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Interview mit Fritz Streiff zum Prozess in Koblenz
Interview mit Fritz Streiff zum Prozess in Koblenz

zenith: Sie sind Menschenrechtsanwalt und haben den Prozess in Koblenz begleitet – und zwar in Form eines Podcasts.

Fritz Streiff: Ich wollte schon länger mal wieder einen Podcast machen und habe auf das richtige Thema gewartet. Dann kam der Prozess und es fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass es das Thema sein musste für den Podcast. Direkt kam auch die Idee auf, das zusammen mit Syrern zu machen. Also nicht nur auf Deutsch oder Englisch, sondern auch auf Arabisch, was wir jetzt glücklicherweise hingekriegt haben.

 

In Ihrem Podcast finden auch Reaktionen von Syrerinnen und Syrern Raum. Welche Bedeutung hat der Prozess in Koblenz für die Menschen in Syrien?

Ich kann natürlich nicht für die Menschen in Syrien sprechen. Trotzdem haben wir versucht, uns ein Bild zu verschaffen, wie der Prozess in Syrien ankommt. Dort sind die Prioritäten einfach komplett andere, gerade jetzt in den Wintermonaten geht es vor allem um Brot und Diesel. Die mentale Kapazität ist gar nicht da, sich mit einem Rechtsverfahren im fernen Deutschland auseinanderzusetzen. Selbst wenn das Interesse vorhanden wäre, ist der Zugang zu Berichterstattung extrem limitiert. Die Medienlandschaft in Syrien ist seit Jahrzehnten völlig kontrolliert vom Regime. Im Internet finden sich mehr Informationen, aber die Überwachung durch die Geheimdienste ist weiterhin so engmaschig, dass sich die Menschen einem Risiko aussetzen, wenn sie regelmäßig Nachrichten auch zu solchen Prozessen in Deutschland und Europa folgen.

 

Schafft dieser Prozess Gerechtigkeit?

Die Meinungen gehen auseinander. Ich arbeite natürlich viel mit Menschenrechtsaktivisten zusammen, die versuchen, diese Verbrechen aufzuarbeiten und für Menschenrechtsstandards zu sorgen. Diesem Prozess in Koblenz wird in diesen Kreisen eine große Signalwirkung zugeschrieben – kleine, aber wichtige Schritte in die richtige Richtung. Nach zehn Jahren Straflosigkeit ist zum ersten Mal etwas Handfestes vorhanden, von einem unabhängigen, öffentlichen Gericht festgestellt: Das Regime hat Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen.

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Yotuberin Maria Elayan aus Jordanien
Yotuberin Maria Elayan aus Jordanien

Breitbeinig sitzt eine Frau am Schreibtisch. Ein stattlicher Schnurbart ziert ihre Oberlippe. Sie trägt eine blaue Polizeiuniform mit Schirmmütze, wobei das sichtbare ausgestopfte Hemd einen dicken Bauch bildet. Mit dem kleinen Finger pult sie im Ohr und schnipst den gefundenen Dreck weg. Ein Mann kommt herein und möchte eine sexuelle Belästigung melden. Die als Polizist verkleidete Frau winkt ihn näher zu sich heran. Der Mann beugt sich zu ihr herunter: »Ich wurde auf der Straße angefasst«. Die Frau mustert ihn von oben nach unten: »Wo genau wurdest du denn berührt?« – und kneift ihm süffisant lächelnd in die Wange.

 

Der schmierige Polizist, beziehungsweise die Frau in der Uniform, ist Maria Elayan. Regelmäßig greift sie zu Perücken und Kostümen, verstellt ihre Stimme. Mal ist sie die nörgelnde Tante, dann wieder ein Arzt, der seine Patientinnen ignoriert. Mit kurzen satirischen Videos möchte Elayan auf patriarchale Strukturen aufmerksam machen und traditionelle Narrative zur Rolle von Frauen und Männern in der Gesellschaft hinterfragen.

 

Die Einspieler sind Teil ihrer Show »Smi‘touha Minni« (Ihr habt's von mir gehört), die die palästinensisch-jordanische Schauspielerin und Produzentin für die feministische Plattform Khateera entwickelt. Elayan möchte keine dieser typischen Monolog-Sendungen moderieren, nicht einfach Informationen runterleiern und die Menschen bevormunden.

 

Was lustig rüberkommt, ist bis ins Detail geplant

 

Was lustig rüberkommt, ist bis ins Detail geplant. Für die 24-Jährige ist die Arbeit am Skript der aufregendste Teil, aber auch der schwierigste. Denn bevor gedreht wird, entwickelt sie gemeinsam mit ihrer Kollegin, Regisseurin und Co-Drehbuchautorin Amanda Abou Abdallah ein Grundgerüst für die jeweilige Episode. Danach werden Fakten und Argumente recherchiert, die Elayan und Abou Abdallah später dem Entwurf hinzufügen und weiterentwickeln. Erst zum Schluss kommen die Witze hinzu.

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Black Lives Matter im Irak
Black Lives Matter im Irak

Jalal Dhiab ist nicht George Floyd. Seine Ermordung 2013 zog keine internationalen Proteste nach sich – selbst im Irak schlug die Tat keine allzu großen Wellen. »Ihr seid wütend über den Mord an einem schwarzen Amerikaner, aber schweigt bei der Ermordung eines schwarzen Bürgers von Basra« – unter diesem Titel veröffentlichte der irakische Journalist Ali Abdulameer Ejam Anfang Juni 2020 einen Video-Aufruf. Er wollte die breite Aufmerksamkeit für den antischwarzen Rassismus in den USA nutzen, um darauf aufmerksam zu machen, dass Schwarze im Irak historisch und noch heute mit ähnlichen Diskriminierungen konfrontiert sind – nur dass es offenbar kaum jemanden interessiert.

 

Während die Berichterstattung über die Situation von Minderheiten im Irak sich meistens auf ethnische Minderheiten wie die Kurden oder religiöse Minderheiten wie Christen und Jesiden konzentriert, erfährt die Gemeinschaft schwarzer Iraker und Irakerinnen deutlich weniger Aufmerksamkeit. Dabei leben Schätzungen zufolge zwischen 1,5 und 2 Millionen Schwarze im Irak – das entspricht grob fünf Prozent der Bevölkerung. Offizielle, etwa durch einen Zensus erhobene demografische Zahlen liegen jedoch nicht vor.

 

Wie in den Vereinigten Staaten gelten die meisten Schwarzen im heutigen Irak als Nachfahren von in Afrika geborenen Versklavten. Historisch reicht die Institution der Sklaverei in der islamischen Welt jedoch deutlich weiter in die Vergangenheit zurück als in den USA.

 

Schon während des Abbasiden-Kalifats im 9. Jahrhundert wurden Menschen von der ostafrikanischen Küste und der Insel Sansibar versklavt und über den Seeweg in die südirakische Hafenstadt Basra verkauft. Sie wurden zu Tausenden in den Marschgebieten des Südirak eingesetzt: Sie mussten die dortigen Böden von dicken Salzschichten befreien, um die Flächen landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Die extrem harten Bedingungen der Zwangsarbeit führten dazu, dass der Irak zum Schauplatz eines der historisch größten Befreiungskämpfe von Versklavten wurde: der sogenannten Zanj-Rebellion – Zanj wurden die Schwarzen im Irak genannt, in Anlehnung an den Namen der Insel Sansibar.

 

Die meisten schwarzen Iraker leben heute im Süd- und Mittelirak, meist in den Außenbezirken der Städte.

 

Der Befreiungskampf in den Jahren 869 bis 883 richtete sich nicht nur gegen die Halter und Aufseher der Versklavten, sondern forderte gleich die Autorität des Abbasiden-Kalifats an sich heraus. So gelang es den nun Befreiten, mehrere gegen sie entsandte Armeen zu besiegen und selbst verwaltete staatliche Strukturen zu etablieren.

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Kholood Khair über Frauen in der sudanesischen Revolution
Frauen in der sudanesischen Revolution

zenith: Wäre Omar Al-Baschir immer noch an der Macht, wenn sich nicht so viele Frauen gegen ihn gewandt hätten?

Kholood Khair: Früher hielten sich Proteste im Sudan immer nur wenige Wochen, doch diesmal konnte die Bewegung über fünf Monate aufrechterhalten werden und nahm auch mit dem Sturz Baschirs kein Ende. Das gesamte Leben als Frau im Sudan besteht daraus, unfreiwillig Geduld zu üben. Und erst diese Geduld ermöglichte das Durchhaltevermögen der Protestbewegung. Außerdem waren es Frauen, die die Demonstranten mit Tee und Essen versorgten.

 

So kreierten sie die Atmosphäre, in der lange Sit-ins und Proteste auch im Ramadan erst möglich wurden. Darüber hinaus nahmen Frauen ein viel größeres Risiko auf sich, wenn sie die Nächte auf öffentlichen Plätzen in gemischter Gesellschaft verbrachten. Sie widersetzten sich den gesellschaftlichen Normen, wenn sie demonstrieren gingen. Dass sie es dennoch taten, gab der Bewegung große Glaubwürdigkeit es kann keine Gerechtigkeit geben, die Frauen ausschließt.

 

Bisher waren Demonstrationen im Sudan vor allem männlich. Wie kommt es, dass diesmal so viele Frauen protestierten und auch die Führung übernahmen?

Ironischerweise spielte dabei Baschirs neoliberales Projekt zur Privatisierung öffentlicher Dienste eine zentrale Rolle: Während des Ölbooms der 2000er entstanden viele private Schulen und Universitäten, was den Zugang zu Bildung enorm erleichterte.

 

Junge, gebildete Frauen konnten daher ebenbürtig neben den Männern demonstrieren. Zudem entstanden in den letzten 15 Jahren viele weiblich geführte Initiativen zur Verbesserung der Situation von Frauen. Diese NGOs leisteten wichtige Bildungsarbeit und erinnerten die Menschen daran, wie wichtig Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung sind – was viele seit der Machtergreifung der Islamisten vergessen hatten. Außerdem begriffen viele Frauen, wie viel sie durch den Fall dieser Partei und ihres Systems zu gewinnen hatten. Frauen litten stärker unter dem Status quo als Männer.

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Alawiten im Libanon
Alawiten im Libanon

Im Granatenbeschuss zwischen zwei Stadtvierteln verpuffte Hassan Bechlawis Hoffnung auf eine akademische Zukunft. »Du bist Alawit, wir werden auf dich schießen!«, drohten ihm Kommilitonen. 2012 war das, Bechlawi war 18 Jahre alt und hatte gerade sein Studium an der staatlichen Libanesischen Universität in der Hafenstadt Tripoli begonnen. Aus Angst vor den Drohungen brach er es ab – zumindest vorerst.

 

Schätzungsweise 120.000 Angehörige der muslimischen Minderheit der Alawiten leben im Libanon, viele von ihnen fühlen sich Syrien verbunden. Der Krieg im Nachbarland prägt ihr Leben, ebenso wie die Wirtschaftskrise im Libanon und seit dem Frühjahr auch die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie.

 

Die meisten Alawiten im Libanon leben in dem hügeligen Landstrich von Akkar, der sich hinter Tripoli nach Norden ausbreitet. Ihr traditionelles Herkunftsgebiet ist das syrische Küstengebirge, der Stammsitz der syrischen Präsidentenfamilie Al-Assad, die selbst der alawitischen Glaubensgemeinschaft angehört. Entlang der Schotterstraßen in Akkar entfaltet sich ein für den Libanon ungewöhnliches Straßenbild. Wo sonst die politischen Führer des Landes wie Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah oder der christliche Präsident Michel Aoun von Plakaten an Hauswänden herabblicken, hängen in Akkar lebensgroße Poster von Baschar Al-Assad.

 

So auch an einem Betonhaus in Massoudieh, einem verschlafenen alawitischen Dorf, nur wenige Kilometer vom libanesisch-syrischen Grenzzaun entfernt. An der Wand hängen zwei verblichene Portraitsdes syrischen Präsidenten. Vor ungefähr zehn Jahren hat Zahia Farahat die Poster an ihrer Hauswand befestigt. Die 46-Jährige lebt in ärmlichen Verhältnissen und kann weder lesen noch schreiben. Aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise im Libanon ist sie auf die Unterstützung ihrer drei Schwestern angewiesen. Eine der Schwestern ist Farah.

 

Alawiten im Libanon
Kinder spielen auf den Straßen in AkkarFoto: Sina Schweikle

 

Die Schwestern reden bereitwillig über ihre Sorgen, ihren richtigen Namen wollen sie aber lieber nicht in einer Zeitschrift sehen. Farah ist 40 Jahre alt und Mutter von drei Kindern. Ihr Mann arbeitet als Zeitarbeiter in der Landwirtschaft und verdient rund 10.000 libanesische Pfund am Tag – umgerechnet circa zwei Euro. »Ich kann meine Kinder kaum ernähren«, klagt Farah.

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Ägyptische Schulbücher über den Arabischen Frühling
Ägyptische Schulbücher und der Arabische Frühling

Erst verschwand die Glorifizierung von Mubarak, dann kamen die Revolutionen. Auch wenn das ägyptische Bildungsministerium die Schulbücher jährlich für das neue Schuljahr überarbeiten lässt, dauerte es eine Weile, bis die Ereignisse des Jahres 2011 in die Schulbücher gelangten.

 

Vor 2011 war in den Geschichtsbüchern mindestens ein Teilkapitel dem Präsidenten Hosni Mubarak und seiner Führung der Luftwaffe im Oktoberkrieg 1973 gewidmet. Seit dem Schuljahr 2013/14 ist dieser Abschnitt nicht mehr zu finden. Ein Jahr später wurden die Geschichtsbücher der 12. Klasse um ein Kapitel zur »Revolution vom 25. Januar 2011 und der Revolution des 30. Juni 2013« erweitert. Insgesamt 15 Seiten stellten »beide Revolutionen« und ihren Kontext dar.

 

Das Schulbuch für das Fach »Tarbiyya Wataniyya«, das sich am besten mit Nationalkunde übersetzen ließe, behandelt in der Ausgabe für das Schuljahr 2015/16 ebenfalls »die beiden Revolutionen«. Der Einband zeigt Bilder mit dem Tahrir-Platz voller Demonstranten, Demonstrierende mit ägyptischen Fahnen und die Waage der Justitia in den Farben der ägyptischen Flagge. Neun Seiten widmet das Buch dem Kapitel »Revolution als politische Partizipation«, das zunächst den Begriff Revolution definiert und sich ausführlich mit »Werten der Revolution« sowie Zielen, Ursachen und Folgen »der zwei Revolutionen« befasst.

 

Dass die Debatten um die politische Einordnung der Ereignisse von 2011 und 2013 damit nicht abgeschlossen waren, zeigte sich zwei Jahre später. In den Schulbüchern für 2017/18 wurden die jeweiligen Abschnitte in beiden Fächern signifikant gekürzt. Im Nationalkundebuch umfasst das Kapitel »Revolution als politische Partizipation« nun zwei anstelle von neun Seiten. Das Geschichtsbuch kürzt die Revolutionen von 15 auf 3 Seiten.

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Künstlerin Lara Baladi und das Archiv der Revolution
Künstlerin Lara Baladi und das Archiv der Revolution

zenith: Wie haben Sie persönlich die ägyptische Revolution von 2011 erlebt?

Lara Baladi: Ich hatte damals gerade eine Kunstserie zum Tod meines Vaters abgeschlossen und war gedanklich schon auf dem Weg nach Mexiko für ein Kunststipendium – in Ägypten veränderte sich einfach nichts, und ich brauchte Veränderung. Doch dann kam der 25. Januar – der »Polizeitag« mit reduziertem Polizeiaufgebot – und wie jedes Jahr protestierten die Menschen auf dem Tahrir. Doch 2011 kamen zum ersten Mal mehr Demonstranten als Polizisten.

 

In dieser Nacht sah ich das Video eines jungen Mannes, der einen Wasserwerfer der Polizei stoppte – genauso wie sich damals der »Tank Man« 1989 auf dem Tiananmen-Platz der chinesischen Armee entgegenstellte. Dieses Video hat mich tief berührt. Ich erinnerte mich, wie ich mehr als 20 Jahre zuvor die Bilder aus China im Fernsehen gesehen hatte, und spürte, dass eine neue, eine unsichere Ära in Ägypten begann. Am 28. Januar, dem »Tag des Zorns«, schloss ich mich den Demonstranten an.

 

In dieser Zeit begannen Sie, Bild- und Videomaterial vom Tahrir-Platz zu sammeln.

Das Video das »Watercanon Man« aus Kairo ging viral. Zur gleichen Zeit sah ich auf Facebook eine 40 Jahre alte Rede von Jean-Paul Sa tre vor streikenden Arbeitern in Frankreich. Ich bekam das Gefühl, Geschichte würde sich wiederholen. Daher begann ich, den kreativen Tsunami der Bilder und Videos einzufangen, der das Internet über- schwemmte und all die Geschehnisse dokumentierte. Es entstand eine unendlich lange Linkliste voller Materialien, die sich vor allem um die Ikonographie und Bildsprache der Revolution drehte – vieles aus Ägypten, aber auch Elemente aus anderen Ländern oder Zeiten.

 

Warum sammelten Sie all diese Dinge?

Archivierung gehört zum Handwerk der Künstlerin. Anfangs war das Sammeln schlicht reflexartig, es war mein Versuch, diese außergewöhnlichen Entwicklungen festzuhalten. Alles geschah so schnell, ich war überwältigt und brauchte einen Weg, diesen historischen Moment zu begreifen. Irgendwann wurde meine Liste mit all den Fotos und Videos so umfangreich, dass ich begriff: Es wird ein Archiv. Ab diesem Moment begann ich, alles aktiv zu organisieren und methodisch weiter zu sammeln. Später nannte ich mein Archiv »Vox Populi – Tahrir Archives«, es entstand eine Sammlung der Kreativität und Ausdruckskraft des Volkes.

 

»Jeden Abend zeigten wir Bilder der Revolution, auch libysche Aktivisten aus Benghazi besuchten uns und brachten Videos mit«

 

Wie sind Sie mit dem entstehenden Archiv umgegangen?

Im April 2011 hielt ich einen Vortrag in New York, bei dem ich einige der Eindrücke aus meinem Archiv teilte. Obwohl das Publikum voller Menschen war, die Ägypten gut kannten, schien niemand diese Bilder zu kennen. Da habe ich verstanden, wie wichtig meine Arbeit eigentlich war. Der standortabhängige Google-Algorithmus sowie ganz unterschiedliche Interessen gaben uns allen sehr verschiedene Bilder derselben Ereignisse. Ich wollte nicht mehr nur sammeln, ich wollte auch meine Geschichte erzählen, als eine von vielen Geschichten über den Tahrir.

 

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Soziale Ungleichheit in der arabischen Welt
Tunesien, Freihandel mit der EU und Osteuropa

Vor einem Jahrzehnt erklangen die Stimmen der jungen Generation in den Straßen von Tunesien, Ägypten, Libyen, Jemen, Syrien und Bahrain: Sie forderten Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit. Sie sehnten sich nach anständigen Jobs und waren bereit, hart zu arbeiten. Sie gingen auf die Straße, weil sie den alten, unsozialen Gesellschaftsvertrag ablehnten. Denn der vermochte es, anders als in vorherigen Jahrzehnten, nicht mehr, Arbeitsplätze, Bildung und Gesundheitsversorgung zu gewährleisten.

 

Immer weniger gesellschaftliche Schichten hatten Zugang zu Absicherungen des Staates – dessen Legitimität durch mangelnde ökonomische Chancen, steigende Ungleichheit und dreiste Vetternwirtschaft ausgehöhlt war.

 

Wie sieht es ein Jahrzehnt später aus? Brodeln die Kräfte, die den Arabischen Frühling zum Leben erweckten, noch immer? Wie steht es um Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit? Der immense, stets wachsende informelle Sektor in vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas beweist die anhaltende Brisanz sozioökonomischer Ungleichheit. In Ägypten und Marokko arbeiten mehr als 70 Prozent aller Beschäftigten in der Schattenwirtschaft. In Tunesien liegt die Quote mit 63 Prozent nur geringfügig niedriger.

 

Was trieb diese Entwicklung voran? In vielen Ländern der Region gehörten Markteintrittsschranken zu den bevorzugten Instrumenten, um verfilzte Wirtschaftszweige vom Wettbewerb abzuschotten: Das verhinderte eine Entwicklung des Privatsektors, während privilegierte Unterstützer der Regime klangen die Stimmen der exzessiv Profite anhäuften. In Marokko rekrutierte sich dieser Klüngel hauptsächlich aus Politikern und Personen, die über enge Kontakte zur Königsfamilie sowie deren weitverzweigten Holdings und Firmengruppen verfügten.

 

Die Armen können sich die Arbeitslosigkeit nicht leisten und landen daher in der Schattenwirtschaft.

 

In Tunesien profitierten vor allem Unternehmen, die Angehörigen von Präsident Zine El-Abidine Ben Ali und dessen Frau gehörten. In Ägypten wiederum waren es Firmen mit direkten Kontakten zur Regierung und Angehörigen der Mubarak-Partei NDP -diejenigen, die Gesetze verabschiedeten, wurden mit Sitzen in Aufsichtsräten bedacht.

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Tunesische Unternehmerin Amel Karboul im Interview
Tunesische Unternehmerin Amel Karboul

zenith: Wann haben Sie in den Jahren 2010 und 2011 das erste Mal gedacht, dass in Tunesien etwas Großes passiert, dass wirklich Veränderung bevorsteht?

Amel Karboul: Ziemlich früh, ich weiß gar nicht warum. Der 17. Dezember 2010, als Muhammad Bouazizi sich selbst verbrannte, war ein seltsamer Tag. Ich sollte eigentlich von Deutschland aus nach Südafrika fliegen, aber wegen eines Schneesturms verpasste ich den Flieger. Als ich sah, was in den Sozialen Medien geteilt wurde, hatte ich sehr schnell das Gefühl, dass hier etwas Großes geschieht.

 

Hatten Sie erwartet, dass Präsident Ben Ali gestürzt werden könnte?

Zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Klarer wurde es mir, als in Sfax im Januar Polizisten auf Demonstranten schossen und die Menschen einfach weitermarschierten. Da habe ich mir gedacht, Wow, wenn man die Angst vor dem Tod verliert, dann ist man unbesiegbar. Als Ben Ali das Land verließ, haben viele Tunesier das auch als eine Art Verrat an Tunesien empfunden. Sie hatten Angst vor einem Vakuum. Anfangs hatten wir eher gehofft, dass er Verständnis für die Proteste zeigen und größere Reformen anstoßen würde oder zurücktritt und den Weg für eine Übergangsregierung freimacht. Aber einfach so abzuhauen, das war schon ziemlich feige. Doch natürlich war das auch ein tolles Gefühl, und zwar überall im Land. Und es hat positiv überrascht, wie gut alle Institutionen auch weiter funktionierten. Selbst die Wasser- und Stromversorgung.

 

Hatten Sie keine Angst, das Land würde im Chaos versinken? Das war ja immer Ben Alis Argument gegenüber westlichen Regierungen: Nur ich kann für Sicherheit sorgen.

Es gab schon Momente der Angst, Dörfer und Nachbarschaften verbarrikadierten sich. Aber die Angst war möglicherweise größer als die tatsächliche Gefahr. Wir erlebten eine unglaubliche Solidarisierung – viele kamen zusammen und lernten zum ersten Mal ihre Nachbarn wirklich kennen – ein bisschen wie zurzeit in England während der Covid-Pandemie, wenn donnerstags immer alle für die Krankenpflegerinnen und Ärzte klatschen.

 

»Zum ersten Mal in der arabischen Welt hat eine frei gewählte Regierung die Macht friedlich übernommen«

 

Aber dann kamen doch auch immer wieder Momente, in denen nicht ganz klar war, wie es mit dem Land weitergeht, etwa nach der Ermordung des linken Oppositionspolitikers Chokri Belaid im Februar 2013 ...

Ja, aber ich denke, da hat man sehr schnell gesehen, wie ungewöhnlich das für viele Tunesier war. Tunesien ist anders als manch anderes arabische Land, in denen politische Morde weit häufiger vorkommen. Vor allem die Frauen haben sich erhoben, um zu zeigen, dass sie nicht in eine andere Art von Gesellschaft rutschen wollten. 2011, nach der anfänglichen Euphorie, war die Enttäuschung bei vielen groß, dass die Islamisten von Ennahda die Wahl zur verfassunggebenden Versammlung gewannen, aber die Zivilgesellschaft hat immer für ausreichend demokratische Kontrolle gesorgt.

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Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: 10 Jahre Arabischer Frühling
Künsterlin Aya Tarek

Als ich gestern ein Interview zum 10. Jahrestag der Selbstverbrennung Mohammed Bouazizis und dem damit verbundenen Beginn des Arabischen Frühlings beendet hatte, verspürte ich ein Unbehagen. Nicht nur hatte ich mich dabei ertappt, in die eine oder andere Phrase abgeglitten zu sein – in Wendungen und Formulierungen, die ich nun schon seit Jahren in der einen oder anderen Variante zum besten gebe, wenn das Thema auf eine Bilanz des Arabischen Frühlings kommt. Schlimmer noch, fragte ich mich: Hatte ich gegenüber dem Interviewer und damit den Rundfunkhörern etwa enerviert geklungen? So als könnte ich die immer wiederkehrende Frage, ob der Arabische Frühling eigentlich gescheitert sei, einfach nicht mehr hören?

 

Der Redakteur beruhigte mich nach dem Gespräch: Gerade im Öffentlich-Rechtlichen Kulturrundfunk seien sie Schlimmeres gewohnt – eine diplomatische Bestätigung des schlechten Eindrucks, den ich von mir selbst hatte an diesem Tag.

 

Man sollte sich nicht triggern lassen. Schließlich versuchen alle nur, ihren Job zu machen. Aber wahrscheinlich bin ich nicht der einzige da draußen, der sich von Berufs wegen mit den Umbrüchen der letzten zehn Jahre auseinandersetzt und auf die Frage nach dem Scheitern des Arabischen Frühlings ganz unwillkürlich ablehnend, mitunter auch apologetisch, reagiert.

 

Wie Nahost-Expertinnen und -Experten über den Nahen Osten reden, sagt manchmal mehr aus über deren Persönlichkeiten und Gemütszustände als über den Nahen Osten selbst. Ich habe mich an anderer Stelle damit ausführlich beschäftigt. Und das tritt insbesondere zum Jubiläum dieses denkwürdigen, epochalen Umbruchs zutage, der im Dezember 2010 von Tunesien seinen Ausgang nahm.

 

Seit Jahren dominiert in der Berichterstattung – zumindest gefühlt – das Narrativ vom großen Scheitern einer Illusion. Überall nur Chaos, Terror, Elend und Massenmigration. Wo Staaten nicht zusammengebrochen sind, haben sich Regime etabliert, die noch repressiver sind als vor 2011. Man hätte es doch besser wissen sollen damals und nicht zu große Hoffnungen in die arabische Jugend setzen sollen!

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Journalismus in Syrien
Journalismus in Syrien

Als Journalist in einem Land wie Syrien ist es schwierig, am eigenen Beruf und dessen Grundsätzen festzuhalten. Es gibt genau eine Erzählung: die Erzählung des Regimes. Egal, ob man selbst von dieser überzeugt ist oder nicht, man muss sich ihr unterordnen. Journalisten stehen in der ersten Reihe, wenn es darum geht, die Erzählung der Herrschenden zu vermitteln.

 

Während meiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit als Reporter für die Zeitung Al-Hayat in Damaskus bemühte ich mich stets, die Erzählung der Regierung in aller Genauigkeit wiederzugeben. Gleichzeitig versuchte ich, die Vielfältigkeit der syrischen Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur darzustellen. Es war gefährlich, die Buntheit Syriens aufzuzeigen – in diesem Land gibt es nur eine Farbe, nur eine Geschichte, nur eine Partei, nur einen Herrscher.

 

Meine Versuche kosteten mich viel: Ich saß sechs Monate in Gefängnissen ein, stand weitere sechs Monate unter Hausarrest. Sieben Mal entzog mir die Regierung meine journalistische Lizenz. All dies, obwohl ich nicht einmal zur Opposition gehörte. Im Laufe dieser zwanzig Jahre baute ich professionelle und persönliche Beziehungen zu den meisten syrischen Offiziellen auf, führte mehrere Interviews mit Präsident Baschar Al-Assad und reiste mit ihm nach Europa sowie in die Nachbarländer – ich wollte diese Besuche möglichst farbenfroh erklären.

 

Wenn ich zu Pressekonferenzen des Regimes ging, wich ich den Kameras aus und stellte auch keine Fragen.

 

In diesen zwanzig Jahren lernte ich sowohl den Palast als auch das Gefängnis kennen. 2011 bekam meine Geschichte eine neue Dimension. Erst dann wurde mir klar, wie komplex die Aufgabe eines objektiven Journalisten ist, der täglich über die Geschehnisse im Land berichtet. Auch ein Journalist ist nichts anderes als ein verletzlicher Mensch voller Emotionen, ein Wesen, das im Wettlauf gegen die Zeit täglich eine Geschichte erzählt.

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Stadtplanung im Libanon
Stadtplanung im Libanon

Manche Erinnerungen sind so fantastisch, dass sie fast wie Science-Fiction klingen. So ist es mit dem, was Leon Telvesian in seiner Beiruter Kindheit erlebte: »Ich bin in Mar Mikhael aufgewachsen. Damals konnten wir ganz einfach durch die kleine Straßen zum Meer laufen und in einer der Buchten von Karantina schwimmen gehen.« Telvesian ist heute 70 Jahre alt und trägt einen schlohweißen Bart.

 

Wenn der Architekt und Stadtplaner von der Möglichkeit spricht, Beiruts Wohnviertel und das Meer wieder miteinander zu verbinden, klingt das nach Utopie. Denn die Hauptstadt des Libanons ist durch und durch zubetoniert, eingemauert und der Osten der Metropole durch eine Schnellstraße vom Mittelmeer abgeschnitten. Um Achsen für Fußgänger oder Radfahrer neu oder wieder entstehen zu lassen, müsste man erst mal die Abrissbirne schwingen.

 

Doch vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Am 4. August hat eine gewaltige Explosion im Hafen weite Teile der Stadt schwer verwüstet. Die Katastrophe, die wie so viele Tragödien im Zedernland auf kriminelle Nachlässigkeit und Korruption zurückzuführen ist, hatte zumindest einen positiven Nebeneffekt: In den besonders stark betroffenen Stadtvierteln – neben Mar Mikhael und Karantina auch Gemmayze, Aschrafiye und Geitawi – kamen Freiwillige zusammen.

 

Organisationen vernetzten sich, darunter viele NGOs, die erst im Herbst 2019, bei der Thawra, dem libanesischen Massenaufstand gegen die politische Kaste, entstanden waren. Nicht nur die Libanesen schauen nun mitfühlend und mit wachsendem Interesse auf den Wiederaufbau.

 

Stadtplanung im Libanon
Der Baubetrieb von Mohammed Ghotmeh hilft pro bono beim Wiederaufbau der zerstörten Stadtviertel.Foto: Thore Schröder

 

»Dabei zu helfen, ist eine Verpflichtung für uns«, sagt Mohammed Ghotmeh. Der 31-Jährige ist Ingenieur, Bruder der berühmten Architektin Lina Ghotmeh und führt seit einigen Jahren den väterlichen Baubetrieb mit 70 Angestellten. Der Traum eines Beiruts von morgen handelt auch davon, die reiche Vergangenheit zu bewahren – wo es noch geht. Ghotmeh ist Teil einer Nachbarschaftsinitiative der »American University of Beirut« (AUB), die mit der NGO Nusaned kooperiert.

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