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Aufarbeitung und Algerienkrieg
Kolumne Daniel Gerlach

Wenn man sich erst einmal in einer Lüge eingerichtet hat, lernt man mit ihr zu leben. Am Ende glaubt man sie sogar selbst. Je länger sie Bestand hat, desto schwerer fällt es, von ihr abzurücken. Aber der kurzfristige Vorteil, den diese Lüge womöglich mit sich brachte, verkehrt sich bald ins Negative. Die Opportunitätskosten steigen.

 

Bei Staaten verhält es sich nicht anders, zumal ihre Haltung zu Wirklichkeit und Wahrheit ja oft nichts Anderes ist als eine politische Position.

 

Nichts anderes als die Wirklichkeit anerkennen wollte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Fall des ermordeten Maurice Audin. Die Französische Republik, in deren Namen er ja spricht, hat nun eingeräumt, dass sie die Schuld an Audins Tod trage, damals, 1957 im Algerienkrieg.

 

Hollande hatte in der Causa Audin noch herumlaviert und ein eindeutiges Eingeständnis der Schuld des Staates abgelehnt, Sarkozy ließ einen Brief der Witwe unbeantwortet.

 

Der 25-jährige Familienvater und Mathematikdozent Audin engagierte sich im kommunistischen Widerstand für die algerische Unabhängigkeitsbewegung und stand dabei im Verdacht, den bewaffneten Kampf der Nationalen Befreiungsfront Algeriens (FLN) aktiv zu unterstützen. Eines nachts verschleppten Soldaten, die »Paras« des berüchtigten Ersten Fallschirmjägerregiments (RCP) Audin von zu Hause, folterten ihn mit Elektroschocks und ließen ihn offenbar verschwinden. Seine Frau Josette, bei der Präsident Macron in dieser Woche um Vergebung bat, sollte nie erfahren, wo sein Leichnam verscharrt worden war.

 

Über Jahrzehnte sammelten Journalisten, Freunde der Familie und Anhänger der Kommunistischen Partei Zeugenaussagen und Dokumente. Die Behörden mauerten, es kursierten verschiedene Hypothesen: geflohen und in den Kriegswirren verschwunden, auf der Flucht erschossen, gezielt von den Paras liquidiert und fortgeschafft, während der Folter gestorben, also gewissermaßen aus Versehen umgebracht. Andere präsentierten Indizien dafür, dass Audin irrtümlicherweise an Stelle eines anderen Kommunisten umgebracht worden sei.

 

Es ist in jedem Fall ein ebenso unrühmliches wie emotionales Kapitel der französischen Zeitgeschichte, und Macron hat wieder einmal etwas richtig gemacht: Sein Vorgänger Hollande hatte in der Causa noch herumlaviert und ein eindeutiges Eingeständnis der Schuld des Staates abgelehnt, Sarkozy ließ einen Brief der Witwe unbeantwortet.

 

Die Kämpfer des FLN waren denjenigen »weißen« Franzosen, die sie wie Audin unter Einsatz ihres Lebens unterstützten, dankbar.

 

Es ist eine große symbolische Geste, die, wenn man es genau nimmt, mehr als nur symbolisch ist. Macrons politische Kritiker mögen vermuten, dass er sich damit einen taktischen Vorteil erhofft: Sympathie von der politisch noch immer bedeutenden Linken, die ihn bei seinem aktuellen »Plan gegen die Armut« unterstützen soll. Aber die Sache hat viel mehr Gewicht – und internationale Konsequenzen.

 

Denn als erster französischer Präsident hat Macron anerkannt, dass Folter und Tötung keine unglücklichen Betriebsunfälle der Kolonialgeschichte waren. Es hatten nicht einige übereifrige Militärs über die Stränge geschlagen – die Sache hatte System. Staatliche Institutionen und sogar die französische Nationalversammlung hatten die so genannten Spezialoperationen legalisiert und damit die Voraussetzungen für systematische Folter und Liquidierungen geschaffen.

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Folter unter dem IS im Irak
Die Unbezwingbaren

Jede von Hasiba Shamos seltenen Bewegungen scheint durchdacht. Als wolle sie nicht auffallen, als sei ihr die neu errungene Freiheit nicht geheuer. Als würden sich der süß duftende Tee und das frisch gebackene Brot ihrer Mutter mit einem Mal in Luft auflösen und das Tageslicht erlöschen, das sich seit ihrer Ankunft so zuverlässig den Weg durch die Kunststofffenster des Rohbaus im Flüchtlingslager Derabon im Nord­irak bahnt. Doch die 20-Jährige möchte ihre Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die im August 2014 beginnt, als die Kämpfer des IS eine Offensive zur Eroberung des Sindschar-Gebirgszuges starteten – der Heimat vieler jesidischer Familien wie den Shamos.

 

Die Unbezwingbaren
Hasiba Shamos seelische Wunden sind tief. Drei Jahre lang musste sie in Mosul im Haus eines IS-Kämpfers leben und ihm und seiner Familie dienen.Foto: Philipp Spalek

 

»Es ging so schnell. Wir hörten Schüsse und Einschläge von Geschossen. Und wir versuchten, zu entkommen. Doch sie holten uns ein und zwangen uns, auf die Ladeflächen ihrer Pick-ups zu steigen. Dann brachten sie uns nach Raqqa«, erinnert sich Hasiba. Die wichtigsten Informationen über die Gefangenen hätte der IS akribisch in Akten in seiner ehemaligen Hochburg im syrischen Norden festgehalten, sagt sie. »Es gab dort ein Büro, das nur den Zweck hatte, uns wie auch viele andere zum Kauf anzubieten.«

 

In den meisten Fällen waren es Kämpfer der Miliz, die die Frauen zu ihren Sklavinnen machten. Manchmal, wie im Fall von Hasibas Mutter Sachari und Hasibas drei jüngeren Schwestern Lina, Lucy und Lura, traten aber auch Angehörige der Verschleppten über Mittelsmänner mit dem Büro in Kontakt und kauften sie frei. Doch für Hasiba kam diese Hilfe zu spät. Schon kurz nachdem sie gefangen genommen wurde, zahlte ein IS-Kämpfer aus Mosul den Kaufpreis für die damals 17-Jährige. Er lag bei 800 US-Dollar.

 

Die Unbezwingbaren
Sakhari Mahmud Wadi hält das Bild ihres Sohnes Hasem in der Hand. Hasem Shamo, 17, war vom IS in Raqqa als Soldat eingezogen worden. Seine Mutter wollte Raqqa nicht ohne ihn verlassen.Foto: Philipp Spalek

 

Hasibas Wunden in der Seele sind frisch und gehen tief. Erst im Frühjahr 2017, als die irakische Armee und ihre Verbündeten den Belagerungsring um Mosul enger zogen, konnte sie aus der Gefangenschaft des Mannes entkommen, der sie in seinem Haus in der nordirakischen Stadt eingesperrt hatte. »Er und seine Familie behandelten mich wie Vieh«, sagt Hasiba heute. Drei Jahre hatte sie in einem kleinen, fensterlosen Raum verbracht und jeden Abend gebangt, ob ihr Peiniger wiederkehren würde, um sich an ihr zu vergehen. »Er kam immer nachts. Alle sahen weg, seine Frau, seine Kinder, sein Vater, seine fünf Schwestern.« Was ihr in dieser verzweifelten Situation den Mut zum Weiterleben gab, waren die Gedanken an ihre Familie. Und der Wille, dass der IS nicht auch noch ihre Seele bekommt.

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Arabische Klassik im Libanon
Grammophon

Ein gut besuchter, schlicht gehaltener Klub im Industriegelände Beiruts. Im Inneren hievt ein träger Lastenaufzug nach und nach größere Gruppen junger Menschen in die von Stahlträgern gestützte Halle der »Grand Factory« mit Blick auf Beiruts nächtlichen Hafen. In einer Ecke führt ein unauffälliger Gang in einen weiteren, kleineren Raum. Auf der Bühne stehen drei junge Musiker Anfang 20, mehrere Dutzend Zuhörer tanzen davor. Die Luft steht, der Schweiß rinnt: eine Szene, die sich genauso in Berlin abspielen könnte, würden sich draußen nicht die chaotischen Straßen der libanesischen Hauptstadt winden und drinnen eine Vielzahl klassischer arabischer Musikinstrumente ertönen.

 

Mithilfe der Rohrflöte Nay, der Kurzhalslaute Oud und der Kastenzither Kanun, ergänzt durch ein modernes Mischpult und mehrere Verstärker, erzeugen die jungen Männer von Tarabeat einen Klangmix, der die Zuhörer nachhaltig zu beeindrucken scheint. Immer freier bewegen sie sich zu der Musik, lachen, tuscheln, tanzen. Was keiner im Publikum ahnt: Hinter der ungewöhnlichen Mischung aus elektronischen und klassischen arabischen Elementen steht mehr als ein musikalisches Experiment.

 

Arabische Klassik im Libanon
Die Musiker brauchen keine Noten, sie einigen sich auf eins der verschiedenen Makamat der arabischen MusikFoto: Jad Bechara Jad Bechara

 

Mit dem neuartigen Einsatz der traditionellen Musik betreiben die jungen Künstler kulturelle Aufklärung. Sie wollen eine Alternative zur Pop- und Volksmusik bieten, die der Großteil der Libanesen als repräsentativ für die eigene Musikkultur hält – ein Phänomen, das sich in vielen arabischen Ländern beobachten lässt. Was der arabischen Musikkultur wirklich zugrunde liegt, ist den meisten weitestgehend unbekannt: eine umfangreiche Tradition der Klassik, die in vorislamischen Zeiten entstand. Nicht viele Libanesen wissen um diese vergessenen Lieder und sind dementsprechend erstaunt, wenn sie in einem Beiruter Klub zufällig auf deren ungewohnte und doch entfernt vertraute Klangelemente stoßen.

 

Kamil Feghali hat es genau auf diesen Effekt angelegt. Er ist einer der drei jungen Männer von Tarabeat, die die klassischen Klänge so ungewohnt in ihre elektronische Musik integrieren. »Wir kreieren modernen Sound, der aber die Kultur und Theorie der klassischen arabischen Musik respektiert«, sagt er. Mit Leichtigkeit wechselt Feghali zwischen dem Mischpult und der arabischen Flöte Nay, die beim Spielen in seinem dunklen Vollbart versinkt. »Für mich spiegelt klassische arabische Musik die Großartigkeit und das Potenzial der arabischen Kultur wider«, sagt er.

 

Während die klassische Musik heute großen Raum in seinem Leben einnimmt, spielte sie noch vor einigen Jahren keine Rolle für ihn. Wie viele libanesische Christen verschuldeten sich seine Eltern, um ihren Sohn auf eine französische Privatschule zu schicken. Auf das Erlernen von Hocharabisch wurde dort wenig Wert gelegt, umso mehr dafür auf die ehemalige Mandatssprache Französisch. »Arabische Kultur hatte damals etwas Vulgäres für mich«, erinnert er sich. Erst als Feghali gegen den Willen seiner Familie Film statt Wirtschaft studierte, traf er an der Universität in Beirut Menschen, die anders dachten – und glaubten. Nach wenigen Wochen lernte er nicht nur neue Ansichten zur arabischen Kultur und Politik, sondern auch seine ersten muslimischen Freunde kennen.

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Artenschutz in der Türkei
Artenschutz in der Türkei

»Wie die jetzt da drüben absahnen«: Teppichhändler Necati hat mir das Prinzip verraten – damals, vor seinem traditionsreichen Geschäft auf der Basar-Straße von Büyükada, das er mittlerweile an einen Schnellimbiss verpachtet. »Du klapperst mit dem Auto die Vororte ab, suchst Dir die billigsten Parzellen aus und wartest ab. An dem Tag, wenn Du die Moschee vor lauter Hochhäusern nicht mehr siehst, verkaufst Du und bist reich!«

 

Mit den Gebetshäusern kommen die Spekulanten, und Necati schimpft: Auch auf Büyükada, schräg hinter seinem ehemaligen Teppichhandel, baut die Großstadtverwaltung eine Moschee. Gegenüber, in drei bis fünf Seemeilen Entfernung, schwappt die unendliche Stadt unaufhaltsam über ihre Grenzen. In Bostancı, Maltepe und Kartal – ehemals idyllische Küstendörfer – sind die Quadratmeterpreise jahrelang proportional zu den Etagen in den Himmel geschossen.

 

Nicht von ungefähr haben sich 2013 die Gezi-Unruhen am Fällen von Bäumen entzündet: Auf dem Festland greift der Goldregen aus Draht und Zement längst auf die Naturschutzgebiete über – im Westen auf den Belgrad-Wald, im Osten auf das Polonezköy – und verewigt sich an der Schwarzmeerküste in einer dritten Brücke, in einem dritten Flughafen mit drastischen Rodungen.

 

Auf den Adalar, dem beschaulichen, vom Motorverkehr verschonten Archipel vor dem asiatischen Festland, wähnte man sich vor Veränderungen bis vor kurzem sicher. Im März 2007 wurde über Gemeinde-Bürgermeister Coşkun Özden der »Adalar Koruma Amaçlı Imar Planı« vorgelegt – ein Entwurf, um die letzte grüne Lunge der Metropole zu schützen. Seine einstimmige Ablehnung am 30. November 2017 begründete das 8. Istanbuler Gericht mit dem Bevölkerungswachstum und dem Mangel an freien Flächen.

 

Henry Bulwer hinterließ orientalisierte Gebäude, ein Schlösschen im altenglischen Stil vor dem Schiffsanleger und einen Versorgungstrakt mit Küche, Brunnen, Wasserspeichern und osmanischem Hamam. Seine legendären Orgien gehörten bis 1865 zum Stadtgespräch der Société.

 

Damit wurde der bisher geltende Sonderstatus (birinci derece sit statüsü, von franz. »site: – Gelände«) um ein bis zwei Grade herabgestuft. Insbesondere dem Nizam-Viertel, Standort der bedeutendsten historischen Villen am Westufer Büyükadas, droht, bei Verfünffachung der Einwohnerzahlen, die Umwandlung in einen »Erholungs- und Vergnügungspark«, so die Architektenkammer. Die Entscheidung ruft vielen den Bauboom der 1970er Jahre ins Gedächtnis. Sie war zu erwarten, schließlich ist Recep Tayyıp Erdoğan dem Urteilsspruch mit einem prestigeträchtigen Projekt zuvorgekommen, das er auf Grund politischer Ressentiments zur Chefsache erklärt hat.

 

Zusammengefasst unter der Bezeichnung »hayırsız – nutzlos« – Zwillinge im Süden hinter der dem Bosporus am nächsten gelegenen Insel Kınalı –, schlummerten die beiden Landflecken Yassı- und Sivriada lange unberührt vor sich hin. Yassı heißt auf Türkisch »flach«, sivri »spitz«; beide Namen abgeleitet aus dem Griechischen Πλάτη/Pláti und Οξειά/Oxiá. Allenfalls Fischer quartierten sich hier während des sommerlichen Fangverbots mit aufblasbaren Lachsfarmen ein.

 

Artenschutz in der Türkei
Die Überreste des Bulwer-Schlosses auf der Insel Yassıada: Bis 2015 konnte jeder, der ein Boot besaß, dieses wilde, von Kakteen, Feigenbäumen und Mittagsblumen überwucherte Freilichtmuseum auf eigenes Risiko begehen.Foto: Stefan Pohlit

 

Bis 2015 konnte jeder, der ein Boot besaß, dieses wilde, von Kakteen, Feigenbäumen und Mittagsblumen überwucherte Freilichtmuseum auf eigenes Risiko begehen. Den Byzantinern dienten die Inseln als Verbannungsorte für prominente Gefangene. Auf dem sanften Hügel der »Flachen« stiftete im 9. Jahrhundert Patriarch Ignatios I. ein Kloster und eine »Kirche der Gottgebärerin«, deren Ruinen noch 1821 der anglikanische Priester Robert Walsh beschrieb.

 

1857 verkaufte der Sultan Yassıada an den Diplomaten Henry Bulwer – Bruder jenes Edward Bulwer-Lytton, auf dessen Roman »Rienzi« Richard Wagner die gleichnamige Oper komponiert hat. Henry, ein moderner Prospero, hinterließ mehrere orientalisierte Gebäude, ein Schlösschen im altenglischen Stil vor dem Schiffsanleger und einen Versorgungstrakt mit Küche, Brunnen, Wasserspeichern und osmanischem Hamam. Seine legendären Orgien gehörten bis 1865 zum Stadtgespräch der Société.

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Syriens Zukunft
Sewer Homs

Der Krieg in Syrien ist noch nicht vorbei, dennoch zeichnet sich langsam ab, wie das Land in Zukunft beschaffen sein wird.

 

Alte Rechnungen

 

Der »Islamische Staat« (IS) wird auch kommenden Generationen in Syrien keine Ruhe lassen. Autoritäre Regime – nicht nur das syrische – werden den schnellen Aufstieg und die brutale Herrschaft der Dschihadisten als Vorwand heranziehen, um jegliche politische Opposition zu zerschlagen. Dennoch ist der IS weit mehr als ein Schreckgespenst. Die verstreuten Kämpfer, die bis zuletzt ums Kalifat gekämpft, die Niederlage überlebt und sich für ein Leben im Untergrund entschieden haben, werden über Jahre immer wieder mit Anschlägen auf sich aufmerksam machen, versuchen, aus strategischen Fehlern zu lernen, sich neu aufstellen – und auf ihre nächste Chance warten.

 

Aber wie werden die Syrer zu ihren Mitbürgern stehen, die sich dem IS angeschlossen und die eigenen Landsleute terrorisiert haben? Insbesondere in den einstigen IS-Hochburgen im Norden werden diejenigen Kämpfer, die sich wieder in ein ziviles Leben integrieren wollen, mit den Folgen der Dschihadisten-Herrschaft auseinandersetzen müssen. Ob Mitläufer oder Zwangsrekrutierte, die Wut der Opfer und Hinterbliebenen wird sich Bahn brechen.

 


Staat-Ziel

 

Einen unabhängigen, international anerkannten Kurden-Staat in Syrien wird es nicht geben – und doch werden die syrischen Kurden einen eigenen Staat bekommen. Wie geht denn das?

 

Die Antwort: eine Art Bundesstaat, denn damit haben Russland und die USA grundsätzlich kein Problem. Und selbst Assads Außenminister Walid Al-Muallem bezeichnete den Status der Gebiete im Norden als »Verhandlungssache«. Und das nicht nur mit den Groß- und Regionalmächten sowie dem Regime: Denn die Kurden werden sich ihren Bundesstaat mit anderen Minderheit wie Arabern und Assyrern teilen müssen.

 

Für die »Volksverteidigungseinheiten« (YPG) und ihre Alliierten in den Demokratischen Kräften Syriens (SDF) brächte das zwar neue Kompetenzen als reguläre Polizei- und Sicherheitskräfte, aber auch Verantwortung. Ein ähnliches Loyalitätsdilemma zwischen Partei und Bürger beschäftigt bis heute die Autonomieregion im Irak.

 


Die Nusra-Front ist Geschichte

 

Die andere Dschihadisten-Armee von Bedeutung hat sich im Nordwesten Syriens eigenistet: Die Nusra-Front hat sich unter der Zivilbevölkerung keine Freunde gemacht, und auch die anderen Milizen, die sie in den vergangenen Jahren in Allianzen gezwungen hat, werden ihr keine Träne nachweinen, wenn sie von den Kampffliegern der US-geführten Koalition und russischen Bombern in die Zange genommen wird.

 

Die Nusra-Front ist das Ass der Türkei in der Region. Aber sobald Ankara eine geeignete Abmachung mit Russland trifft, hat der Al-Qaida-Ableger in Syrien kaum eine Chance, sich in Syrien zu halten – daran werden auch weitere Namensänderungen und Verhandlungsbereitschaft nichts ändern. Das Machtvakuum im Nordwesten füllen wird die oppositionelle Milizenallianz Ahrar Al-Scham, der zweitwichtigste Handlanger der Türkei.

 


Freunde auf Zeit

 

Russland und Iran haben für den Krieg in Syrien tief in die Tasche gegriffen und machen keinen Hehl daraus, nun Pfründe einzuheimsen und ihr Revier zu markieren. Für den Moment stehen beide Länder auf derselben Seite. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich in die Quere kommen. Teheran könnte solch eine Konfrontation schon bald bereuen.

 

Wenn es um wirtschaftliche Vorteile, wie etwa Deals für staatseigene Unternehmen, geht, wird sich Moskau von Iran nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Zudem hat Russland als Großmacht einen viel weiteren Interessenhorizont und ordnet die Beziehungen zu Teheran diesem Kalkül unter. Russlands Position im Atomkonflikt kann sich daher auch von der in Syrien unterscheiden – zumal Moskau seinen Einfluss in Syrien durchaus als Faustpfand sieht, um die Beziehungen zum Westen zu verbessern.

 


Das geringste Übel

 

Niemand mag ihn sonderlich leiden, aber er geht als Gewinner aus dem Krieg in Syrien hervor. Baschar Al-Assad hat es geschafft, sich an der Macht zu halten, weil er Feinde wie Freunde vom selben Argument überzeugt hat: Ihr findet keinen anderen, der mich ersetzen kann – oder zumindest könnt ihr euch auf niemanden einigen.

 

Diese Linie konnte Assad während des Krieges fahren, eine sichere Bank für die Zukunft seiner Person und seines Clans an der Spitze des Staates ist das aber nicht. Russland lehnt aus Prinzip einen – vom Westen vorangetriebenen – Regimewechsel von außen ab, würde aber einem Palastcoup nicht im Wege stehen, sollte sich ein fähiger Sachwalter russischer Interessen finden, der weniger polarisiert als Assad.

 

Bislang haben die Großmächte in diesem Krieg keinen Nachfolger für den derzeitigen Präsidenten gefunden. Und Iran braucht Assad, um die Investitionen in Syrien zu sichern, denn momentan können sie sich dafür auf niemand anderen verlassen.

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Tourismus in Iran
Tourismus in Iran

Als deutscher Tourist, der nach Iran aufbricht, erntet man meist ungläubige Blicke, die zwischen Unverständnis und Bewunderung schwanken. Während vor der Islamischen Revolution 1979 internationale Touristen Iran scheinbar überrannten, mutet eine Reise nach Iran noch heute wie ein wagemutiges Unterfangen an. Tatsächlich erzählen die Zahlen eine andere Geschichte. Vor der Revolution kamen im Jahr 1977 etwa 700.000 internationale Touristen nach Iran. Nach einem Tiefpunkt während der Revolutions- und Kriegsjahre überschritt Iran schon 1997, mit der Wahl des Hoffnungsträgers Mohammed Khatami zum Präsidenten, wieder die Marke von 750.000 internationalen Besuchern.

 

Und dieser Trend setzte sich fort – mit einer leichten Abschwächung zu Beginn der Amtsperiode von Mahmud Ahmadinedschad. Selbst in den härtesten Sanktionsjahren 2011/12 stieg die Anzahl der ausländischen Touristen von 3,3 auf 4 Millionen. Das heißt, dass Iran heute deutlich mehr Touristen aufnimmt als unter den besten Jahren der Pahlavi-Herrschaft. Dennoch brauchte das Image Irans das Atomabkommen mit den 5+1-Maechten, um von der internationalen Staatengemeinschaft vom »Schurkenstaat« zu einer der »Top-Destinationen« im Jahr 2016 aufzusteigen. Eine Bezeichnung, die im letzten Jahr zahlreiche Reisemagazine, Zeitungen und Nachrichtenagenturen aufgriffen.

 

Aktuell trägt der Tourismussektor etwa sieben Prozent zum Bruttosozialprodukt des Landes bei, was unter Entwicklungsländern ein relativ guter Wert ist, doch im Falle Irans noch deutlich Potenzial bereithält. Und der Ausbau des Tourismussektors ist auch das offizielle Ziel Irans, um die Wirtschaft weiter zu diversifizieren und das Land zu einer modernen, islamischen und in die Welt eingebundenen Nation zu entwickeln. Die Grundlage dafür legt der 20-Jahre-Entwicklungsplan, den Revolutionsführer Ali Khamenei 2005 absegnete. Die für den Tourismus daraus abgeleiteten Ziele visieren 20 Millionen Touristen für das Jahr 2025 an – eine kaum machbare Zielmarke für die Islamische Republik Iran. Während die Regierung unter Ahmadinedschad nur wenige effektive Schritte zum Erreichen dieser Vision im Tourismusbereich einleitete und mit ihrer provokativen Außenpolitik zumindest in Europa für schockierende Schlagzeilen sorgte, griff Präsident Hassan Ruhani 2013 einige brachliegende Maßnahmen aktiv auf und ebnete mit dem Atomabkommen den Weg für neue Impulse.

 

Internationale Hotelketten schlossen Bauverträge, bekannte Autovermietungen öffneten Filialen in Iran, und der Ausbau von Zugverbindungen zwischen den großen Städten Irans beschleunigte sich. Auch einen der schwierigsten Flaschenhälse aller internationalen Aktivitäten in Iran ging die Regierung an, indem sie eine alte Initiative aus der Khatami-Ära unterstützte: Die damals gegründete »Tourismus-Bank« begann erneut, ihre speziellen Touristen-EC-Karte anzubieten. Damit können ausländische Besucher Bargeld, das sie wegen der Sanktionen gezwungenermaßen mit sich tragen, auf ein temporäres Konto in Iran einlagern und während ihres Aufenthalts wie gewohnt mit Karte zahlen. Dieses Modell hatte allerdings bis vor Kurzem noch einen Haken: Der Umtausch der Devisen war an den offiziellen Kurs des Iranischen Rials gebunden. Da dieser deutlich vom realen Wechselkurs abweicht, bedeutete die Karte einen enormen Wertverlust und war somit höchst unattraktiv. Seit Juni 2017 bietet allerdings eine andere Bank den selben Service an und wechselt laut eigenen Angaben nach dem Realwert.

Tourismus in Iran
»Si-o-se Pol«, die »33- Bogen-Brücke«, gehört zu den markantesten Wahrzeichen und beliebtesten Sehenswürdigkeiten Isfahans. Foto: Sören Faika

 

Ein weiterer Indikator für die höhere Priorität des Tourismus: Iran bringt seine Sehenswürdigkeiten in Schuss. Obwohl das Kabinett Ahmadinedschad über so viel Budget wie keine iranische Regierung zuvor verfügte, reichte es nicht für die Instandhaltung von Kulturstätten. Seit Ruhanis Amtsantritt begannen daher Baumaßnahmen und längst überfällige Restaurationsarbeiten – zumindest an den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Irans wie Persepolis bei Schiraz oder dem zentralen Platz in Isfahan. Im Umkehrschluss heißt das allerdings auch, dass Iran sehr viele Orte und Plätze noch entwickeln muss, um tatsächlich eine große Anzahl an Touristen bedienen zu können. Nicht alle geplanten 20 Millionen Touristen können sich bei Persepolis treffen.

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