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Von der Revolution in den Dschihad
Von der Revolution in den Dschihad

Mohammed el-Fahem, 29 Jahre alt, deutsch-tunesischer Doppelstaatler, ist Sohn tunesischer Eltern, die in den 1980er Jahren Nabeul, eine kleine Küstenstadt etwa 60 Kilometer südwestlich von Tunis, verließen. Auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen bauten sie sich in Deutschland eine neue Existenz auf.

 

Irgendwann beschloss die Familie, nach Tunesien zurückzukehren – sie fürchtete, ihr Sohn Mohammed könne zwischen Vergnügungsparks und all den Wonnen des Lebens in Deutschland »verloren gehen«. Doch nach der Rückkehr nach Tunesien verlor sich Mohammed stattdessen im Tunnel extremistischer Organisationen zwischen Tunis und Raqqa.

 

Ende 2016 traf ich Mohammed in Istanbul und führte unzählige Gespräche mit ihm in den Cafés der Stadt. Ich wollte verstehen, wie sich ein verwöhntes Einzelkind aus recht bequemen finanziellen Verhältnissen in ein wildes Monster verwandelt und nach Raqqa reist, um sich einer der blutrünstigsten Organisationen unserer Zeit anzuschließen. Und Mohammed erzählte mir seine Geschichte.

 

Mohammed erinnert sich, wie er gegenüber der Gastarbeiterwohnungen in seinem Viertel spielte, an die Straßenbahn und an Schneeballschlachten im deutschen Winter.

 

Die ersten fünf Jahre seiner Kindheit verbrachte er in Dortmund. Mohammed erinnert sich, wie er gegenüber der Gastarbeiterwohnungen in seinem Viertel spielte, an die Straßenbahn und an Schneeballschlachten im deutschen Winter. All dies wurde zur unschuldigen Vergangenheit, die längst Geschichte ist.

 

Mohammeds Eltern wollten nicht, dass ihr Sohn in Europa seine islamische Identität verliert, und brachten ihn deshalb zurück nach Tunesien. Seine Erziehung sollten dort die Großeltern auf dem Land übernehmen. Als Kind entdeckte Mohammed dort eine ungerechtere und weniger wohlhabende Welt, in der Kinder und Jugendliche kaum Gehör finden. Eine Welt, in der Arbeitslosigkeit, Armut und politische Unterdrückung an der Tagesordnung waren. Er, der deutsche Auswanderer, stellte fest, dass der Traum vieler tunesischer Jugendlicher ein Leben in Europa war – in seiner alten Heimat.

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Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Trump und die Entrückung
Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Entrückung, Islam, Judentum und Trump

Es rückt der erste Dienstag im November näher. Man prophezeit uns, dass es danach rund gehen wird in Washington. Wenn Donald J. Trump wider Erwarten die Wahl für sich entscheiden sollte. Erst recht aber, wenn er sie verliert, die Niederlage nicht anerkennt und sich weigert, das Weiße Haus zu räumen.

 

Trump müsste selbst am besten wissen, was ihm in beiden Fällen droht. Er könnte der erste US-amerikanische Ex-Präsident werden, der seinen Lebensabend entweder im Gefängnis oder aber in einer Nervenheilanstalt verbringt. Um dem zuvorzukommen, böte sich ein goldener Ausweg aus der Klemme: Er muss nur verschwinden. Genauer gesagt: sich entrücken lassen.

 

Die Vorteile liegen auf der Hand: Wer sich nämlich auf mysteriöse entrücken lässt oder verschwindet, muss keine ladungsfähige Anschrift hinterlassen. Also kann er keine Steuerschulden mehr begleichen. Besser noch: Wer offiziell nicht mehr auf Erden wandelt, in andere Sphären oder parallele Universen umgezogen ist, den kann man strafrechtlich nicht mehr belangen.

 

Habeas Corpus ad subjiciendum – um eine Person anzuklagen, muss man ihres Leibes habhaft werden. Für einfache Menschen würde es schwierig, sich dem zu entziehen. Aber für Lichtgestalten, Kunstfiguren und Erlösertypen, von denen Trump jeweils gewisse Eigenschaften hat, bieten sich andere Optionen. Die Geschichte des Nahen Ostens hat einige Vorbilder im Angebot, von denen man sich inspirieren lassen könnte.

 

Vor einigen Wochen schrieb ich über den Fatimiden Al-Hakim bi-amr Allah (985-1020 oder 1021), den Exzentriker unter den Kalifen. Hakims historisches Bild wurde maßgeblich von seinen Kritikern gezeichnet, die an Hakims Person und Politik kein gutes Haar gelassen haben. Ähnlich wird es Trump wohl gehen.

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Armenien, Aserbaidschan und Bergkarabach
Armenien, Aserbaidschan und Bergkarabach

1. »Es geht in dem aktuellen Konflikt allein um das Territorium der Autonomen Republik Bergkarabach«

 

Der Bergkarabach-Konflikt entzündete sich zum Ende der Sowjetzeit am Status der mehrheitlich von Armeniern besiedelten Autonomen Republik Bergkarabach innerhalb des damaligen Sowjet-Aserbaidschans, nachdem die Armenier Karabachs erst den Anschluss an Sowjet-Armenien und nach einem siegreichen Krieg bis 1994 schließlich die international bis heute nicht anerkannte Unabhängigkeit der Republik Artsakh ausriefen.

 

Im ersten Karabach-Krieg besetzten die armenischen Kräfte jedoch auch sieben angrenzende Bezirke (Rayon) Aserbaidschans, die gar nicht zu Bergkarabach gehörten und mehrheitlich von Aserbaidschanern bewohnt waren. Auch die westaserbaidschanische Großstadt Ağdam wurde zur Geisterstadt. Von aserbaidschanischer Seite wird seitdem immer wieder die Besetzung von 20 Prozent des Landes durch Armenien beklagt, auch wenn genau genommen nur 13,63 Prozent der Landesfläche nicht unter der Kontrolle der Regierung in Baku stehen (Stand vor der aktuellen Auseinandersetzung).

 

Abgesehen von der Bombardierung der Städte Schuscha und Stepanakert haben sich die aserbaidschanischen Bodentruppen im neuerlichen Krieg bisher vor allem auf diese sieben Bezirke fokussiert, insbesondere auf die Gebiete Füzuli, Zengilan und Cebrayıl, die unweit der iranischen Grenze liegen. Die sieben Bezirke sind heute nur dünn besiedelt, waren aber vor 1994 die Heimat hunderttausender Aserbaidschaner.

 

Nicht wenige Beobachter hofften nun, dass es der aserbaidschanischen Regierung vor allem um die Rückeroberung der sieben Bezirke gehe würde. Ein Sonderfall ist der Distrikt Laçın, der Armenien mit Karabach verbindet. Auch hier rücken aserbaidschanischen Truppen langsam vor.

 

Zuletzt mehrten sich jedoch die Berichte, dass die aserbaidschanische Armee auf das eigentliche Territorium der Autonomen Republik Bergkarabach vorgedrungen sei, insbesondere die Ortschaft Hadrut wurde Ziel von Kampfhandlungen. In den zurückeroberten Gebieten Bergkarabachs droht nun die permanente Vertreibung der armenischen Bevölkerung.

 

Für das Verständnis und mögliche Lösungsansätze des Konfliktes ist es wichtig, zwischen Bergkarabach und den umliegenden, von armenischen Kräften besetzten aserbaidschanischen Bezirken zu unterscheiden. In der jüngsten Fassung der sogenannten Basic Principles, des Friedensfahrplans der OSZE, wurde 2009 beispielsweise eine Rückgabe der besetzten Gebiete, ein Korridor zwischen Armenien und Karabach, sowie eine Interimsstatus und Selbstbestimmung für Karabach in den Raum gestellt. Eine Einigung scheiterte an den Details zum Abzug armenischer Kräfte.

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Qal’eh Karshahi, die Burg der Räuber in Iran
Die Festung Qal’eh Karshahi

Vor nicht allzu langer Zeit streifte ich mit einem iranischen Freund entlang der großen Salzwüste Dascht-e Kavir, südöstlich von Kaschan in der Provinz Isfahan. An einer alten Karawanenstraße zwischen Sanddünen und Gebirge erhob sich vor uns die Ruine einer weitläufigen Lehmziegelburg. Völlig verlassen und verfallen, aber immer noch gewaltig, lud sie zur Erkundung ein.

 

»Burg der Räuber«, war die einzige sachdienliche Auskunft, die wir unserem ortskundigen Fahrer entlocken konnten. Erst später stellte sich heraus: Wir waren zufällig an der Festung Qal’eh Karshahi vorbeigekommen. Zurück in Teheran wunderte ich mich, dass selbst die kulturhistorisch Interessierten unter meinen iranischen Bekannten noch nie von ihr gehört hatten. Dabei erzählt sie eine erstaunliche und überaus politische Geschichte: die des größten, wenngleich leider fast vergessenen Wegelagerers des Landes.

 

»Muss das denn sein?«, wird mancher in Teheran an diesem Tag gedacht haben – womöglich auch Nayeb Hossein-e Kashi selbst. Mit 97 Jahren wurde er im September 1919 auf dem Richtplatz (Meydan-e Edam) der Hauptstadt gehängt. Wo der Nayeb einen Großteil seiner Schätze vergraben hatte, sollte die Staatsmacht nie erfahren. Selbst Folter hatte den zähen Sturkopf nicht zum Reden gebracht.

 

Hossein und sein Bruder Mohammad Hashem waren die Nachfahren eines Loren aus dem Stamm der Biranvand, der sich in Kaschan niedergelassen hatte. Beide übten den Beruf des Färbers aus; ihre Freizeit verbrachten sie mit Kraftsport und gelegentlichen Schlägereien. Eines Tages im Jahr 1871 wurde Hashem im Basar wohl Zeuge, wie zwei Diener des mächtigen Prinzen Masoud Mirza – damals Gouverneurs von Isfahan – einen Jungen sexuell belästigten. Hashem sah sich veranlasst, mindestens einem dieser Männer, vielleicht auch beiden, die Fresse zu polieren (Im Persischen hätte er es wohl poetischer ausgedrückt, etwa »den Vater aus ihm heraus geprügelt«, aber das Resultat war nun wirklich identisch).

 

Von einem Angriff auf die Staatsmacht war sofort die Rede; Hashem wurde noch in der Nacht verhaftet, verurteilt und erhängt. Mit diesem Justizskandal begannen die Abenteuer seines Bruders Hossein, der das Kadscharenreich erschüttern würde und Kunde von dessen Taten London, Moskau und Berlin erreichen sollte. Die Mutter des Schahs, selbst eine Person von athletischer Gestalt, wurde erotisch durch den Fall berührt. Fachleute für die Demobilisierung von Milizen mussten aus Schweden eingeflogen werden. Hätte es den UN-Sicherheitsrat seinerzeit gegeben, Hosseins Akte wäre dort verhandelt worden. Was nun also nach Hashems Hinrichtung geschah, ist daher nichts für schwache Nerven. Weshalb Empfindsame jetzt nicht weiterlesen sollten.

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Der türkische Präsident Erdogan und seine imperialen Vorbilder
Hamidiye-Kämpfer im Dorf Gumgum

Der Name Sophainetos von Stymphalos könnte sicher aus einem verschollenen Frühwerk Monty Pythons stammen. Tatsächlich aber war dieser Mann einer der prominentesten Söldnerführer der Antike. Er diente dem Perserprinzen Kyros (der Jüngere) bei einem Putschversuch. Der allerdings scheiterte. Sophainetos kämpfte, kassierte, verhandelte und überlebte. Und da die hellenischen Chronisten über ihn kein abschätziges Urteil fällten, war es offenbar nicht sehr verwerflich um das Jahr 400 v.Chr., seine Kriegskunst in den Dienst einer orientalischen Macht zu stellen.

 

Wer Söldner wird oder Söldner in den Kampf vorschickt, gilt heute doch eher als dubios. Auch das arabische Wort für Söldner – murtazaqa – klingt eher abschätzig: Man denkt da an Vaterlandslose ohne Gewissen und Moral. Die Genfer Konvention sieht das im Grunde ähnlich. Sie betrachtet Söldner, sofern sie für Lohn kämpfen, nicht der kriegführenden Nationen angehören und nicht als integraler Bestandteil regulärer Streitkräfte auftreten, als nichtlegitime Kombattanten. Im prä-robotischen Zeitalter gilt der Krieg eben immer noch als nationale Kraftanstrengung, für den es einer staatsbürgerlichen Legitimation bedarf.

 

Werden Söldner faul, verletzt oder versprengt, beginnen sie zu marodieren. Die Marodeure von einst waren fußlahme, marschunfähige Landsknechte, die arme Bauern drangsalierten. Ich vermute im Übrigen, dass sich »marode« vom arabischen »marid« ableitet, was »krank« bedeutet.

 

»Ihr tut wohl, dass ihr weitergeht, Verderbt uns doch nur die Sozietät.« So heißt es im 11. Auftritt von »Wallensteins Lager«, worin uns Friedrich Schiller die kaiserlichen Mordbuben des Dreißigjährigen Krieges präsentiert. Diversity wurde dabei groß geschrieben, denn sie kamen buchstäblich aus aller Herren Länder. Wer weiß, wie viele von uns Nachfahren von Söldnern sind? Hessen, Tiroler, Württemberger, Luxemburger oder die Schweizer, jenes wundersam friedliche Volk, das noch vor wenigen Jahrhunderten hauptberuflich wütete und brandschatzte – und zwar mit einem Elan, den es bis heute noch nicht wiedererlangt zu haben scheint.

 

Der Einsatz ortsfremder Freiwilliger und Söldner ist in der Geschichte des Krieges die Regel

 

Aber nun zum eigentlichen Thema: Laut übereinstimmenden Berichten setzt die Türkei syrische Söldner auf Seiten Aserbaidschans im Kampf um die von Armenien besetzte Enklave Bergkarabach ein. Bereits in Nordsyrien und in Libyen schickte Erdoğan solche hauptsächlich unter arabischen und turkmenischen Volksgruppen rekrutierten Freischärler in die Schlacht. Diese Nachricht vom Kaukasus sorgte für Empörung und wurde von pro-türkischen Quellen mit dem Argument gekontert, dass auch die Armenier freiwillige Söldner rekrutierten. Unter anderem im Libanon und, Gerüchten zufolge, im Irak.

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Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Sitte und Moral im Islam
Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Sitte und Moral im Islam

Ich hätte nicht in der Haut des Eunuchen Ghabn stecken wollen. Schon grundsätzlich nicht. Aber was ihm sein Herrscher um das Jahr 1004 in Kairo aufbrummte, war wirklich eine Zumutung: Als Chef der Ordnungsämter im fatimidischen Imperium sollte Ghabn das Verbot von Mulukhiya durchsetzen. Ein Ding der Unmöglichkeit, zumindest in Ägypten.

 

Die Mulukhiya ist eine Art Spinateintopf, gekocht aus Malvenpflanzenblättern, und bis heute ein ägyptisches Nationalgericht. Es ist reich an Calcium und Folsäure, weshalb manche behaupten, es wirke besser als Viagra. Geschmacklich ist die Mulukhiya nicht jedermanns Fall. Mein Freund und Kollege Christian H. Meier etwa, der in Kairo studiert hat und dem man nicht absprechen kann, dass er seriös und unvoreingenommen recherchiert, versteht bis heute nicht, was an Mulukhiya so besonders ist. Anders als Meier war der Kalif Mu’awiya angeblich ein Fan dieser schleimig-grünen Suppe. Ob mit Fleischeinlage oder ohne. Und genau das war das Problem.

 

Mu’awiya war gewissermaßen der Begründer der Umayyaden-Dynastie, welche den Nachfolgestreit um das Erbe des Propheten Muhammad für sich entschieden hatte und im 7. und 8. Jahrhundert die islamisch-arabische Welt beherrschte. Ein Unglück für die Schiiten, die Parteigänger der im Zuge dieses Streits von der Macht verdrängten direkten Nachfahren des Propheten (Ahl al-Bait). In den Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen spielte Mu’awiya aus Gründen, die wir heute nicht erläutern können, eine zwielichtige Rolle – zumindest, wenn man die Schiiten fragt.

 

Aber im Jahr 1000 hatten sich die Verhältnisse geändert. Nun herrschten über weite Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas nicht mehr die Umayyaden, sondern die Dynastie der Fatimiden, die wiederum einer Strömung des Schiismus angehörte und sich auf die Prophetentochter Fatima berief. (Daher der Name Fatimiden, wie Sie sicher schon selbst vermutet haben.)

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Kurz Erklärt: Versorgungskrise im Libanon
Kurz Erklärt: Versorgungskrise im Libanon

Was ist geschehen?

Bei der Explosion am 4. August im Hafen von Beirut wurden nicht nur Hunderte Menschen verletzt, auch 85 Prozent des dort gelagerten Getreides wurden von einer Sekunde auf die nächste kontaminiert. Nun droht dem Mittelmeerstaat eine Hungerkatastrophe, importiert das Land doch so gut wie alle benötigten Lebensmittel aus dem Ausland. Und so kommt zum Kampf um den Wiederaufbau zerstörter Wohnung, eine stabile Währung, gegen das Corona-Virus und für das Vertrauen der Bürger ein weiterer hinzu: Der Kampf gegen den Hunger.

 

Bereits im April 2020 hatte die libanesische Regierung einen Notfallplan vorgestellt, um der bereits damals prekären Versorgungssituation zu begegnen. Angesichts der Inflation und Corona-bedingter Einschränkungen zweifelten Beobachter schon im Frühjahr, dass das chronisch unterfinanzierte Landwirtschaftsministerium die Lage in den Griff bekommen würde – nur 0,35 Prozent des Haushalts war der Behörde zugesprochen worden.

 

Wie groß das Problem ist, verdeutlichen Zahlen der Weltbank. Der zufolge lebte bereits im März nahezu die Hälfte der Bevölkerung in Armut. Viele Monate vor der Explosion im Hafen der Hauptstadt benötigten zwei Drittel der Bevölkerung staatliche Hilfe, jeder Dritte Libanese hatte seinen Job verloren. Nicht zum ersten Mal mussten viele Libanesen erleben, dass Lebensmittel für sie unerschwinglich werden. 2008 waren die Preise für Nahrung schon einmal stark gestiegen, damals um 18,2 Prozent.

 

Doch angesichts der jetzigen Situation verblassen die damaligen Zahlen. Laut Schätzungen des UN-Welternährungsprogramms (WFP) stiegen die Lebensmittelpreise zwischen Oktober 2019 und Juni 2020 um 109 Prozent. Nach der Zerstörung des Hafens und der dort gelagerten Nahrungsmittel wächst der Druck auf die Regierung, irgendwie die Nahrungssicherheit des Landes zu gewährleisten.

 

Ein Problem: Laut Weltbank trugt die Landwirtschaft noch 2018 gerade einmal drei Prozent zur nationalen Wertschöpfung bei. Anders ausgedrückt: Das Land produziert bei weitem nicht genug Nahrung für seine Bürger und muss im Ausland einkaufen. Schuld daran sind mangelnde Investitionen, der vergangene und aktuelle Krieg und zunehmend auch der Klimawandel.

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Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Machtkampf ums Mittelmeer
Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Machtkampf ums Mittelmeer

Otranto kann wohl mit Recht von sich behaupten, eine der schönsten Ortschaften Italiens zu sein. Während um den »Ferragosto«, Mariä Himmelfahrt, die Strände des Salento heillos überfüllt sind, kann man sich ungestört auf den historischen Kaimauern von Otranto sonnen – oder abkühlen im türkisblauen Hafenbecken. Hier hat sich über die Jahrhunderte feiner, weißer Sand abgelagert, weshalb nur noch kleine Sport- und Fischerboote festmachen. Einen Liegeplatz haben – etwas weiter oben in der Altstadt – auch die Gebeine der rund 800 Märtyrer gefunden, die in Otranto vor langer Zeit von der osmanischen Marine massakriert wurden.

 

1480 hatte Sultan Mehmed II., der Eroberer von Konstantinopel, ein Geschwader aus Albanien über die Adria geschickt und Otranto belagern lassen. Die christlichen Bewohner, darunter auch ein Erzbischof, leisteten Widerstand – angeblich auch dagegen, zum Islam zu konvertieren, was zumindest laut christlicher, umstrittener Überlieferung von ihnen verlangt worden sein soll. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung liegt in der Basilika Santa Annunziata in Otranto, in bizarrer Ordnung hinter Glasscheiben aufgetürmt: Berge aus Schädeln und Knochen.

 

Die Zahl 800 steht für »Omega« und könnte auch symbolischen, heilsgeschichtlichen Wert haben; jedenfalls aber waren es viele. Für die Katholische Kirche sind diese Märtyrer noch topaktuell: Der deutsche Papst Benedikt XVI. erkannte sie als Opfer von Christenverfolgung an. Das unterstellte Motiv odium fidei, würde man Neudeutsch wohl als hate crime gegen den Glauben übersetzen. Papst Franziskus sprach sie vor kurzem heilig.

 

Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Machtkampf ums Mittelmeer
Gebeine der Märtyrer in der Basilika von Otranto dge

 

Bis heute rätseln die Historiker ein wenig, was Mehmed II. eigentlich in Otranto wollte. Einige vermuteten gar, dass er als Eroberer von Byzanz und damit »Kaiser der Römer« nun auch noch Rom einnehmen wollte und deshalb nach Apulien übersetzte. Dann verstarb Mehmed allerdings. König Ferrante (Ferdinand I.) von Neapel jagte die osmanische Marine dann bald wieder davon.

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Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Systemfrage im Libanon
80 Millionen Libanesen

Ich muss nun doch mal eine Lanze für das politische System des Libanon brechen. In den meisten Kommentaren und Leitartikeln liest man in den letzten Wochen, dass die »politische Klasse« samt und sonders korrupt sei und das System abgeschafft werden müsse. Dabei geht nach meinem Eindruck vieles durcheinander.

 

Ich kann verstehen, dass die Libanesinnen und Libanesen insbesondere nach der großen Explosion im Hafen von Beirut ihre Politiker zum Teufel schicken wollen. Einige stellten sogar symbolische Galgen auf dem Märtyrerplatz für sie auf. Das geschundene Volk hat ein Recht, Schmähparolen zu skandieren, in denen auch mal die Mutter des einen oder anderen mächtigen Politikers vorkommt.

 

Westliche Journalisten und Experten sollten sich hingegen nicht daran beteiligen, den libanesischen Staat und seine Politik pauschal verächtlich zu machen. Mir fiel eine solche Tendenz bereits bei den Protesten im Herbst 2019 auf. In sozialen Medien las ich Kommentare von Europäern, die sich eine Weile im Libanon aufgehalten hatten und sich die populäre Parole »Kullon ya’ani kullon – alle, heißt alle!« (libanesischer Dialekt) zueigen machten. Jeder soll gehen, alles muss raus.

 

Das System ist defekt, aber es ist vielleicht doch sinnvoll, sich mit diesem System ein wenig zu beschäftigen und zu fragen, wer sich einmal was dabei gedacht hat.

 

Fortwährend war der Libanon nicht nur Schaubühne internationaler Mächte, sondern auch ein Experimentierfeld für politische Arrangements. Man muss da nicht beim Assyrischen Imperium ansetzen. Denken wir nur an die Kreuzfahrerstaaten oder die verunglückte Religionspolitik der Fatimiden. Oder an Napoleon III., der 1860 angesichts der Kämpfe zwischen Volksgemeinschaften in der Levante ein französisches Expeditionskorps schickte – übrigens eine der ersten »humanitären Interventionen« Europas, welche der veröffentlichten Meinung folgte.

 

Eine Reihe europäischer Staaten – auch Österreich und Preußen übrigens – mischten sich ein. Das Resultat war die Gründung einer halbautonomen, »Mutesarriflik« genannten osmanischen Verwaltungseinheit im Libanongebirge. Es war ein Versuch, Konfliktmanagement zu betreiben, bei dem viele mitzureden hatten. Hauptsächlich, um sich zu profilieren.

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50 Jahre Autonomiestatut für Kurdistan im Irak
50 Jahre Autonomiestatut für Kurdistan

Mit Weisung von ganz oben und einem Stapel unbeschriebenen Papieren im Koffer reiste der damalige irakische Vizepräsident Saddam Hussein im Frühjahr 1970 in den Nordirak – er sollte die seit Monaten dauernden leidigen Gespräche mit dem Vorsitzenden der »Demokratischen Partei Kurdistans« (KDP), »Mulla« Mustafa Barzani, endlich zum Abschluss bringen.

 

Saddam legte Barzani einige Bögen weißen Papiers vor: »Schreib deine Forderungen auf – ich werde erst wieder abreisen, wenn uns ein für beide Seiten akzeptables Abkommen vorliegt.« Eine ungewöhnliche Gesprächsstrategie, die von manchen als Schwäche Bagdads interpretiert wurde – aber es funktionierte: Saddam kehrte mit einer Einigung nach Bagdad zurück. Am 11. März 1970 wurde dann das Autonomiestatut für Kurdistan erlassen.

 

»Das irakische Volk besteht aus zwei Nationen, der arabischen und der kurdischen Nation«

 

»Die Geschichte wird bezeugen, dass ihr [das kurdische Volk] noch nie einen so aufrichtigen Bruder und einen so verlässlichen Partner wie das arabische Volk hattet oder jemals haben werdet.« Mit diesem Schlusssatz endet das Dokument, das eben jener Saddam Hussein unterschrieb, der wenige Jahre später eine aggressive Arabisierungspolitik im Irak betreiben, hunderttausende Kurdinnen und Kurden deportieren und mehrere Giftgasangriffe auf kurdische Städte befehlen sollte.

 

Nach zehn Jahren immer wieder aufflammender Kämpfe zwischen der KDP und den jeweiligen Regierungen in Bagdad markierte das Autonomiestatut aus dem Jahr 1970 einen Meilenstein in der Geschichte Irakisch-Kurdistans: Erstmals stellte die Regierung in Bagdad eine administrative und politische Teilautonomie kurdischer Gebiete in Aussicht – dabei wurden zwar noch keine konkreten Grenzen festgeschrieben, doch die Rede war von Gebieten mit mehrheitlich kurdischer Bevölkerung.

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Jemenitische Flüchtlinge in Dschibuti
Jemenitische Flüchtlinge in Dschibuti

Als Khaled von seiner Flucht aus dem Jemen erzählt, kann er die Tränen nicht zurückhalten: »Außer meiner Familie, den Dokumenten und dem Schmerz ist mir nichts geblieben. Ich kann nicht zurückkehren.« Khaled schreibt Gedichte über Taiz, die Stadt, aus der er fliehen musste. Der heute 48-Jährige hatte dort sein ganzes Leben lang verbracht, ist dort aufgewachsen, hat geheiratet, seine vier Töchter sind dort geboren. Er hielt sich mit Gelegenheitsjob über Wasser, meist als Erntehelfer. Dann kam der Krieg. »Bombenangriffe aus der Luft, Scharfschützen am Boden.« Khaled sah keinen anderen Ausweg mehr, als sein Land zu verlassen.

 

Es sind Geschichten wie die von Khaled, die mich an den Beginn dieses Krieges zurückversetzen. Sie lassen die Erinnerung wach werden an die erste Nacht, in der mich die Luftangriffe auf Sanaa aus dem Schlaf rissen. Egal, wie sehr ich es auch versuchte, ich konnte nicht wieder einschlafen. Stattdessen lag ich wach und zählte die Explosionen. Bald gab ich es auf. Es waren zu viele. Über der Stadt ging hinter Rauchsäulen die Sonne auf. An diesem 25. März 2015 holte der Krieg mich und meine Landsleute ein – und nahm vielen von uns die Heimat.

 

Khaled ist einer von 2.300 Jemeniten, die vor den Kämpfen, den Versorgungsengpässen, vor Hunger und Krankheit flohen und auf der anderen Seite des Roten Meeres Zuflucht fanden. Markazi liegt in der Hafenstadt Obock, im Norden Dschibutis am Horn von Afrika. Als maritimer Umschlagplatz hat die Kleinstadt am Eingang des Golfs von Tadschura mit etwa 8.000 Einwohnern schon seit der französischen Kolonialzeit an Bedeutung gegenüber der Hauptstadt eingebüßt. Dennoch strömen immer mehr Menschen in den kargen Landstrich, in dem das Thermometer regelmäßig über 40 Grad Celsius anzeigt

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Wirtschaftskrise und Börse in Iran
Baustellen in der iranischen Hauptstadt Teheran

Während Iran eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen seit langer Zeit durchmacht, schwingt sich die Teheraner Börse zu fantastischen Höhen auf. Dabei hat der Wechselkurs am 22. Juni den Negativrekord von 190.000 iranischen Rial für einen US-Dollar gebrochen, die Inflation schnellte 2019 explosionsartig nach oben und stabilisiert sich nur langsam, während US-Sanktionen und die Corona-Krise die iranische Wirtschaft in die Zange nehmen.

 

Dennoch erlebt die iranische Börse, die Tehran Stock Exchange, einen ungeahnten Aufschwung. Der wichtigste iranische Aktienindex TEDPIX, an dem die größten Unternehmen des Landes gelistet sind, hat seit Anfang des Jahres seinen Wert um über 350 Prozent gesteigert. Eine wirtschaftliche Krise und ein Boom an der Börse: Wie passt das zusammen?

 

Gar nicht – auf jeden Fall nicht nach der einfachen ökonomischen Theorie. Demnach sollte sich der Preis einer Aktie nämlich danach richten, wie viele Zahlungen, zum Beispiel Dividenden, eine Investorin erwartet. In einer gesunden, wachsenden Wirtschaft erwartet sie, dass die Unternehmen insgesamt Erfolg haben und deshalb in Zukunft viele Dividenden ausschütten. Investoren setzen auf die erfolgreichen Aktien, also steigt deren Preis. Ein hoher Aktienindex bedeutet also, dass die Investoren an wirtschaftlichen Erfolg und Wachstum glauben. Doch in Iran liegt die Wirtschaft in Trümmern, während der Wert des TEDPIX weiter steigt.

 

Die Inflation frisst die Ersparnisse

 

Das Phänomen in Iran lässt sich erklären durch das einfache Prinzip von Angebot und Nachfrage. Hohe Nachfrage nach Aktien bedeutet einen hohen Preis der Aktie. Das heißt, der TEDPIX erreicht derartige Höhen, weil die iranischen Investoren eine sehr starke Nachfrage nach Aktien mitbringen. Aber warum setzen Investoren gerade jetzt unbedingt auf Aktien?

 

Ein Grund ist, dass sie derzeit nur noch auf dem Aktienmarkt wirklich Gewinne machen könnten, erklärt Mohammad Farzanegan, Wirtschaftsprofessor an der Universität Marburg. Im Jahr 2019 sei der Goldpreis um 30 Prozent gestiegen, der Devisenhandel mit US-Dollar sei um 20 Prozent gewachsen und Immobilien hätten ein Wachstum von 62 Prozent versprochen – auf den ersten Blick beeindruckende Zahlen. Doch im gleichen Zeitraum wurde das Geld um 40 Prozent entwertet. Gold war also ein Verlustgeschäft. Ganz im Gegensatz dazu ist der Wert der Teheraner Börse von Juni 2019 bis Juni 2020 um unglaubliche 500 Prozent gestiegen.

 

Doch nicht nur Investoren wollen ihren Gewinn maximieren. Die gesamte iranische Bevölkerung steht unter enormen Druck. Die galoppierende Inflation frisst den Menschen die Ersparnisse weg. Dabei konnten die Menschen nicht auf das klassische Modell bei den Banken setzen. Denn ein Sparbuch wirft in Iran derzeit bestenfalls noch 15 Prozent Zinsen ab. Das bringt nicht viel, wenn die Inflation wie im Juni noch bei 30 Prozent liegt.

 

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