächsten ebnen könnten.

 

Als die Bilder der Revolutionen 2010 und 2011 um die Welt gingen, lösten die Rufe nach mehr sozialer Gerechtigkeit und politischer Freiheit eine Welle liberaler Begeisterung im Westen aus. Der naive Realismus der Anfangstage des Arabischen Frühlings wich Ernüchterung und einem gewissen Zynismus, angesichts der Tatsache, dass einige Länder im Bürgerkrieg versanken, während andere, so wie Ägypten, nach nur einem Jahr ziviler Regierung unter der Muslimbruderschaft in eine Militärdiktatur schlitterten.

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Iran, Trump, und der mögliche Krieg nach dem Rückzug aus dem Atomabkommen
Kolumne Daniel Gerlach

»Eskalation« ist ein Begriff, der in der zurückliegenden Woche in Schlagzeilen und TV-Nachrichten zu lesen und zu hören war. Er ist einigermaßen unkonkret: Eine Situation verschlechtert und verschärft sich, ein Wort ergibt das andere, es kommt zum Handgemenge. Und irgendwer tut dann, was er eigentlich nicht tun wollte.

 

Gewiss denken die Verantwortlichen derzeit hin und wieder an den Oktober 1983. Irans Präsident Hassan Ruhani saß damals im Nationalen Sicherheitsrat. Die Islamische Republik hatte kurz vorher das Blatt im Iran-Irak-Krieg gewendet und Boden gutgemacht – um den Preis einer Massenoffensive, die hunderttausende Verluste brachte und gegen die Saddam Hussein Giftgas aus Helikoptern abwerfen ließ. Donald J. Trump hatte gerade zum wiederholten Mal die Eröffnung seines Trump Tower gefeiert und ging vermehrt mit Größen der New Yorker Halbwelt zu Tisch. Und John Bolton, von dem man später noch oft hören sollte – unter anderem wegen Behinderung der Justiz in der Iran-Contra-Affäre – bekleidete seit kurzem einen Führungsposten im Nationalen Komitee der Republikanischen Partei.

 

Am Morgen des 23. Oktober 1983, um 6:22 Uhr, durchbrach ein Selbstmordattentäter mit einem Lastkraftwagen die Sperre zum Quartier amerikanischer Marineinfanteristen in der Nähe des Flughafens Beirut. Er zündete eine Ladung von – wie Forensiker später schätzten – rund einer Tonne Sprengstoff und tötete 241 Amerikaner. Es war der verlustreichste Tag für die Marines seit dem Pazifikkrieg 1945, ausgeführt von einer Gruppe mit dem recht generischen Namen »Islamischer Dschihad«. Nach Überzeugung amerikanischer Ermittler wurde diese Zelle von den Netzwerken einer später als Hizbullah bekannten Organisation geführt und von Syrien und Iran unterstützt. Wenige Monate später zogen die Marines, deren »Präsenz« im Libanon ohnehin nie durch eine klare Mission definiert war, aus Beirut ab.

 

Bolton, Vizepräsident Mike Pence und auch Außenminister Mike Pompeo haben seitdem keine Gelegenheit ausgelassen, um das Gedenken an den 23. Oktober 1983 zum Anlass zu nehmen, ihre Haltung gegenüber Iran zu untermauern:

 

Gewiss hatte US-Außenminister Mike Pompeo ein solches Szenario im Sinn, als er in der zurückliegenden Woche seinen Termin in Berlin absagte und nach Bagdad reiste, um sich dort mit dem Ministerpräsidenten, dem Präsidenten und anderen Verantwortlichen zu treffen. Angeblich hatten die US-Nachrichtendienste konkrete Informationen über Anschlagspläne pro-iranischer Milizen, welche laut amerikanischen Medienberichten allerdings »aufgeblasen« wurden.

 

Wie nun, obwohl angeblich keiner der Beteiligten eine Krieg anfangen will, könnte die »Eskalation« vonstattengehen?

 

Einer oder mehrere mit Sprengstoff beladene Lkw auf einen US-Konvoi, eine Basis im Irak, in Nordostsyrien oder der Militärbasis Tanf. Eine dschihadistische Organisation, etwa der »Islamische Staat«, dessen Kalif erst neulich ein von seinen Anhängern mit Sehnsucht erwartetes Lebenszeichen von sich gegeben hat, reklamiert das Attentat für sich. Sie könnte tatsächlich dahinterstecken – mit dem Ziel, den Untergang des Nahen Ostens, mit dem sie ohnehin in Kürze rechnet, etwas zu beschleunigen.

 

Die US-Dienste aber vermuten iranische Handlanger dahinter. Und vielleicht haben sie dafür auch Indizien. Teheran dementiert, gibt aber zugleich bekannt, dass man sich von amerikanischen Lügen und Drohungen nicht einschüchtern lassen werde. Und dass man auf jede militärische Provokation mit gleicher Münze reagieren wolle. John Bolton, Trumps Nationaler Sicherheitsberater, der seine letzte Chance nutzen will, um Weltgeschichte zu machen, interpretiert die wacklige Beweislage in einem für ihn günstigen Sinne.

 

Über Nacht feuern amerikanische Schlachtschiffe im Persischen Golf eine Salve Tomahawk-Raketen auf eine Basis der Revolutionsgardisten in Iran, die ja seit April 2019 in Washington als »Foreign Terrorist Organisation« gelten.

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Assad, Syrien, die AfD und Flüchtlinge
Kolumne Daniel Gerlach

Vor einigen Tagen machte die Geschichte eines Syrers die Runde, der für die AfD-Bundestagsfraktion arbeitet. Seitdem ist Kevork Almassian bekannt wie ein bunter Hund. Die Moderatorin des ARD-Magazins »Kontraste«, das am 28. Februar über ihn berichtete, bemerkte mit einem etwas süffisanten Unterton, einen wie Almassian dürfe es nach Meinung der AfD in Deutschland ja eigentlich gar nicht geben. Denn schließlich sei er ein »Flüchtling«, der freimütig zugebe, er sei aus wirtschaftlichen Gründen in der Bundesrepublik.

 

Almassian stammt nach eigenen Angaben aus der christlich-armenischen Minderheit in Aleppo und ist als Social-Media-Referent für den AfD-Abgeordneten Markus Frohnmeier tätig. Er hatte der ARD in einem Interview recht detailliert beschrieben, wie er erst zunächst das schweizerische und dann das deutsche Asylrecht ausgenutzt habe. Er konnte so an den Aufenthaltsstatus als Flüchtling gelangen und behauptet in dem Interview auch, die Behördenmitarbeiter seien über all diese Details informiert gewesen. Er habe also nicht gelogen.

 

Seit diesem ARD-Bericht haben verschiedene, auch internationale Medien den Fall aufgegriffen und Almassian nachrecherchiert. Anwälte und Aktivisten fordern nun die Überprüfung und allfällige Aberkennung seiner Aufenthaltsgenehmigung. Syrische Regimegegner werfen ihm in sozialen Medien vor, er sei ein Shabih – ein Scherge des Assad-Regimes – der sogar planmäßig nach Deutschland entsandt worden sei, um Oppositionelle zu diskreditieren und Propaganda für Assad zu machen. Almassian gibt sich in sozialen Medien als flammender Unterstützer des syrischen Präsidenten zu erkennen und sagt, er hasse die Opposition.

 

Natürlich: Ein Syrer bei der AfD ist sicher ein interessanteres Objekt der Berichterstattung als einer im Büro eines Grünen-Abgeordneten – oder sogar in der Redaktion der Bild. Man findet das offenbar irgendwie kurios, vielleicht weil man denkt: Der Syrer müsste es doch besser wissen. Wird er denn nicht auch ständig gefragt, woher er »ursprünglich« kommt. Ist er nicht immer wieder selbst Opfer struktureller, subtiler, in jedem Fall aber rassistisch motivierter Diskriminierung? Wie kann er da zur AfD überlaufen? Und warum holt diese Partei einen bärtigen Orientalen ins Haus, der sich am Ende noch an einem deutschen, blonden Mädchen zu schaffen machen könnte?

 

Was mich überrascht hat, ist die Überraschung, die der Fall Almassian meinem Eindruck nach bei zahlreichen Medienschaffenden ausgelöst hat. Zunächst einmal gibt es natürlich in Deutschland auch viele Syrer, die subsidiären Schutz genießen, obwohl sie politisch eher auf Seiten Assads stehen. Die meisten Flüchtlinge mögen vor den Bomben des Regimes geflohen sein, viele andere aber auch, weil bewaffnete Aufständische den Kampf in dicht besiedelte Stadtviertel getragen haben und sie ihr Geschäft zumachen mussten. Oder weil ihr Haus in der Provinz Idlib plötzlich von zugereisten Kämpfern aus Tschetschenien konfisziert wurde. Als Syrer und Flüchtling muss man also weder par défaut oppositionell sein, noch differenzierte politische Ansichten besitzen.

 

Populistisch und identitär

 

Dass die AfD nun einen vermeintlichen Asylbetrüger wie Almassian beschäftigt, kann wiederum nur diejenigen wundern, die noch immer glauben, diese Partei bestehe aus Law- und Order-Patrioten. Dabei haben zahlreiche ihrer Politiker ja bereits deutlich gemacht: An ein System, das sie verachten, fühlen sie sich nicht unbedingt gebunden. Man nutzt stattdessen jede Gelegenheit, es vorzuführen. Almassians Verhalten mag zwar kein Grund für eine Personalentscheidung zu seinen Gunsten sein, aber zumindest auch kein Hindernis.

 

Seit im vergangenen Jahr eine Delegation von AfD-Abgeordneten auf offizielle Einladung nach Syrien gereist ist, wird gelegentlich über die Beziehungen zwischen neuer Rechter und dem syrischen Regime berichtet. Deutsche Regierungspolitiker rügten die Reise als einen zynischen Akt der öffentlichen Aufwertung Assads. (AfD-Mann Frohnmaier und Almassian lernten sich übrigens nicht etwa in Damaskus kennen, sondern nach Recherchen von T-Online bei einer Konferenz im der Ost-Ukraine, die von prorussischen Separatisten organisiert wurde.

 

Man kann nun die Annäherung zwischen der neuen deutschen Rechten und dem syrischen Regime als gezielte Provokation betrachten – oder als rein taktisches Manöver, das aus der Suche nach einer gemeinsamer Gegenposition zum herrschenden, westeuropäischen »Mainstream« resultiert: Den empfinden beide als linksliberal, flüchtlingsfreundlich, menschenrechtsbesessen, antiautoritär und natürlich antirussisch. Und anders als bei Teilen der Linken scheint diese Solidarität jedenfalls nicht auf nostalgischen, antiimperialistischen Reflexen zu gründen, sondern auf einem klar definierten, gemeinsamen Feindbild. Demzufolge hätten das Assad-Regime und seine Anhänger und die neue Rechte in Deutschland also unterschiedliche Ideologien, dafür aber gemeinsame Interessen.

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Die Achse Washington-Riad in Zeiten von MBS und Trump
Die Achse Washington-Riad in Zeiten von MBS und Trump

Als Abdulaziz Ibn Saud, der erste König Saudi-Arabiens, im Februar 1945 in der Hafenstadt Dschidda ein amerikanisches Kriegsschiff besteigt, um den damaligen US- Präsidenten Franklin D. Roosevelt zu treffen, bringt er eine Herde Schafe mit an Bord. Der Auftritt des 69-jährigen Regenten ist bizarr, aber er und Roosevelt verstehen sich gut. Der Präsident schenkt dem König einen Rollstuhl und eine DC-3-Propellermaschine.

 

So beginnt nicht nur die Geschichte der Fluglinie Saudi Arabian Airlines, sondern auch die längste politische Zweckehe der jüngeren Geschichte. Sie überlebt den Kalten Krieg, den 11. September und den Arabischen Frühling. Doch spätestens seit dem Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi steckt sie in der Ehekrise. Saudi-Arabien, langjähriger US-Partner im Nahen Osten, gilt jetzt als Land, das Dissidenten in Einzelteile zersägen lässt, einen nutzlosen Krieg im Jemen vom Zaun bricht und wie ein besoffener Boxer von einem außenpolitischen Fettnäpfchen ins nächste stolpert.

 

Auch wenn Donald Trump unbeirrt dagegen antwittert, ist der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman (MBS) für viele einflussreiche US-Politiker untragbar geworden. Der republikanische Senator Lindsey Graham nannte ihn eine »Abrissbirne«. Und Bruce Riedel, ehemaliger CIA-Analyst und Berater von vier US-Präsidenten, geht noch weiter. »Muhammad Bin Salman«, sagt er im Gespräch mit zenith, »hat eine in der saudischen Geschichte beispiellose Schreckensherrschaft etabliert«.

 

In Dschidda, wo König Ibn Saud einst in See stach, um Roosevelt zu treffen, schlendern heute sogar unverheiratete Paare Seite an Seite über die Corniche. Noch vor wenigen Jahren ein undenkbares Bild.

 

Überraschend ist das nur auf den ersten Blick, existiert der Graben zwischen den Verbündeten bei genauerem Hinsehen bereits länger. Er tat sich ausgerechnet in jener Zeit auf, in der die saudisch-amerikanischen Beziehungen so gut wie selten waren. In einer Zeit, als Saudi-Arabien, das dem Westen über Jahrzehnte als Reich der Finsternis gilt, mit für seine Verhältnisse fast schon radikalen Reformen weltweit Schlagzeilen machte.

 

Es ist der Herbst 2017, MBS ist seit wenigen Monaten Kronprinz seines Landes. Trotz seiner jungen 31 Jahre und dem erst kürzlich übernommenen Amt, scheint er sich auf dem Höhepunkt seiner Macht zu befinden. Viele seiner Konkurrenten hat er bereits aus dem Feld geräumt, die Macht der wahhabitischen Prediger gebrochen und gerade verkündet, das Fahrverbot für Frauen aufzuheben. Ein ehrgeiziges Reformprogramm soll den saudischen Rentierstaat umbauen und seine Abhängigkeit vom sinkenden Ölpreis mindern.

 

In Saudi-Arabien herrschte damals eine aus heutiger Sicht nahezu unheimliche Euphorie. Aktivistinnen, Jungunternehmer, Journalisten und Intellektuelle hoffen auf eine Zeitenwende. »Wir haben lange auf genau so etwas gewartet«, berichtet etwa die Journalistin Samar Fatany, in ihrem Haus im Westen Dschiddas sitzend: »Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch erleben würde.« So wie Fatany denken viele gebildete Saudis. Jahrzehnte der Stagnation haben die Sehnsucht nach Veränderung greifbar gemacht. In Fatanys Heimatstadt Dschidda, wo König Ibn Saud einst in See stach, um Roosevelt zu treffen, schlendern heute sogar unverheiratete Paare Seite an Seite über die Corniche. Noch vor wenigen Jahren ein undenkbares Bild.

 

Trump und König Salman gebärden sich wie befreundete Monarchen. Der Kronprinz und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner mimen die jungen Prinzen.

 

Das Saudi-Arabien von MBS, so sein Versprechen, soll ein anderes sein. Ein liberales, moderneres Land, umwölbt von einem weltoffenen Islam. Ein Land, das trotz aller Probleme versucht, seiner Jugend, die über 70 Prozent der Bevölkerung ausmacht, eine Zukunft zu bieten. Die Aussicht auf solch ein Saudi-Arabien, mit dem eine echte Partnerschaft möglich scheint, lockte selbst liberale Amerikaner, wie den früheren Nahost-Korrespondenten der New York Times, Thomas L. Friedmann. Seine Begeisterung für den jungen Kronprinzen scheint echt, nach einem Treffen schreibt er eine regelrechte Hymne auf den neuen starken Mann des Königshauses und redet einem »saudischen Frühling« das Wort.

 

In US-Präsident Donald Trump findet MBS zudem einen auf den ersten Blick nahezu perfekten Partner. Nach Barack Obama, dessen Flirt mit Iran die Saudis verzweifeln ließ, sitzt jetzt ein Hardliner im Weißen Haus. Einer, der auf klare Verhältnisse setzt und seine Außenpolitik strikt entlang amerikanischer Interessen ausrichtet. Er will das Bündnis mit Riad kitten, das durch den Atomdeal mit Iran erschüttert worden war. »Keine der früheren US- Regierungen war dabei so direkt. Aber das ist nun mal Trumps Politik. Er war in dieser Hinsicht immer ehrlich und hat nichts Anderes angekündigt«, analysiert Karen Young vom American Enterprise Institute in Washington.

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Islamdebatte, Orientalistik und Expertentum
Kolumne Daniel Gerlach

Kennen Sie Fakhreddin Al-Razi? Oder Frank Griffel? Es muss Ihnen nicht peinlich sein. Bis vor kurzem ging es mit auch so. Und in meinem Fall ist das ein peinlicheres Eingeständnis: Ich weiß nicht, ob und was Sie studiert haben. Aber ich hätte beide wohl kennen sollen, denn ich habe im zweiten Hauptfach Islamwissenschaft studiert.

 

Ende letzten Jahres durfte ich einen Vortrag an der Universität Yale zum Thema Syrien halten. Bei dieser Gelegenheit lernte ich Frank Griffel kennen, einen deutschen Orientalisten und Fachmann für Islamische Geistesgeschichte, der, nach Stationen in Berlin, Göttingen, London und Beirut, gewissermaßen den Jackpot geknackt hat. Wie sonst sollte man es nennen, wenn jemand seiner Leidenschaft als Professor an der Fakultät für »Religious Studies« an einer der weltweit renommiertesten Universitäten nachgehen kann? Und das ohne fortwährend den Druck zu verspüren, sich einzumischen in die saisonalen Debatten unserer Tage: Ob nun der Islam zu Deutschland gehört (Winter), der Burkini ins Freibad (Sommer), oder ob man deutsche IS-Legionäre vom Euphrat an die Ems zurückholen sollte (gerade aktuell).

 

Im Nieselregen von New Haven, beim Spaziergang auf der Straße vor seinem Institut, erzählte mir Griffel von seiner Forschung, der nachklassischen islamischen Philosophie. Als ich salopp nachfragte, ob nicht der Theologe und Imam Al-Ghazali die islamische Philosophie um 1100 beendet habe, weshalb es mit der islamischen Aufklärung leider doch nichts wurde, funkelte es geradezu in Griffels Augen. Das könnte mir so passen, erwiderte er sinngemäß. Nur weil die westliche Orientalistik die nachklassischen Philosophen nicht kenne oder nicht verstehe, heiße das noch lange nicht, dass sie nicht existiert hätten. Ich würde mich noch wundern.

 

Einige Wochen später fand ich ein Kuvert in der Post, von dem ich zunächst dachte, er sei leer. Ich schüttelte es und fand dann doch noch etwas. »Den Islam denken – Versuch, eine Religion zu verstehen« ist ein Büchlein, das mit 90 Reclam-Seiten – abzüglich der Anmerkungen – und 64 Gramm Eigengewicht kaum schwerer ist als mein Reisepass. Es passte gut in die Innentasche meines Jacketts, wo es dann auch eine Zeitlang überwinterte. Bis mich ein Posting meines Facebook-Freundes Ruprecht Polenz – den wiederum kennen Sie vielleicht – daran erinnerte, nach diesem Buch wieder zu suchen und es endlich auch zu lesen.

 

Um es gleich vorweg zu nehmen: Sie sollten das auch tun, denn es ist großenteils hervorragend. Aber es enthält nicht unbedingt, was draufsteht. Wer also gehofft oder befürchtet hat, hier würden zum 100. Mal die fünf Säulen des Islams erklärt – nach dem Valentin-Prinzip, »es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen« – der wird durch dieses Werk aus Griffels Feder überrascht. Der Islam als Religion kommt nur ganz am Rande zur Sprache, das Denken dafür aber umso mehr.

 

Griffel beginnt nicht mit dem Propheten Muhammad, sondern mit Tolstoi. Dort, wo andere Karl Martell oder den kranken Mann vom Bosporus auftreten lassen, kommt Griffel mit der Entwicklung der Geburtenrate. In der Geschichte von Napoleons Orient-Abenteuer in Ägypten dürfen die Seeschlacht von Abukir und Ermordung des Generals Kléber durch einen »Allahu akbar« schreienden Fanatiker nicht fehlen. Griffel aber berichtet lieber vom Eingriff der Franzosen in das Straßenbild von Kairo. Auch als halbwegs Orient-versierter Leser begegnet man in seinem Buch kaum bekannten historischen Figuren und Referenzen. Es liest sich angenehm und überraschend, wie Griffel gewissermaßen das Kamel von hinten aufzäumt.

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